Stadtführung in Wasserburg am Inn
Wo Bayern kribbelt

Die Region Chiemsee-Alpenland widmet sich schon lang dem barrierefreien Urlaubsvergnügen. Als Ergebnis wartet dieses Bilderbuch-Bayern mit vielen Angeboten zum Thema Inklusion auf. Wir waren unterwegs auf Mittelalter-Tour samt Fingerübung und wagten uns ins Vulkan-Inferno

Lesezeit: 10 Minuten

Chiemsee-Alpenland barrierefrei erleben

SPONSORED STORY Die Finger gleiten über den verspielten Stuck, der die barocke Priesterkanzel in der Frauenkirche zu stützen scheint. Die Hand ertastet die uralten Namensschilder vor den knarrenden Kirchenbänken. Fährt Achterbahn am Löwenwappen der Stadt auf der mächtigen Holztür vom Rathaus. Und erforscht um die Ecke die seltsame Pyramide aus Kanonenkugeln.

Wasserburger Rathaustür

Kanonenkugeln gegen Bayern-München

Die massiven Steinkugeln türmen sich zum „Denkmal der Bürgertreue“, das an die vierwöchige Belagerung von Wasserburg 1422 erinnert. Auf der einen Seite kämpfte Herzog Ludwig der Gebartete für Wasserburg. Auf der anderen Herzog Heinrich der Reiche zusammen mit Bayern-München! Nicht der FC, vielmehr die Herzöge von Bayern-München, die von den furchtlosen Wasserburgern am Ende in die Flucht geschlagen werden konnten.

Die Stadtkulisse und ihre Geschichten erinnern an Fantasy-Epen. Und doch ist alles echt im schnuckeligen Wasserburg am Inn, wo Anfassen ausdrücklich erlaubt ist.

Mittelalterliche Kanonenkugeln in Wasserburg

Dabei ist es ein großes Glück, bei der Stadtführung heute Brigitte Lindmeier dabeizuhaben. Von ihrer Sehkraft sind nur noch ein paar Prozent geblieben. „Ich muss halt ein bisschen näher ran“, sagt sie und holt lächelnd ihre große Lupe aus der Tasche.

„Ich muss halt ein bisschen näher ran“

Eh eine sehr gute Idee, auch bei voller Sehkraft öfter mal näher ranzugehen. Und dabei mit den Fingern zu spüren, dass beispielsweise Kanonengeschosse aus dem Spätmittelalter eher Klumpen statt Kugeln ähneln. Ganz in der Nähe kann man sich auf dem tollen Bronzemodell einmal durch die ganze Stadt tasten.

Stadtmodell fühlen in Wasserburg
Stadtführung Arkarden Wasserburg

Buntes Städtchen

Hätte der Inn vor ein paar Tausend Jahren nicht jene ganz überraschende Wendung genommen, würde es diese einmalige Lage der Stadt nicht geben. Die Halbinsel ist nahezu umschlossen vom Fluss, der sich wie der perfekte Schwung eines Kalligraphen harmonisch ins Voralpenidyll gefräst hat.

Darauf erhebt sich eine kleine Welt aus farbenfrohen Patrizierhäusern, lauschigen Laubengängen, einer Burg aus dem 12. Jahrhundert – und Nasenschildern! Diese ausladenden Zunftschilder dienten früher, neben der Häusersortierung nach Farben, dass sich auch Analphabeten zurechtfinden konnten.

Luftbild Wasserburg am Inn

Heute stehen hier sogar Palmen. Und die Cafés tun ein Übriges, dass man sich an einem sonnigen Frühsommertag eher in Gefilden südlich der Alpen wähnt. Das Stadtzentrum bietet auf kleiner Fläche Geschichten und spannende Blickwinkel ohne Ende. Ideal für Menschen mit Einschränkungen, denen ausgedehnte Citytrips schnell mal zu mühselig sind. Für die Wasserburger Guides ist das Thema Inklusion auch deshalb schon eine Herzensangelegenheit.

