Paddelnd durchs Welterbe

Sight-Paddling in Bamberg? Geht bestens. Die zwei Arme der Regnitz umfließen die Inselstadt und tragen Stand-up-Paddler direkt ins Herz des UNESCO-Welterbes mit Dom, Fischerhäuschen und barockem Palast

Lesezeit: 15 Minuten

Mit dem SUP-Board durch Bamberg

Der Morgen riecht nach Kaffee, feuchtem Gras und ein bisschen nach Fluss. Auf dem Campingplatz „Insel“ in Bug rascheln die Bäume im Wind, während die Regnitz grünbraun und gleichmütig vorbeizieht. Der perfekte Startpunkt für eine Stadtbesichtigung des nahegelegenen Bambergs, bei der wir nicht durch Gassen schlendern, sondern auf dem Wasser stehen werden.

Am Abend hatten wir unsere Zelte auf dem Campingplatz aufgebaut. 500 Meter Ufer, alter Baumbestand, Terrasse direkt an der Regnitz. Und eine Gaststätte, die Schäuferla und die Kunst des Gründers des Platzes, der gleichzeitig auch Maler ist, serviert. Fränkischer geht es kaum.

Zwischen den Skulpturen im Gras und dem von der Gaststätte herüberwabernden Stimmengewirr erklärt uns Paul, ein geborener Bamberger und geübter Stehpaddler, den Plan: „Morgen paddeln wir in die Stadt“, sagt er und deutet flussaufwärts. „Buger Spitze, Hainbad, Schleuse 100, dann mitten durchs Welterbe. Und abends ein Bier nach uraltem Rezept.“

Diese Regnitz, die hier so harmlos gluckert, habe eine ernstzunehmende Strömung, hat uns die Platzbetreiberin schon eingeschärft. Baden vom Steg ist hier verboten, Kinder sollten nicht allein ans Wasser gehen. Ein deutlicher Beleg dafür, dass wir es mit einem echten Fluss zu tun haben und nicht mit einem Badesee.

Aufbruch zur Buger Spitze

Am nächsten Morgen verscheuchen unsere Vorbereitungen die sich quakend beschwerenden Enten. Wir pumpen unsere Boards auf, verstauen Wechselshirt, Wasserflasche und Handtuch im Drybag und besprechen kurz die Strecke. „Ein Fluss ist nie Spielplatz“, sagt Paul, „wir halten Abstand zu Wehren und Schleusen und beachten die Hinweisschilder an der Wasserstraße!“

Die Regnitz trägt uns ruhig in Richtung Norden. Links und rechts Wiesen, am Ufer ein paar Angler. Vor uns zieht eine Schwanenfamilie im kühlen Wasser ihre Kreise. Nach kurzer Zeit weitet sich der Fluss. Vor uns schiebt sich die Buger Spitze ins Bild, jene Stelle, wo sich die Regnitz teilt.

Rechts geht es in den kanalisierten Arm für die Schifffahrt, links in den Arm, der am Hain entlang in die Altstadt fließt. Wir entscheiden uns für die grüne Variante. „Links wartet das ruhigere Leben“, ruft Paul lachend und sticht sein Paddel tiefer ins Wasser.

Hainbad: Nostalgisch abtauchen

Mit jedem Paddelschlag wird die Umgebung städtischer, ohne ihre Ruhe zu verlieren. Wir gleiten am Bamberger Hain entlang, einem alten Stadtpark, der nach dem Vorbild des Münchner Englischen Gartens in einem Auwald angelegt wurde. Hohe Bäume bilden ein grünes Dach, darunter verläuft ein Fuß- und Radweg, der den Stadtteil Bug mit der Altstadt verbindet.

Zwischen den Ästen blitzt plötzlich das Holz rostrot gestrichener Umkleidekabinen hervor. Wir nähern uns dem Hainbad, einer historischen Flussbadeanstalt aus einer Zeit, in der man sich noch selbstverständlich im Strom abkühlte. Das Baden im Fluss ist an dieser Stelle wieder erlaubt. Oder zumindest nicht ausdrücklich verboten. Allerdings ist der Schwimmerbereich deutlich gekennzeichnet: Gelbe Bojen markieren die Grenze. Ein paar Paddelstiche weiter führen Treppenstufen die Böschung hinauf.

Dort landen wir an, nehmen die Boards kurzerhand unter die Arme und stehen ein paar Minuten später mitten in der Sommerpostkarte: Kiosk Hainer. Orangefarbene Schirme, bunte Kissen, Geruch von Pommes. Filterkaffee und Bier von lokalen Brauereien, dazu vegane Snacks und Obazda. Kinder rennen mit Eistüten herum, auf den Tischen stehen Blumen in kleinen Vasen.

Wir bestellen Cappuccino und einen Muffin und setzen uns unter die Schirme. Es ist einer dieser Orte, die die Stadt liebenswert machen.

