Nördlingen: Blick vom Turm Daniel
Mittelalter, Miozän & Manga

Nördlingens mittelalterliche Stadtmauern, Gassen und bestens erhaltene Bürgerhäuser dienten als Vorlage für den Manga-Hit „Attack on Titan“. Die spannende Geschichte der Region reicht aber 15 Millionen Jahre weiter zurück. Text: Anja Keul, Fotos: Tobias Gerber

Lesezeit: 15 Minuten

Nördlingen entdecken und erleben

Eine melodische Männerstimme klingt über den Marktplatz. Passanten heben erwartungsvoll den Blick zur Spitze des Kirchturms von St. Georg. „So, Gsell, sooo!“, tönt es von droben, aus beinahe 90 Meter Höhe. So hoch ist der „Daniel“, Nördlingens alles beherrschendes Wahrzeichen aus dem 15. Jahrhundert.

Dieser Ruf geht auf eine Episode im Jahr 1440 zurück. Eines Nachts bemerkte eine Bürgerin, dass das Löpsinger Tor, eines von fünf Stadttoren, nicht fest verschlossen war. Der Wächter, dieser treulose Geselle, hatte es offen gelassen, damit der Graf von Oettingen die Stadt erobern könne – die Nördlinger wussten es zu verhindern. Fortan stellte der Türmer auf dem Daniel mit dem Ruf sicher, dass die Wächter der Stadttore nachts wirklich auf ihrem Posten waren.

Der 90 Meter hohe Turm Daniel in Nördlingen
Nördlingen: Türmer Horst Lenner

Fachwerk und gotische Giebel

Heute lockt eine ganz andere Geschichte überraschend viele junge Besucher auf den Turm: die japanische Manga-Serie „Attack on Titan“. Dem japanischen Zeichner Hajime Isayama diente Nördlingen als Vorbild für die fiktive Stadt Shiganshina, in der sich die letzten Menschen vor feindseligen Titanen verschanzen.

Stolz zeigt Türmer Robert Gotthardt Zeichnungen und Einträge von Manga-Fans aus aller Welt im „Gipfelbuch“ des Turms, schnell mit dem Kugelschreiber hingestrichelt, viele durchaus kunstvoll. Dann stellt er sich ans Fenster, um wie jeden Abend zur vollen und halben Stunde zwischen 22 und 24 Uhr den historischen Ruf erschallen zu lassen.

Von der schmalen Brüstung des „Daniel“ blickt man hinunter auf die Stadt, die im 13. und 14. Jahrhundert ihre Blütezeit als wichtigstes Handelszentrum Süddeutschlands erlebte.

Kaum eine gerade verlaufende Straße ist zu erkennen, dafür zahllose Giebel, die kreuz und quer zueinander stehen, und mittendrin fein restaurierte Fachwerkhäuser. Mittelalterliche Plätze wie der Schäfflesmarkt, an dem Tragegefäße gehandelt wurden, der Brettermarkt oder der Tändelmarkt sind zwischen den teils erstaunlich hohen Häusern gut auszumachen.

Blick vom Wehrgang der Stadtmauer auf die Lederergasse und die Eger

Einmal rund ums Zentrum

Wehrtürme krönen alle fünf Stadttore, keiner ist wie der andere. Bis heute bilden sie die einzigen Zugänge zu dem rund 2,7 Kilometer langen Wehrgang, auf dem man Nördlingens Zentrum einmal komplett umrunden kann.

Und dieser Spaziergang führt nicht nur ins Mittelalter, sondern tief in die Erdgeschichte zurück: Die Altstadt innerhalb der Mauern ist vom Durchmesser her ungefähr so groß wie der Asteroid es war, der vor rund 15 Millionen Jahren das Nördlinger Ries schuf. Mit rund 70.000 Stundenkilometern traf der Himmelskörper hier auf die Erde.

Das Material für den „Daniel" fiel quasi vom Himmel

Ein Urereignis. Unglaubliche Mengen an Gesteinsmassen wurden herausgesprengt, hochgeschleudert, vermischten sich beim Niederprasseln. Dadurch entstanden neue „Impakt-Gesteine“ wie der auch Schwabenstein genannte Suevit.

Daraus erbauten die Menschen im Mittelalter den wegen seiner alles beherrschenden Größe „Daniel“ genannten Kirchturm. Natürlich wussten sie damals nicht, dass das Material für ihre Kirche quasi direkt vom Himmel gekommen war …

Nördlingen: Museumsleiter im RiesKraterMuseum Stefan Hölzl

Mondgestein im Museum

Was es mit dem Ries auf sich hat, dieser seltsamen, fast kreisrunden Fläche mit einem Durchmesser von 20 bis 25 Kilometern, stellte sich erst Mitte des 20. Jahrhunderts heraus. Damals suchte der US-Geologe und Astronom Eugene Shoemaker auf Luftbildern gezielt nach Spuren von Asteroiden-Einschlägen auf der Erde.

Bis dahin kannte man nur den Barringer-Krater in Arizona. Nach umfassenden geologischen Untersuchungen war 1960 klar: Ein Asteroid und nicht etwa ein vorzeitlicher Vulkanausbruch hatte das Nördlinger Ries geschaffen.

Den besten Überblick über diese einzigartige Episode der Erdgeschichte bekommt man im RiesKraterMuseum. Untergebracht ist es im raffiniert umgebauten, 500 Jahre alten Holzhof-stadel mitten in Nördlingen. Topmodern und interaktiv entfalten sich dort 15 Millionen Jahre Erdgeschichte im Kontext des Universums.

