Stadtführungen im Tandem, Bronzemodelle zum Ertasten, ein Hublift im Bierkeller: Würzburg will eine Stadt für alle Gäste sein. Unterwegs mit Menschen, die das überprüfen
Würzburg barrierefrei erleben
Morgens um neun gehört die Alte Mainbrücke noch den Einheimischen. Zwei Radfahrer, eine Frau mit Bäckertüte, über allem die zwölf steinernen Brückenheiligen, denen der Main seit Jahrhunderten zu Füßen fließt. Am Abend werden hier Menschen dicht an dicht stehen, ein Glas Silvaner in der Hand – der Brückenschoppen ist Würzburgs liebstes Ritual, halb Feierabend, halb Selbstvergewisserung.
Die Kulisse dazu hat Rang: die Residenz, seit 1981 UNESCO-Welterbe, Balthasar Neumanns Treppenhaus, Tiepolos Deckenfresko. Dabei ist die Altstadt jünger, als sie aussieht. Am 16. März 1945 legten Bomben Würzburg in Trümmer, der Wiederaufbau zog sich über Jahrzehnte. Eine Stadt, die einmal ganz neu anfangen musste, weiß vielleicht besser als andere: Fertig ist so ein Ort nie.
Das gilt auch für eine Frage, die sich die Städte lange nicht so wirklich gestellt haben. Wie erlebt man Würzburg, wenn man im Rollstuhl sitzt und das Kopfsteinpflaster jede Fuge in die Arme überträgt?
Wenn man nicht sieht, wofür andere ihre Kameras zücken? Wenn Jahreszahlen und Fachbegriffe mehr verwirren, als sie erklären? Für diese Gäste entscheidet sich ein Besuch nicht an toll restaurierten Fassaden, sondern an Zentimetern – an einer Türschwelle, einer Rampe, an der Länge eines Satzes.
Orientierung bietet das bundesweite Kennzeichnungssystem „Reisen für Alle“, das Betriebe nach geprüften Kriterien erfasst. In Bayern sind aktuell etwa 600 Betriebe dabei. Würzburg geht diesen Weg mit.
Im Tandem durch die Altstadt
Treffpunkt Falkenhaus am Marktplatz, dessen Rokokofassade wirkt, als hätte sie jemand mit der Spritztüte aufgetragen. Vor der Touristinformation beginnt eine Stadtführung, wie sie im offiziellen Programm bayerischer Städte selten ist: eine Tandemführung, geleitet von zwei Menschen – einem mit, einem ohne Beeinträchtigung.
Markus Riedel ist einer der Guides. Er arbeitet bei den Mainfränkischen Werkstätten, die seit 1973 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung schaffen. Heute aber steht er vor der Gruppe, neben ihm die zertifizierte Gästeführerin Giorgia Rettaroli Klopfer. Ausnahmsweise ist an diesem Tag ein dritter im Bunde: Thilo Richter, wie Markus bei den Werkstätten beschäftigt. Die beiden wechseln sich beim Führen ab.
Thilo musste niemand überreden, als das Projekt entstand. „Ich bin Kilian-Verehrer und interessiere mich für Geschichte. Mir war von Anfang an klar, dass ich hier dabei sein muss“, sagt er.
Kilian, das ist der irische Wandermönch, der um das Jahr 689 in Würzburg den Tod fand und zum Stadtpatron aufstieg. Der Dom trägt seinen Namen, das große Volksfest im Juli sowieso.
Die Führung folgt den bekannten Stationen: Marktplatz, Marienkapelle, Rathaus, Alte Mainbrücke, aber sie folgt eigenen Regeln. Verständliche Sprache heißt das Konzept: kurze Sätze, konkrete Bilder, Pausen zum Nachfragen. Die Guides spielen sich gegenseitig die Bälle zu: mal liefert Giorgia das historische Gerüst, während Markus und Thilo mit Anekdoten oder Wissenswertem ergänzen, mal ist es andersherum.
An diesem Vormittag besteht die Gruppe aus Beschäftigten der Werkstätten. Es wird gefragt, wiederholt und gelacht. Markus hat sichtlich Freude an seinem Publikum. „Gäste führen ist unsere Passion! Wenn ernste Leute dabei sind, will ich sie zum Lachen bringen. Und wenn die Leute glücklich sind, fühle ich mich auch besser.“
Thilo ergänzt: „Die Ausbildung hat Spaß gemacht. Es waren etwa zehn Doppelstunden, also gefühlt ein Jahr. Die Gästeführungen machen immer Spaß!“
Der Führung ist bewusst in einem entschleunigten Tempo gehalten. Wer langsamer erzählt, schaut genauer hin. Das gilt auch für die Gäste ohne Beeinträchtigung, die sich den Touren anschließen. Buchbar sind sie über Congress-Tourismus-Würzburg.
