Auf der Route der Freischärler sorgten einst Söldnertruppen für Angst und Schrecken. Nun erschließt sie als abwechslungsreicher Fernwanderweg den bezaubernden Osten Bayerns. Unterwegs auf dem Pandurensteig über Berggipfel, durch Flusslandschaften und vorbei an Burgruinen
Wanderung auf dem Pandurensteig
Bald hat es die Sonne geschafft. Nach einem heißen Sommertag schickt sie etwas müde ihre letzten Strahlen über die Wipfel des Bayerischen Walds. Dann verabschiedet sie sich hinter dem Gipfel des Hennenkobel in die wohlverdiente Nacht.
Mystische Abendstimmung herrscht auf dem Gipfel des knapp 1.000 Meter hohen Wagensonnriegels. Kein Lüftchen regt sich, rund um die kleine Kapelle neben der Aussichtsbank herrscht völlige Windstille.
Auch die Vögel haben für heute ausgezwitschert. Nur manchmal durchbricht aus der Ferne das Horn der Waldbahn auf ihrer Fahrt zwischen Grafenau und Zwiesel die Ruhe, irgendwo an einem unbeschrankten Übergang. Und würde uns im immer diffuser werdenden Dämmerzwielicht nicht der Abstieg bevorstehen, könnten wir es hier ewig aushalten. Am höchsten Punkt unserer Wanderung auf dem Pandurensteig.
Über 177 Kilometer zieht sich dieser Fernwanderweg auf acht Etappen durch den Bayerischen Wald. Auf der Strecke, die damals die Panduren zurücklegten. Das waren von Kaiserin Maria Theresia beim ungarischen Magnaten Franz Seraph Freiherr von der Trenck angeheuerte und mit einem Generalpardon für alle Gräueltaten versehene Freischärler, die im Österreichischen Erbfolgekrieg 1742 marodierend von Passau Richtung Norden zogen und eine Schneise der brutalen Verwüstung hinterließen.
Waldmünchens fünfte Jahreszeit
Auf der Wiese der Freilichtbühne Waldmünchen treffen wir vor dem Start der Wanderung Christian Liegl und Vera Schmid, gekleidet in historischen Kostümen. Die beiden sind die Hauptdarsteller der jährlichen Sommerfestspiele, die seit 1950 daran erinnern, wie der Pandurenfürst Trenck mit seinen Truppen die Stadt belagerte, bis ihn der Charme einer liebreizend bezirzenden Maid namens Kathi davon abhielt, Waldmünchen in Schutt und Asche zu legen.
Ein immer großes Spektakel mit 300 Mitwirkenden und acht Aufführungen in „Waldmünchens fünfter Jahreszeit“, wie Chris und Vera die Festspielwochen zwischen Mitte Juli und Mitte August nennen.
Dort, wo die Panduren ihrem grimmigen Feldzug einst ein Ende setzten, ist nun der Startpunkt des Steigs. Man rollt die Route also von hinten auf. In entgegengesetzter Richtung. Und natürlich in ganz anderer Stimmung als die berittenen Söldnertruppen damals – über Felder und Berge, durch Auen und Flusslandschaften, für deren Schönheit die brandschatzenden, marodierenden Panduren wenig übrighatten.
So wie am Großen Rötelseeweiher, einem Naturschutzgebiet auf der zweiten Tagesetappe des Steigs. Selbst wenn die Panduren damals mit Smartphones unterwegs gewesen wären, hätten sie wohl nicht die Lauschtour-App genutzt, die heute auf dem sechs Kilometer langen Rundweg um den Teich über Fauna und Flora spricht.
Bei Lachmöwe und Schwarzhalstaucher
Oder man zieht mit Anette Lafaire los. Die Gebietsbetreuerin im Naturpark Oberer Bayerischer Wald bietet regelmäßig geführte Exkursionen und Projekttage an und kann viel erzählen über die Zugvögel, die den Weiher auf dem Weg Richtung Süden als Raststation nutzen. Und auch über die Synergie-Effekte zwischen Lachmöwe und Schwarzhalstaucher.
Von der weiten Tiefebene geht es allmählich nach oben. Hinauf auf den Pfahl. Der Pfahl ist ein 150 Kilometer langes Quarzriff. Der Höhenzug aus hartem Gestein ragt an vielen Stellen als markante Felsformationen heraus, weil Verwitterung und Erosion die weichen Sedimente ringsherum abgetragen haben. Fast wie ein Bildhauer meißelte sich die Natur geduldig imposante Felstürme, Monolithe und steinerne Festungen heraus, die im Lauf der Zeit zur Grundlage für viele Sagen wurden.
Am Großen Pfahl bei Viechtach etwa ähneln die Steine den Zacken eines Rückenpanzers. Kindern erzählt man dort gern die Legende vom riesigen Drachen, der hier unterirdisch vor sich hinschlummert.
Der Ort erzählt aber noch von einer ganz anderen Geschichte, wie Landschaftspflegerin Heidi Heigl weiß: vom industriellen Abbau des wertvollen Quarzes, der hier auf einer Fläche von 34.000 Quadratmetern ab 1892 über viele Jahrzehnte systematisch herausgeklopft oder abgesprengt wurde.
Zerkleinert wurden die dicken Brocken unten in der Sporer-Quetsch, einem Schotterwerk, bevor der Viechtacher Quarz oft sein Ende im deutschen Straßenbau fand.
Zwischen Mittelerde und Jurassic Park
Dem Einsatz von Umweltschützern ist es zu verdanken, dass der Raubbau ein Ende fand und die Drachenzacken noch heute sichtbar sind. Was sich neben dem Quarzpfahl nun immer mehr herauskristallisiert, ist die Vielfalt der Natur auf den Etappen des Pandurensteigs.
