Tastmodelle aus Bronze, ein Hublift im Wirtshaus und Tandemführungen, die aus Guides mit und ohne Handicap bestehen: Wie die Residenzstadt am Main zur Stadt für alle Gäste wird
Würzburg barrierefrei erleben
Am Falkenhaus, dessen Rokokofassade über dem Würzburger Marktplatz wirkt, als hätte jemand sie mit der Spritztüte aufgetragen, sammelt sich eine Teilnehmergruppe. Vorne steht Markus Riedel, Beschäftigter der Mainfränkischen Werkstätten und Gästeführer mit kognitiver Beeinträchtigung.
Neben ihm Giorgia Rettaroli-Klopfer, zertifizierte Stadtführerin. Tandemführung heißt das Format, normalerweise führen zwei: ein Guide mit, einer ohne Beeinträchtigung.
An diesem Tag sind sie ausnahmsweise zu dritt. Thilo Richter, ebenfalls Werkstätten-Beschäftigter, wechselt sich mit Riedel ab. Der sagt: „Ich bin Kilian-Verehrer und interessiere mich für Geschichte.
Mir war von Anfang an klar, dass ich hier dabei sein muss.“ Kleine Nachhilfe: Kilian, der irische Wandermönch, der im siebten Jahrhundert an den Main kam, machte die Stadt „zu seiner Sache“. So sehr, dass er gar zum Stadtpatron aufstieg.
Die Route führt über Marktplatz, Marienkapelle und Alte Mainbrücke, erzählt wird in verständlicher Sprache: kurze Sätze, konkrete Bilder, Pausen zum Nachfragen. An diesem Vormittag wird gefragt, wiederholt und gelacht. „Gäste führen ist unsere Passion“, sagt Riedel. Richter ergänzt: „Die Ausbildung hat Spaß gemacht. Es waren etwa zehn Doppelstunden, also gefühlt ein Jahr.
Die Gästeführungen machen immer Freude!“ Buchen lassen sich die Touren über Congress Tourismus Würzburg. Dass eine Tourismuszentrale solche Führungen selbst ins Programm nimmt, ist in Bayern die Ausnahme. Die Pause danach passt zum Prinzip: Im „Café Senza Limiti“ arbeiten Menschen mit und ohne Beeinträchtigung, die Speisekarte gibt es in Leichter Sprache sowie in Brailleschrift.
Per Rollstuhl durch die Würzburger Altstadt
Barrierefreiheit entscheidet sich in der tausendjährigen Stadt an Zentimetern. Sandra Steiner, mit ihrem Mann angereist, spürt im Rollstuhl jede Fuge des Pflasters. Die Tourist Information nennt Routen, auf denen es erträglich bleibt.
Das Kennzeichnungssystem „Reisen für Alle“ liefert vermessene Türbreiten statt gut gemeinter Versprechen. Im „Hofbräukeller“ überwindet ein Hublift die Stufen, die Toiletten sind umgebaut. Mittags sitzt Steiner nicht am Rand, sondern mittendrin, zwischen Stammtisch und Studenten, vor sich eine Haxe.
Die Stadt unter den Fingern
Sibylle Brandt reist mit Assistenzhund Remo. Der kennt Kommandos, aber keine Sehenswürdigkeiten. Dafür ist inzwischen Bronze zuständig: Tastmodelle an der Alten Mainbrücke, am Rathaus, am Kiliansplatz (um nur einige zu nennen).
Brandts Finger fahren die Brückenbögen nach, die Giebel, den Rathausturm. Aus einer reinen Beschreibung wird eine erspürte Vorstellung. Und im Lusamgärtchen, dem stillen Hof hinter dem Neumünster, zwitschern Vögel am Gedenkstein Walthers von der Vogelweide – der Legende nach streuten die Würzburger einst Körner auf sein Grab, damit dort weiter gesungen wird.
Am Abend füllt sich die Alte Mainbrücke zum Brückenschoppen, vor dem Falkenhaus wird in ein paar Tagen die nächste Gruppe auf Markus und Thilo warten. Was ihnen die neue Aufgabe gibt? Geschichten, Applaus, gute Laune. „Und im Gegensatz zur Werkstatt auch Trinkgeld“, berichten sie unisono. Na dann, auf viele weitere Buchungen!