Gold fürs Herz

Aus 1.522 Meter Tiefe steigt in Bad Griesbach 60 Grad heißes Thermal-Mineralwasser auf. Die Einheimischen nennen es das „flüssige Gold des Rottals“. Ein Tag in der Wohlfühl-Therme zeigt, warum Entspannung ein gutes Training für Herz und Kreislauf ist

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Therme Bad Griesbach

Morgens um acht, die Türen sind gerade aufgesperrt, gehört die Badehalle noch den Frühaufstehern. Hoch ist der Raum, still liegt das Wasser, irgendwo springt leise eine Massagedüse an. Wer jetzt die Stufen ins Becken hinabsteigt, spürt die Wärme erst an den Waden, dann an den Knien – und dann kommt dieser Moment, in dem der Körper beschließt, dass Eile heute keine erstrebenswerte Kategorie mehr ist.

In der Früh, heißt es im Haus, ist am wenigsten los. Die Stammgäste wissen das. Sie kommen früh, hängen den Bademantel an den Haken, nicken einander zu und verteilen sich auf die Becken, die sich terrassenförmig staffeln. Von oben, vom großen Whirlpool aus, liegt einem die Anlage zu Füßen: die großen Becken unten, dazwischen Liegen und Hecken, hinter den Fenstern die Hügel des Rottals.

Das Wasser, in dem man hier treibt, hat eine weite Anreise hinter sich. Nicht in Kilometern, sondern in Jahren: Es sickerte vor langer Zeit durch die Gesteinsschichten des Rottals, sammelte unterwegs Mineralien ein und wartete in der Tiefe, bis jemand nachschauen kam.

Fündig an einem 6. Dezember

Dass unter dem Rottal heißes Wasser lagert, ahnte man im Grunde seit 1938, als im nahen Füssing nach Erdöl gebohrt wurde und stattdessen Thermalwasser kam – ein Fund, den man damals höflich ignorierte, um den böhmischen Kurbädern keine Konkurrenz zu machen. In Griesbach dauerte es bis in die Siebzigerjahre.
Die Bohrer stießen zunächst auf Granit, dann, in 1.522 Meter Tiefe, auf Wasser: 60 Grad heiß, mineralreich und – der Name verrät es – gefunden an einem 6. Dezember: Die Nikolausquelle war erschlossen. Zwei weitere kamen hinzu: die Marienquelle 878 Meter und die Karlsquelle 480 Meter unter der Erdoberfläche. Ihre Wärme verdanken die Quellen vulkanischen Einwirkungen in der Tiefe, ihre Mineralien dem langen Weg durch die Erdschichten.

Therme Bad Griesbach

Für den Ort Griesbach war das Wasser ein Wendepunkt: Hotels und Kliniken entstanden, 1977 erfolgte die offizielle Eröffnung der Wohlfühl-Therme. 1990 zählte man erstmals mehr als eine Million Übernachtungen im Jahr. Aus dem Luftkurort wurde ein Heilbad. Seit dem Jahr 1985 darf sich das Kurgebiet mit dem Titel „Bad“ im Namen schmücken.

Heute bildet Bad Griesbach mit Bad Füssing und Bad Birnbach das niederbayerische Bäderdreieck, und das Thermal-Mineralwasser hat im Ort längst einen Ehrentitel: das flüssige Gold des Rottals. Der Vergleich ist weniger übertrieben, als er klingt. Die Nikolausquelle gilt als die fluoridhaltigste Natrium-Hydrogencarbonat-Chlorid-Quelle Europas. In der Wohlfühl-Therme wird vor allem ihr Wasser genutzt, temperiert auf 18 bis 38 Grad und verteilt auf 16 Becken – gut 1.600 Quadratmeter Wasserfläche, terrassenförmig angelegt, mit weitem Blick ins Rottal.

Was warmes Wasser mit dem Herzen macht

Dass warmes Wasser entspannt, weiß jeder, der eine Badewanne besitzt. Dass es dabei arbeitet, wissen die wenigsten. Die Wärme weitet die Blutgefäße, die Durchblutung nimmt zu, der Kreislauf pendelt sich ein. Dazu kommt ein stiller Helfer: der Wasserdruck.

Sobald der Körper eintaucht, drückt das Wasser sanft auf Venen und Gewebe und schiebt das Blut zurück Richtung Herz – ein Venentraining, für das man nichts weiter tun muss, als bis zur Brust im Becken zu stehen. Der Auftrieb trägt derweil einen Großteil des Körpergewichts, die Gelenke freuen sich. Viele spüren es unmittelbar: Der Atem wird ruhiger, die Schultern sinken, der Puls findet einen langsameren Takt. Man könnte auch sagen: Das Wasser übernimmt einen Teil der Arbeit, die der Körper an Land allein verrichtet. Genau darin liegt der Reiz für alle, denen das Wort Training eher Respekt als Vorfreude einflößt – hier beginnt es im Schweben.

Sanfter lässt sich Vorsorge kaum organisieren. Ein Hinweis gehört trotzdem dazu: Wer mit einer diagnostizierten Herzerkrankung lebt, bespricht ausgedehnte Thermalbäder und Saunagänge vorab mit Arzt oder Ärztin. Empfohlen wird pro Bad eine Dauer von circa 20 Minuten.