Besonders stolz ist Museumsdirektor Professor Stefan Hölzl auf ein Stück Mondgestein, das die Astronauten von Apollo 16 dem Museum spendeten. Bis heute dient das Ries als Trainingsgelände für wissenschaftliche Weltraum-Missionen. An vielen Stellen im Ries liefern Infotafeln weitere Details, etwa im Geotop Lindle oder bei den Ofnethöhlen.

Nördlinger Ries: Wacholder
Schloss Alerheim: Brennerei Sandra Appl

Schwäbische Kornkammer

Der mineralreiche Löß, der sich über die Jahrmillionen in dem flachen Ries-Kessel zwischen Schwäbischer und Fränkischer Alb ablagerte, machte die Region zur fruchtbaren Kornkammer. Bäume sind eher selten, wachsen nur auf den wenigen Erhebungen im Ries. Zum Beispiel rund um Schloss Alerheim, wo Sandra Appl im Nebenerwerb die Früchte teils 100 Jahre alter Obstbäume zu Bränden und Likören verarbeitet und auch Seminare dazu anbietet.

Der Blick von dort oben reicht bis ins zwölf Kilometer entfernte Nördlingen. Platt wie ein Pfannkuchen liegt die Stadt da. In der Mitte ragt der Daniel mit seiner gedrungenen Kuppel heraus. Außer dem Schlossturm, in dem Sandra Appl ihren kleinen Spirituosen-Laden eingerichtet hat, erinnert nichts mehr an die zur Stauferzeit erbaute und im Dreißigjährigen Krieg zerstörte Burganlage.

Die Burg Harburg zwischen Nördlingen und Donauwörth an der Wörnitz
Burg Harburg: Gehört zu Süddeutschlands größten, ältesten und am besten erhaltenen Burganlagen

Unholdenloch und Schandgeige

Ganz im Gegensatz zu der beeindruckendsten Burg weit und breit. Die Harburg am südöstlichen Rand des Ries zählt zu den größten, ältesten und besterhaltenen Burganlagen Süddeutschlands.

Harburg: Unholdenloch, Schandgeigen und mehr Schauriges

Aus dem 12. Jahrhundert stammen ihre ältesten Türme, mehr als 700 Jahre war sie im Familienbesitz der Grafen und späteren Fürsten zu Oettingen. Seit dem Jahr 2000 wird die Harburg von einer privaten Kulturstiftung verwaltet, die auch eine Vielzahl an thematischen bis theatralischen Führungen anbietet.

Vom Unholdenloch, in dem Bösewichte für leichtere Vergehen für eine Nacht eingesperrt wurden, über die Kerkertürme bis hin zur mittelalterlichen Schandgeige reichen die schaurigen Schauplätze entlang des überdachten Wehrgangs.

Zu ganz besonderen Gelegenheiten schlüpft Führerin Doris Thürheimer in historische Kostüme. Immer aber lässt sie die jahrhundertealte Geschichte der Burg lebendig werden.

Lust auf eine Hexenschüssel?

Auch die Stadt Harburg, tief zu Füßen der Burg an der sanft mäandernden Wörnitz gelegen, ist einen Besuch wert. Und die Burgschenke mit Rundum-Blick auf die imposante Burganlage. Kleine Besucher können sich dort mit der „Knappenschale“ oder der „Hexenschüssel“ stärken, während für die Erwachsenen schwäbische Spezialitäten wie hausgemachte, geschmelzte Maultaschen auf der Karte stehen.

Raffiniertere Gaumenfreuden gibt es im „Meyers Keller“ am Stadtrand von Nördlingen. In der früheren Brauerei seiner Familie etablierte Bayern-Botschafter Jockl Kaiser eine unkomplizierte Sterneküche: regional verwurzelt, getrieben von kompromisslosem Qualitätsanspruch. Sein Culatello-Riserva-Schinken begeistert Feinschmecker in ganz Europa. Gemütlich sitzt man in der weitläufigen Gaststube, fast noch schöner auf der großen Terrasse unter alten Bäumen.

Sommerabend in der Nördlinger Altstadt

Abendspaziergang auf der Mauer

Zurück in der Altstadt von Nördlingen. Beste Stimmung herrscht am Stammtisch des „Café am Berger Thor“ direkt auf der Stadtmauer. Seit 1998 betreibt Ralf Kluge das Tagescafé, wo sich auch die nebenberuflichen Ersatz-Türmer treffen. Kluge selbst ist der Dienstälteste dieser Zunft. Gegen 20 Uhr schließt das Café, die letzte hausgemachte Ingwer-Limetten-Minze-Limonade ist getrunken, Mutters Kuchen aufgegessen.

Noch ein kleiner Abendspaziergang gefällig? Vom Berger Tor, das sich im Nördlinger Dialekt wie „Börger“ anhört, bietet sich ein Rundgang auf der Stadtmauer an. Und zwar Tag und Nacht. Die uralten Mauern stehen jederzeit offen.

Am Löpsinger Tor erinnert eine Tafel an die Episode mit dem treulosen Gesellen, der die Stadt fast geopfert hätte. Nur weil sich ein Schwein an eben jenem Tor rieb, fiel der wackeren Bürgersfrau der Verrat überhaupt auf. Noch heute huldigen die Nördlinger deshalb dem Borstenvieh in Form von Skulpturen und Abbildungen. Sogar ein Kleinkunstpreis ist nach dem Viech benannt: die Sau von Nördlingen.

Nördlingen: Blick vom Turm Daniel

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