Skitourengeher am Ochsenkopf
Die Ochsenkopf-Formel

Die Höhen von Fichtelgebirge und Steinwald sind von Dezember bis Ende März schneesicher. Rund um Ochsenkopf und Saubadfelsen warten in Bayerns nordöstlicher Ecke neben vier Kilometern Pisten einige Hundert Kilometer Trails und Loipen auf Langläufer, Touren- und Schneeschuhgeher. Text und Fotos: Thomas Linkel

Lesezeit: 17 Minuten

Wintersport im Fichtelgebirge

Der Krummbiegl Schorsch ist ein entfernter Verwandter und außerdem ambitionierter Wintersportler. Seit Jahren lädt er mich zu Skitouren, Langlaufrunden und Schneeschuhwanderungen in seiner Heimat, dem Fichtelgebirge, ein. Immer im Dezember klingelt mein Telefon, meistens genau dann, wenn ich von Süden, Sonne und Sarde a beccafico träume. Dann ist der Schorsch am Telefon und fragt als Erstes: „Bist fit für a Tour?“

Und ich habe sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich seit Jahren verspreche, die verschneiten Berge, Täler und Wälder des Fichtelgebirges mit ihm zu erobern, aber es dann doch wieder nicht schaffe. So ein richtiger mitteleuropäischer Winter ist schließlich schneller vorbei, als man noch im Dezember denkt, … und dann ist es plötzlich März und die Schneeglöckchen und Krokusse sind schon fast verblüht und in den Senken und Bachläufen bildet frisches Gras einen grünen Teppich.

Perfekt für Schneeschuhtouren: Der Winterwald im Fichtelgebirge

Genug Schnee im März

Dabei liegt im Fichtelgebirge oft noch Schnee, wenn in Frankfurt, Berlin und München bereits der erste Aperol Sprizz im Straßencafé bestellt wird. Das Mittelgebirge im Nordosten Bayerns kann mit Fug und Recht als schneesicher bezeichnet werden, meist liegt auch noch Ende März Schnee.

"Magst einen Schnee, dann komm sofort"

Beinahe wäre also auch der vergangene Winter ohne eine Reise zu Ochsenkopf und Zipfeltannenfelsen vergangen, hätte mich nicht der Schorsch an einem Mittwoch kurz vor dem 1. April angerufen. „Magst einen Schnee, dann komm sofort, es hat noch mal geschneit, das reicht für das Wochenende“, höre ich aus dem Telefon. Und: „Bin gerade auf Feierabend-Langlauftour in Fichtelberg.“

Am Freitagmorgen packe ich Wintertaugliches, auf dem Weg sendet mein Verwandter die Nachricht, dass er mich doch nicht begleiten könne, weil er familiär eingespannt sei (so ist er der Schorsch …!), aber er schickt mir noch viele Tipps und gute Wünsche und die Hoffnung auf baldige Wiederholung zu zweit. Weil ich die Gegend lieber mit der Expertise eines Einheimischen erkunde, wende ich mich kurzentschlossen an den Naturpark Steinpark.

Steinwald: Naturpark seit 1970

Mittags erreiche ich den Steinwald. Der südlichste Ausläufer des Fichtelgebirges ist seit 1970 geschützter Naturpark. Über Erbendorf, einer Kleinstadt am Fuß des dicht bewaldeten Granitrückens, liegt eine Wolkendecke, die am Kirchturm festzuhängen scheint, die Äcker ringsum schimmern feucht-braun. Aber: Von Schnee keine Spur. Mensch, Schorsch …

Hinter Erbendorf schlängelt sich die Nebenstraße bergauf, zwischen Feldern geht eine Frau mit Hund spazieren, ich passiere einen Bauernhof mit niedriger Scheune, Holzstapel, freilaufende Hühner, eine Handvoll Häuser, auf denen die Kamine rauchen. Auf dem Wanderparkplatz am Dorf Pfaben steht ein einziges Auto. Daran lehnt ein Mann im Outfit der Naturpark-Ranger: meine „Verabredung“ in Person von Jonas Ständer.

Die
Ranger Jonas Ständer im Naturpark Steinwald

Zur Steinwald-Sphinx und zurück

Der Waldhistorische Lehrpfad, den Jonas mir zeigen will, beginnt nur wenige Gehminuten entfernt am Einstieg zur Saubadloipe. Wo wir in den Schatten des Waldes treten, liegt erstmals Schnee. Und mit jedem Schritt bergauf wird die weiße Decke auf Boden, Steinen und Bäumen dichter.

Auf einer freien, kreisrunden Fläche, dem Standort eines ehemaligen Kohlemeilers, bleiben wir stehen. Vom Spätmittelalter bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde im Steinwald Holzkohle gewonnen, um die Hammerwerke in den umliegenden Weilern mit dem notwendigen Brennstoff zu versorgen. Viele Jahrhunderte war der Steinwald wegen seiner reichen Eisenerzvorkommen eines der wichtigsten europäischen Zentren zur Eisengewinnung.

