Am Staffelsee bietet eine Wassersportschule SUP-Touren für Rollstuhlfahrer an. Wie vier Menschen mit unterschiedlichen Handicaps denAusflug erleben – und dabei einen Adrenalinkick verspüren
Standup Paddling-Tour im Rollstuhl auf dem Staffelsee
Noch eine Runde, sagt der Heinz, der Abend ist doch so schön. Behutsam wandert die Sonne weit hinter dem Westufer des Staffelsees dem Horizont entgegen. Das gleißende Licht des hochsommerlichen Augusttages wechselt ganz langsam in milde Dämmerungsstimmung.
Die Felsen der Benediktenwand im Süden, bald leuchten sie in orange. Es ist einer dieser Tage, an denen man nicht ganz versteht, warum man Oberbayern die Vorstufe zum Paradies nennt. Warum nur Vorstufe? Wo es doch aussieht wie im echten Paradies.
Eineinhalb Stunden ist der Heinz jetzt schon auf dem Staffelsee unterwegs, ein letztes Mal umrundet er nun die Insel namens Wörth. Hinter ihm steht sein Sohn Daniel und sticht das Paddel ins Wasser, vor ihm am Bug kniet sein kleiner Enkel Linus. Und der Heinz sitzt mittendrin. In seinem Rollstuhl. Auf dem SUP-Board. Auf dem Wasser.
Ausflüge aufs Wasser
Einige Stunden zuvor, am südöstlichen Seeufer auf der Halbinsel Burg. Der Campingplatz ist gesteckt voll: Zelte, Wohnwägen, Caravans. Aus dem ganzen Land sind die Urlauber hier, das verrät das bunte Sammelsurium an Autokennzeichen aus der gesamten Republik. Es herrscht tiefenentspanntes Ferien-Feeling.
Nur der Matthias unten am Wasser ist gerade schwer am Arbeiten. Zusammen mit der Anni, seiner Mitarbeiterin, wickelt er Spanngurte um eines seiner SUP-Boards, den Ausleger hinten am Heck zum Stabilisieren haben sie schon montiert. Nun geht es nur noch darum, mit Karabinern den Rollstuhl auf dem Brett zu fixieren. Denn schon bald kommen die Gäste.
Matthias Baier hat seinen SUP-Verleih hier am Staffelsee seit gut zehn Jahren, 2015 kam er vom Riegsee hierher. Und es dauerte nicht lange, erzählt er, da kam eine Anfrage der nahe gelegenen Unfallklinik Murnau und des dort angeschlossenen Rollstuhlsportvereins RSV. Ob es im Rahmen eines einmaligen Events der Klinik nicht möglich wäre, Rollstühle auf einem Board zu befestigen. Für ihre querschnittsgelähmten Patienten, für einen Ausflug aufs Wasser.
Matthias war sehr berührt von diesem Tag und der Reaktion der Menschen. So entwickelte er zusammen mit der Unfallklinik und dem RSV die Idee eines dauerhaften Angebots. Dank der Förderung durch die Aktion Mensch war es schließlich möglich, ein ganz spezielles SUP-Board zu finanzieren. In der Version XXL, 5,20 Meter lang, zwei Meter breit, mit Platz für vier Rollstühle, Kosten: 5.000 Euro. Ein ziemliches Brett!
Dazu machte Matthias noch eine Ausbildung beim Verband Deutscher Wassersportschulen. Zum „SUP Instructor Level 3 Inklusion“. Dort ging es nicht nur um die richtige Montage, nicht nur ums Handwerkliche. Sondern auch ums Empathische. Als Prüfling saß Matthias nun selbst im Rollstuhl, um eine kleine Ahnung zu bekommen. Wie es sich anfühlt, an Land damit herumzuschieben. Und auch, wie es ist, auf einem Brett zu sein. Mitten auf dem Wasser.
Vier Lebensgeschichten
Und er lernte den Umgang mit den unterschiedlichsten Anforderungen, mit Menschen, die nicht sprechen, die sich nicht ausdrücken können. Mit Menschen mit den verschiedensten Einschränkungen und Behinderungsgraden. So wie nun an diesem Sommertag am Staffelsee.
Es sind gleich vier Menschen, die nun nach und nach eintreffen. Zum Beispiel eben der Heinz. 67 ist er, früher war er Pastor und extrem sportlich, und wann immer es ging, war er draußen, stieg auf die Berge und rannte immer wieder auch einen Marathon. Zur Rente zog er mit seiner Frau dann zu den Kindern nach Garmisch, der Landschaft wegen und der vielen Aktivitäten.
Aber dann, kurz vor dem Ruhestand, bekam er die Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS, eine unheilbare Krankheit der Nervenzellen, die zu fortschreitender Muskellähmung führt. Es geht nur darum, den Verfall zu verlangsamen und hinauszuzögern.
Heinz, Franzi und Luca
Kurz danach begrüßt Matthias gleich den nächsten Heinz. Er lebt nicht weit weg in Uffing, in wenigen Wochen wird er 80. Auch er war einst richtig fit, ein begeisterter Radler und Wanderer, 2013 ging er noch den gesamten Jakobsweg. Nun leidet er an Myopathie, fortschreitendem Muskelschwund, auch er sitzt nun im Rollstuhl. Dann kommt noch die Franzi, zusammen mit ihren Eltern, aus Peißenberg.
Die Franzi ist erst 23. Als sie auf die Welt kam, dachten Mama Irene und Papa Norbert, sie sei gesund. Neun Monate war sie, da fand man einen Herzfehler, es folgte eine OP, danach kam die Spastik, Infantile Zerebralparese. Ob das Gehirn durch die Operation geschädigt wurde, ob es unabhängig davon war – letzte Gewissheit gab es nie. Fest stand nur, dass die Franzi mit schwersten motorischen Störungen ihr Leben lang ein Pflegefall bleibt.
