Darsteller der Landshuter Hochzeit
Parade-Rolle

Mittelalterliche Prachtstraßen, bezaubernde Gassen und eine trutzige Burg: Landshut hat, was Filmteams suchen. Wir sahen uns in der bildschönen Stadt an der Isar um und trafen Darsteller der Landshuter Hochzeit. Text: Anja Keul, Fotos: Tobias Gerber

Lesezeit: 13 Minuten

Landshut

Muss der Eberhofer mal in die „große Stadt“, was er nur äußerst ungern tut, sieht das Kinopublikum Landshut von seiner schönsten Seite. Den sturschädeligen Dorfpolizisten interessiert das nur marginal, aber viele Zuschauer der beliebten Kinohits von „Dampfnudelblues“ bis zum „Kaiserschmarrndrama“ schon. Die aussichtsreiche Kamerafahrt vom Dreifaltigkeitsplatz über das Altstadt-Ensemble macht Lust, die „Niederbayern-Metropole“ endlich mal live zu erleben.

Blick über Landshut vom Aussichtspunkt der Burg Trausnitz

Eine Prachtstraße namens Altstadt

Dabei fühlt sich die 73.000 Einwohner zählende Stadt ganz und gar nicht wie eine Filmkulisse an, sondern lebendig und geschäftig. Schon morgens um acht gibt’s in den Cafés der Altstadt guten Cappuccino. Wobei „Altstadt“ kein Stadtviertel bezeichnet, sondern eine von zartgelben, himmelblauen oder rosaroten Giebelhäusern gesäumte Prachtstraße.

Einer der schönsten "italienischen" Innenhöfe nördlich der Alpen

Mittendrin liegt die ab 1537 erbaute Stadtresidenz, die einen der schönsten „italienischen“ Innenhöfe nördlich der Alpen umschließt. Herzog Ludwig X. von Bayern ließ sich dazu vom Palazzo Te in Mantua inspirieren. Zwar wird der Innenhof bis 2026 renoviert, das Innere der Residenz aber bleibt für Führungen geöffnet.

Höchster Backsteinturm der Welt

Rund 700 Meter ist die Altstadt lang, 30 Meter breit, verkehrsberuhigt und zur Hälfte Fußgängerzone. Den 130 Meter hohen Turm der Kirche St. Martin haben Flaneure hier immer im Blick, Landshuts großer Stolz und ein Superlativ: Es ist der höchste Backsteinturm der Welt!

Er wurde um 1500 fertiggestellt, der Bau der gewaltigen gotischen Kirche begann bereits 1389. Reich war Landshut schon im frühen Mittelalter. So reich, dass die Altstadt-Prachtstraße vor 1300 einen nicht weniger eleganten Zwilling bekam: die ungefähr parallel verlaufende „Neustadt“. Sie ist gesäumt von dreistöckigen Handwerker- und Adelshäusern.

Landshut: Blick von der Altstadt zur Burg Trausnitz
Landshut: Stiftsbasilika St. Martin

So wie der Turm von St. Martin die Altstadt dominiert, überragt die Burg Trausnitz die Neustadt. Sie war ab 1231 Stammsitz der Wittelsbacher, ungefähr 250 Jahre lang Residenz sowie Regierungssitz der Herzöge von Niederbayern. Und sie ist eine Filmkulisse par excellence. Immer, wenn es in der beliebten ARD-Serie „Um Himmels Willen“ besonders dramatisch werden sollte, schaffte die Filmcrew ihr Equipment mühsam über das schmale Sträßchen zur Burg hinauf.

Die meisten Szenen der Serie aber, in der sich Janina Hartwig als einfallsreiche Ordensschwester Hanna 195 Folgen lang mit Bürgermeister Wöller in die Haare geriet, spielen unten in der Stadt.

Serien-Dreh im Rathaus

Im Rathaus residierte Fritz Wepper als Bürgermeister bis zum Serien-Ende im Sommer 2021 herrlich schlitzohrig. Es besteht aus drei mittelalterlichen Bürgerhäusern, dessen mittleres der Rat der Stadt im Jahr 1380 erwarb. Gedreht wurde auch im komplett holzvertäfelten Rathausprunksaal mit kreisrunden Bronzelüstern und Kachelkaminen in alter Landshuter Haferltradition.

Riesige Wandgemälde, Ende des 19. Jahrhunderts von vier Münchner Kunst- und Historienmalern geschaffen, zeigen in einem Gewimmel aus farbenfrohen historischen Kostümen, stolzen Rössern und wehenden Fahnen die wohl größte Attraktion der Stadt: die Landshuter Hochzeit.

Alle vier Jahre findet die Landshuter Hochzeit statt
Landshut: State room in the Town Hall

Historisches Spektakel: Die Landshuter Hochzeit

Im Rathausprunksaal fand sich im Jahr 1475 eine edle Gesellschaft zum Brauttanz ein, von den Fenstern aus verfolgten die Damen das Ritterturnier in der Altstadt. Es war das wichtigste gesellschaftliche Ereignis seiner Zeit.

