Seit Jahrhunderten ist die Region um Oberviechtach für die reichsten Goldvorkommen Bayerns bekannt. Fette Nuggets gibt es dort nicht zu finden, sondern winzig kleine „Flinserl“. Ausgerüstet mit Schüssel, Schaufel und Sieb darf jeder sein Glück versuchen
Goldwaschen für Familien in Oberviechtach im Oberpfälzer Wald
„Das gibt’s doch nicht!“ Günter Zithier beugt sich über die Goldwaschschüssel, die Pia (11) ihm mit einem halb fragenden, halb stolzen Gesichtsausdruck hinhält. Kaum eine Viertelstunde, nachdem sie sich voller Eifer an die Goldsuche gemacht hat, ist Pia offenbar schon fündig geworden.
Günter zeigt ihr einen Trick: Mit dem Zeigefinger reibt er sich über die Stirn. Dann pappt etwas Fett daran, mit dessen Hilfe sich das „Flinserl“ aus der Schüssel aufnehmen lässt. Kein Zweifel, es ist Gold.
Vorsichtig lässt Günter den Goldkrümel in eine durchsichtige Phiole gleiten. Pia fängt schon wieder an, Sedimente und Gestein aus dem Bach zu schöpfen, im Sieb abtropfen zu lassen und die Reste in der Schüssel akribisch zu untersuchen. Ganz klar, das Goldfieber hat sie erwischt.
Endlich Goldsucher!
„Besonders lustig ist es immer, wenn es die Erwachsenen trifft“, sagt Günter, der seit seiner Pensionierung viele der Oberviechtacher Gold-Exkursionen leitet. „Vor allem Männer wollen nicht mehr aufhören.“
Zwischen Mitte April und Mitte September veranstaltet die Tourist-Info Oberviechtacher Land – Goldstück Bayerns die erlebnisreiche, rund dreistündige Schatzsuche am Goldlehrpfad, mehr als 1.000 Goldsucher waren im letzten Jahr dabei.
Los gehts am Wanderparkplatz Gütting – an dieser Stelle, rund acht Kilometer vom Ort entfernt, ist der Goldabbau seit dem Jahr 1318 verbrieft. Rund zwei Kilometer wandert Günter mit den Goldsuchern in spe, erklärt die Historie, lässt Zeit zum Lesen der Infotafeln. Aber trödeln mag eigentlich niemand, zu spannend ist die Aussicht darauf, selbst zum Goldwäscher zu werden.
Schüssel, Schaufel, Sieb
Tannerlbach, Braunbeergraben und Forellenbach heißen die goldführenden Gewässer in der Umgebung. Auf dem Weg zum Forellenbach federt der Boden manchmal wie ein Trampolin. Wurzeln, Erde und Moos bedecken jahrhundertealte Hohlräume, die Goldsucher seit dem Mittelalter geschaffen haben.
Die begnügten sich nicht damit, im Bächlein nach Flinserln zu fischen. Es wurde gebohrt und gehämmert, Gestein zerkleinert und zertrümmert, um an das begehrte Edelmetall zu gelangen. Zahlreiche Schürfgruben und Abraumhalden säumen den schönen Spazierweg durch dichten Mischwald und haben ein neues Biotop geschaffen.
Mitten im Wald steht eine Kiste. Aus diesem „Schneewittchensarg“ holt Günter die Schüsseln, Schaufeln und Siebe für die Teilnehmer. Pias kleiner Bruder Ryk (4) versteht Sinn und Zweck des Unternehmens natürlich noch nicht so ganz, aber schaufelt fleißig Steine ins Sieb. Nikki (15), die große Schwester, schnappt sich schnell alle Utensilien und ist sich gleich sicher: „Hier! Ich hab meinen Platz gefunden!“
Die Kinder sind ganz in der Natur
Mit Mutter Gaby und Vater Thomas macht sich auch die 13-jährige Ivy ans Goldwaschen. War anfangs die Aufregung groß, sind jetzt alle ganz still bei der Arbeit. „Das ist immer so, auch bei den Kindergeburtstagen, die wir häufig ausrichten“, sagt Günter.
„Die Kinder sind oft hyperaktiv, aber wenn sie sich aufs Goldwaschen konzentrieren, kommen sie runter. Sie sind dann einfach ganz in der Natur.“ Und wenn mal ein bisschen Wasser in die Gummistiefel läuft: auch egal.
