Blaibach? 1.950 Einwohner, kein Supermarkt, ein Bäcker, ein paar Wirtshäuser. Da greift so mancher schnell zum Begriff „Kaff“. Wäre da nicht das Konzerthaus, in dem Größen wie Plácido Domingo, Kent Nagano oder Arcadi Volodos, einer der besten Pianisten der Welt, zu hören sind
Konzerthaus Blaibach und das Höllensteinhaus im Bayerischen Wald
„Des glaubst doch selber net!“, entgegneten aufgebrachte Bürger, als Thomas E. Bauer, ein international renommierte Bariton, auf einer Versammlung versprach, seinen Kollegen Plácido Domingo in das von ihm geplante Konzerthaus nach Blaibach zu holen.
Statt einiger heruntergekommener Nachkriegsbauten sollte es die neue Ortsmitte bilden, eine verrückte Vision, die der Opernsänger gemeinsam mit dem Architekten Peter Haimerl ausgeheckt hatte. Ein Konzerthaus in einer Gemeinde im Bayerischen Wald mit sinkender Bevölkerungszahl? Man war dagegen.
„Der berühmte spanische Tenor ist vermutlich der einzige klassische Musiker, den sie kennen, also habe ich diesen Namen in die Runde geworfen, um den Widerstand vieler Blaibacher gegen unser Projekt auszuhöhlen“, erinnert sich Thomas E. Bauer in der Wohnküche seines 200 Jahre alten Waldlerhauses, neben dem der radikal brutalistische Quader von Peter Haimerl schräg aus dem Boden ragt.
Unglaublich, aber wahr: Seit 2014 treten dort tatsächlich internationale Stars auf, 20 Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt. Die Region um Cham war eher für den Pfingstritt im benachbarten Bad Kötzting bekannt als für klassische Musik.
Größenwahn? Na klar!
Bauer erinnert sich: „Größenwahnsinnig waren wir schon. Peter Haimerl und ich saßen auf der Bank vor meinem damals noch nicht renovierten Haus. Einer von uns beiden sagte plötzlich: ‚Wir bauen hier gegenüber ein Konzerthaus.‘ Haimerl witzelte: ‚Wir müssen die Leute zombifizieren, also irgendwie dazu kriegen, etwas zu machen, von dem sie keine Ahnung haben, Architektur zum Beispiel, die mutig und verrückt ist.‘“
Magnet für 30.000 Besucher
Wo einst die Bärwurz-Quellen sprudelten, Steinhauer mit harter Arbeit wenig Geld verdienten und jetzt überwiegend Auspendler leben, hatte man mit Hochkultur nicht so viel am Hut. Gab es doch die Feuerwehrkapelle, das Ostbayerische Jugendorchester, den Gaukönigsball der Schützen, eine Fußwallfahrt. Wozu Geld für elitäre Sachen wie ein Konzerthaus ausgeben? Ein Schwimmbad wäre besser.
„Ich sehe gar nicht ein, warum sich klassische Musik und Kultur immer verteidigen müssen“, ereifert sich Thomas E. Bauer und tigert in seiner Wohnküche auf und ab. „Nichts gegen Volksmusik, alles gut, aber wir sind auch noch da, und man sollte uns nicht gegeneinander ausspielen.“
Bauer und Haimerl haben es geschafft. Die 200 Plätze sind immer zu 99 Prozent ausverkauft, das macht 12.000 Konzertbesucher im Jahr, dazu kommen 18.000 Menschen, die wegen der Architekturführungen nach Blaibach kommen.
Parkplatz oder Konzerthaus?
Geld war wie so oft der Hebel, der die Dinge bewegt. Dem Gemeinderat gefiel es, dass das Konzerthaus die Gemeinde nicht viel mehr kosten würde als ein Parkplatz, nämlich 500.000 Euro. Der Rest kam von Sponsoren, Spendern und aus einem Fördertopf für städtebauliche Veränderung.
Peter Haimerl und sein Büro haben nicht nur umsonst gearbeitet, sondern auch die Finanzierung mitgetragen. Die künstlerische und finanzielle Verantwortung für das Programm stemmt Thomas E. Bauer, auch er arbeitet ohne Honorar. Der Gemeinde entstehen keine Folgekosten.
„Mit dem Konzerthaus wollen wir der Region etwas zurückgeben“
Warum machen die beiden das? „Wir könnten auch Hirschfilet essen und Schubert hören, anstatt so ins Risiko zu gehen, aber wir sind beide vom Bayerischen Wald geprägt. Mit dem Konzerthaus wollen wir der Region etwas zurückgeben“, begründet Thomas E. Bauer sein Engagement.
