Astrid Süßmuth schnuppert am Mücken-Händelwurz
Da oben blüht dir was!

Alpenpflanzen sind nicht nur schön. Sie besitzen Heilkraft und Magie. Wir gingen mit Kräuterexpertin Astrid Süßmuth in die Berge und staunten. Zu jedem noch so unscheinbaren Kraut weiß sie etwas zu erzählen

Lesezeit: 15 Minuten

Mit Kräuterexpertin Astrid Süßmuth am Jenner

Was, wenn wirklich freundliche Zwerge unter dem blauen Schnee-Enzian leben? Gentiana nivalis, im Volksmund Himmelsstengel genannt, ist der zierliche Bruder des Glockenenzians, den jeder kennt. Er schreit nicht so laut, seine Blüten sind klein, aber sie strahlen in einem fast überirdischen Himmelblau.

Astrid Süßmuth ist hingerissen, als sie das zarte Gewächs in der Uferlandschaft am Königssee bei St. Bartholomä entdeckt. „So selten ist der!“, ruft sie und kniet sich vor die Pflanze, um sie zu bestaunen. „Die Geschichten über die Zwerge habe ich vom Opa. Aber ist das nicht wirklich ein sehr besonderer Platz hier?“

Frühlings-Enzian

Himmelblau und Wollgraspuschel

Helltürkis leuchtet der See am seichten Ufer, die Färbung fällt schnell ab in tiefes Smaragd. Steil ragt der Gotzenstein aus dem Wasser auf, schräge Sonnenstrahlen fallen auf Simetsberg und Halsköpfl über dem Salet am Ende des Königssees. Ein Pfad führt durch lichten Wald und Wiesen in Ufernähe. In St. Bartholomä, wo das Boot aus Schönau angelegt hat, gibt es Bier, Fisch und Remmidemmi, nur wenige Schritte entfernt beginnt das Zauberland.

Weiße Wollgraspuschel tanzen über einer Feuchtwiese. Auch die bizarre Teufelskralle, das kleine Knabenkraut und die duftende Mückenhändelwurz entdeckt Astrid Süßmuth am Wegrand.

Astrid hat  Bücher über die Alpenflora geschrieben und leitet jedes Jahr eine Ausbildung zum Thema Kräuterheilkunde

Wenn sich jemand auskennt, dann sie: Astrid hat mehrere Bücher über die Alpenflora geschrieben, bestreitet eine Kräuterserie im Bayerischen Rundfunk und leitet jedes Jahr eine Ausbildung zum Thema Kräuterheilkunde. Dazu kommt eine Naturheilpraxis bei München und ihr Einsatz für den Alpenverein. Woher nimmt sie die Begeisterung für Gewächse aller Art? Das sei kein Wunder, meint sie, der Opa habe sie in die Geheimnisse des Pflanzenreiches eingeführt.

Astrid Süßmuth mit Pflanzenbuch am Königssee
St. Bartholomä am Königssee

Die Mutter, das wilde Huhn

„Mein Opa, der Imker-Sepp, war immer in den Bergen unterwegs. Manchmal durfte ich mit. Im Karwendel ließ er mich über schmale Gebirgspfade, Bäche und Felsbrocken springen, er konnte spannend erzählen, noch so unscheinbare Pflanzen beschrieb er wie geheimnisvolle Wesen. Auch meine Mutter war ein wildes Huhn, die hat einst mit dem Hanfseil sogar die Direttissima-Route am Olperer-Westgrat bezwungen.“

Großvaters Sagen und volkskundliches Wissen ergänzt die Enkelin mit Beiträgen aus der aktuellen Forschung. „Fachzeitschriften über Phytotherapie bestätigen häufig das Heilwissen der Vorfahren. Es wird zum Beispiel in den Schriften zur Klostermedizin abgehandelt“, weiß sie.

„Manche Orchideen waren früher wertvolle Überlebensmittel.“

„Manche Orchideen waren früher wertvolle Überlebensmittel. Die Wurzelknollen vom Kleinen Knabenkraut hat man zu Brei gekocht und kranken Kindern als Kraftnahrung gegeben. Mit der Teufelskralle retteten sich Hirten oder Bergsteiger über Erschöpfungszustände hinweg, indem sie die bizarren Blüten kauten. Das ungiftige Glockenblumengewächs enthält viel Stärke und in den Blättern steckt Folsäure. Heute kauft man sich Energieriegel oder Survival-Nahrung.“

Astrid Süßmuth auf dem Jenner

Waldvöglein als Dämonenschutz

Astrid findet eine duftende Waldhyazinthe und ein Rotes Waldvöglein, eine zarte, violett blühende Orchidee, die Cephalanthera rubra. „Mein Opa wusste: Wenn Dämonen auf einen einstürmen, solle man in der Nähe eines Waldvögleins verweilen.“ Gute

Idee, die Stelle hier am Waldrand ist überaus friedvoll und abgeschieden. Wenn einem alles über den Kopf zu wachsen droht, kann man hier sicher zur Ruhe kommen. Aber der Rat ist nicht leicht zu befolgen.