Schleuse 100: Das Tor ins Welterbe

Zurück auf dem Wasser ist es nur ein kurzes Stück bis zur kleinen Seilfähre, die das westliche Ufer mit dem Hain verbindet. Hier befindet sich auch – an einem Abzweig von der Regnitz – die „Schleuse 100“, die letzte intakte Schleuse des alten Ludwig-Donau-Main-Kanals.

Früher wurden dort noch Freizeitboote geschleust, heute ist damit Schluss. Für SUP-Boards ist das Schleusen auf Binnenschifffahrtsstraßen ohnehin verboten.

Ein paar Meter vor der Fähre gibt es einen Ausstieg. Wir schultern die Boards und folgen dem Spazierweg die Schleuse entlang. An dieser Stelle ist die Regnitz für Paddler tabu: starke Strömung, Wehr, Turbinenanlage. Wer hier weiterfährt, spielt mit seinem Leben. Wir halten uns rechts und folgen dem Weg oberhalb des kleinen Kanals. Am Ende der hölzernen Schleusenkonstruktion führen Stufen zum ruhigen Wasser hinab.

Mit dem SUP mitten durch die Altstadt

Die Altstadt wird hier zur Insel. Links fließt die Regnitz und rechts der historische Ludwig-Donau-Main-Kanal. Kaum liegen die Boards wieder im Wasser, ändert sich die Welt. Plötzlich säumen alte Kai-Anlagen, Fachwerkhäuser und zwei venezianische Gondeln den Kanal.

Die Geräusche der Stadt – Gespräche, Gelächter, das Klirren von Geschirr – mischen sich mit dem Plätschern der Paddel. Wir gleiten unter Brücken hindurch, vorbei an alten Verladekränen, die wie stumme Zeugen des Handels vergangener Jahrhunderte über dem Wasser stehen.

Dann liegt vor uns das Alte Rathaus, mitten in der Regnitz auf einer kleinen Insel errichtet. Bemalte Fassaden und ein Fachwerk-Erker, der direkt über das Wasser ragt. Wir paddeln langsam, fast ehrfürchtig vorbei. Oberhalb von uns drängen sich Menschen auf der Brücke, Smartphones und Fotoapparate im Anschlag. Vielleicht landet ja auch ein Bild von uns in irgendeiner Story.

Wir machen ein paar Paddelschläge zurück und befestigen die Boards am Steg auf Höhe des Restaurants „Weinfass“. Wenige Schritte später sitzen wir im Weinlokal, vor uns ein kleines alkoholfreies Radler und ein Snack. Der Silvaner lockt, aber wir wollen ja noch ein paarmal aufs Wasser.

Hinter dem Rathaus öffnet sich der Blick auf „Klein Venedig“. Entlang des rechten Ufers reihen sich ehemalige Fischerhäuser aneinander.

Schmale, leicht schiefe Fachwerkbauten mit winzigen Gärten zur Regnitz, in denen Sonnenblumen, Tomatenstauden und Gewürze um die Wette wachsen. Am linken Ufer verläuft der Treidelweg, auf dem früher Pferde die Lastkähne stromaufwärts zogen.

Wir sind zurück auf den Boards. Vor uns tuckert das Ausflugsschiff „Christel“ los. „Bis dahin und nicht weiter“, entscheidet Paul. „Die Großen haben Vorfahrt, wir bleiben höfliche Gäste auf dem Wasser.“ Wir drehen die Boards und entern auf Höhe eines alten Lastkrans die Stadt.

Espresso mit Aussicht

Zwei Minuten später stehen wir auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Eiscafé „Bassanese“, seit Mitte der Neunziger eine Institution am Alten Rathaus. Das Eis wird in Bamberg produziert, die Terrassenplätze bieten einen Postkartenblick auf Brücke, Fluss und Fassaden.

Wir bestellen Espresso und zwei Kugeln Gelato. „Das ist jetzt zwar nicht unbedingt Sportlernahrung“, sage ich. Paul lacht. „Du glaubst gar nicht, wie viele Kalorien man im Gegenstrom auf der Regnitz beim Rückweg verbrennt ...“

Wir parken, sichern die Boards und steigen durch die Gassen Richtung Domberg. Pflastersteine, kleine Läden, das berühmte Brauerei-Gasthaus „Schlenkerla“. Irgendwo tönt eine Glocke. Auf dem Domplatz öffnet sich der Blick. Vier Türme, Sandstein – der „Hohe Dom St. Peter und St. Georg“, kurz: Bamberger Dom, ist einer der großen Kaiserdome Deutschlands. Wir betrachten Portale und Figuren, lassen den Blick über den Platz schweifen, über die Alte Hofhaltung und die Neue Residenz.