Er ist in Metten aufgewachsen, einem Einödhof in der Gemeinde Bernried, die Familie war arm, entdeckt wurde er von den Regensburger Domspatzen. „Ich muss mich immer noch kneifen, wenn ich auf die Bühne gehe. Bin ich das wirklich, der jetzt gemeinsam mit Klassikstars die Elbphilharmonie eröffnet?“, sagt er. „Ich bin demütig und dankbar.“
Das Wunder von Blaibach
Über die mutige und radikale Architektur des Niederbayern Peter Haimerl jubelten die „Bauwelt“ und andere renommierte Publikationen und Architekturfreunde. Die Akustik ist phänomenal und das Programm hochkarätig. Auch die Blaibacher selbst stehen längst hinter ihrem Konzerthaus, die meisten jedenfalls. „Das Wunder von Blaibach“, titelte ein Magazin.
Neben dem großen Wunder geschehen in Blaibach auch kleinere. Mario Pittoni, Mitte 30, ist Ofenbauer. Der Urenkel eines Arbeitsemigranten aus Friaul führt durch den ehemaligen Kolonialwarenladen seiner Urgroßtante Fanni Pittoni, den er 2023 neu belebt hat. Mehr als ein paar Schritte muss er dafür nicht machen.
Pittoni verdient keinen Cent an dem Laden. Darüber hinaus setzt er auf das Vertrauen der Kunden, jeder rechnet selbst ab und wirft das Geld in eine Kasse. Die ist festgeschraubt, man muss die Leute ja nicht zu sehr in Versuchung führen.
„Ich wollte etwas für die Kinder und die alten Leute tun, für die es im Dorf keine Einkaufsmöglichkeit mehr gibt“, sagt er. „Vor und nach meiner eigentlichen Arbeit kümmere ich mich um Einkauf und Organisation. Die Bilanz stimmt meistens. Für die Kinder ist es manchmal eine Mutprobe, etwas zu stibitzen, aber die spreche ich dann an. Ich weiß schon so ungefähr, was läuft.“
Neben ihm steht ein Softeisautomat mit 24-Stunden-Betrieb, den er irgendwo günstig aufgetrieben hat. Der Hit in einem Dorf ohne Eisdiele, noch dazu zum Selbstkostenpreis.
Wo kann man ratschen?
Kneipen zum Ratschen gibt es nicht, im „Alten Gasthaus Wieser“ gegenüber vom Konzerthaus sitzt die Wirtin zwar auf einer Sammlung von über 700 Flaschen exzellenten Whiskys, auch ein Wunder im Wald, aber irgendwie auch auf verlorenem Posten. Nichts los hier.
Für Unterhaltung sorgt Mario Pittoni. Er hat einen Kicker hergerichtet und in ein Nebenzimmer des Ladens gestellt. Ein paar Männer traktieren den Kasten mit Getöse, der Ball knallt ins Tor, darauf ein Bier aus dem Getränkeautomaten. Man steht beieinander an einem improvisierten Tresen vor dem Laden. Wie sie das Konzerthaus finden?
Der Sparkassenchor steht auf derselben Bühne wie der Dirigent Kent Nagano oder der Pianist András Schiff
Johannes Aschenbrenner, gesetzter Typ mit weißem Seehundschnauzer, strahlt: „Ich bin mit dem Chor bei einer Veranstaltung der Sparkasse dort aufgetreten. Es ist der Wahnsinn. Du darfst dir keinen Fehler erlauben, bei der Akustik hört man alles.“
Weil sich die Gemeinde das Recht auf einige lokale Veranstaltungen reserviert hat, steht der Sparkassenchor auf derselben Bühne wie der Dirigent Kent Nagano, der Pianist András Schiff, solche Leute.
„Ich habe drei oder vier Mal meine betagte Nachbarin zu Konzerten begleitet“, stimmt Mario Pittoni zu, „Ich habe mich kaum getraut zu atmen. So einen Klang habe ich noch nie gehört! Ab und zu helfe ich beim Transport der Flügel in das Konzerthaus. Wie teuer die sind! So etwas hier in Blaibach! Jeder kennt uns jetzt!“
Vom Kulturgranit zum Höllenstein
Die Bekanntheit Blaibachs kommt dem „Höllensteinhaus“ zugute, das im April 2025 in 10 Kilometern Entfernung eröffnet wurde. Orange leuchten die Details der ungewöhnlichen und zeitgenössischen Architektur des Büros Bergmeisterwolf aus Brixen auf einer bewaldeten Felsklippe über dem Höllensteinsee.
