Die Lechrainer leben diesseits und jenseits des Flusses Lech, die einen in Oberbayern, die anderen in Bayerisch-Schwaben. Drei Burschen aus der Gegend pflegen den kernigen Dialekt ebenso wie eine spannende Kombination aus Volksmusik und neuen Tönen: Dreieckmusi
Dreieckmusi am Lech
Hier weggehen, aus Lechrain? Niemals! Da sind sich Fabian Eglhofer aus Epfach, Uli Linder aus Apfeldorf und Daniel Schmid aus Reichling einig. Lechrain heißt das vom Lech durchflossene „Grenzland“ zwischen Bayern und Schwaben.
Seit mehr als zehn Jahren bilden Fabian, Uli und Daniel das ebenso lechrainerisch-verwurzelte wie weltoffene Trio „Dreieckmusi“. Alle drei sind sie Teilzeitmusiker, hauptberuflich Schreinermeister, Wirtschaftsingenieur und Gymnasiallehrer.
Das ist typisch für das ländliche Bayern, wo nach der Arbeit oder am Wochenende gern gemeinsam musiziert wird. Doch wenn die drei loslegen, bekommen Landler, Zwiefacher & Co. schnell Gesellschaft.
Volksmusik plus X
Fabian, der nahezu alle Stücke komponiert, mixt elegant Bossa-Nova-Referenzen oder eine Prise Balkan-Ska unter und schmuggelt auch schon mal Motive aus Film- und Popmusik hinein. Da macht es Spaß, genauer hinzuhören! Trotzdem, darauf bestehen alle drei, machen sie Volksmusik.
Fabi ist mit seiner Ziach für alles Melodiöse zuständig, Dani und Uli bilden mit Tuba und Gitarre den Maschinenraum
Uli erklärt: „Fabi ist mit seiner Ziach für alles Melodiöse zuständig, Dani und ich bilden mit Tuba und Gitarre den Maschinenraum.“ Wie sie zusammenkamen? Fabian und Uli lernten sich 2010 auf einem Jugendwochenende des Lechgau-Trachtenverbands kennen, als sie einfach Lust hatten, mit Fabis Ziach und Ulis Posaune bayerisch zu jammen. Dass Daniel dazukam, machte dann alles deutlich explosiver …
Woaza statt Weißbier
Daniel zog der Liebe wegen vom oberbayerischen Reichling ins rund 30 Kilometer entfernte Lechbruck drüben im Ostallgäu. Aber das geht noch, man versteht sich im Lechrainer Dialekt. Im „Gasthof Neuwirt“ im Dorf Birkland, den Fabians Oma mit über 80 Jahren immer noch betreibt, entspinnt sich eine Diskussion über den Titel der mittlerweile fünften CD der Dreieckmusi.
Fabian: „Oma, wie sagst du es? Unsere neue CD soll ,Dahuam‘ heißen.“ Die Oma wiegt den Kopf und sagt: „Dahoam, wir sind ja auf der drüberen Seite.“ Also in Oberbayern. Manche Nuancen unterscheiden sich eben sogar von Dorf zu Dorf.
Daniel, der Lehrer, erklärt: „Vokalverschiebungen sind typisch für den Dialekt.“ So ist der Gastwirt ein „Wurt“, das Weizenbier – oberbayerisch eigentlich Weißbier – wird zum „Woaza“. Und die Anrainer rechts und links des Lechs sind die „Lechroaner“. Oder „Lechruaner“, da ist man sich nicht einig.
Nix zum Schunkeln
Das muss man alles nicht so genau nehmen. Aber ein bisschen im Hinterkopf haben, wenn man die „Dreieckmusi“ und ihre humorvollen Ansagen in der – natürlich etwas zurückgenommenen – Lechrainer Mundart mal live erlebt. Zum Beispiel beim Seefest des Vereins Jugend Miteinander Vilgertshofen am Eichensee, gesprochen „Oachalachasee“ (oder so ähnlich).
Rund 900 Gäste sind da, so gut wie alle in Tracht, aufgebrezelt und feierfreudig im Bierzelt. Während sie hereinströmen, ihren Tisch suchen, Bier holen, sorgt die Dreieckmusi für den musikalischen Hintergrund. Im Zentrum Fabian an der Ziach, der steirischen Harmonika, daneben Uli mit dem mächtigen Bass seiner Tuba, und Daniel sorgt an der Gitarre für den perkussiven Klangteppich.
