Blick in die südlichen Berge und das Inntal vom Berg Hochries aus
Bayern at its best

Berge und Seen, Almen, Blumenwiesen und Weiden, Wirtshäuser und Kirchen. Die Landschaft rund um Rosenheim wirkt wie ein Scribble für eine idealtypische Oberbayern-Kulisse, finden unsere Reporter. Text: Markus Stein, Fotos: Bernhard Huber

Rund um Rosenheim

Eiszeit! Claudia Gschwendtner öffnet die große Kühltruhe und holt einen Becher mit Erdbeer-Eis heraus. Sie entnimmt dem Deckel einen kleinen Holzlöffel und genehmigt sich ein Häppchen kalte, fruchtige Köstlichkeit.

„Wir betreiben einen Kiosk am Rinssee und haben früher ‚Industrie-Eis‘ verkauft“, erzählt die Chefin der Manufaktur Rinser Natureis. „Aber mit der Zeit entstand bei uns der Wunsch, Eis zu verkaufen, das natürlich ist. Ohne künstliche Aromen, Farbstoffe, Palmfett, Bindemittel und dergleichen“, fährt die Eismacherin fort. Und da die Gschwendtners Milchkühe haben, lag nichts näher, als selbst Speise-Eis herzustellen.

Claudia Gschwendtner betreibt mit ihrer Familie die Eisdiele

Rinssee: Ruhig und warm

So bietet die Manufaktur ein großes Sortiment an Natur-Eis an: Sahne-Eis aus hofeigener Milch, Sorbet-Eis mit eigenen oder zugekauften Früchten und Joghurt-Eis. Die Becher sind aus biologisch abbaubarer Pappe. Neben Klassikern wie Vanille oder Schoko gibt es innovative Kreationen wie Kastanien- oder Zwetschgen-Eis oder die Geschmacks-Richtungen Zimt, Rote-Bete-Himbeer-Kombi und, fast möchte man sagen natürlich, auch Weißbier-Eis ...

Die Gelati-Bäuerin Gschwendtner empfiehlt Besuchern, denen es am Chiemsee zu turbulent ist, die kleinen Seen rund um Rosenheim. Badeparadiese, meist mit Liegewiesen und schattigen Bäumen, die man leicht mit dem Rad erreicht. Wie im Norden der Stadt eben der Rinssee, mit geringer Wassertiefe und daher einer der wärmsten in der Gegend, oder die Badeplätze an der Eggstätt-Hemhofer Seenplatte.

Rinssee

Simssee: Kleiner Chiemsee-Bruder

Eiszeit in geologischem Sinne herrschte im Rosenheimer Land bis vor etwa 10.000 Jahren. Mächtige Gletscher schoben sich aus den Bergen nordwärts ins Alpenvorland, durch das Inn-Tal, das kleinere Prien-Tal und das Tal der Tiroler Ache – eben dort, wo später der Chiemsee entstehen sollte.

Dabei und beim Abschmelzen modellierten die gewaltigen Eismassen die heutige Bilderbuchlandschaft mit ihren sanften Hügeln und Seen. Rosenheim beispielsweise liegt auf dem Grund eines riesigen ehemaligen Gletschersees. Der Simssee, knapp zehn Kilometer im Osten, ist das letztes Überbleibsel davon.

Der „kleine Bruder des Chiemsees“, wie er auch genannt wird, ist der größte See im Landkreis Rosenheim. Seine vielen unberührten Schilf- und Uferzonen sind Lebensraum für Fische wie Rotauge, Laube oder Mairenke. Auch Vögeln wie Blaukehlchen, Drosselrohrsänger oder Wasserralle gefällt es an seinen Ufern.

Blick auf den Simsee mit kleinen Booten

Renke, Zander oder Hecht

An vier Badeplätzen erfrischt man sich im kühlen Wasser des Simssees, steigt aufs SUP, segelt oder umrundet den See mit dem Rad. Die gemütliche Tour ist 20 Kilometer lang. Man hat bei dieser entspannten Runde immer wieder Gelegenheit, sich am Ausblick auf die Chiemgauer Berge satt - oder eben auch nicht sattzusehen.

Jetzt, an einem Spätsommerabend, liegt der See, wie ermattet von der langen Saison, ruhig und entspannt da. Die Sonne spiegelt sich gleißend auf der Oberfläche. Die Luft duftet nach gemähtem Gras. Und am Horizont zeigen sich die Silhouetten der Chiemgauer Berge. Wenige Kilometer weiter westlich schmecken in den „Simssee-Stuben“ Renke, Zander oder Hecht frisch aus dem See.

Blick auf den Simsee im Sommer

Samerberg: Ruhige, kleine Welt für sich

Auch zwischen Sims- und Chiemsee war die Eiszeit als Landschaftsarchitektin kreativ. Dort sammelte und häufte sich Geröll zwischen zwei Gletschern zu Moränen an – heute eine abwechslungsreiche Hügellandschaft auf knapp 700 Meter Höhe und überzogen von Streuwiesen, Bäumen, Wäldchen und Weilern mit Obstgärten.

Mittendrin führen Sepp und Sybille Stein ihren Reifnhof, einen Erlebnisbauernhof mit Milchkühen und Schafen. Der Clou sind drei Schäferwagen, in denen man wohnen kann. Der größte ist ausgelegt für vier Personen und hat eine kleine Kochzeile, aber weder TV noch WLAN. Zu haben ist er ab 55 Euro pro Nacht.

