Rauberweihermühle: War ein "Landsassengut", in dem auch die Herrschaften wohnten
Blick zurück in die Zukunft

Jedes der sechs „Freilichtmuseen in Bayern” besitzt einen eigenen, regionalen Charme. Wir waren zu Besuch im Freilandmuseum Oberpfalz und haben mit dessen Leiter Tobias Hammerl gesprochen

Lesezeit: 5 Minuten

Die bayerischen Freilichtmuseen...

... entstanden in den 1960er- und 1970er-Jahren alle aus einer ähnlichen Motivation heraus: Weil es noch keinen Denkmalschutz gab, wurden im Freistaat viele alte Gebäude und Bauernhöfe abgerissen, weil die Menschen komfortable Einfamilienhäuser haben wollten.

Dies hat damals zum Glück eine Gegenbewegung ausgelöst: Man wollte einige, besonders schöne Häuser retten und die bäuerlich-ländliche Kultur bewahren. Die Lösung war, interessante Bauten ab- und auf freien Flächen draußen wiederaufzubauen.

Der Job wurde Dr. Tobias Hammerl in gewisser Weise in die Wiege gelegt. Der gebürtige Regensburger ist in der Region aufgewachsen und war schon als Kind im Freilandmuseum Oberpfalz, denn auch sein Vater ist sehr geschichtsinteressiert. Tobias Hammerl hat Geschichte, Kunstgeschichte und im Hauptfach Volkskunde studiert.

Nach Studienjahren, unter anderem auch in Schottland, und der Leitung des Stadtmuseums Abensberg, ist er Anfang 2020 als Leiter ins Freilandmuseum Oberpfalz gekommen. Uns hat er erzählt, was man in Neusath-Perschen nicht verpassen darf und warum das einfache Leben damals auch Vorteile hatte.

Der Leiter des Oberpfälzer Freilandmuseums erklärt den Aufbau der Mühle
Durch die schonende Bewirtschaftung entstand eher zufällig ein Artenhotspot

Ländliches Idyll und Artenhotspot

Ein paar Gänse marschieren im Watschelgang zum Weiher, um ein Bad zu nehmen. Das vor ein paar Tagen geborene Zicklein macht Bocksprünge in der Wiese. Und weiter drüben, vor dem alten Bauernhaus, schlägt ein Pfau sein Rad.

Hammerl spaziert über das Gelände, auf dem mehrere kleine Ansiedlungen mit Häusern der vergangenen Jahrhunderte stehen. „Bei uns leben viele Nutztiere, meist Exemplare alter Haus- oder Nutztierrassen“, erzählt er.

„So helfen wir, diese Arten zu erhalten.“ Mit dem roten Höhenvieh – den Kühen hier – hat er schon persönliche Erfahrungen gemacht, er sollte nämlich mal aushelfen: „Gar nicht so einfach, so ein Tier in den Stall zurückzubringen, wenn es nicht will“, sagt Hammerl lachend.

 „Das Besondere“, erzählt er, „ist bei uns das Kulturlandschaftskonzept: Die Landschaft entspricht dem ursprünglichen Umfeld dieser etwa 50 ländlichen Häuser – es gibt einen Dorfweiher und Felder, die wie einst bewirtschaftet werden.“ Und noch etwas ist entstanden, eher zufällig: ein Artenhotspot, wie es ihn außerhalb des Geländes nicht mehr gibt. „Hier leben unter anderem mehrere Dutzend Falterarten.“

Luftaufnahme vom Oberpfälzer Freilandmuseum

Viele Kurse und Workshops

Hammerl liegt eine gesunde Umwelt am Herzen. Und im Freilandmuseum dreht sich vieles um einfaches, ressourcenschonendes Wirtschaften. „Wir haben über 100 Kurse, bei denen man alte Kulturtechniken erlernen kann: vom Sauerkraut-Workshop bis zum Kartoffelmieten-Bauen, von Kochkursen zur Oberpfälzer Küche bis hin zu Schafkopf-Runden."

"Seit zwei Jahren sind wir auch eine staatlich anerkannte Umweltstation.“ Hammerl glaubt, dass die Freilichtmuseen in Bayern noch mehr Zulauf haben, weil viele Menschen merken, dass sie der aktuelle Lebensstil nicht glücklich macht. „Da ist es doch naheliegend, sich zu fragen: Wie haben die Leute das früher gemacht? Geht das einfacher? Geht das schöner?“

In über 100 Kursen kann man alte Kulturtechniken erlernen

Alte Bauernhöfe komplett recyclebar

Tobias Hammerl fasziniert zum Beispiel, dass so ein altes Gehöft zu 100 Prozent recycelbar ist: „Häuser bestehen heute aus einem unglaublichen Materialmix, damals verwendete man Holz, Stein, Lehm sowie etwas Eisen und Glas. Weggeworfen wurde nur selten etwas, Up- und Downcycling war selbstverständlich.”

Nicht verpassen sollten Besucher in Neusath-Perschen die eindrucksvolle Rauberweiher-Mühle. Und im Kontrast dazu das einfache Hirtenhaus, das die Armut der kleinen Leute von damals spiegelt. Künftig sollen noch stärker die Menschen, die früher in den Häusern lebten, in den Mittelpunkt rücken – mit speziellen Führungen, Bildern und Texten möchte Hammerl ihre Geschichten erzählen.

Regelmäßig im Jahr gibt es spezielle Aktionen: einen Rosstag, wo sich alles um die Pferde dreht, die Weltwasserwoche oder die Garten- und Obsttage, während der man zum Beispiel auch Saatgut kaufen kann.

Die Sonne steht schon tief. Am Waldrand raucht ein kleiner Kohlenmeiler. Die Arbeitspferde grasen auf einer üppigen Weide. Und die Hühner kümmern sich um den selbst ausgebrüteten Nachwuchs. Die letzten Familien schlendern mit ihren Kindern zum Ausgang. Gleich schließt die Museumspforte und diese friedliche, ländliche Welt geht ganz ohne Besucher schlafen.

Museumsleiter Tobias Hammerl

... von Tobias Hammerl

Tour auf dem Naabtal-Radweg
Die Naab fließt direkt an der Museumspforte vorbei, man kann hier starten. Eigentlich ist der Weg 100 Kilometer lang und führt in zwei Etappen von Luhe nach Regensburg. Eine sehr schöne Möglichkeit, die ländliche Oberpfalz zu erleben.

„Zum Bürstenbinder“
Ich esse ab und zu gern in diesem Wirtshaus in Kallmünz. Dort gibt es meiner Meinung nach die besten Bauchstecherl, Oberpfälzer Schupfnudeln. Dazu trinke ich am liebsten ein selbst gebrautes Bier. Im Bürstenbinder, der übrigens auch im Naabtal liegt, hat beides Bio-Qualität.

Regensburg
Da bin ich jetzt ganz Lokalpatriot! Die Regensburger Altstadt mit Dom und Steinerner Brücke ist seit 2006 Weltkulturerbe der UNESCO. Dort wohne ich und finde es wunderschön.

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