Zwischen Kurschatten, Moorpackung, Qi Gong und Workation. Wie Bayerns Heilbäder wurden, was sie sind. Was sie für unsere Gesundheit tun. Und warum sie absolut kein „Rentner-Ding“ sind
Heilbäder in Bayern:
Alles, was man wissen muss
Dampfschwaden wabern über dem Außenbecken. Mit 56 Grad sprudelt das Schwefelwasser in Bad Füssing aus 1.000 Metern Tiefe. In den Thermen hat es noch 33 bis 35 Grad, sogar 39 Grad im Hyperthermal-Bad.
Ein junger Mann hat im kühleren Schwimmerbecken ein paar Bahnen gezogen. Nun genießt er mit seinem kleinen Sohn das weltweit einzige Thermalwasser-Wellenbad. Zur selben Zeit entspannt seine Frau im Saunabereich. Dort hat sie (unter anderem) die Wahl zwischen Finnischer Sauna, Bio-Soft-Sauna, Hammam oder Sole-Dampfbad.
Die junge Familie aus Stuttgart hat drei Tage Auszeit vom Großstadtlärm gebucht: „Früher wären wir nie auf die Idee gekommen, in ein Heilbad zu fahren. Das war für uns immer was für Rentner." Der Mittdreißiger lacht. „Aber dann haben Freunde uns nach einem Entspannungs-Wochende in Bad Aibling erzählt, wie sich das alles verändert hat."
Die Johannesbad-Therme zählt zu den größten Europas und bietet eine Menge Attraktionen: Thermal-Wellenbad, Salzwasser-Felsenlagune, XXL-Whirlpools, Gegenstrombäder, einen über 100 Meter langer Strömungskanal, Wasserfälle, ein 30 Meter langes Schwimmerbecken.
Dazu kommen acht sogenannte Bewegungsbäder, deren therapeutische Wirkung auf der Kombination von Wärme, Auftriebskraft und Reibungswiderstand basiert.
Bayerns Staatsbäder und Heilbäder, die im 19. Jahrhundert vor allem königliche und adelige Kurgäste anzogen, haben sich in den letzten Jahrzehnten mehrfach neu erfunden. Die Thermen ziehen nun auch eine Klientel an, die man dort früher kaum sah: Junge Familien und Paare, die Erholung suchen.
Heilende Quellen für Roms Truppen
Die Geschichte der bayerischen Badekultur reicht zurück ins Römische Reich. Bereits die Römer nutzten heiße Quellen zur Erholung, auch nördlich der Alpen. In Bad Gögging etwa legten römische Legionäre im ersten Jahrhundert nach Christus ein Militärbad an, gemäß dem Motto „Mens sana in corpore sano".
Das schwefelhaltige Wasser half der Soldateska bei Gelenkbeschwerden nach langen Märschen. Eindrucksvolle Belege früher Wellness-Freuden sind die Thermenreste in Weißenburg und Kempten.
Danach geriet das Badewesen in Vergessenheit, bis im 15. Jahrhundert Mönche und Adelige die Heilquellen neu entdeckten. Die Benediktiner betrieben in Bad Adelholzen eine Badeanstalt, Kurfürsten ließen sich in Bad Kissingen kurieren.
Die Blütezeit der bayerischen Kurorte begann mit der Etablierung der Balneologie als medizinische Disziplin im 19. Jahrhundert.
Könige, Zaren und Kurschatten
König Ludwig I von Bayern erkannte das wirtschaftliche und gesundheitspolitische Potenzial der Heilquellen. Er förderte den Ausbau von Kissingen, das zum ersten bayerischen „Staatsbad“ ernannt worden war, und veranlasste unter anderem den Arkadenbau.
1864 besuchte König Ludwig II. zum ersten Mal Kissingen und schwärmte von dessen „Glorie der Reinheit“. Das Städtchen an der fränkischen Saale wurde zum mondänen Treffpunkt der europäischen Aristokratie.
Nachfolger Prinzregent Luitpold ordnete den Bau von Theater, Maxbrunnen und Regentenbau sowie Wandel- und Brunnenhalle nach Plänen des Münchner Stararchitekten Max Littmann an.
Die Gästeliste kann sich sehen lassen: Zar Alexander II von Russland, Kaiserin Elisabeth von Österreich (6 Kuraufenthalte), Reichskanzler Otto von Bismarck (15 Kuraufenthalte), Theodor Fontane, Leo Tolstoi, Max Liebermann und Albert Einstein kurten in Bad Kissingen.
Alle waren sie in Bad Kissingen: Zar Alexander II. von Russland, Kaiserin Elisabeth von Österreich, Leo Tolstoi...