„Bei uns erleben die Gäste mit, wie es auf einem Bauernhof zugeht. Sie können mitmachen beim Tiereversorgen, beim Buttern oder Käsen“, sagt Sybille. „Ich biete auch Waldbaden an, bastle und male mit Kindern und mit Erwachsenen in unserer Kreativwerkstatt.“

Der Samerberg ist ein Hochtal, gebildet von Moränen

Weiter zum Samerberg. Der ist eigentlich gar kein Berg, sondern ein Hochtal, gebildet von Moränen. Er erstreckt sich über vier Kilometer von Ost nach West und wird vom 920 Meter hohen Dandlberg im Westen und dem knapp 1.600 Meter hohen Hochries-Massiv flankiert.

Eine ruhige, kleine Welt für sich mit schmucken Dörfern, geraniengeschmückten Gehöften, Wiesen und Weiden sowie dem ökologisch wichtigen Moorgebiet Samerberger Filze. Diese Welt erkundet man bodenständig auf einem der 44 Rundwanderwege oder bei einem Tandem- Gleitschirmflug. Eine Rundwanderung führt zu vier alten Kirchen mit sehenswerten Kunstschätzen: von Roßholzen über Steinkirchen und Törwang bis Grainbach.

Aussichtsturm in der Nähe des Reifnhofs
Idyllischer Blick über das Rosenheimer Umland

Seelenheil und leibliches Wohl

Die urbayerische Harmonie von Wirtshaus und Dorfkirche verkörpert Grainbach beispielhaft. Hier die freundliche spätgotische Kirche Sankt Nikolaus und Ägidius – Höhepunkt ist der barocke Hochaltar des Tölzer Bildhauers Joseph Anton Fröhlich – und dort, nur wenige Schritte entfernt, der „Gasthof Alpenrose“.

„Das Anwesen wurde 1561 das erste Mal als ‚Tavernwirtschaft‘ erwähnt, seit 1886 ist es in Besitz meiner Familie“, erzählt der junge Wirt und Koch Florian Lerche. Zur „Alpenrose“ gehört ein kleiner Biergarten mit Blick auf die Kirche. Das Innere ist behaglich eingerichtet, teils mit altem Holz, teils modern reduziert.

Florian kocht modern-bayerisch und regional. „Wir versuchen, das bestmöglich umzusetzen“, betont er mit Nachdruck. „Das Gemüse beziehen wir aus einem Permakulturgarten in Sonnbach, das Fleisch wird aus dem Landkreis Rosenheim geliefert, das Wild vom ‚Jaga‘ und der Fisch vom Chiemsee. Meeresfisch kommt nicht auf unsere Karte!“

Gasthof Alpenrose mit Wirt mit Florian Lerche am Samerberg
Gasthof Alpenrose am Samerberg

Königliche Aussichten

Von Törwang führt die Straße steil bergauf nach Steinkirchen. Auf einem Hügel bei Obereck wurde im 19. Jahrhundert eine kleine achteckige Kapelle gebaut. Heute wird sie von zahlreichen Bänken umgeben, man sollte sich darauf ein Päuschen gönnen. Traumhaft ist die Aussicht über das Rosenheimer Becken und nach Süden in die Bayerischen und Tiroler Alpen.

Schützend hält eine Eiche ihre Äste über die Kapelle. Sie ist über 100 Jahre alt und wurde zum 70. Geburtstag des damaligen Prinzregenten Luitpold gepflanzt. Weniger sicher dokumentiert, aber eine schöne Geschichte: Ebendort soll sich Ludwig III., letzter König von Bayern, nach seiner Absetzung 1918 von „seinem“ Königreich verabschiedet haben.

 Blick auf den Simsee und das Chiemgau

Zeit für den großen Überblick

Gemächlich schaukelt der Einsitz-Sessellift ab Grainbach himmelwärts. Die Füße baumeln in der Luft. Weit unten rauscht ein Bach ins Tal. Auch die Kurven, Wellen und Wallrides des Bikepark Samerberg, die sich durch den Wald winden, sind zu sehen. Kühe rupfen friedlich und sehr konzentriert frisches Gras von der Weide. Die massigen Körper werfen in der Vormittagssonne große Schatten.

Umsteigen an der Ebenwaldalm in die Hochriesbahn, eine gemütliche Gondelbahn aus den frühen 1970er-Jahren. Ausstieg an der Bergstation und dann noch zehn Minuten zu Fuß bis zur Hochrieshütte und zum großen Ahh und Ohh.

Die Aussicht ist phänomenal. Nach Norden reicht der Blick weit über den Chiemgau, am Horizont sind München und Landshut zu erahnen. Im Süden geben sich die Gipfel der Ostalpen ein gigantisches Stelldichein: Es zeigen sich, von Ost bis West, die Berchtesgadener Alpen mit Untersberg und Watzmann, die Loferer und Leoganger Steinberge, die Glockner-Gruppe und die Zillertaler Alpen, die Venediger-Gruppe und das Karwendel, und im Westen erkennt man die Zugspitze!

Nach vielen faszinierenden Augenblicken und einer zünftigen Brotzeit in der Hochrieshütte heißt’s: Genug in die Ferne geschweift ... liegt das Gute doch so nah, nämlich drunten im Rosenheimer Land!

Lift auf den Berg Hochries

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