Mach mir den Gorilla

Autorin Astrid Därr erkundet mit ihrem Sohn den sogenannten Isarwinkel zwischen Brauneck und Isar per Mountainbike. Davor war ein MTB-Kurs für den Fünfjährigen angesagt

Lesezeit: 12 Minuten

Mountainbiken mit Kids zwischen Brauneck und Isar

  • Gorilla: Für eine aktive, stabile Haltung im Stehen.
  • Flunder: Mit Absenken des Oberkörpers für das sichere Überrollen von Hinternissen.

„Ihr macht erst den Gorilla, dann geht ihr in die Flunder!“, ruft Sam den drei Jungs zu, die ungeduldig mit ihren Bikes in den Startlöchern stehen. Im Stehen radelt Nelion auf die am Boden liegende Palette zu, beugt dann seinen Oberkörper leicht nach vorne und rumpelt über die kleine Stufe wieder hinunter.

Die jungen Bike-Instruktoren Magdalena „Leni“ Epp und „Sam“ Samuel Mayer haben auf einem Schotterparkplatz am Fuß des Braunecks in Lenggries einen kleinen Parcours für fünf- bis siebenjährige Kinder aufgebaut.

Im dreistündigen „BikeSpieler“-Kurs von TrailXperience lernen sie die Grundpositionen auf dem Rad: „Gorilla“ für eine aktive, stabile Haltung im Stehen, „Flunder“ mit Absenken des Oberkörpers für das sichere Überrollen von Hindernissen.

Der Kurs beginnt mit einem Sicherheitscheck – die Kinder prüfen den Luftdruck, indem sie sich auf die Vorderreifen setzen, kontrollieren die Bremsen und den korrekten Sitz ihrer Helme. Danach geht es mit den eigentlichen Kursinhalten weiter: Fahrsicherheit, Überfahren kleiner Hindernisse, Balance-Übungen und Bremsen auf verschiedenen Untergründen.

Der fünfjährige Nelion kämpft zwischendurch mit seiner Motivation und Koordination, während die zwei Mitfahrer Quirin und Leopold schon mehr Mountainbike-Erfahrung mitbringen.

Nach einigen Hindernis-Übungen steckt Leni ein imaginäres „Kinderzimmer“ mit Verkehrshütchen ab, in dem die Buben immer engere Kreise drehen sollen. Wer am längsten die Füße auf den Pedalen behält, gewinnt die Gummibärchen-Belohnung.

„Was ist das Wichtigste beim Radfahren?“, fragt Leni nach einer kurzen Trinkpause. Sie gibt selbst die Antwort: „Nicht treten, sondern kontrolliert bremsen“ – und lässt die Kinder in einem mit Quietsch-Krokodilen und -Leoparden begrenzten Rechteck üben. Dann reicht es für heute, die Hitze an diesem sonnigen Freitagnachmittag macht müde.

Hofleben am Brauneck

Nach dem Kurs quartieren wir uns mitsamt den Bikes für zwei Nächte im „Draxlhof“ im Ortsteil Wegscheid ein. Der von üppigen Geranien geschmückte Bauernhof liegt idyllisch zwischen Streuobstwiesen, Pferde- und Kuhweiden am Fuße des „Draxlhangs“ mit Skipiste und Sommerrodelbahn.

Der Hof mit Spielplatz und Trampolin im Garten wird bereits in zweiter Generation von der Familie Gerg betrieben. „Die Leute wohnen gerne in einem Familienbetrieb. Viele unserer Gäste waren schon als Kind bei uns und kommen mit ihren eigenen Kindern wieder“, erzählt Landwirtin Anna Gerg.

Die zwanzig Milchkühe und Kälber sind tagsüber auf der Weide, das Jungvieh im Sommer auf der Alm. Um 17 Uhr dürfen die Gäste beim Melken im Stall zusehen und am Bauernhofleben teilhaben.

Flößerdorf mit Action-Angebot

Lenggries im Isarwinkel, zwischen dem Sylvensteinspeicher und Bad Tölz gelegen, verbindet Naturerlebnis mit aktiver Erholung. Die weitgehend naturbelassene Wildflusslandschaft der Isar mit ihren breiten Kiesbänken und Auen bildet ein riesiges Erholungsgebiet vor den Toren des Luftkurorts.

Wanderlustige toben sich auf rund 350 Kilometern markierten Wegen aus, vom gemütlichen Naturerlebnispfad an der Isar bis zur Gipfeltour aufs Brauneck (1.556 Meter).

Wer mit der Bergbahn aufs Brauneck fährt, hat die Wahl zwischen verschiedenen Panoramawegen, dem Abstieg zu Fuß, einem Abflug mit dem Gleitschirm oder einer rasanten Abfahrt mit dem Bullcart.

Radfahrer nutzen den Isarradweg als Teil von rund 500 Kilometern ausgewiesenen Rad- und Mountainbikestrecken in der Region. Aussichtsreiche Mountainbike-Touren zum Höhenmetersammeln führen beispielsweise über das Hirschbachtal zum Hirschbachsattel und zur Lenggrieser Hütte auf einer Höhe von 1.338 Metern.

Für den Bike-Anfänger Nelion entscheiden wir uns am nächsten Tag für eine 30-Kilometer-Runde auf der „Verweiltour im Isarwinkel“.