Zipfeltannen- und Saubadfelsen: Wahrzeichen aus Granit

Bis zu den Knöcheln versinken wir im Schnee, als tiefer im Wald eine mächtige Felsnase aus Granit zwischen den Bäumen hindurchspitzt. „Unsere Steinwald-Sphinx“ nennt Jonas den charakteristisch geformten Teil des von Spalten und Rissen durchzogenen Zipfeltannenfelsens. Schmale Eiszapfen hängen von seinen Flanken, unter einem umgestürzten Baum hat Jonas einen Fuchsbau entdeckt, in den Spuren hineinführen, aus der Krone eines Bergahorns beobachten uns Raben mit aufgeplustertem Gefieder.

Der Granit des Steinwalds geht auf geologische Prozesse im Erdinneren zurück, die mehr als 300 Millionen Jahre zurückliegen. In deren Folge bildeten sich Magmakammern, die langsam abkühlten und zu großen Granitkörpern erstarrten. Über Jahrmillionen nagende Erosion zerlegte das umhüllende, weichere Gestein und befreite beeindruckende Felsgebilde wie den Zipfeltannen- oder den Saubadfelsen.

Winterwandern an der Ostseite des Ochsenkopfes im Fichtelgebirge

Lebensraum für Gartenschläfer

„Diese Blockhalde ist der Lebensraum für viele Tierarten, unter anderem für mein Lieblingstier, den Gartenschläfer“, erzählt Jonas mit Blick auf das Chaos aus großen Felsen unter uns. Einige Schneewehen und Bachquerungen später sind wir mühsam die vereisten Stufen auf die Aussichtsplattform am Saubadfelsen hinaufgekraxelt.

Bewaldete Höhen ringsum, der Wind zerrt an den Mützen und treibt uns piksende Schneekörner ins Gesicht – der in Felsspalten überwinternde Gartenschläfer wird es deutlich gemütlicher haben, denke ich.

„Den Gartenschläfer erkennst du an seiner Zorro-Maske zwischen Augen und Ohren“, erklärt Jonas, aber ohne Kamerafalle und Lockmittel wie Walnussöl oder Erdbeermarmelade sei das nachtaktive Tier kaum zu entdecken. Die Evolution habe dem Nager auch Sollbruchstellen in seinem Schwanz spendiert, wird er etwa von Fuchs oder Eule am pelzigen Ende erwischt, entledigt er sich einfach dieses Teils.

Revier von Luchsen

Weiter geht es Richtung Rotwildgehege, dem letzten Punkt der Wanderung. Kaum erreichen wir das umzäunte Areal, trabt eine Hirschkuh auf Jonas zu und lässt sich den Hals kraulen. „Das ist Sissy, tolles Wild, ich bin ihr Liebling“, sagt er, während sich das grau-braune Tier gegen den Zaun und an ihn drückt. Von den anderen im Gehege werde Sissy etwas gemobbt, weil sie mit der Flasche großgezogen wurde. Wann immer er vorbeikomme, hole sie sich Streicheleinheiten ab.

Auf dem Weg zum Parkplatz geht Jonas an einer Quelle in die Hocke und sucht den vereisten Boden ab. Hier wären schon einmal Luchsspuren entdeckt worden, aber heute sei noch keines der scheuen Raubtiere vorbeigekommen. Drei bis vier Luchse tauchen immer mal wieder in den Fotofallen im Naturpark Steinwald auf, aber weil deren Jagdreviere bis zu 400 Quadratkilometer groß seien, wäre es nahezu ausgeschlossen, einem Luchs zu begegnen. „Selbst wenn der Luchs direkt am Weg im Dickicht sitzen würde, bemerkten wir ihn nicht. Wir hoffen, dass sich langfristig eine kleine Population bildet“, erklärt Jonas.

Auf zum Ochsenkopf

35 schneefreie Kilometer liegen zwischen Erbendorf und Fichtelberg unterhalb des 1.024 Meter hohen Ochsenkopfs, des zweithöchsten Bergs im Fichtelgebirge. Der erste Schnee liegt kurz vorher auf dem Klausenhang von Mehlmeisel, ein 700 Meter langes beschneites Band gegenüber dem Ochsenkopf, auf dem Skifahrer und Rodler bergab sausen und das über eine Flutlichtanlage verfügt.

Am Fichtelsee etwas außerhalb des Orts Fichtelberg ist der Parkplatz von Schneebergen umrahmt. Kinder mit roten Backen ziehen Schlitten, Wintersportler laden Langlaufski und Schneeschuhe aus Kofferräumen, einen Steinwurf bergauf liegt der Einstieg ins über 250 Kilometer lange Loipennetz rund um den Berg. Hier kann bis in den Frühling geskatet und klassisch gelaufen werden kann.