Die immer wieder neuen Eindrücke, die wechselnden Landschaften, die sich nach jeder Biegung eröffnen, wenn man konsequent den roten Markierungsschildern mit dem schwarzen Schwert folgt. Wo sich weite Felder mit schattigen Wäldern abwechseln, wo alte Burgruinen trotzig auf einsamen Felsgipfeln ausharren und bald darauf kleine Flüsse durch urzeitlich anmutende Täler plätschern. Immer wieder schieben sich neue Kulissen ins Bild.
Mal wähnt man sich in der hügeligen Toskana, zehn Minuten später im Auenland, der Hobbit-Heimat in Mittelerde. Und wenig später wartet man entlang des Bachufers minütlich auf die Begegnung mit einem der Velociraptoren aus Jurassic Park. Der plötzliche Perspektivwechsel wird zum dauerhaften Begleiter. Wandern durch Veränderung.
Vom Breiten Jäger zum Brotjackl
Die beste Aussicht bietet sich vom eingangs schon erwähnten Wagensonnriegel, mit 959 Höhenmetern der höchste Gipfel der Tour, mit Blick hinunter zum Brotjacklriegel.
Dieser Berg hieß einst Breiter Jägerriegel und bekam seinen heutigen Namen aufgrund der fehlerhaften Niederschrift durch einen des örtlichen Dialekts („Broada Jaga“) unkundigen Kartografen.
Sehr viel naheliegender ist zu Beginn der sechsten Etappe der Name der felsigen Steinklamm, durch die südlich von Spiegelau die Große Ohe rauscht, ein beliebtes Ziel von Familien mit Kindern, um an den flachen Kiesbetten nach Waldperlen zu suchen.
Dabei handelt es sich um kleine Scherben, die nach dem Brand in einer Spiegelauer Glaserei hier angeschwemmt und im Lauf der Jahrzehnte geschmeidig rund geschliffen wurden. Womit die Natur mal wieder den schönsten Abenteuerspielplatz liefert.
Weiter geht es vorbei an Grafenau, der ältesten Stadt im Bayerischen Wald mit ihren vielen Handwerksbetrieben. Dazu gehört die Trachtenmanufaktur der Schneiderin Maria Freund, die seit 30 Jahren neben Dirndln, Jankern und Westen vor allem Hirschlederhosen zuschneidet, zusammennäht und den Latz bestickt, auf Wunsch des Trägers individualisiert mit seinem Monogramm oder gern auch mit einer Ziehharmonika, wenn’s für einen Musikanten sein soll. Basisarbeit in der Brauchtumspflege!
Sauber: Die Schwarze Perle Ilz
Aus der Stadt wieder hinaus aufs Land, über Perlesreut als Zielort von Etappe sechs. Die letzten beiden Tage geht es vor allem die Ilz entlang. Die galt vor Jahrzehnten aufgrund fehlender Kläranlagen und landwirtschaftlicher Abschwemmungen noch als eines der schmutzigsten deutschen Gewässer. Nun zählt sie dank des von der EU geförderten Projekts „Saubere Ilz“ seit Anfang des Jahrtausends zu den saubersten Flussläufen der gesamten Republik.
Die Ilz trägt den Spitznamen „Schwarze Perle“. Sie ist noch immer dunkel und geheimnisvoll. Steht man im knietiefen Wasser, ist der Grund kaum zu erkennen. Das liegt nur an den Tanninen der Nadelwälder aus dem Quellgebiet und den ausgewaschenen Hochmooren entlang des Flusslaufs.Vielleicht lässt sich die geheimnisvolle Ilz auch einfach nicht gern durchschauen.
Am allerwenigsten auf einer der wildesten Passagen mit ihren Stromschnellen durch die Dießensteiner Leite Richtung Schrottenbaummühle, die auch schon stand, als die Panduren hier vorbeigaloppierten.
Heute ist der Hof ein beliebtes Ausflugslokal. Wenn man, wie wir kurz vor Ende der siebten Etappe, werktags auf eine fangfrische Forelle vorbeikommt, dann findet man im Wirtsgarten – anders als an vielen Wochenenden – auch leicht einen freien Platz.
Gut Holz: Trift, Baby, trift!
Der letzte Tag bricht an und damit auch der finale Abschnitt der Ilz auf ihrem Weg in die Donau. Einer der Höhepunkte der Abschlussetappe liegt in Hals, einem Stadtteil im Norden Passaus. Auch wegen des historischen Hofwirtshauses am Marktplatz, in dem Franz Lehár während einer Kneipp-Kur seine erste Operette komponierte.
Aber noch viel mehr wegen der Triftsperre an der Ilz. In dem Stausee sammelte man das im Bayerischen Wald abgeholzte und hier angeschwemmte Holz. Vor rund 200 Jahren klopften sie schließlich den 115 Meter langen Trifttunnel durch den Fels. Damit ersparten sie sich und dem Holz auf dem Weitertransport zur Donau und weiter nach Wien den zweieinhalb Kilometer langen Weg durch die Halser Flussschleife.
Wenig später ist die Ilz an der Mündung in die Donau an ihrem Ziel. Und die Wanderer sind es auch. Droben auf der Veste Oberhaus, der 800 Jahre alten Burganlage, einer der größten noch intakten in ganz Europa.
Die letzten Meter der 177 Kilometer führen auf die Aussichtsterrasse über der Passauer Altstadt mit ihrem Dom St. Stephan. Ein letzter neuer Eindruck von so vielen auf dieser Route, auf der man anders als damals auch ganz entspannt unterwegs sein kann. Geht doch auch ganz friedlich, auf den Spuren der Panduren.