Mit dem Oldtimer-Cabrio auf der Rossfeldpanoramastraße im Berchtesgadener Land
Mehr als Kurven!

Die fast 500 Kilometer der Deutschen Alpenstraße machen in einem Cabrio besonders Spaß. Wir genossen den Kurventanz zwischen Königssee bis Garmisch-Partenkirchen in einem Vintage-Käfer. Text: Markus Stein, Fotos: Bernhard Huber

Lesezeit: 16 Minuten

Cabrio-Tour zwischen Königssee und Garmisch

Atemberaubend schön liegt er da, der Königssee. Smaragdgrün, von steilem Fels eingefasst. Man hat ihn gut im Blick vom Jenner-Gipfel, bequem zu erreichen mit der Gondel und ein paar Schritten bergauf. Von der Aussichtskanzel knipsen Besucher Urlaubsfotos, das mächtige Massiv des Watzmann vorm Objektiv. Die weißen Ausflugsboote unten scheinen winzig, der Himmel oben ist heute makellos blau. Lautlos segelt ein Adler mit weiten Schwingen majestätisch durch die Lüfte ...

Von einem kleinen Käfer wäre das wohl zu viel verlangt! Zumal, wenn es sich bei ihm um ein Volkswagen-Cabrio handelt. Seine Reize entfaltet er – Modell 1303, Baujahr 1979 und in sonnenhellem, herzerfrischend-freundlichem Florida-Gelb! – ganz im Tiefflug über den Asphalt.

Das Schnuckelchen wird uns den Alpenbogen entlang durch Bayern tragen. Auf einer Route, deren Verlauf bereits König Maximilian II. im Jahr 1858 mit einer Reise getestet hat. Ende der 1920er-Jahre propagierte ein gewisser Dr. Knorz, Sanitätsrat aus Prien am Chiemsee, den Bau einer Straße, die „die Schönheiten dieses landschaftlich hervorragenden Gebietes dem reisenden Publikum erschließen soll“. 1932 ließ der Deutsche Touring Club Pläne ausarbeiten, der erste Abschnitt wurde 1933 bei Inzell gebaut, 1960 schließlich war die Deutsche Alpenstraße durchgehend befahrbar.

Die Bergstation der Jennerbahn im Berchtesgadener Land
Blick von der Aussichtsplattform unterhalb des Jenner-Gipfels auf Königssee und Watzmann

Kick-off auf der Rossfeldstraße

Start ist in Schönau am Königssee. Doch zuerst empfiehlt sich eine Kick-off-Runde zur höchstgelegenen Panoramastraße Deutschlands, der Rossfeldstraße östlich von Berchtesgaden. Sie windet sich hinauf in die hochalpine Welt der Berge.

Im zweiten Gang ringt das Cabrio tapfer nach Höhe, der Boxermotor röhrt im Heck. Das Steuern wird zum Ganzkörpertraining, die Gangschaltung funktioniert schwer und könnte präziser sein, die Lenkung hat reichlich Spiel und das Bremsen ist eine Herausforderung für die Beinmuskulatur ... Kurz: Es macht Riesenspaß!

Am 1.550 Meter hohen Hahnenkamm ist der Scheitelpunkt erreicht. Im Süden baut sich die schrundig-schroffe und jetzt, Mitte Juni, noch mit Schnee durchsetzte Felswand des Hohen Göll auf, rechts davon zeigt sich der Kehlstein mit Kehlsteinhaus, im Südosten Tennen- und Hagengebirge, im Westen Watzmann, Hochkalter und Reiteralpe und im Norden Lattengebirge und Untersberg mit der markanten Mittagsscharte.

Pfarrkirche St. Sebastian am Wildbach Ramsauer Ache im Berchtesgadener Land
Der Hintersee im Berchtesgadener Land: Beliebtes Motiv berühmter Künstler

Ramsau und Hintersee

Zurück auf der Alpenstraße, surrt der Käfer zum „Bergsteigerdorf“ Ramsau. Einen Abstecher lohnt der Hintersee, ein im Wortsinn malerisches Idyll, das berühmte Künstler wie Carl Rottmann, Ferdinand Waldmüller und Wilhelm Busch fasziniert hat. Tipp für überhitzte Cabrioten: Der See sieht nicht nur gut aus, er erfrischt auch!

Der See sieht nicht nur gut aus, er erfrischt auch!

Cabrio-Fahren ist Unterhaltung für die Sinne: Die Luft wirbelt durch die Haare. Passiert man Wälder, fasziniert das Wechselspiel von Sonnenlicht und Schatten. Hin und wieder flötet ein Vogel am Straßenrand so laut, als säße er einem auf der Schulter. Und von frisch gemähten Wiesen steigt süßer Heuduft in die Nase. Wie in der anmutigen Landschaft des Chiemgau.