Die Alte Hofhaltung mit ihrem spätgotischen Fachwerk und dem Renaissanceflügel wirkt wie ein Filmset und ist in der Tat in Andersons „Die drei Musketiere“ mit Orlando Bloom und Christoph Waltz zu sehen. Gleich gegenüber thront die Neue Residenz, einst Sitz der Fürstbischöfe, mit barockem Kaisersaal und Gemälden aus mehreren Jahrhunderten. Von außen sind die prunkvollen Säle nicht zu erahnen.

Hinter der Residenz versteckt sich der Rosengarten: von Buchs eingefasste Beete, 4.500 Rosen, ein zentraler Brunnen und auf Form geschnittene Linden. Von hier oben schweift der Blick über die roten Dächer der Altstadt zum Michaelsberg.

„Wenn du wissen willst, weshalb die UNESCO Bamberg ausgezeichnet hat, dann steh einen Moment hier“, sagt Paul und lehnt sich an die Mauer. „Bergstadt, Inselstadt, Gärtnerstadt – alles auf einen Blick!“

Biergeschichte im Glas

Bevor wir zurück zum Fluss gehen, legen wir noch einen Stopp im neu eröffneten „Wirtshaus Graser“ ein. Die Gaststätte liegt in der ehemaligen Brudermühle an der Regnitz, einem Ort mit Symbolkraft. Der offizielle Brauereiausschank von Konrad Graser bringt eine alte Brautradition zurück ins Glas. Grasers handschriftliche Rezeptbücher von 1866 sind die Grundlage der heutigen Graser-Biere.

Wir bestellen ein Felsenkellerbier und ein helles Lager. Das Bier ist erstaunlich modern und gleichzeitig tief verwurzelt. Wenig Alkohol, viel Geschmack, kräftiger Malzkörper. Dazu fränkische Küche auf dem Teller.

Draußen rauscht die Regnitz, drinnen Wände und Gewölbe, die seit Jahrhunderten Gäste empfangen. „Genau das liebe ich an Bamberg“, sagt Paul. „Hier ist Geschichte nicht museal, du kannst sie trinken.“

Zurück gegen die Strömung

Als die Sonne tiefer steht, sind wir wieder auf den Boards. Wir paddeln die Regnitz hinauf, mit dem leichten Gegendruck der Strömung. Die Häuserfronten gleiten vorbei, die Brücken, das Grün des Hains.

Die Stadt wird stiller, je weiter wir flussaufwärts Richtung Buger Spitze kommen. Kormorane stehen wie kleine Statuen auf Baumstümpfen am Ufer, Radfahrer ziehen über den Dammweg. Wir spüren die Müdigkeit in den Beinen, in Schultern und Rücken und diese angenehme Schwere, wenn ein „Draußen-Tag“ sich dem Ende neigt.

Auf der Campinginsel warten Dusche, Klappstuhl und noch ein letztes Getränk in der Hoffmannsklause. Die Regnitz wirkt in der Dämmerung noch dunkler, aber nun auch vertrauter. Am Ende des Tages taufen wir unsere Aktivität um: von Stehpaddeln zu „Weltkulturpaddeln“. Unsere Empfehlung? Unbedingt nachmachen!

Geführte Touren für Einsteiger

Wer zum ersten Mal auf einem Fluss unterwegs ist oder die Stadt lieber in Begleitung erkundet, bucht eine geführte Tour. Start ist an der historischen Pettstadter Regnitzfähre, dann geht es ausschließlich flussabwärts, vorbei an Auenlandschaften und durch Klein Venedig, bis in die Stadt. Material, Schwimmweste und Trockensack werden gestellt, dazu gibt es Technik-Tipps und eine Sicherheitseinweisung.

Wichtige Sicherheits-Tipps

Flüsse sind faszinierend, aber sie verzeihen selten Fehler!

  • Schluss bei Schleusen: Das Schleusen von SUP-Boards auf Binnenschifffahrtsstraßen ist untersagt: Rechtzeitig aussteigen, umtragen, hinter der Anlage wieder einsetzen.
  • Strömung: Ab der Schleuse 100 flussabwärts nehmen Strömung und Gefährdung stark zu. Unbedingt an der Ausstiegsstelle anlanden.
  • Schiffe haben Vorfahrt: Frachtschiffe und Ausflugsschiffe haben Vorrang, ihre Wellen können auf dem Board spürbar werden. Abstand halten und ufernah fahren.
  • Ausrüstung und Können: Zur Grundausstattung gehören Schwimmweste, Quick-Release-Hüft-Leash, wetterangepasste Kleidung und ehrliche Selbsteinschätzung.

Wassersport auf Flüssen und Seen

Mehr Tipps zu Urlaub am Wasser

Post aus Bayern

Hol dir aktuelle Tipps zu Reportagen, Reiseberichten und Events aus erster Hand!