Schloss Elmau in Blumenwiese
Das Gipfel-Tal

Ende Juni 2022 trafen sich die Regierungschefs der sieben wichtigsten westlichen Industrieländer zum G7-Gipfel im „Schloss Elmau“. Das Fünf-Sterne-Resort liegt wie das Hideaway „Kranzbach“ in einem stillen Hochtal südöstlich von Garmisch-Partenkirchen. Wir haben uns umgesehen. Text: Markus Stein

Lesezeit: 14 Minuten

Elmau, das Gipfel-Tal bei Garmisch

Die Gipfelstürmer machen Pause. Der Typ im dunklen Anzug sitzt entspannt auf einer Holzbank. Rücken zum Betrachter, die Arme lässig ausgebreitet. Vor ihm eine Dame im erdbeerfarbenen Jackett, gestikulierend, sie scheint Wichtiges zu erklären. Reden sie über eine Bergtour, Klettereien? Nur, warum tragen die beiden keine Outdoor-Klamotten, wo sind Seil und Rucksack? Und warum sieht man sie auf einer blumenübersäten Almwiese und nicht auf einem der steilen Felsen, die im Hintergrund aufragen?

Die berühmte Szene zeigt Barak Obama und Angela Merkel im Garten von „Schloss Elmau“ – Gipfelstürmer der etwas anderen Art. Das Foto ging um die Welt, es wurde zum Symbol für den 41. G7-Gipfel.

Sieben Jahre später gaben sich im Elmauer Tal die Regierungschefs der sieben bedeutendsten westlichen Industrieländer, die „Gruppe der Sieben“, wieder ein Stelldichein. Das ruhige, einsame – und gut zu bewachende – Hochtal, knapp zwanzig Autokilometer von Garmisch-Partenkirchen entfernt, hat sich als Gipfel-Tal bewährt.

Elmauer Alm

Königlicher Vorreiter

Elmau, die mit „Ulmen bewachsene Aue“, liegt auf 1.000 Meter Höhe. Sie ist eingebettet zwischen dem bis 1.300 Meter hohen Wamberg-Höhenzug im Norden und der weit über 2.000 Meter hohen Wettersteinwand im Süden. Die Aue steht unter Naturschutz. Im Frühjahr überziehen seltene Wildblumen die Buckel und Hügel mit ihren Blüten.

Elmau bedeutet so viel wie die mit „Ulmen bewachsene Aue“

Schon seit Menschengedenken stand hier ein Einödhof, später ein Gasthof. Im 19. Jahrhundert dann lernte ein königlich-bayerischer Staatschef die Abgeschiedenheit des Tals lieben: Ludwig II. Er kehrte gern im Gasthof ein, wenn er sich auf sein 800 Meter höher gelegenes Königshaus am Schachen kutschieren ließ.

Das Schachenhaus mit seinen kunstvollen Räumen ist heute ein beliebtes Ausflugsziel und zu Fuß von Elmau in drei Stunden zu erreichen. Auch warten dort eine gemütliche Berghütte und ein botanischer Alpengarten auf die Besucher.

Das Königshaus am Schachen am Fuß des Wettersteinmassivs

Morgentanz auf der Wiese

Die eigentliche Geschichte von „Schloss Elmau“ beginnt 1912. Der Schriftsteller und lutherische Theologe Johannes Müller, 1864 in Sachsen geboren, erwirbt mit der Hilfe einer adligen Gönnerin den Hof und lässt an der Stelle ein „Schloss“ errichten. Müller hat sich da schon von der kirchlichen Orthodoxie abgewandt und eine eigene „Lehre“ kreiert.

Er kritisierte Kapitalismus wie Kommunismus, warnte vor der „Vergottung des Menschen durch den Menschen“ und betrachtete Jesus als „Überwinder der Religionen“. Instinktives Erleben und nicht bewusstes Erkennen eröffne den Zugang zum Reich Gottes, so Müller.

Im Jahr 1916 ist das Schloss fertig: schlicht, aber monumental, mit 150 Zimmern, Vorhallen, Konzertsaal, weiten Fluren, Walmdach und Turm. Auch mit Tennisplatz und Bocciabahn. Für Müller ist das Schloss eine „Freistätte persönlichen Lebens“.