Wasserburg: Altstadt

Voralpen-Idyll an Bayerns Meer

Dabei war die gesamte Region Chiemsee-Alpenland beim Thema Inklusion schon ganz früh ganz vorn mit dabei. Mittlerweile gibt es 38 „Reisen für Alle“-Angebote: zertifizierte Erlebnisse für Menschen mit Einschränkungen, bei denen Gästin und Gast schon bei der Urlaubsplanung detaillierte Informationen zum barrierefreien Urlaub erhalten.

Und die Palette an Möglichkeiten wird größer. Feine Sache, schließlich bietet die Gegend rund um den Chiemsee, zwischen München und Salzburg gelegen, ein vielfältiges Bayern-Best-of. Angefangen beim „Bayerischen Meer“ selbst, wie der Chiemsee nicht ohne Grund genannt wird.

An kühlen Sommermorgen oder im Herbst kann man das andere Ufer oft nicht mehr erkennen, während über den Nebelbänken die Alpengipfel hervorspitzen. Nicht nur dann ist ein Besuch der kleinen Fraueninsel mit ihrem Kloster ein Traum. Auch klasse: Herrenchiemsee, eines der Märchenschlösser Ludwigs II., nebenan auf der Herreninsel.

Wasserburg am Inn: Inklusion

Naturerlebnisse und „Kultouren“ liegen hier dicht beieinander. Sieben Inspirationsthemen widmen sich der barrierefreien Urlaubswelt: „Wasserspaß“, „Alpenblicke und Naturgenuss“, „Chiemsee-Entdecker“, „See und Moor“, „Kultur pur“, „Winter-Wellness“ und „Stadt und Land“.

Zu Letzterem gehört neben Wasserburg auch das „Bauernhausmuseum Amerang“. Hier wird die Reise in die Vergangenheit zur Schnuppertour durch Bauerngärten. Das leicht zugängliche Areal wird gesäumt von Bauernhöfen und Handwerksgebäuden, die ältesten sind 500 Jahre alt. Auf Anfrage gibt es Führungen in leichter Sprache oder für Menschen mit Hör- oder Sehbehinderung.

Schon ganz im Land-Modus checkt man danach am besten ein im „Ferienhof Dirnberg“, ganz in der Nähe von Amerang. Der Bauernhof steht auf einer Anhöhe inmitten von jeder Menge Natur und bietet familienfreundliche und barrierefreie Ferienwohnungen an. Zum Chiemsee sind es nur ein paar Autominuten. Am Hof selbst wird auch kleinen Gästen nicht langweilig: Ziegen, Schafe, Katzen und die Shetland-Ponys Dony und Thoey warten nur darauf, gestreichelt, gefüttert und bespaßt zu werden.

Multimedia bis in den Bauch

Rosenheim ist eine tolle Stadt, im „Lokschuppen“ geht es aber derzeit heiß her! Das gilt zumindest in der grandiosen Schau, die dort bis Ende 2023 in die Welt der Vulkane entführt. Das hübsche hufeisenförmige Gebäude, in dem ab 1858 mehr als ein Jahrhundert lang Eisenbahnen repariert wurden, ist seit den 1980ern vor allem bekannt durch die spektakulären, multimedialen Ausstellungen. Die Anlage ist komplett barrierefrei. Für blinde und sehbehinderte Besucher stehen Audioführungen in deutscher und englischer Sprache zur Verfügung, für Gehörlose begleiten nach Anmeldung Gebärdendolmetscher die Führungen.

Barrierefreiheit im Lokschuppen in Rosenheim
Lokschuppen: Gebärden-Führung

Der Lokschuppen ist ein Beispiel für die Inspirationsquelle „Kultur pur“, wobei es derzeit eher um infernale Geologie geht. Auf Großbildleinwänden spucken die berühmtesten und aktivsten Vulkane der Welt Lava um die Wette, an interaktiven Schautafeln wird die Entstehung von Vulkanen erklärt.

Ein Raum widmet sich den Vulkanen in der Kunst. Sogar ein Vulkanbild von Andy Warhol ist darunter. Auch ohne Hörvermögen ist das Getöse noch ein Erlebnis: Dank der Bässe hinter der XXL-Leinwand ist die Urgewalt der Vulkane schön in der Bauchgegend zu spüren!

2024 steht im Lokschuppen eine Ausstellung über historische, gegenwärtige und fiktive Heldinnen und Helden an. Natürlich wieder für alle!

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