Ganz allein ist die Stadt damit nicht. In Nürnberg etwa bildet das Caritas-Pirckheimer-Haus für seine „Kultouren für alle“ ebenfalls Tandems aus Menschen mit und ohne Behinderung aus. Dass aber eine städtische Tourismuszentrale solche Führungen fest ins eigene Programm nimmt, ist bisher die Ausnahme.
Die Pause nach getaner Arbeit passt zum Prinzip: Im „Café Senza Limiti“, 2022 in der Innenstadt eröffnet, arbeiten Menschen mit und ohne Beeinträchtigung in einem Team. Die Speisekarte gibt es in leichter Sprache und in Braille-Schrift, der Espresso kommt aus einer sizilianischen Rösterei.
Große Extra-Worte über Inklusion braucht hier niemand. Viele Touristen werden gar nicht bemerken, dass sie sich in ein inklusives Café verirrt haben. Es reicht, dass der Kaffee (und die Stimmung) gut ist.
Mit dem Rollstuhl über das Kopfsteinpflaster
Sandra Steiner kennt den Unterschied zwischen einer Stadt auf dem Papier (Theorie) und einer Stadt unter den Rädern (Praxis). Sie ist mit ihrem Mann Philipp angereist, und die erste Lektion erteilt das Pflaster der Domstraße: Würzburgs Altstadt ist – nun ja – alt, man spürt es.
Aber die Stadt hat nachgerüstet, an einigen Stellen Bordsteine abgesenkt, Querungen geglättet, und wer in der Touristeninformation fragt, bekommt Routen genannt, auf denen die Fugen erträglich bleiben.
Es sind solche Auskünfte, die eine Reise planbar machen. „Reisen für Alle“ setzt genau dort an: Das System beschreibt nicht, ob ein Ort schön ist, sondern ob man hineinkommt – mit vermessenen Türbreiten und geprüften Rampen statt gut gemeinter Versprechen. Für Sandra heißt das: weniger telefonieren, weniger hoffen, mehr unterwegs sein.
Die Alte Mainbrücke erreicht sie ohne fremde Hilfe, und der Blick von dort entschädigt für manche Rüttelpassage: Auf der einen Seite die Festung Marienberg, auf der anderen das Käppele auf seinem Hügel, dazwischen der Fluss.
Im Kiliansdom, einer der großen romanischen Kirchen Deutschlands, führt der Weg stufenlos ins Mittelschiff, wo mittags das Licht durch die hohen Fenster fällt.
Einkehr im „Würzburger Hofbräukeller“, einem Wirtshaus mit Kastanien-Biergarten und fränkischer Karte. Betriebsleiter Nikolas Leifeld hat das Haus in den Kennzeichnungsprozess von „Reisen für Alle“ gebracht: Ein Hublift überwindet Stufen, die Toiletten sind barrierefrei umgebaut.
Was nach Technik klingt, heißt in der Praxis: Sandra sitzt nicht am Rand, sondern mittendrin, zwischen Stammtisch und Studenten, vor sich eine Haxe und ein kühles Bier.
Die Stadt unter den Fingern
Sibylle Brandt reist mit Remo. Der Assistenzhund kennt Kommandos, aber keine Sehenswürdigkeiten, dafür ist in Würzburg inzwischen Bronze zuständig. An der Alten Mainbrücke, am Rathaus und am Kiliansplatz stehen Tastmodelle, die Stadt und Bauwerke im verkleinerten Maßstab abbilden.
Sibylle fährt mit den Fingern die Brückenbögen nach, die Giebel, den Rathausturm mit seinen Anbauten aus acht Jahrhunderten. Das Modell macht aus einer Beschreibung eine Vorstellung und aus sehenden Begleitern bessere Erklärer, weil auch sie zum ersten Mal im Wortsinn begreifen, wie diese Stadt gebaut ist.
Stumm ist Würzburg für Sibylle ohnehin nicht. Der Dom schlägt die Stunden, auf dem Markt riecht es nach Backwaren und Blumen, vom Main weht es kühl herauf. Im Lusamgärtchen, dem stillen Hof hinter dem Neumünster, erinnert ein Gedenkstein an den Minnesänger Walther von der Vogelweide.
Die Legende erzählt, die Würzburger hätten einst Körner auf sein Grab gestreut, damit die Vögel dort weitersingen. An diesem Nachmittag zwitschert es tatsächlich, während ein paar Schritte weiter die Straßenbahn geräuschvoll vorbeizieht.
Am frühen Abend füllt sich die Alte Mainbrücke, die ersten Schoppengläser klingen. Vor dem Falkenhaus wird sich in ein paar Tagen die nächste Gruppe versammeln und Markus wird wieder dabei sein.
Wie sagte er, was ihm die neue Aufgabe gibt? „Geschichten, Applaus, gute Laune. Und im Gegensatz zur Werkstatt gibt's auch Trinkgeld“. Dann wird er vorausgehen, hinein in seine Stadt.
Info: Tandemführungen in Verständlicher Sprache sind über Congress-Tourismus-Würzburg buchbar, Startpunkt ist die Tourist Information im Falkenhaus am Markt.