Stopp an einer Alm am Straßenrand südlich von Ruhpolding. Sepp und sein Spezl machen Heu. Mit großen Heugabeln hieven sie gemähtes Gras auf Holzgestelle. „Das Gras trocknet drei Tage am Boden und anschließend zehn Tage auf den Gerüsten“, erklärt Sepp. Und die heißen „Hainzen“ – das sind die mit waagrechten Rosten – oder „Hiefeln“, bei denen die Roste pyramidenartig nach unten zusammenlaufen. Das Heu ist für die Schafe von Sepps Sohn.

Mit dem Oldtimer-Cabrio auf der Rossfeldpanoramastraße im Berchtesgadener Land
Almwiese in den Chiemgauer Alpen bei Ruhpolding
Historische Gondeln der Kampenwandseilbahn bei Aschau im Chiemgau
Kühe vor der Kampenwand in den Chiemgauer Alpen

Klein-Kanada und Chiemsee

Klein-Kanada nennt man die traumhaft schöne Landschaft von Löden-, Mitter- und Weitsee, die zwischen Ruhpolding und Reit im Winkl aufeinanderfolgen. Kühe haben es sich im weiten Grün, das den Mittersee umgibt, gemütlich gemacht, genießen die Ruhe. Am Ufer leuchtet ein einsamer Sonnenschirm in der Vormittagssonne.

Von hier ist’s nicht mehr weit zum Bayerischen Meer, dem Chiemsee. Entweder man verlässt die Alpenstraße für einen Ausflug dorthin oder erfreut sich an seinem Anblick – aus einer der kleinen, knallig gelben, roten oder blauen historischen Gondeln der Kampenwandbahn. Sie wurde 1957 erbaut. Bei der Auffahrt fällt der Blick auf das stattliche Schloss Hohenaschau, bevor sich der See mit den drei Inseln Herrenchiemsee, Fraueninsel und der kleinen unbewohnten Krautinsel ins Blickfeld schiebt.

Die Aussicht von der Bergstation auf knapp 1.500 Meter Höhe ist fantastisch. Ein Traumplatz in Oberbayern! Man schaut auf die Zentralalpen mit den Hohen Tauern und dem Großglockner, auf den Wilden Kaiser und auf die Berchtesgadener Berge. Man kann hier einkehren, einen kurzen Spaziergang unternehmen, etwa entlang der markanten Felswand zur Steinlingalm, oder zu einer längeren Wanderung aufbrechen. Oder mit dem Gleitschirm im Tandemflug wieder ins Tal segeln!

Alphornbläser Hans Thaler bei Bayerischzell, unterhalb des Wendelsteins
Sudelfeldstraße im Alpenvorland: Steinbogenbrücke

Kurven-Gaudi auf der Tatzelwurmstraße

Der Übergang ins Inn-Tal lässt sich reizvoll abkürzen via Samerberg. Von dort dann weiter nach Oberaudorf und hin zu einem Highlight der Deutschen Alpenstraße: der kurvenreichen Tatzelwurmstraße. Sie führt vorbei an den Tatzelwurm-Wasserfällen – das versteckte Zwitterwesen aus enger Klamm, Gumpen und Wasserfällen ist in wenigen Fußminuten erreicht – über den Sudelfeldpass hinein nach Bayrischzell und in die Welt der Schlierseer und Tegernseer Berge.

Er ist Bayrischzeller mit Leib und Seele und liebt seine Heimat aus ganzem Herzen: der Thaler Hans. Zimmerer und Musiker. Und Alphornbauer. Hans hat sich diese Kunst selbst beigebracht. Zuerst hat er das archaische Instrument für Hirten – „schon die alten Griechen haben in solche Röhrl blas’n“, erklärt er – in einem Stück gebaut.

Dann kam er auf die geniale Idee und hat das zusammenschraubbare Alphorn erfunden. Es besteht aus acht Teilen und lässt sich leicht im Rucksack transportieren. Seit 1997 besitzt der rüstige Senior das Patent dafür. Seine Alphörner sind heiß begehrt. „Erst kürzlich hat sich ein Professor vom Mozarteum in Salzburg zwei Stück geholt“, so der Erfinder. Und wie fein so ein Thaler-Horn klingt, zeigt sich beim Vorspielen auf einer Almwiese über Bayrischzell. Nach wenigen Minuten ist der Musikant umringt von faszinierten Zuhörern: Kühen, angelockt von den tiefen Alphorn-Klängen!