Der Ausblick von der Terrasse auf „Bayerisch Kanada“ ist grandios. „Mittags bleiben wir ein Ausflugslokal wie das alte Seehaus, das an dieser Stelle stand“, beschreibt Betriebsleiterin Lisa Lemberger das Konzept des Hauses, „Nur besser. Aus Überzeugung kochen wir mit regionalen, biologisch produzierten Zutaten, das ist natürlich etwas teurer.
Die Teller werden hübscher angerichtet. Für den Abend können wir langsam ein anspruchsvolles Publikum aufbauen, vom Konzertbesucher bis zur Mountainbikerin ist alles dabei.“
Von der neuen Offenheit für innovative, mutige Architektur profitierte auch der Künstler Leo Schötz mit seinem Blechhaus in Pulling bei Blaibach. Den rostfarbenen Solitär stellte er 2015 auf eine große Wiese, die er von seinem Vater geerbt hatte.
„Ich hatte natürlich den ganzen Aufruhr um das Konzerthaus mitgekriegt“, beschreibt er die aufregende Zeit in seinem Heimatdorf. „Der Pfarrer musste die Bürger von der Kanzel herunter zur Vernunft aufrufen. Als sich alles beruhigt hatte und das Konzerthaus stand und die meisten damit glücklich waren, sah ich eine Chance, meine eigene extravagante Idee genehmigt zu bekommen. So war es auch.“
Noch eine Architektur-Ikone
Zu dem ultraschlichten Haus mit Satteldach pilgern an Architektur interessierte Menschen, es steht wie eine Skulptur in der Landschaft. Der rostfarbene Cortenstahl von Dach und Fassade leuchtet bei jedem Wetter anders. „Nur wer verbohrt ist, kann diese Schönheit nicht wahrnehmen“, sagt Schötz.
„Hassbotschaften musste ich leider wegstecken, aber der Regionalpreis Niederbayern und Oberpfalz, den das Team von fabi architekten und ich für das Haus bekommen haben, ist das Entscheidende – und die unglaubliche Freude, hier wohnen und arbeiten zu dürfen. Lass sie reden, ich habe meine Kunst.“
„Der ganze Lärm kommt immer nur von einigen wenigen, eigentlich ist der Bayerische Wald sehr liberal“, weiß Peter Haimerl, der sich nicht nur hier seit Jahrzehnten mit innovativen Restaurierungen alter Gebäude einen Namen gemacht hat.
„Die Seilschaften und die Hierarchien sind durchlässiger, die Preise sind nicht so uferlos hoch, alle wurschteln durcheinander und machen ihr Ding. Dabei lassen sie dich meistens in Ruhe.“
Die klingen am besten
Das Konzerthaus Blaibach befindet sich soundtechnisch in der erlesenen Gesellschaft von der Amsterdamer Concertgebouw, der Elbphilharmonie, der Sydney Opera, der Suntory Hall in Tokio, der Bridgewater Hall in Manchester und der New Yorker Carnegie Hall.
Einer der zehn besten Akustiken der Welt
Und was wurde eigentlich aus dem versprochenen Plácido Domingo? Hat Thomas E. Bauer sein Versprechen gehalten? Ja. Am 30. Januar 2025 stand der Weltstar in Blaibach auf dem Podium. 80 Minuten lang sang er beliebte Arien von Dvořák und Verdi, Puccini, Lehár und anderen.
Birgit Doerk, Wirtin der „Enoteca Lucca“, zeigt auf ein gerahmtes Foto des Weltstars an der Wand ihres Restaurants. Thomas E. Bauer hat die Pizzeria zum Künstlerlokal auserkoren, nach den Konzerten kehrt man bei ihr ein. Birgit und Duck Doerk gehen voll in ihrer Aufgabe auf, die Portionen sind großzügig und köstlich.
„Ich stelle mich auch um Mitternacht noch in die Küche, wenn ein Musiker Hunger hat“, beteuert sie. „Plácido Domingo war total begeistert, er war mit der ganzen Familie da und hat sich wie zu Hause gefühlt.“
Duck Doerk bringt Thomas E. Bauer einen Bärwurz, seine kostbare Stimme muss auch mal einen Bayerwalddiesel aushalten. Dann erzählt Bauer, wie die Sache mit Domingo zustande kam: völlig unspektakulär.
„Ich habe ihn mal bei einem Kaffee gefragt, ich glaube, es war in der Mailänder Scala, ob er eine Lücke im Tourneekalender dafür nutzen möchte, unsere Akustik auszuprobieren. Wir hatten schon Kultstatus und den Ruf, zu den zehn besten Sälen weltweit zu gehören. Er wollte.“