Unter seiner Leitung sollen Menschen inmitten unberührter Natur und in Gemeinschaft Gleichgesinnter, bei Vorträgen, Konzerten (es durfte nicht geklatscht werden!) und Tanzabenden mit klassischer Musik (es durfte nicht gesprochen werden!) Urlaub vom Ich machen und zu einem „naturhaften, unmittelbarursprünglichen Leben“ finden. Zur gleichen Zeit tobte draußen der Erste Weltkrieg.

Vom Lazarett zur Kultur-Location

Müller wird zum Entsetzen mancher Anhänger nach 1933 zum Hitler-Schwärmer, den er als „Werkzeug in Gottes Hand“ sieht und Führer einer „nationalen Revolution des Gemeinnutzes über den Eigennutz“. Gleichwohl bezeichnete er den Antisemitismus als Schande und war nie Parteimitglied. In einem Entnazifizierungsverfahren 1946 wurde Müller dennoch als Hauptschuldiger eingestuft. Er gestand seinen Irrtum ein.

Schloss Elmau diente in der Folge als Lazarett und Winterkampfschule der US-Armee, als Erholungsheim für Tuberkulose-Leidende, Displaced Persons und Holocaust-Überlebende. Johannes Müller starb 1949 in Elmau. Die Bayerische Staatsregierung verpachtete das beschlagnahmte Anwesen an seine Erben. Elmau wird zum Erholungsort und zur „Hochkultur“-Location, insbesondere für Kammermusik. 1957 wird die deutsch-jüdische Musikwoche gegründet. Konzerte mit klassischer Musik sollen der Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden dienen. Künstler wie Yehudi Menuhin, Gidon Kremer oder Friedrich Gulda finden den Weg ins Elmauer Hochtal, ebenso Schriftsteller und Wissenschaftler.

Dietmar Müller-Elmau

Frischer Wind mit Dietmar Müller-Elmau

Im Jahr 1997 übernimmt Enkel Dietmar Müller-Elmau das Anwesen. Er verkauft seine Firma, die mit den Hotelsoftware-Programmen Fidelio und Opera erfolgreich ist, saniert mit den Erlösen Elmau und konzipiert es neu als „Cultural Hideaway“.

Die erste Maßnahme war „die Aufhebung des Zwangs zur Gemeinschaft. Hierzu habe ich die großen Gemeinschaftstische im Speisesaal symbolisch in der Mitte durchgesägt“, so Müller-Elmau. Es wurde ferner die feste Tischordnung aufgehoben, die Tanzveranstaltungen wurden auf die Hälfte reduziert, die morgendlichen Tänze ganz eingestellt.

Stattdessen bereichern Jazz, Literatur und politische Debatten das Kulturangebot, sie sollen frischen Wind in die Schlossmauern bringen. Die Zusammenarbeit mit der Hebrew University und dem Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur der Uni München machen Elmau zum Treffpunkt jüdischer Wissenschaftler. Symposien geben Anstöße zu öffentlichen Debatten.

Die Concert Hall im Hideaway

Musik, Literatur, Gespräche – und eine Buchhandlung!

Dramatischer Einschnitt: 2005 zerstört ein Brand das Anwesen fast vollständig. „Schloss Elmau“ wird weitgehend neu gebaut als „Luxury Spa Retreat & Cultural Hideaway“ mit zwei Hotels: Das zeitlos elegante und in warmen Farben gehaltene „Retreat“ mit Suiten, Spas und Restaurants liegt etwas versteckt an einem Hang. Das großzügige „Cultural Hideaway“ wiederum fasziniert mit asiatisch angehauchter Atmosphäre und raffiniertem Lichtdesign. Es verfügt über Restaurants und Lounges, Spas und einen Lifestyle-Shop mit Accessoires und Mode. Und es gibt den Konzertsaal, der den Brand überstanden hat.

Der besondere Reiz des neuen „Schloss Elmau“ liege darin, so bringt Mueller-Elmau es auf den Punkt, dass der Gast sich zwischen dem Schwimmen im Dachpool oder dem Besuch eines Konzerts entscheiden könne.

Hochkultur und Spitzenköche

Das musisch-literarische Programm ist stets hochkarätig, „Hochkultur ist“, so Mueller-Elmau, „höchster Ausdruck individueller Kreativität und eines jüdisch-amerikanischen Freiheitsideals“. Im intimen Konzertsaal finden jährlich bis zu zweihundert Konzerte mit Jazz und Klassik, Festivals und CD-Aufnahmen mit internationalen Künstlern statt.