Vor allem Ryk patscht begeistert durch den handtuchschmalen Forellenbach und wird von seinen Schwestern immer wieder verscheucht. Sie haben schließlich etwas zu tun. Es gibt ja auch „Diamanten“ zu finden, wie Ivy die blinkenden Quarzteilchen nennt. Es gilt, Katzengold zu erkennen, es ist deutlich leichter als echtes Gold.
Günter erklärt: „Gold muss die Chance haben, sich am Boden der Schüssel abzusetzen. Es ist das schwerste Element, danach kommt Ilmenit, die schwarze Erde. Wenn nach dem Auswaschen nur noch Ilmenit in der Schüssel ist, lohnt sich die Flinserl-Suche ganz besonders.“
So vielseitig ist Gold
Drei Flinserl hat die Familie nach einer Stunde beisammen. Zehn bis fünfzehn davon würden ein Gramm Gold ergeben, das zurzeit um die hundert Euro wert ist.
Mehr Zahlen und spannende Infos rund um „Bayerns goldenes Geotop“ hält das „Doktor-Eisenbarth- und Stadtmuseum“ in Oberviechtach bereit, das seit zwanzig Jahren in der schönen, alten Marktmühle aus dem 15. Jahrhundert untergebracht ist.
Was man mit einem Gramm Gold anstellen kann, erklärt Museumsführerin Juana Demleitner: „Beim Vergolden reicht es für einen Quadratmeter. Und die Leoni-Werke in Nürnberg haben mal einen Golddraht gezogen, dünner als ein Haar, aber drei Kilometer lang!“ Draußen vor dem Museum demonstriert ein nachgebautes „Pochwerk“, wie das geschürfte Gestein zerkleinert und auf Goldspuren untersucht wurde.
Ein Original aus dem Mittelalter gibt es nur noch in Rumänien. Im ehemaligen Kartoffelkeller im Tiefgeschoss können die Besucher sogar in ein aufwendig modelliertes „Goldbergwerk“ hinabsteigen.
Ratespaß für Kinder
Der erste Stock widmet sich dem wohl bekanntesten Sohn der Stadt, der als fahrender Wundarzt und Handwerkschirurg vor mehr als 300 Jahren durch die Lande zog und von Nord bis Süd mit damals sehr unkonventionellen Methoden die Patienten kurierte.
Um 1800 machte ein Spottlied den Medikus nach seinem Tod erst so richtig bekannt: „Ich bin der Doktor Eisenbarth, kurier die Leut‘ auf meine Art …“ Sein berühmtes Elixier, mehr oder weniger ein kräftiger Kräuterschnaps, produziert die örtliche Apotheke nach Geheimrezept. Auch im Museum ist es erhältlich.
Für Kinder sicher spannender ist die angeschlossene Handwerksausstellung. Da sieht man, wie Flachs gesponnen und ein Schuh aus Leder und genagelter Sohle hergestellt wird. Begleitend dazu hat sich die Museumsleitung ein schönes Spiel ausgedacht, nur eines von vielen interaktiven Angeboten des Museums: In einer Wand öffnen die Kinder Fächer, hinter denen sie Objekte aus früherer Zeit sehen.
Zum Beispiel eine riesige, rostige Schere. Was ist das? Eine Nagelschere für Tiere, eine Schere zum Haareschneiden oder doch eine, um Stoffe zuzuschneiden? Beim Raten wird viel gekichert und untereinander erklärt, auch Vorschulkinder haben hier ihren Spaß.
Goldrichtig für Wanderer und Radler
Für Familien, die gemeinsam die Umgebung und den Oberpfälzer Wald erkunden wollen, ist auch einiges geboten. Zuallererst der grenzüberschreitende Goldsteig, der, von Marktredwitz kommend, bis Passau führt und dabei Oberviechtach passiert.
Eine Variante führt überdies über Schönsee nach Böhmen. Und auch Radler sind hier goldrichtig: Auf einer aufgelassenen Bahntrasse verläuft der familienfreundliche „Bayerisch-Böhmische Freundschaftsweg“ vom rund 30 Kilometer entfernten Nabburg mit seiner mittelalterlichen Stadtmauer über Oberviechtach und hinüber nach Horšovský Týn in Tschechien. Insgesamt sind es knapp 100 Kilometer, die sich je nach Laune und Kondition in diverse Etappen aufteilen lassen.