Zu dieser Zeit, der Belle Époque, entstand auch der Begriff Kurschatten, eine euphemistische Umschreibung außerehelicher Affären. Literarisch verewigt wurde er durch Thomas Manns Clawdia Chauchat und Hans Castorp im „Der Zauberberg".
In Bad Reichenhall förderte man das weiße Gold aus den Solequellen. Die königliche Saline wurde zum Wirtschaftsmotor, das Gradierhaus zur Sehenswürdigkeit. Noch heute spazieren Besucher durch den feinen Solenebel, atmen tief und befreiend durch. Der Salzgehalt der Luft entspricht jener am Meer, und das mitten in Bayern.
Krise? Neuerfindung!
Ende des 20. Jahrhunderts wurde es herausfordernd: Das Gesundheits-Struktur-Gesetz von 1993 schränkte die Kostenübernahme für klassische Kuren massiv ein, verkürzte die Kurdauer von bis zu sechs auf drei Wochen.
Gäste blieben aus und manches Heilbad stand vor der Wahl: Untergehen oder sich völlig neu ausrichten. Die Antwort hieß Wellness. Ein Begriff, der in Deutschland erst in den 2000er-Jahren populär wurde, verhieß Rettung für die Heilbäder. Die Transformation respektive Öffnung verlief nicht überall gleich schnell und tiefgreifend.
Bad Füssing investierte früh in moderne Thermen. Das „Johannesbad" wurde erweitert, die „Therme Eins" erneuert. Statt kargem Kachel-Charme gab es bunte Erlebnislandschaften mit Strömungskanälen, Sprudelliegen und Außenbecken.
Bad Griesbach setzte auf eine Kombination aus Thermal- und Golfangeboten. Sechs Golfplätze locken heute sportliche Gäste an, die nach der Runde in 60 Grad heißem Wasser regenerieren.
Auch architektonisch wagten die Bäder Neues. Für Bad Aibling entwarf das Architekturbüro Behnisch Architekten eine Therme, die 2007 eröffnet wurde und mit ihrer geschwungenen Konstruktion internationale Preise gewann. Lichtdurchflutet, organisch geformt, eingebettet in einen Park: ein fröhlicher Gegenentwurf zu den funktionalen Bauten der 1970er und 1980er.
Ayurveda, TCM und junge Familien
Wer heute eines der bayerischen Heilbäder besucht, findet eine erstaunliche Vielfalt vor. Die klassischen Kuranwendungen existieren aus guten Gründen weiter: Fango-Packungen, Mooranwendungen, Massagen. Darüber hinaus haben sich Angebote etabliert, die vor 20 Jahren undenkbar gewesen wären.
„Ein gesunder Lebensstil ist der Masterplan gegen altersbedingten Abbau.“
(Dr. Roger Eisen, Arzt, Autor und Longevity-Experte)
Im „Spa & Familien Resort RupertusTherme“ in Bad Reichenhall etwa gibt es einen eigenen Bereich für Floating. In einem abgedunkelten Raum liegt man in körperwarmem Salzwasser und schwebt schwerelos. Alle Muskelgruppen, besonders die Nacken- und Rückenmuskulatur, entspannen sich dabei komplett, der Druck auf Bandscheiben und Gelenke verschwindet, die Wirbelsäule kann sich strecken.
Wasserdruck und der Auftrieb, der den Körper in einen Schwebezustand versetzt, wirken sich auch positiv auf Atmung, Blutzirkulation sowie Stoffwechsel aus.
Eine besondere Wohltat für die Bronchien ist das Einatmen quellfrischen Thermal-Mineralwassers in 60 Grad warmen Inhalations-Dampfbädern.
In Bayerns jüngstem Kneipp-Heilbad, dem ostbayerischen Bad Kötzting, kann man sich, ergänzend zur Kneippkur, nach den Regeln der Traditionellen Chinesischen Medizin TCM behandeln lassen. Das fränkische Bad Bocklet wiederum bietet eine große Bandbreite an authentischen Ayurveda-Therapien mit Ärzten aus Indien. Und in Bad Birnbach locken Yoga-Wanderwege wie der Rottaler Chakren-Yoga-Weg.
Die bayerische Kombination aus Wellness und Aktivprogramm zieht Familien an. Bad Tölz verbindet seine Jodschwefel-Therme mit einem umfangreichen Wanderangebot. Die Blombergbahn bringt Familien auf den Hausberg, im Winter lockt die Naturrodelbahn.
Nach einem Tag in den Bergen taucht man abends im warmen Thermalwasser unter. Die Kinder plantschen im Erlebnisbecken, die Eltern genießen die Stille im Solebecken. Totale Entspannung.
Baby-Spa und Waldbaden? Na klar!