Von der Polka geht es über zu Weltmusik, dann wird es wieder klassisch-bayerisch. Ab und zu hört man Herbert Pixner heraus, den Südtiroler Pionier des modernen Harmonika-Sounds, von dem Fabian anfangs inspiriert wurde. Für das 50. Jubiläum des Seefests Ende August 2026 sind die Jungs bereits wieder gebucht.
Dass nach ihrem Auftritt eher die Party-Variante bayerischer Volksmusik die Leute auf die Bierbänke treibt, stört sie nicht. Sie machen ihr eigenes Ding. Und treten sowieso überwiegend in kleinerem Rahmen auf, am liebsten auf Kleinkunstbühnen der Region. Fabian grinst: „Zum Schunkeln machen wir nix!“
Spannendes Flößermuseum
Gern spielen sie etwa in der schön restaurierten Tenne im Flößermuseum in Lechbruck auf, in der mit viel Zsammrucken rund achtzig Leute Platz haben. Seit 2005 ist in dem 1645 erbauten Haus das liebevoll zusammengetragene Flößermuseum eingerichtet, eine Hommage an die einstige Lebensader des süddeutschen Holzhandels.
Ingrid Kahlert führt das Flößermuseum mit Engagement und Herzblut. Sie hat auch eine informative Broschüre zur Lechflößerei zusammengestellt. „Man kann sich kaum vorstellen, wie hart die Arbeit und wie arm die Familien waren“, sagt sie beim Rundgang durch die krummen und engen Räume. Sie sind voller Originalwerkzeuge, alter Floßhaken, Modelle und historischer Dokumente.
Multimediale Stationen erklären, wie ein Floß gebunden, durch Stromschnellen und an tückischen Sand- und Kiesbänken vorbeimanövriert wurde. Rund 2000 Flöße passierten Jahr für Jahr den Lech.
Der Lech als Grenze
Der Waldreichtum der Umgebung und ergiebige Sandsteinvorkommen waren natürliche Voraussetzungen für die Flößerei, die in Lechbruck schon zu Römerzeiten betrieben wurde. In der reichen Handelsstadt Augsburg herrschte unablässig Bedarf an Baumaterialien – so stammt etwa der Sandstein des Portals am Augsburger Dom aus Lechbruck. Im Gegensatz zu den Dorfflößern kamen selbstständige Floßmeister zu großem Wohlstand: Sie versorgten ihre Kundschaft mit Weizen, Lebensmitteln und Bier aus dem Umland.
Und manches wurde auch bei Nacht und Nebel geschmuggelt, schließlich bildete der Lech die Grenze zwischen dem mächtigen Hochstift Augsburg und dem Herzogtum Bayern. Mit dem Bau der Eisenbahnlinie 1899 schwand die Bedeutung der Flößerei, 1913 wurde die letzte Fahrt ab Lechbruck durchgeführt.
Landschaftlich ein Traum
Zur Sommersaison kann man bei Floßfahrten der Tourist-Info Lechbruck zweimal die Woche der Vergangenheit nachspüren – inklusive hölzernem Klohäusl und der Getränkequelle „UnsinkBar“. Immer an Bord ist Dieter Eider als Erzähler spannender und anrührender Geschichten der Flößerei.
Von der Anlegestelle nimmt Kapitän Stefan Fichtl mit seinem 40-PS-Außenborder flussaufwärts Kurs auf die Stromschnellen unterhalb des Rathauses, unterstützt von drei Flößern mit Rudern. Weißes Wasser schäumt und brodelt.
Danach dreht das Floß ab in ruhigeres Fahrwasser Richtung Lechsee. Hier legt Flößer Max mal kurz seine Pfeife zur Seite und packt die Ziach aus. Zurück in Lechbruck kehren viele Passagiere im „Flößerstadl“ auf eine Brotzeit ein. Eine Schweizer Freundesgruppe ist begeistert: „Das war lustig, super-interessant und landschaftlich natürlich ein Traum!“
Sprung vom Brückenheiligen
Zu Zeiten der Flößerei war der Lech noch ein echter Wildfluss, heute ist er durch zahlreiche Stauwerke gezähmt. „Ein Stehgewässer mit gelegentlichen Fließpassagen“, witzeln die drei von der Dreieckmusi.