Herzog Georg der Reiche, einer der bedeutendsten Wittelsbacher, nahm die polnische Prinzessin Hedwig zur Frau. Alles, was Rang und Namen hatte, reiste zum großen Fest nach Landshut. Selbst Friedrich III., der vielbeschäftigte Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation, gab sich die Ehre.

Fest- und Tanzspiele, Reiter- und Ritterturniere, Gaukler und Musiker

Mit dem größten historischen Fest in Europa, ausgezeichnet als Immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO, erinnert Landshut alle vier Jahre an das epochale Schaulaufen. Drei Wochen lang wird die ganze Stadt zur Kulisse. Da können kein Kinofilm und keine TV-Serie mithalten, denn alles ist echt und vor allem zu hundert Prozent authentisch.

An vier Sonntagnachmittagen erleben Besucher den Hochzeitszug mit, es gibt Fest- und Tanzspiele, Reiter- und Ritterturniere, Gaukler, Musiker und allerlei Mittelalterliches in der ganzen Stadt, insgesamt mehr als hundert Veranstaltungen.

Jedes Detail muss stimmen

Verantwortlich für dieses einzigartige Spektakel, an dem rund 2.500 in einem strengen Auswahlverfahren gecastete Landshuter mitwirken, ist der 1902 gegründete Verein „Die Förderer e. V.“. 2021 hätte es wieder so weit sein sollen, doch durch Corona verlagert sich der Vierjahresrhythmus auf die Jahre ab 2023.

Bis dahin muss der riesige Kostümfundus sorgfältig gepflegt werden. Und sämtliche Teilnehmer achten genau darauf, dass bis zur nächsten „Landshuter Hochzeit 1475“ die Haartracht stimmt: Edeldamen schulterblattbedeckend, Junker mindestens über die Ohrläppchen. Ein engagiertes Gremium wacht über jedes Detail, vom Pelzbesatz der fürstlichen Damenhüte bis zum Farbton der Beinkleider.

Shoppen und Schlemmen

Vor und nach dem mittelalterlichen Ausnahmezustand lässt es sich in Landshut unbehelligt von grimmigen Landsknechten oder sangesfreudigen Soldtruppen aufs Feinste „flanieren“.

In den hübsch herausgeputzten Gassen zwischen Altstadt und Neustadt finden sich kleine Boutiquen, Spezialgeschäfte und Feinkostläden. Auch die Schauspielerin Janina Hartwig schätzt die Shopping-Möglichkeiten in Landshut.

Versteckte Innenhof-Biergärten, Schlemmen an der Isar

Was die Gastronomie angeht, ist Landshut eine Open-Air-Stadt mit bayerisch-internationalen Restaurantterrassen und versteckten Innenhof-Biergärten. Wer Appetit auf asiatische Küche hat, wählt unter überraschend vielen vietnamesischen oder Fusion-Restaurants.

Besonders schön sitzt man direkt an der Isar, etwa im „Biergarten zur Insel“ auf der Mühleninsel oder in der „Isar-Klause“. Dort gibt’s feine Jakobsmuscheln oder deftige Schnitzel auf einem im Fluss vertäuten „Floß“, an dem die Isar vorbeirauscht.

Keramikmeister Uli Schosser fertigt Tonkrüge für die Landshuter Hochzeit
Sudhaus im Landshuter Brauhaus

Braukunst und Töpferei

Viele Restaurants weisen mit Schildern auf die Biere hin, die sie ausschenken. Und das sind nur selten die großen Münchner Marken, meist die heimischen Brauereien „Wittmann“ und „Landshuter Brauhaus“.

Letzteres wurde 1493 gegründet und braut noch in zwei riesigen, jahrzehntealten Kupferkesseln mitten in der Stadt, doch ein Umzug in einen Neubau am Stadtrand steht an.

Natürlich schenken die beiden Brauereien ihr Bier auch beim Festbetrieb der Landshuter Hochzeit aus. Für die 2.500 Mitwirkenden in ihren historischen Kostümen sind Gläser und Flaschen freilich verboten. Sie nehmen ihren Trunk aus Kupfergefäßen oder tönernen Humpen, wie sie Keramikermeister Uli Schosser heute noch fertigt. Aufgrund der guten Tonerde in der Umgebung entwickelte sich Landshut bereits im Mittelalter zu einem Zentrum der Töpferei.

Blick auf die Mühleninsel an der Isar in Landshut

Lauter Filmkulissen

Der Keramikermeister, der auf seinem Werkstatt-Hof in Neufraunhofen auch Pferde hält, war selbst lange Jahre einer der lanzenschwingenden Ritter der Landshuter Hochzeit.

Auf der Fahrt zu seinem versteckten Anwesen mit kleinem Showroom passieren wir den Markt Frontenhausen, das Filmdouble für das fiktive Niederkaltenkirchen der Eberhofer-Krimis mit seinem ikonischen Kreisverkehr.

Deutlich mehr machen die Drehorte in Landshut her. Schauspielerin Janina Hartwig stellt sie auf sieben virtuellen Stadtrundgängen vor – vom Rathaus über die Promenade an der Isar und über die grüne Mühleninsel bis zur Burg Trausnitz. Mit dem Kirchturm von St. Martin im Vordergrund gelingen von dort oben jedem filmreife Aufnahmen.

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