In Bad Wörishofen, dem Heimatort von Sebastian Kneipp, werden Kurse in Waldbaden angeboten. Ein Waldpädagoge führt Gruppen durch den Kurpark, lässt sie bewusst atmen, Bäume umarmen, die Sinne schärfen. Was esoterisch klingt, basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen: Der Aufenthalt im Wald senkt nachweislich den Cortisolspiegel und stärkt das Immunsystem.
Der Aufenthalt im Wald senkt nachweislich den Cortisolspiegel und stärkt das Immunsystem.
Der Heilwald von Bad Wörishofen ist Deutschlands erster Therapiewald nach medizinischen Standards: Auf ausgewiesenen Pfaden werden gezielt Atemübungen, Barfußgehen und Waldmeditation angeleitet. Wissenschaftlich begleitet, senkt der Aufenthalt nachweislich Stresshormone. Dieses Konzept verbindet Kneipps Naturheilkunde mit moderner Waldtherapie aus Japan.
Auch das Thema Digital Detox spielt eine Rolle. Hotels in den Kurorten bieten Pakete an, bei denen Gäste ihr Smartphone für die Dauer des Aufenthalts abgeben. Stattdessen gibt es Bücher, Brettspiele, geführte Meditationen.
Für Familien mit Kleinkindern haben viele Bäder spezielle Bereiche geschaffen. Die Limes-Therme in Bad Gögging verfügt über ein separates Familienbecken mit niedrigerer Wassertemperatur. Kinder planschen, während die Eltern abwechselnd die Saunalandschaft nutzen.
Bad Füssing bietet sogar einen Baby-Spa-Bereich, in dem Säuglinge ab drei Monaten in warmem Wasser sanft bewegt werden. Eine Hebamme leitet die Kurse, Eltern lernen Grifftechniken für zu Hause.
Zwischen Tradition und Innovation
Die Balance zwischen historischem Erbe und modernen Ansprüchen will gehalten werden. Vielerorts wurde die historische Bausubstanz bewahrt und behutsam modernisiert. Gleichzeitig investieren die Bäder in zukunftsweisende THerapien und Technologien.
Das Bad Reichenhaller Therapiezentrum für Atemwegserkrankungen behandelt mit modernster Diagnostik Asthma- und COPD-Patienten. Auch gesunde Gäste profitieren: Präventionskurse vermitteln Atemtechniken und zeigen, wie man die positiven Effekte der Soleinhalation nutzt.
Fachleute sehen eine „Renaissance der Prävention“. Die Generation zwischen 30 und 50 wolle nicht warten, bis der Körper Probleme macht: Stichwort Longevity. Sie möchte aktiv vorsorgen und Stress abbauen, bevor er chronisch wird. Heilbäder mit ihren natürlichen Heilmitteln seien dafür ideal und könnten Wege zu einem anhaltend gesünderen Lebensstil aufweisen.
Auch entstehen neue Thermen, wie in Oberstdorf. „Oberstdorf setzt auf Gesundheit als Ganzjahresstrategie und hochwertigen Qualitätstourismus, das ist ein starkes Beispiel für mutige Investitionen“, so Heilbäder-Präsident Peter Berek.
Bayerns Heilbäder und Kurorte legen ihre Schwerpunkte auch auf Prävention, Resilienz und Longevity, auf wissenschaftsbasierte Naturheilverfahren und neue Workation-Modelle, die Arbeiten und gesundheitsorientierte Auszeiten verbinden. „Wir entwickeln uns weiter, innovativer, präventionsstärker und digitaler, und bauen gleichzeitig auf unsere gewachsenen Stärken“, so Berek.
Nachhaltigkeit als Qualitätsmerkmal
Ein Thema, das für die Zielgruppe zwischen 30 und 50 zunehmend entscheidend ist: Nachhaltigkeit. Die bayerischen Heilbäder haben einen natürlichen Vorteil. Thermalwasser ist eine regenerative Ressource. In Bad Füssing etwa fördert man jährlich 4,5 Millionen Kubikmeter Wasser, es wird ohne zusätzlichen Energieeinsatz genutzt.
In Bad Griesbach versorgt eine Geothermieanlage Hotels und Thermalbäder mit Wärme. Auch bei der Mobilität denken die Orte um. Bad Reichenhall hat ein E-Bike-Verleihsystem aufgebaut, das mit Thermalstrom betrieben wird. Gäste können kostenlos Fahrräder leihen und die Region erkunden.
Was bitte ist Anti-Aging?
Ein Thema, das an Bedeutung gewonnen hat, ist die Verbindung von medizinischer Kompetenz und „Wellness“-Angeboten. Statt einer ärztlich verordneten Kur buchen Gäste freiwillig Pakete, die Check-ups, Ernährungsberatung und therapeutische Anwendungen mit Entspannung und Erholung kombinieren.