Das Waldvöglein blüht nur alle paar Jahre, eines zu finden bedeutet großes Glück. Es kommt nur in gesunden Bergwäldern vor, die über ein Mycel, ein unterirdisches, weit verzweigtes Pilzgeflecht, mit den Pflanzen verbunden sind.

Waldhyazinthen (Platanthera bifolia)

Süßes statt Sex

Bei der Fliegenragwurz (Ophrys insectifera) gerät die Kräuterspezialistin endgültig aus dem Häuschen. „Die kannte ich bis jetzt nur aus der Literatur, sie wächst angeblich im Sylvenstein-Gebiet und im Lechtal. Ich habe aber nie eine gefunden“, staunt sie.

Die meisten Spaziergänger würden wohl an der Orchidee einfach vorbeigehen. Nur wer genau schaut, erkennt, wie raffiniert ihre Blüten sind. Sie sehen aus wie kleine Fliegen mit einer schillernden, blauen Bauchbinde. Die Fliegenmännchen wollen sie begatten, denn sie riecht auch nach Fliegendame. Statt Sex bekommen sie Nektar – auch nicht übel! – und gleichzeitig bestäuben sie die kleinen Ragwurzstempel.

Auf mehr als 3.000 Vokabellernkarten hat Astrid Süßmuth schon als Schülerin Informationen über Botanik, Heilwirkung und Mythologie von Alpenpflanzen gesammelt. Der Phantasy-Roman „Die Nebel von Avalon“ und ihr Opa Sepp haben sie zu dieser Katalogisierung angeregt. Im Roman kommen Zauberblumen vor, vom Alpkraut über Nixenkraut, Orangebecherling und Elfenbeinschneckling bis zum Zuzzelkraut.

„Die Pflanzenwelt der Alpen ist unglaublich vielfältig“, bekräftigt Astrid. „Inzwischen sind die Kärtchen auf eine riesige Word-Datei angewachsen, aus der vielleicht ein Kompendium wird.“ Fertig ist sie allerdings noch lange nicht, schließlich gedeihen in den Alpen ungefähr 13.000 Pflanzenarten. Bei jeder Tour begegnet sie neuen.

Astrid Süßmuth auf dem Jenner

Nachhaltigkeit im Klimawandel

„Unsere Herausforderung heute ist die Bewässerung“, sagt Heigel. In einem geplanten Projekt soll Wasser aus dem Main im Winter gespeichert werden, um es in trockenen Sommern in den Iphöfer Weinbergen zu nutzen. „Wenn das Wasser knapp wird, kann man irgendwann nur noch mit Ertragsreduzierung reagieren – und dann können manche Betriebe nicht mehr mithalten“, erklärt der Winzer.

Das Weingut Wirsching hat deshalb sämtliche Prozesse hinterfragt: Anbaumethoden, Stromverbrauch, Kühlung, CO2-Bilanz, Verpackung, Etiketten und Verschlüsse. Jetzt wird nachhaltig und nach den Regeln des Fair’n-Green-Siegels produziert: ohne Insektizide und Herbizide, aber immer noch unter Einsatz von synthetischen Pflanzenschutzmitteln.

Auch die Glasflaschen stehen auf dem Prüfstand: „Auf Dauer sind sie energetisch ein Unding. Aber ein Premiumwein für 30 Euro in der Milchtüte würde nicht funktionieren“, sagt der Önologe, ein bekennender Fan des traditionsreichen Bocksbeutels: „Für Franken ist es gut, dass er geschützt ist. Der Bocksbeutel hat eine wunderschöne Form, rollt nicht aus dem Kühlschrank raus und ist ein Handschmeichler.“

 Auf der Terrasse im Garten sind Weingläser und -flaschen vom Zehntkeller in Iphofen arrangiert.

Cabernet Sauvignon vom Biowinzer

„Mit den wärmeren Sommern kommen der Silvaner oder Burgunderweine besser klar als jüngere Rebsorten wie Müller-Thurgau oder Bacchus“, erklärt Heigel. Aus diesem Grund pflanzt das Weingut in seinen neuen Lagen Burgunderreben und plant mit pilzresistenten Rebsorten.

