Rangerin Antonia Rüede-Passul: Biologin und Naturschützerin
Die Birkhuhn-Security

Die Bergwelt um Spitzing- und Tegernsee ist beliebt bei Wintersportlern – sowie bei Schneehasen, Gämsen und seltenen Vögeln. Damit die Tiere ungestört bleiben, sind Ranger im Einsatz. Wir begleiteten sie auf Tourenski. Text und Fotos: Dietmar Denger

Lesezeit: 13 Minuten

Skitouren und Naturschutz an Spitzingsee, Tegernsee und Schliersee

In aller Stille schieben sich am frühen Morgen die Nebelbänke durch die aufgepuderten Fichten um den verschneiten Spitzingsee. Sie gleiten zwischen den steilen Flanken von Brecherspitze und Jägerkamp über den Spitzingsattel hinunter ins Alpenvorland.

Wie ein breiter Bergfluss aus milchigem Gletscherwasser. Am Seeufer beendet ein Fuchs gerade seine Nachtschicht und tippelt auffällig gelassen durch den fluffigen Schnee. Er scheint die Ruhe zu genießen. Als Insider weiß er aber, was gleich passieren wird.

Ansturm auf Spitzingsee & Co.

An einem sonnigen Samstagmorgen, nachdem die Münchner ihren zweiten Latte ausgetrunken, sich ins Auto gesetzt und bergsüchtig in die Karawane Richtung Süden eingereiht haben, kann es wenig später voll werden rund um Tegernsee und Schliersee. Das Gipfelrund am etwas höher gelegenen, schneesicheren Spitzingsee ist im Winter noch beliebter und stärker besucht.

Besonders Skitouren- und Schneeschuhgeher stapfen der Freiheit jenseits der Baumgrenze entgegen. Der Fuchs hat sich dann längst in seiner Höhle verkrümelt, für Birk-und Auerhuhn kann es allerdings eng werden. Den scheuen Riesenvögeln bieten allein die lichten Bergwaldzonen abseits von Pisten und Almflächen Schutz. Jenes Terrain also, das sich beim Skifahren auf der First Line so gut im Video macht.

Morgennebel am Spitzingsee

Ranger-Credo: Information statt Belehrung

Beim Anblick von Freeridern sträubt sich dem Birkhuhn wahrscheinlich jede der vornehm wirkenden schwarzen Federn und dem Hahn schwillt der leuchtend rote Kamm. Zum Glück hat das Bergwild aber seit einiger Zeit eine nette Security. Auf Initiative der Alpenregion Tegernsee Schliersee schwärmt an den Wochenenden ein Team von Rangern aus, das zum Schutz der Tierwelt auf Information statt drohende Belehrung setzt.

Die Traumhafte Aussicht reicht von München bis zur Zugspitze

Antonia Rüede-Passul ist am Jägerkamp eingeteilt. Der Berg mit der traumhaften Aussicht, die von München bis zur Zugspitze reicht, ist eines der am stärksten frequentierten Bergziele Bayerns. Mit Tourenski schlurfen wir seit einer Stunde auf weiten Almflächen der Sonne entgegen.

„Das wird ein langer Tag werden“, prophezeit die Rangerin beim Blick in den tiefblauen Himmel und auf die erste große Gruppe Skitourengeher weiter unten. Sie wirkt aus der Entfernung wie ein Trupp Arbeiterameisen.

Im Hauptberuf Klimaschutzbeauftrage beim Landkreisamt Miesbach, engagiert sich die Biologin und begeisterte Bergsportlerin an fast jedem Wochenende in ihrem Nebenjob. Sie will sich aber nicht als Gipfelpolizistin verstanden wissen will. Statt herablassender Ermahnungen sei nettes Werben für Verständnis gefragt.

Naturverträglich Skitouren- und Schneeschuhgehen mit der Rangerin
Panoramablick auf Schliersee und die Bayerischen Voralpen

„Wir Ranger machen die Leute auf die sensible Tierwelt und die Existenz von Wild- und Waldschongebieten aufmerksam, erklären Hintergründe und geben Tipps, wie man Schongebiete schnell und einfach in die Tourenplanung mit einbezieht“, führt sie in einer kurzen Verschnaufpause aus. Und immer hätte sie auch alternative Routen parat. Extrem gute Kenntnis der Gegend ist da hilfreich.

Wie wichtig Besucherlenkung ist, um der Natur ihren Rückzugsraum zu lassen, ist am Jägerkamp offensichtlich. Es ist noch keine drei Tage her, dass eine Schneefront den gesamten Berg einen halben Meter hoch frisch einflockte. Doch längst findet sich kaum mehr ein Meter, der nicht verspurt ist, weder auf den freien Flächen noch in den steileren Flanken und Waldzonen.

Birkhuhn-Quartier an der Abbruchkante

Gegen 9 Uhr sind wir am Einsatzort, dem Sattel kurz vor dem Jägerkamp-Gipfel. Zu verführerisch ist es, von dort die letzten Meter ganz nah dran an der Abbruchkante zu gehen, wo der Blick weit bis nach München und darüber hinaus reicht.

Doch ausgerechnet diese Aussichtsloge haben sich Birkhahn und sein Hühner-Harem als Winterquartier ausgesucht, wie Spuren im Schnee beweisen. „Ein ganz sensibler Bereich“, so Antonia, auf den sie sogleich die ersten Schneeschuhgeher aufmerksam macht, die das kleine Schneeplateau erreichen. „Habt ihr schon von den Schutzzonen hier oben gehört?“, fragt sie die beiden Studenten aus München, die den schönen Tag zum Bergausflug genutzt haben. Haben sie, ganz vorbildlich wurde der Gipfel bereits daheim im Internet studiert.