Blick über den Spitzingsee in den Schlierseer Bergen
Schliersee: Marktgemeinde und Seeufer

Spitzingsee und Schliersee

Die Gegend ist gesegnet mit Natur, Kultur und Geschichte. Wildromantischer Spitzingsee, Markus Wasmeiers Bauernhofmuseum, See und Ort Schliersee mit dem Bauerntheater im traditionsreichen Hotel „Terofal“ oder Tegernsee mit der einst wichtigsten Benediktinerabtei Oberbayerns (bereits im 8. Jahrhundert gegründet) und nicht zuletzt mit der beliebten Pilgerstätte für Einheimische, Tagesausflügler und Urlauber: dem Herzoglichen Bräustüberl.

Weiter über den Achenpass ins Tölzer Land. Sehenswertes gibt’s genügend: Sylvensteinsee, Bad Tölz mit seinen bemalten Giebelhäusern, Freilichtmuseum Glentleiten, Kochelsee oder das Franz Marc Museum. Dann wieder Kurvenspaß auf der Kesselbergstraße zum Walchensee mit dem monumentalen Walchenseekraftwerk, das bereits 1924 in Betrieb genommen wurde. Für Besucher wurde ein Informationszentrum eingerichtet.

Mittenwald: Geigenbauer Matthias Klotz

Garmisch und Mittenwald

In Krün erreicht die Alpenstraße das Werdenfelser Land. Der Ort liegt herrlich auf einem weitläufigen Plateau, umrahmt von Soiernspitze, Karwendel, Wetterstein- und Estergebirge. Ein besonders schönes Plätzchen findet man beim „Gschwandtnerbauer“ nicht weit der Straße in Richtung Garmisch. Ein steiler, halbstündiger Fußweg zieht von der Alpenstraße hinauf zu dem traumhaften Alpenpanorama-Logenplatz, der noch einen Tick paradiesischer wird bei einem frischen Topfenstrudel und einer Tasse Kaffee.

Der Umweg nach Mittenwald darf nicht fehlen

Der Umweg nach Mittenwald darf nicht fehlen. Man nimmt am besten das Sträßchen, das in Klais abzweigt und entlang der Buckelwiesen – grasbedeckte Hügel und Relikte der letzten Eiszeit – in den Ort führt. Ein „lebendiges Bilderbuch“ hat Goethe Mittenwald genannt, wo nicht nur die Häuser mit zum Teil jahrhundertealter Lüftlmalerei geschmückt sind, sondern auch der Kirchturm. Und zwar von unten bis oben!

„Der Kirchturm ist einzigartig, ich kenne keinen weiteren, der bemalt wäre“, erzählt der Geigenbaumeister Toni Sprenger, „ich vermute, dass einst Venedig, wo die Fassaden früher auch bemalt waren, Mittenwald als Vorbild diente.“ Schließlich liege kein Ort in Deutschland näher an Venedig als Mittenwald!

Toni führt durch seinen Ort. Er ist Nachfahre in zehnter Generation des Lautenmachers Matthias Klotz, der viele Jahre in Italien lebte und die Kunst des Geigenbaus nach Mittenwald gebracht hat. 1685 hat Klotz hier seine Werkstatt eröffnet. Toni deutet auf das Haus Im Gries Nr. 16. „Hier hat Ägidius Klotz, ein Enkel des Matthias, eine Geige für Mozart gebaut“, so Toni. Eine von Toni selbst gebaute Geige wiederum habe bei einem Konzert in der Carnegie Hall Mozart-Musik erklingen lassen, womit sich wunderbar ein Kreis geschlossen habe.

AlspiX: Aussichtsplattform auf der Alpspitze
Der Eibsee bei Grainau unterhalb der Zugspitze

AlpspiX und Eibsee

Dramatische Akkorde schlägt die Landschaft rund um Garmisch-Partenkirchen an. Sei es der Eibsee vor der himmelstürmenden Zugspitze mit seinem tannengrünen bis karibikgrünen Wasser oder die Wildwasserschluchten von Partnach- und Höllentalklamm. Spektakulär auch der rund 2.000 Meter hohe Osterfelderkopf mit den zwei ins Nichts ragenden AlpspiX-Plattformen. Die Aussicht von dort in die Bergwelt ist grandios, der Blick nach unten durch die Gitterroste fällt 1.000 Meter tief!

Das ist für die Dohle, die sich am AlpspiX herumtreibt, nun wirklich nichts Besonderes. Sie sucht lieber einen Leckerbissen zwischen den Bierbänken an der Seilbahn-Bergstation. Schnappt einen Brocken Weißbrot, schwingt sich in die Luft und segelt davon. Unten im Tal wiederum nimmt der Käfer einen kräftigen Schluck Super und brummt weiter auf der Deutschen Alpenstraße. Weiter in Richtung Ammergebirge.

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