Heuer treten unter anderen der Pianist Chilly Gonzales, Rufus Wainwright und Carolin Kebekus auf. Anfang Juni findet das Israeli Jazz & Food Festival statt, bei dem renommierte israelische Jazzer aufspielen und Uri Jeremias, der Chefkoch des berühmten Restaurants „Uri Buri“ in Akko, aufkocht. Und ja, es gibt sogar eine eigene Buchhandlung im Hotel, bei Buchvorstellungen und Lesungen trifft man dort Autoren aus aller Welt.

Die Concert hall im Hideaway

Alm oder Klamm

Wer zur Abwechslung statt exklusiver Resort-Atmosphäre mal bayerische Hüttenseligkeit genießen möchte, wandert hinauf zur hoteleigenen „Elmauer Alm“. Sie wurde 1924 auf 1.200 Meter Höhe gebaut. Man erreicht sie vom Schloss aus zu Fuß in einer knappen Stunde, im Winter auch auf einer anspruchsvollen Loipe. Auf der Terrasse schmecken bayerische Schmankerl bei herrlichem Panorama. Die 180-Grad-Aussicht reicht von der Zugspitze bis zum Karwendel.

Ein spektakuläres Naturschauspiel wartet etwa sieben Kilometer westlich von Elmau in der Partnachklamm auf Besucher. Man erlebt die imposante Wildwasserschlucht mit hohen Felswänden, Wasserfällen, Stromschnellen und Gumpen auf einem einfachen, rund 800 Meter langen Weg. Sie gilt als eine der schönsten Klammen im Alpenraum.

„Kranzbach“: Alpen statt Highlands

Als habe sich ein Country House aus den schottischen Highlands in die Alpen verirrt, so wirkt „Das Kranzbach“. Das unverputzte, steingemauerte „englische Schloss“ mit den typischen Treppengiebeln steht drei Kilometer östlich von Elmau im Grünen. Honourable Mary Isabel Portman, eine begüterte Künstlerin aus London, hatte das schöne Fleckchen Erde entdeckt, als sie auf Spuren König Ludwigs II. im Elmauer Tal herumkutschierte.

Sie kaufte 1913 die Wiese und ließ darauf, etwa zeitgleich zu Johannes Müllers Bauherren-Tätigkeiten, ihr Schloss errichten. Es wurde im Stil der englischen „Arts and Crafts“-Bewegung gestaltet und 1915 fertiggestellt. Es ist das einzige Gebäude dieser Art in Deutschland. Vermutlich hat die Lady das Schloss nie fertig gesehen. 1914 musste sie kriegsbedingt Deutschland verlassen. Sie starb 1931 in Montreux.

Kranzbach Luftaufnahme Sommer

Pssssst!

Heute gehört „Das Kranzbach“ nebst modernen Neubauten einer Privatstiftung. Im Gegensatz zum eventfreudigen Elmauer Nachbarn hat sich das exklusive Hideaway auf Ruhe und Einkehr spezialisiert.

Es gibt keine öffentlichen Veranstaltungen, kein öffentliches Restaurant, keine Familien mit kleinen Kindern, keine Seminare, keine Hochzeiten, keine Feste. Nur Ruhe, Ruhe, Ruhe. Wellnessfreuden finden die Gäste im Badehaus mit seinen Pools, Saunen und Dampfbädern, Ruheräumen und Vitalabteilung. Und auf den Terrassen im Freien lauscht man dem Rauschen der Tannen.

Wer sich noch weiter zurückziehen möchte, auf den wartet im Wald eine Relax-Oase der Extraklasse: Im Meditation House des japanischen Architekten Kengo Kuma können Gäste in absoluter Ruhe, allein oder unter Anleitung, die Reise ins Innere antreten. Sofern die kunstvolle Architektur des Waldhäuschens sie nicht ablenkt: Drei bodentief verglaste Seiten lassen das Innere mit dem Wald verschmelzen, der Rest ist ein filigranes Puzzle aus 1.500 ineinander geschachtelten Weißtannen-Schindeln.

Nehmen Sie Platz!

Vom 26. bis 28. Juni findet in „Schloss Elmau“ der 48. G7-Gipfel statt. Gut möglich, dass sich manch Teilnehmer zwischendurch eine Auszeit in solch perfekter Waldeinsamkeit wünscht. Wenn in Elmau auch kein Waldpavillon einlädt, so steht doch eine große Holzbank mit Aussicht bereit. Sie bietet Platz für sieben Regierungschefs. Dem berühmten Paar von 2015 jedenfalls hat sie – scheint’s – gut gefallen!

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