Das freut die Naturschützerin. Ihr Hinweis auf die Wegmarkierung, die von hier aus bis zum Gipfel den Freizeitbereich vom Schutzbereich trennt, wird ebenso wie der Flyer dankend angenommen.

„Ganz überwiegend sind die Reaktionen positiv“, so die Rangerin, die immer wieder erlebt, wie wichtig ihre Arbeit ist: „Viele wissen nicht, dass es Schongebiete gibt, und gehen deshalb unwissend rein.“

Rangerin Antonia Rüede-Passul erklärt die Schutzzonen beim Skitourengehen

Route oder Ruhezone?

Zwar stehen an den Einstiegen der beliebtesten Routen und an den Ruhezonen weiter oben große Infoschilder, doch auch die würden oft noch übersehen. Die aktive Ansprache richtet sich daher vor allem an die verpeiltesten Bergsportler, aber nicht nur. „Die meisten freuen sich sehr, mehr zu erfahren, und nehmen alternative Routenempfehlungen gerne an.“ Andere wiederum hörten geduldig zu, allerdings eher mäßig interessiert.

Und natürlich gibt es auch die Problemfälle. Eine gewisse Frusttoleranz sei vonnöten, weiß Antonia aus Erfahrung. Nicht alle Gesprächspartner seien kooperativ, einige reagierten aus den verschiedensten Gründen ablehnend. „Bei denen schwingt oft das Gefühl mit, überhaupt nichts mehr zu dürfen.“ Auch das Leinengebot für Hunde in den Bergen werde von den Vierbeinern klaglos und brav akzeptiert, doch nicht immer von Frauchen und Herrchen.

Fast 30 Ranger sind unterwegs

Der Berg ruft lauter denn je: Seit Corona boomen Outdoorsportarten, werden die Alpen buchstäblich überrannt. Vor allem rund um die sogenannten Münchner Hausberge zwischen Wendelstein und Tegernsee wird es eng „Umso wichtiger ist, dass wir auch bereit sind, Kompromisse einzugehen, Rücksicht auf Natur und Tiere nehmen, damit uns dieses einzigartige Ökosystem erhalten bleibt“, findet Antonia.

Richtig ärgerlich sei nur die kleine Fraktion der Berg-Rambos, die Hinweise und Gebote ganz bewusst missachteten. Dann wünscht sie sich manchmal, mehr tun zu können als nur zu informieren. Krasse Regelverstöße sanktionieren dürfen sie und ihre bis zu 26 Kolleginnen und Kollegen, die für die Alpenregion Tegernsee Schliersee im Nebenjob patrouillieren, nicht.

Bildergalerie

Mehr Impressionen unserer winterlichen Tour

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Die Lizenz dafür haben nur die zwei hauptberuflichen Ranger, die es beim Landratsamt Miesbach seit Sommer 2021 gibt. „Aus meiner Sicht sollte die Sanktionierung nie der erste Schritt sein“, meint Thorsten Schär, den ich wenig später an der Talstation der Taubenstein treffe, dem Ausgangspunkt der Touren auf den Jägerkamp.

"Die meisten Fehler passieren aus Unwissenheit und nicht aus Absicht"

Der Geschäftsführer der Alpenregion Tegernsee Schliersee war 2019 zusammen mit der Unteren Naturschutzbehörde und der Gebietsbetreuung Mangfallgebirge ein Mitinitiator des Ranger-Projekts und ist für die Koordinierung seiner Schützlinge verantwortlich. „Als Zwischenfazit können wir feststellen, dass die meisten Fehler, die Gäste machen, aus Unwissenheit und nicht aus Absicht passieren.“

„Zwar sind wir kein Natur- oder Nationalpark“, so Schär, „aber dennoch ist es sehr wichtig, unsere Gäste über die Region, die Natur und auch über Sicherheitsaspekte zu informieren und willkommen zu heißen. Wir haben gemeinsam mit dem Landratsamt und unseren Gemeinden die Bergführer, Gäste- und Heimatführer, Kräuterpädagogen, DAV-Sektionen oder Skischulen angeschrieben und so sind wir schnell zu einem stattlichen Verteiler gekommen.

Nach einigen Treffen und Fortbildungen sind mittlerweile 26 Ranger für uns im Einsatz.“ Allein im vergangenen Sommer wurden an 50 Einsatztagen innerhalb von drei Monaten mehr als 15.000 Gespräche geführt, erzählt Ranger-Teamchef Schär.

Skitour mit Rangerin Antonia Rüede-Passul (vorne): Biologin und Naturschützerin
Gipfelkreuz auf dem Jägerkamp (1.746 Meter) mit Blick auf den Schliersee

Ranger als Sicherheits- und Routenberater

Die geballte Kompetenz kann auch Fragen zur Sicherheit beantworten und Wander- oder Schneetourentipps geben. „Die Informationen zu den Wald-Wild-Schongebieten werden gern angenommen, viele Besucher fragen aber auch gezielt nach der richtigen Spur beim Gipfelziel oder nach grundlegenden Informationen zur Region oder Tour“, freut sich Schär.

Es ist mittlerweile Abend geworden. Von der Autokolonne zurück Richtung München verschwinden die letzten Rücklichter. Am Spitzingsee beginnt es kräftig zu schneien. Die Ruhe ist zurück. Vielleicht wünschen Fuchs und Schneehase sich gleich gute Nacht. Ein paar Stunden ist es jetzt still, dann werden am Jägerkamp, wahrscheinlich noch im Licht der Stirnlampen, wieder die First Lines durch den Schnee gezogen.

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