Auch Merlot oder Cabernet Sauvignon aus dem Barrique kann man im Restaurant des Weinguts Zehntkeller zu französisch angehauchter Küche bestellen. Das Weingut setzte schon früh auf internationale Rebsorten.

Kellermeister Johannes Weickert hatte bei der Planung immer auch die eigene Gastronomie im Blick – entsprechend breit ist das Sortiment. Neben den Klassikern Silvaner, Riesling, Müller-Thurgau und den Rotweinen produziert Weickert einen Secco, der in der Flasche reift.

Im Jahr 2009 stellte Zehntkeller komplett auf Bio-Anbau um. „Konventionell bewirtschaftet, ist der Rebstock ein bisschen wie ein Junkie, der an der Nadel hängt, deshalb haben wir einen radikalen Entzug gemacht“, erzählt der Weinbautechniker. Wir steigen mit ihm die Treppen in den Keller hinab. Es ist der wohl tiefste von Iphofen. Mit jedem der drei Stockwerke wird die Luft kühler, bis wir zwischen den Stahltanks stehen.

Ein Mann überprüft im Keller sorgfältig sein Bio-Weingut
Ein Mann steht hinter der Theke und bereitet eine Weinverkostung vor.

Weinerlebnis am Schwanberg

Danach zieht es uns wieder hinaus in die Sonne, die nun am Nachmittag die Steillagen der Weinberge mit ihrem Licht überflutet: den Julius-Echter-Berg, Kronsberg und Kalb.

Wanderwege wie die Traumrunde Iphofen, die Weinentdeckerrunde oder der Rebsorten-Lehrpfad führen durch das Rebenmeer – und weiter in den angrenzenden Naturpark Steigerwald. Beim Biobäcker Philipp Scheckenbach in der Altstadt kann man dafür sogar einen Picknick-Rucksack bestellen.

Wir schließen uns einer Tour mit dem Weinerlebnisführer Matthias Popp an. Er leitet mit seiner Frau Sabrina das Bioweingut Bausewein mit kleinem Hotel und Sommerweingarten. Vorbei an einem von Wildrosen umrahmten Marterl geht es bergauf, bis wir zwischen satt-grünen Reben auf einem Teppich aus Blutklee stehen. „Der produziert Stickstoff für die Reben“, erklärt uns der Winzer.

„Im Moment sind wir in der Triebkorrektur, das ist sehr wichtig“, sagt Popp, während er mit schnellen, routinierten Griffen einzelne Triebe abbricht und wegwirft. „Wenn wir alles dranlassen würden, hätten wir bis zu sechzig Trauben an einem Stock – das kann nicht funktionieren. Jetzt sind es noch elf, das passt!“

Ein Picknick mitten in den Weinbergen von Iphofen, auf einem Tisch angerichtet

Picknick mit Aussicht

Wir spazieren weiter, hinter jeder Kurve ein neues Panorama vor Augen, bis wir die Natursteinterrassen des Geschichtsweinbergs erreichen, ein ehrenamtliches Projekt, an dem auch Matthias Popp teilnimmt. „Hier pflanzen wir alte Sorten aus drei Epochen an. Das macht Spaß und fördert die Gemeinschaft. Rebsorten wie beispielsweise Räuschling, Adelfränkisch oder Vogelfränkisch kannte ich nicht einmal aus meiner Ausbildung.“

Dann ist Zeit für ein Picknick. Die nahe gelegene Landmarke Terroir F ist der ideale Ort dafür, Iphofen war der Pionier bei diesem frankenweiten Projekt. Ein alter Aussichtsturm wurde zum View Point mit Blick über die Weinlage Julius-Echter-Berg umgebaut. Eine Kunstinstallation thematisiert unter dem Motto „Die Ferne so weit. Der Wein so nah“ den Weinbau in aller Welt.

Rennradler surren vorbei, Grillen zirpen und in der Ferne tuckert ein Traktor langsam einen Steilhang hinauf. Die Sonne wirft ihre letzten Strahlen über die Weinberge. Der Main ist in der Ferne nur zu erahnen, als wir unsere Rucksäcke auspacken. Es gibt frisches Brot, Obst, Käse und Edelsalami vom Eichelschwein. Und natürlich einen kühlen Silvaner vom Julius-Echter-Berg. Angebaut nur wenige Meter von uns entfernt – das ist gelebte Nachhaltigkeit.

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