Über gut ausgeschilderte Winterwanderwege gehen wir auf Tourenski durch tief verschneiten Wald bis zum Weißmain-Ochsenkopf-Steig, queren Loipen mit Langläufern, die wie Dampflokomotiven Atemwölkchen ausstoßen. Wenige Schritte später bin ich wieder von der Stille des Waldes umgeben, einmal fällt Schnee mit einem dumpfen Knall auf den Boden, später höre ich den lang gezogenen Ruf eines Waldkauzes.

"Besseres Wasser findst ned, des schießt dich bis zum Gipfel"

Picknick unter Felsen

Irgendwann machen wir eine Teepause am sogenannten Felsendach, einer Bank unterhalb großer Granitblöcke unweit der Quelle der Fichtelnaab, die mir der Schorsch empfohlen hatte: „Besseres Wasser findst ned, des schießt dich bis zum Gipfel.“

Bis die Fichtelnaab unter Bäumen verschwindet, plätschert sie ihre ersten Meter zwischen Weidensträuchern und Moosen, ein schmales, farbiges Band in einer weiß erstarrten Welt, in der ich mich schließlich wieder auf den Weg mache.

Niemand kommt uns entgegen, als wir weiter bergauf steigen, vorbei an überdachten Picknickplätzen, über vereiste Wurzelnetzwerke und auf Pulverschnee, der sich im Schatten des Bergwaldes gehalten hat. Am Weißmainfelsen steigen wir zur Aussichtsplattform. Von dort reicht der Blick über weite, bewaldete Hänge bis zum Ochsenkopf-Gipfel.

Gipfel des Ochsenkopf (1.024 Meter): Der zweithöchste Berg im Fichtelgebirge
Ausblick vom Goethefelsen im verschneiten Fichtelgebirge

Goethe war auch schon da

Eine Stunde später zweigt ein schmaler Pfad zum Goethefelsen ab, den mir der Schorsch ebenfalls empfohlen hatte. Die nächsten Meter führen durch unverspurtes Gelände, ich schlängle mich zwischen dick verschneiten Fichten hindurch bis hinauf zum Granitblock, auf dem der große deutsche Dichter schon gesessen haben soll.

Hinter mir ragt der Sendemast das Bayerischen Rundfunks auf dem Gipfel des Ochsenkopf 191 Meter hoch in den Himmel. Große Teile der DDR konnten über diesen Sender, der tief in das sozialistische Staatsgebiet strahlte, Westprogramme empfangen. In unmittelbarer Nähe der Mastbasis enden die beiden Sessellifte, die den Berg von Norden und Süden für Skifahrer optimal erschließen.

Vor mir erstreckt sich die gewellte Landschaft des Fichtelgebirges bis zum Steinwald im Südosten und weiter bis zum Rauhen Kulm, dessen markanter Basaltkegel die Horizontlinie durchbricht. Ich schicke dem Schorsch ein Foto als Beweis, dass ich wirklich da war, nehme mir für den kommenden Tag eine Schneeschuhtour zum Gipfel vor und verspeise meine Brotzeit. Dann steige ich in die Bindung und carve schon bald auf gepflegter Piste bergab.

Hans-Jürgen Zippel beim Eisbaden im Fichtelsee

Eisbade-Paradies Fichtelsee

„Kalt ist mir nicht“, sagt der Mann im Eisloch, dabei verharrt er schon seit Minuten bis zum Hals im eisbedeckten Fichtelsee. Während andere Fußball schauten, gehe er eben zum Schwimmen, erklärt Hans-Jürgen Zippel, egal, zu welcher Jahreszeit.

Und der Fichtelsee sei optimal für ein Bad im Winter: nicht besonders tief, angenehmer Seeboden und wenig los. Wenn sich andere auf die Schienbeine kloppten, chille er lieber im Wasser. Dann fühle er sich die nächsten Stunden wie auf einem anderen Level, da sei er in einer anderen Welt.

Eine andere Welt, mit Stille, Eiszapfen und Fuchsspuren im Schnee, während anderswo schon die Straßencafés öffnen, die habe ich im Fichtelgebirge auch ohne Eislochbaden längst gefunden. Und mit dem Krummbiegl Schorsch ziehe ich nächsten Winter los. Versprochen!

Panoramablick vom Ochsenkopf auf die Winterlandschaft im Fichtelgebirge
Schneeschuhwandern Bayerwald: Die Bäume biegen sich unter der Last des Schnees zu skurrilen Formen

Lust auf einen "Moonwalk" im Bayerischen Wald?

Video zum Winterwandern im Naturpark

Naturpark-Rangerin Dr. Melanie Chisté weiß um die Anziehungskraft der Natur. Mit Blick auf die dort lebenden Tiere lautet ihr wichtigster Tipp: Bleibt bitte auf den markierten Wegen. So erreicht man problemlos die schönsten Stellen und schützt Fauna und Flora.

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