Trotzdem haben sie ihre Lieblingsplätze am Heimatfluss, etwa bei Epfach, wo eine riesige Fischtreppe gebaut wurde und man vom kleinen Kiesstrand in den Fluss waten kann. Oder die Lechbrücke zwischen Epfach und Reichling. Über sie wacht nicht der obligatorische Nepomuk, sondern der Römer Claudius Paternus, der „prominenteste Epfacher“.
„Mein Papa ist als Kind mal vom Claudius runter in den Lech gesprungen. Danach musste er hundertmal schreiben: ,Ich darf nicht vom Brückenheiligen springen‘“, erzählt Fabian.
Stolz sind alle Epfacher auf ihr kleines Römermuseum Abodiacum im alten Feuerwehrhaus. Im heutigen 700-Einwohner-Dorf lag einst die bedeutendste Straßenkreuzung im südlichen Bayern.
Die ständige Ausstellung ist täglich geöffnet und veranschaulicht über Zeittafeln, Texte und ein großes Modell der Umgebung das Leben der Römer vom 14. Jahrhundert vor Christus bis ins Jahr 390. „Da schau, vor ein paar Jahren haben‘s den römischen Brunnen auf dem Lorenzberg restauriert“, sagt Fabian.
Auftritt vor 2.000 Nackerten
Landschaftlich deutlich imposanter als der Lorenzberg mit seinem kleinen Kirchlein und den noch immer sichtbaren Kuhlen für die einstigen Befestigungen der Römer ist freilich der Wurzberg nahe der 1.800-Einwohner-Gemeinde Reichling.
Der Blick reicht weit über den Auerberg, die Ammergauer Alpen und das Wettersteingebirge bis zur Zugspitze, eine große Tafel erklärt das beeindruckende Bergpanorama. Ein perfekter Platz, um Silvester zu feiern.
Im Nachhinein freut es alle, dass Fabian beim Jahreswechsel 2013/2014 seine Kracher nicht im Griff hatte. Eine Rakete, die er aus einem „Scherhaufa“ (Maulwurfshügel) startete, traf Daniel „mitten auf’n Grind“, sagt der, also am Kopf. Eine Brandblase und tausend Entschuldigungen später war der Grundstock für die Freundschaft gelegt.
Was haben sie seither nicht alles zusammen erlebt. „Das Krasseste war sicher der Auftritt in der Therme Erding“, sagt Daniel. Fabian ergänzt: „Die hatten uns für einen Bayerischen Abend gebucht. Was wir nicht wussten: Der war im Saunabereich. Da haben wir dann mitten im Pool vor 2.000 Nackerten gespielt.“
Das Outfit: natürlich Tracht
Die drei saßen natürlich wie immer in bayerischer Tracht auf der Bühne im Pool. Kurze Lederhose, weißes Hemd, Weste. So treten Uli und Fabian auch bei der Steubenparade in New York auf. Mit der traditionellen 30-Mann-Blaskapelle Hohenfurch spielen sie unter anderem bei der großen Parade und auf dem „Oktoberfest“ im Central Park.
Dafür muss jetzt noch das Outfit aufgefrischt werden. Uli braucht Hemden. Dazu geht’s in den versteckt im Ortsteil Leeder der Gemeinde Fuchstal gelegenen Trachtenladen Bär. Der hat nur drei Tage in der Woche geöffnet, weil Inhaber Manfred „Gustl“ Bär ja auch Zeit braucht, um die Hirschledernen zu schneidern und zu besticken. Fertige Ware „von der Stange“ gibt es aber auch.
Trachtenvereine aus den USA kaufen hier ebenso ein wie Kunden aus Norddeutschland, die im Urlaub so richtig zünftig daherkommen wollen. Gustl interessiert sich gleich für Daniels Lederhose, denn die ist vom Opa, für ihn nur enger gemacht. „Häufiger muss ich die Hosen natürlich weiten“, sagt Gustl, „zehn Zentimeter gehen schon am Bund.“
Daniel, der quasi ständig einen Hut trägt, probiert ein paar neue Modelle, Uli sucht sich Hemden mit Stehkragen aus. Danach geht’s wieder hoam. Oder huam? Egal, Heimat ist Heimat. Vor allem, wenn sie so einen speziellen Sound hat.