Und zum Schluss trifft beim Matthias auch noch der Luca ein. Er ist der Jüngste des Quartetts, das nun gleich aufbricht hinaus auf den See. Luca kommt aus Amberg, er ist 21, er war athletisch, durchtrainiert, Triathlet, trainierte für den Iron Man auf Hawaii. Studierte Wirtschaftsingenieur in Karlsruhe, plante ein Auslandssemester in Malaysia.
Luca flog vor dem Uni-Start etwas früher hin, zum Badeurlaub auf der Insel Langkawi, dann sprang er ins Wasser, aber das Wasser war zu flach und er prallte auf einen Stein. Vier gebrochene Halswirbel, Querschnittslähmung. Statt in der Uni saß er nun im Rollstuhl und statt in Malaysia verbrachte er die folgenden Monate in Murnau, in der Unfallklinik.
Vier tragische Schicksale. Vier Menschen, die bei aller Einschränkung der Wunsch verbindet nach Normalität und Lebensqualität, nach maximal möglicher Lebensfreude.
Und Freude ist an diesem Nachmittag garantiert. Auf dem breiten XXL-Board schnallen Matthias und Anni zunächst Luca und den Heinz aus Uffing fest, auf der zweiten Tour über den See ist dann später neben dem Luca auch die Franzi dabei. Hinter den Rollstühlen stehen auf dem Brett die fünf Begleitpersonen mit ihren Paddeln, und so nimmt die Gesellschaft sehr schnell ziemlich Fahrt auf.
Der Heinz aus Garmisch aber, der frühere Pastor, der mag es etwas aufregender. Das große, breite Brett hat er bei seinem letzten Besuch am Staffelsee schon ausprobiert, nun wagt er sich auf ein schmales, ganz herkömmliches SUP-Board. Natürlich nicht mit dem Elektrorollstuhl, der zu schwer wäre und dem Kontakt mit dem Wasser auch nicht gut bekommt.
So heben sie den Heinz in den leichteren Rollstuhl, der auf dem Brett bereits fixiert ist. Und dann stechen sie in See: sein Sohn Daniel, vorne der Linus, und mitten drin der Heinz, der von einem leichten Adrenalinkick spricht.
Schnitzel nach dem Adrenalin
Glücklich wirken sie in diesen Stunden alle vier. Und ob sie je nach Handicap nun selbst mitpaddeln oder sich einfach treiben lassen – sie sind alle im Flow, lächelnd und beseelt. Am Abend, zurück an Land bei der Einkehr im Burgstüberl, dem Gasthaus vom Campingplatz, tauschen sie sich noch über großen Schnitzeln, Salaten und Spinatpflanzerl zu ihren Eindrücke aus.
Heinz aus Garmisch meint, das schmalere Board sei noch mal ein besonderer Kick gewesen, ein Schub fürs Adrenalin. Und er habe es sich nicht vorstellen können, noch mal so unterwegs zu sein. Das Wasser unter sich wieder so zu spüren. Und wenn man die Franzi, während sie gefüttert wird, fragt, wie es ihr gefallen hat und ob sie wieder hierherkommt zum Rollstuhl-SUP, dann strahlt sie und nickt mit großer Begeisterung. Dann bekommt sie von ihrer Mama wieder eine Gabel mit klein geschnittenem Schnitzel gereicht.
Und so sprechen sie noch über weitere Aktivitäten, die sie in der Region gemeinsam angehen könnten. Die spannende Führung für Rollstuhlfahrer zur Spitze der Skisprungschanze in Partenkirchen etwa. Oder die Tour mit einem geländetauglichen Mietrollstuhl samt Motor, dem Modell Magic Mobility Extreme X8, hoch zur Tannenhütte, inklusive Nervenkitzel bei der Querung der 55 Meter langen und 40 Meter hohen Hängebrücke.
Das Wasser und das Leben spüren
Später, nachdem sie unten am Ufer aufgeräumt und den Verleih für diesen Tag zugesperrt haben, kommen auch noch der Matthias und die Anni. Die Nachfrage werde immer größer, sagen sie, langsam spreche es sich herum, in der näheren Umgebung und darüber hinaus.
Für sie beide ist das „Wheels on Water“, wie sie ihr Angebot für Rollstuhlfahrer nennen, längst ein Herzensprojekt. Für zwei Stunden auf dem XXL-Brett, für bis zu vier Rollis und gesamt zehn Personen, zahlt man als Mietgebühr eine kleine Aufwandsentschädigung. Nichts, um damit Geld zu scheffeln. Hauptsache, seinen Gästen taugt’s.
Einige Wochen später, noch mal ein Anruf bei Luca. Inzwischen ist er in Beelitz, weit weg in Brandenburg, in einer Spezial-Rehaklinik für Querschnittsgelähmte. Am Telefon spricht er von den Therapien, den Fortschritten. Die ersten zwei Jahre nach so einem Unfall, sagt er, seien die entscheidendsten für die Beweglichkeit im Rest des Lebens.
Bald will er auch mit dem Para-Sport anfangen, am liebsten mit Rudern, die Paralympics 2028 in Los Angeles, das wäre ein erstes Ziel. Im nächsten Sommer aber will er auf jeden Fall wieder zurück zu Matthias an den Staffelsee. Vermutlich geht’s dann noch besser mit dem Paddeln. Hauptsache, wieder raus auf den See. Hauptsache, das Wasser und das Leben spüren.
TIPP: Erstmals gibt es im Sommer 2026 die barrierefreien Aktionstage „Wheels on Water“ nicht nur am Staffelsee, sondern auch auf dem Kochelsee am 20. Juni und am 12. Juli 2026.