Nach Bad Bocklet und in andere Heilbäder kommen auch Gäste, die erst Mitte 30 oder 40, aber beruflich stark eingespannt sind. Durch Beschwerden wie Rückenschmerzen, Schlafstörungen oder erhöhten Blutdruck wollen sie wissen, wo sie stehen, und suchen nach Wegen, ihre Lebensführung gesünder zu gestalten.
„Heute weiß man, dass Gene beim gesunden Altwerden nur eine untergeordnete Rolle spielen und der Lebensstil mindestens 80 Prozent ausmacht. Dazu gehören gute Ernährung, Bewegung und zielorientiertes Denken.“ bringt es der Bad Birnbacher Anti-Aging-Experte Dr. Roger Eisen auf den Punkt.
Die Angebote der Heilbäder umfassen umfassende Gesundheitschecks, individuelle Trainingsempfehlungen, Stressmanagement-Kurse. Diese Kombination aus Medizin, Natur und Entspannung wirkt nachhaltig: Studien zeigen, dass 75 Prozent der Gäste auch Monate nach dem Aufenthalt gesündere Gewohnheiten beibehalten.
Gefahren sind chronisch erhöhte Blutzuckerwerte, oxidativer Stress und schleichende Entzündungen durch zu viel viszerales Bauchfett. Dagegen helfen Anwendungen mit schwefelhaltigem Thermalwasser, mit Sole sowie die Huminsäuren im Moor.
Workation im Kurpark
Viele Berufstätige arbeiten heute schon ortsunabhängig. Warum also nicht das Home-Office ins Heilbad verlegen für die „Gesundheitsorientierte Workation“. Hotels stellen dafür unter anderem Schreibtische mit Monitoren und schnellem WLAN bereit.
Vormittags wird gearbeitet, nachmittags geht es in die Therme oder zum Sport. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man entkommt der eigenen Wohnung und hat alle Annehmlichkeiten eines Kurortes. Konzentriertes Arbeiten in ruhiger Umgebung, gefolgt von echter Erholung.
Für junge Eltern mit noch nicht schulpflichtigen Kindern ist das Modell besonders attraktiv: Man verlängert ein Wochenende um ein paar Arbeitstage und hat trotzdem gemeinsame Familienzeit.
Eine repräsentative Online-Befragung von fast 1.000 Arbeitnehmern aus Bayern, die regelmäßig mobil arbeiten, ergab Folgendes: 74 Prozent der Befragten sind an gesundheitsorientierter Workation interessiert sind. 38 Prozent würden diese „auf jeden Fall“ in bayerischen Heil- und Thermalbädern durchführen.
Die Arbeitgeber befürworten dem Forschungsinstitut CENTOURIS der Universität Passau zufolge zu 32 Prozent das Konzept, weitere 47 Prozent zeigen sich offen.
Geheimtipps abseits der Klassiker
Neben großen oder bekannten Staatsbädern und Heilbädern wie Bad Kissingen, Bad Reichenhall, Bad Füssing oder Bad Griesbach gibt es in Bayern 43 weitere Kurorte und Heilbäder wie Bad Abbach an der Donau mit seinen schwefelhaltigen Thermalquellen oder Bad Kohlgrub im Voralpenland mit seinem Moorheilbad. Bad Adelholzen, versteckt in einem Seitental des Chiemgaus, hat ein besonders mineralienreiches Wasser.
Ein noch stärkerer Fokus auf Zukunftsthemen wie Resilienz, Longevity und hochwertige Präventionsangebote gehören zu den Schwerpunkten der 70 Kur- und Heilbäder sowie Kurbetriebe, die im Bayerischen Heilbäderverband organisiert sind.
Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bayerischen Landtag, Bernhard Seidenath, bringt es auf den Punkt: „Unsere Heilbäder sind eine Bank für die Gesundheit. Sie sind eine starke Säule für den Freistaat Bayern.“
Wann ist ein Heilbad ein Heilbad?
Natürliche Heilmittel: Thermal-, Mineral- und Heilquellen oder Heilmoore, Heilpeloide und Heilgase mit wissenschaftlich anerkannter Heilwirkung
Qualität der Heilmittel: Regelmäßige chemische und medizinische Überprüfung, ausreichende Ergiebigkeit für therapeutische Nutzung und gleichbleibende Qualität
Medizinische Infrastruktur: Kurärzte vor Ort, Therapieeinrichtungen und Heilmittel-Anwendungen unter fachlicher Aufsicht
Kurortspezifische Einrichtungen: Kurverwaltung und Kurparks
Klima und Umwelt: Reine Luft, geringe Lärmbelastung, verkehrsberuhigte Kurgebiete
Rechtlich anerkannt: Staatliche Prädikatisierung durch Landesbehörden, Erfüllung der Bestimmungen im Kurortegesetz, regelmäßige Überprüfung alle 10 Jahre