Relax-Radeln an der Isar

Weiß-blauer Himmel, Panoramablick aufs Brauneck und das Rauschen der Isar begleiten uns auf dem Isarradweg von Lenggries aus in Richtung Norden. Wacholder, Birken, Weiden und Lichtungen mit Kräutern und Wildblumen säumen den breiten Schotterweg durch die Isarauen.

Nelion ist noch hochmotiviert und übt die am Vortag erlernte Technik: Mit der Gorilla-Position im Stehen bringt er bei kleinen Steigungen gut Druck auf die Pedale. In Gaißach legen wir die erste Buddel- und Brotzeitpause auf einer Kiesbank am Fluss ein.

Während wir knietief im eisblauen Isarwasser kneippen, gleiten Raftingboote und Kajakfahrer an uns vorbei. Mit vielen Stopps arbeiten wir uns langsam in Richtung Bad Tölz vor.

Bei jeder Pause packt Nelion ein paar rundgeschliffene Isarsteine in Mamas Radtasche. „Die sind so schön!“, wehrt er jeglichen Protest ab. Bei der Verweiltour ist der Name Programm: Nach drei Stunden haben wir die 15 Kilometer bis Bad Tölz geschafft.

Statt zum verdienten Mittagessen mit bayerischen Schmankerln möchte Nelion lieber direkt zum Taubenlochspielplatz an der Isar. Bei der Sommerhitze kommen die Wasserspiele genau richtig, dazu Kletterelemente und Schaukeln. Die Eltern relaxen derweil in Liegestühlen unter alten Bäumen mit Blick auf den Fluss.

Schließlich treibt uns der Hunger in die Marktstraße mit prächtigen Bürgerhäusern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Für einen Besuch im Stadtmuseum, das die Geschichte von Bad Tölz zwischen Flößerei, Isarhandel und Kurtradition erzählt, fehlt die Zeit.

Mit gefüllten Mägen steht stattdessen eine kleine Bergetappe hinauf nach Wackersberg an. Nelion hat zwar ein top ausgestattetes Mountainbike, lässt sich aber trotzdem lieber mit dem Schleppseil hochziehen.

Vorbei an wunderschönen, alten Bauernhöfen strampeln wir in der Sonne und wünschen uns die schattigen Isarauen zurück. „Wann sind wir endlich da?“, jammert Nelion. Als aber die Pestkapelle auf einer Anhöhe zwischen Blumenwiesen und Waldrand auftaucht, vergisst er die Anstrengung schnell wieder.

Das Kirchlein wurde 1638 von nur sieben Überlebenden der Gemeinde Wackersberg in Gedenken an die schwere Pestepidemie im Dreißigjährigen Krieg errichtet. Auf einer Bank neben der Kapelle wässern wir unsere trockenen Kehlen, dann geht es auf dem Höhenweg weiter. Letztes To-do auf der Verweiltour: Bio-Eis essen am „Beindlhof“.

Die Anfahrt wird zur Schnitzeljagd. Ein Schild im Ortsteil Schnait weist auf einen Parkplatz hin, dann nichts mehr. Wir irren umher und fragen schließlich den Bauern eines Nachbarhofs, der uns ein „Wiesenwegerl“ zeigt. Auf einem Trail hoppeln wir etwa 500 Meter über die Wiese zum Hof, der nur zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar ist.

Beim Blick in die Gefriertruhe des Selbstbedienungskiosks wird klar, warum das Hofeis ein Geheimtipp ist. Neben den Klassikern wie Schokolade und Vanille kann man mit Tonka, Black Garlic, Weißbier, Rhabarber-Ingwer oder Aperol-Sorbet auch interessante Geschmacksexperimente eingehen. Das Eis wird aus hofeigener, frischer Bio-Milch und -Sahne sowie eigenen Früchten hergestellt.

Mit Schokoladeneis im Bauch schafft Nelion die letzten 8 Kilometer auf Radwegen und Nebenstraßen zurück zum „Draxlhof“. Die Melkzeit haben wir zwar verpasst, doch zum Tagesabschluss locken noch Käsespätzle und Zwiebelrostbraten im Gasthaus „Jaudenstadl“.

Wandern statt Radeln 

Schon morgens brennt am folgenden Tag die Sonne gnadenlos vom Himmel, als wir zur Bergbahnstation Brauneck radeln. Auf einem steilen Kiesweg quälen wir uns einige Höhenmeter bergauf. Dann parken wir die Räder und wandern eine halbe Stunde zum Bergwirtshaus „Reiser Alm“.

Das Rotwild im Gehege an der Alm hat sich in den schattigen Wald verzogen. Um zehn Uhr sind wir die ersten Gäste, die auf der angenehm luftigen Panorama-Terrasse Platz nehmen und Kuchen bestellen.

Während es noch ruhig ist, schweben über unseren Köpfen bereits Dutzende Gleitschirmflieger vom Brauneck ins Isartal. Wegen der Hitze fallen Radfahren oder Wandern heute flach. Stattdessen geht es ins Naturfreibad – für einen Sprung ins kühle Wasser, bevor wir die Räder wieder im Auto verstauen.

Viel Strecke haben wir an diesem Wochenende nicht gemacht. Dafür haben wir „Flunder“ und „Gorilla“ gelernt und dass es beim Biken mit Kind weniger um Höhenmeter als ums Genießen und Entdecken geht.

Post aus Bayern

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