Riesige „PanoramaBank“
Mit der hölzernen Riesenbank auf dem Galgenberg oberhalb des Ortskerns von Oberviechtach wartet seit 2024 noch eine weitere Attraktion auf Familien. Pia, Ivy und Ryk sind jedenfalls restlos begeistert davon, hier nach Herzenslust herumzuklettern. Und auch Nikki hat mit ihren 15 Jahren sichtlich Spaß daran. Wer traut es sich, hinunterzuspringen? Kann man sich aus eigener Kraft raufziehen?
Die neue Bank ist auch ein Beispiel für den Zusammenhalt im Ort. Der Bauhofleiter hatte die Idee, der Bürgermeister war schnell überzeugt, dann wurde angepackt. Und schon hatte der 5.000-Einwohner-Ort einen erstklassigen Instagram-Spot, denn Fotos der Menschlein auf der sieben Meter breiten, zwei Meter tiefen und fast drei Meter hohen XXL-Bank sehen einfach zu kurios aus. Ein Massensitz-Weltrekord wurde übrigens noch nicht aufgestellt …
Nostalgie tanken!
Nur ein paar Schritte weiter hat im Emil-Kemmer-Haus eine neue Gastronomie eröffnet, die dem Ort ebenfalls guttut. Neben bayerischer Küche gibt es auch Burger mit Heublütenkäse oder ein „Goldhendl“ mit Kürbiskruste, eine Kinderkarte mit Pommes-Spätzle-Nuggets-Angebot sowie Spielzimmer und Spielplatz in Sichtweite.
Unterhalb der großen Sommerterrasse liegt die allerliebst in Pink und Weiß bemalte Tankstelle Brunner, die ihre Herkunft aus den 1950ern nicht verleugnen kann. Zur Saison werden schon mal Birnen aus einem Korb verkauft, ansonsten gibt es Getränke und Süßigkeiten.
Als der Benzinpreis über zwei Euro stieg, war die jahrzehntealte Anzeigetafel überfordert – mehr als 1,99 war damals nicht vorgesehen. Das brachte Oberviechtach sogar Aufmerksamkeit in überregionalen Medien und Sozialen Netzwerken ein.
Versteckspiel in der Burgruine
Über das Siechenbachtal reicht der Blick von der Bank bis zur Burg Haus Murach, von der aus in früheren Zeiten die gesamte Region verwaltet wurde. Heute ist nur noch eine Ruine übrig, aber eine, von der sich eine weite Aussicht bietet und in der man zwischen alten Mauern wunderbar Verstecken spielen kann.
Wie schon sein Vater kümmert sich Manfred Senft als Burgwart um das Gelände, den Schlüssel dazu kann man in seinem nahegelegenen Haus in Obermurach holen. Zu Füßen der Burg lädt ein großer Spielplatz zum Herumtollen ein.
Eine kleine Kletterwand fordert die Kinder an einem stilisierten Modell der Burg heraus. Einen guten Überblick über die einst überaus imposante Burganlage sowie über die Stadt Oberviechtach bieten zwei schöne Modelle im Stadtmuseum.
Escape-Spiel im Museum
Dort ist nicht nur an Regentagen das spannende Escape-Spiel „Die verschwundene Goldkette“ die große Attraktion (Vorabanmeldung nötig). Verschiedene Hinweise führen die Kinder durch die gesamte Ausstellung.
Nur wenn sie versteckte Botschaften entschlüsseln, kommen sie weiter. Im unterirdischen Goldbergwerk liegt zum Beispiel eine Taschenlampe, mit deren Hilfe man eine weiterführende Inschrift entziffern kann – aber ganz so leicht ist es dann doch nicht …
Wissenswertes über den Goldabbau, das Gestein und die Flinserl erfährt man im Erdgeschoss. Je weiter die Flinserl von ihrer Austrittsstelle entfernt sind, desto runder hat sie der Bach geschliffen. Findet man besonders kantige Exemplare, ist eine ergiebige Goldquelle nicht weit entfernt.
Das wussten auch die Venezianer, die im Mittelalter auf der „Goldenen Straße“ über Nürnberg bis nach Prag reisten und unterwegs den Oberpfälzer Wald auf der Suche nach Gold, Mangan und Kobalt für die Veredelung ihres Murano-Glases ordentlich umgruben.
Günter gibt noch einen Tipp für potenzielle Goldsucher: „Vor einigen Wochen hat nahe dem Forellenbach der Blitz eingeschlagen. Ich kann es mir nicht anders erklären, als dass die elektrische Spannung Gold im Gestein gelöst hat. Jedenfalls haben wir zwei Tage später sehr viel mehr Flinserl als sonst gefunden!“ Ein bisschen Mysterium ist beim Goldwaschen also immer dabei …