Training, das sich nicht so anfühlt

Wer mehr will als treiben, wird im Halbstundentakt angeleitet: Immer zur halben Stunde ruft der Bademeister zur kostenlosen Wassergymnastik mitten im Becken. Arme kreisen, Beine schwingen, Hüften drehen. Das Wasser federt jede Bewegung ab und leistet zugleich Widerstand.
Nach zehn Minuten ist der Puls oben. Herz-Kreislauf-Training, verkleidet als Vergnügen. Wer es strukturierter mag, bucht den Aqua-Fit-Präventionskurs, und wer lieber für sich bleibt, zieht im Schwimmerbecken seine Bahnen, solange der Atem eben trägt. Dazwischen liegen Whirlpools und Massagedüsen, Schwallduschen kneten den Nacken – Stationen eines Parcours, den jeder in eigener Reihenfolge durchgeht.

Das schönste Sportgerät des Hauses aber sieht gar nicht danach aus. Im Strömungskreisel klemmt man sich eine Schwimmnudel unter die Arme, legt sich in die Kurve und lässt sich tragen. Das wirbelnde Wasser übernimmt die Arbeit und massiert im Vorbeiziehen Schultern und Rücken. Sportlich wird es, sobald man sich umdreht und gegen die Strömung geht. Für die Gefäße wartet ein besonderes Kontrastprogramm: das Kneippbecken, 18 Grad, ein kurzer, heilsamer Schreck.

Stroemungskanal in der Therme Bad Griesbach

Drei Saunen, ein Prinzip

Der zweite Weg zu robusten Gefäßen führt in die Saunalandschaft. Drei Saunen stehen zur Wahl: 60, 75 und 95 Grad warm – für jedes Temperament die passende Temperatur. Die Aufgüsse erfolgen zur vollen Stunde. Das Prinzip ist älter als jede Studie: Hitze weitet die Gefäße, die anschließende Kühlung – die kalten Dusche, der Besuch des Tauchbeckens oder gar eine Handvoll Eis vom Eisbrunnen – zieht sie wieder zusammen. Gymnastik für die Blutbahnen. Wichtig ist der Rhythmus: aufheizen, abkühlen, ruhen. Und das Ganze zwei-, dreimal.

Finnische Langzeituntersuchungen bringen regelmäßiges Saunieren mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung, was die Finnen wenig überrascht haben dürfte. Danach bleibt die Wahl zwischen Ruheraum, Whirlpool und dem Außenbereich mit Liegen. Nichts müssen, viel dürfen. Von September bis Februar bleibt die Sauna am letzten Freitag im Monat zudem bis in den Abend geöffnet – ein Event unter einem bestimmten Motto und mit besonderen Aufgüssen.

Geheimtipp Hamam

Und dann ist da noch der Hamam. Das orientalische Bad, der osmanischen Badekultur nachempfunden, ist das vielleicht am besten gehütete „Geheimnis“ der Therme: gedämpftes Licht, warmer Stein, entspanntes Liegen im Massageraum, gehüllt ins Pestemal, das bunte Baumwolltuch, während Seifenschaum wolkenweise über den Rücken wandert.

Massiert wird mit einem speziellen Handschuh, wohltuendes Thermalwasser im sogenannten Sicaklik. Danach warten Tee und Obst im Ruheraum. Eine Badekultur, die das Herz auf ihre eigene Art beruhigt. Nur eines sollte man wissen: Im Sommer macht der Hamam Pause. Wer ihn erleben will, kommt im Winterhalbjahr und vereinbart vorab einen Termin.

Gelbe Schirme, weiter Blick

Mittags füllt sich die Terrasse von „Christians Bistro“, die gelbe Sonnenschirme beschatten. Die Speisekarte bietet alles für den kleinen bis zum großen Hunger. Anschließend: Liegewiese, ein Handtuch, ein Buch, keine Termine. Die Hügel des Rottals staffeln sich so sanft in die Ferne, dass die Gegend gern mit der Toskana verglichen wird. Nötig hat sie den Vergleich nicht, aber schmeichelhaft ist er.

Dass Griesbach schon 1973, im Jahr der Quellbohrungen, zum Luftkurort ernannt wurde, passt: Auf 522 Meter Höhe herrscht ein mildes Schonklima, die Luft ist rein, die Sonnenstunden sind zahlreich. Und weil der Ort seine Therme ernst nimmt, sind einige Kurhotels unterirdisch mit ihr verbunden; man wandelt im Bademantel hinüber – ein Ritual, das so komisch aussieht, wie es praktisch ist.

Am späten Nachmittag wird das Licht weich über den Außenbecken, die letzten Schwimmer ziehen ihre Bahnen ohne Hast. Eine letzte Runde im Strömungskreisel, eine letzte Länge im warmen Wasser. Der Körper ist müde, aber auf die gute Art, die mit Erschöpfung nichts zu tun hat. Das Herz freut sich.

Wissenswertes und Info

Die Wohlfühl-Therme Bad Griesbach (Thermalbadstraße 4, 94086 Bad Griesbach im Rottal) ist ganzjährig täglich von 8 Uhr bis 21 Uhr geöffnet. Die Wassergymnastik mit dem Bademeister findet jeweils zur halben Stunde statt, sie ist ebenso im Eintritt enthalten wie die Nutzung der Infrarotkabinen und der Besuch der Dampfgrotten. Die Saunalandschaft „Sauna Pur“ bleibt mittwochs geschlossen, der Zutritt für Jugendliche ab 14 Jahren ist in Begleitung Erwachsener möglich. An jedem letzten Freitag der Monate September bis Februar öffnet die Sauna unter dem Titel „Sauna pur – mal anders“ bis 22 Uhr. Der Hamam pausiert im Sommer. Termine für das Hamam-Ritual werden ebenso vorab vereinbart wie Anwendungen von Physiotherapeuten und in der Salzgrotte.

Bad Griesbach liegt rund 25 Kilometer südwestlich von Passau im niederbayerischen Bäderdreieck.

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