Familie in einem roten Kanu auf der Altmühl im Altmühltal
Paddeln & Steineklopfen

Was für eine Gaudi! Eine Kanutour, gewürzt mit Fossiliensuche im Plattenkalk, dazu Camping „mitten im Fluss“. Die Altmühl, Europas langsamster Fluss, beschert unserer Autorin und ihrem Sohn einen Abenteuerurlaub in Slow Motion

Lesezeit: 12 Minuten

Kanutour, Fossiliensuche und Camping mit Kind im Altmühltal

Fließt dieser Fluss überhaupt? Das spiegelglatte Wasser der Altmühl umplätschert unser Kanu ohne erkennbare Fließrichtung. Aus der Ferne ertönt der Ruf eines Kuckucks. Einige Enten heben schnatternd ab, als wir uns mit dem Kanadier nähern.

Ansonsten: erholsame Stille auf der Altmühl. Die gilt wegen ihres extrem geringen Fließgefälles als der langsamste Fluss Europas. Ohne zu paddeln kommen wir praktisch nicht Vorwärts.

Astrid und ihr Sohn Nelion paddeln 17 km von Treuchtlingen nach Solnhofen

So spüren wir auf den 17 Kilometern Paddelstrecke zwischen Treuchtlingen und Solnhofen nach einer Weile unsere Schultern und Arme ordentlich. Während der fünfjährige Nelion vorn im Boot nach Krokodilen Ausschau hält und jede Ente mit einem freudigen „Haalloooo!“ begrüßt, muss Mama den Dreier-Kanadier allein in Bewegung halten.

Die Altmühl hat an diesem Frühsommerwochenende einen sehr niedrigen Wasserstand, sodass am lehmigen Ufer die Löcher der Bisamratten und Biber freiliegen.

„Oh, wie süß!“, ruft Nelion und zeigt auf ein Blässhuhn-Nest, in dem sich fünf flauschige Küken aneinander kuscheln. Kurz darauf schwimmt eine Bisamratte an uns vorbei. So viel Wildlife haben wir auf unserer Bootswanderung gar nicht erwartet.

Blässhuhn mit Kücken am Ufer der Altmühl zwischen Treuchtlingen und Pappenheim
Mutter und Sohn im Kanu auf der Altmühl im Altmühltal

Aktiv im Altmühltal

Die rund 120 Kilometer lange Bootswanderstrecke durch den Naturpark Altmühltal erstreckt sich zwischen Gunzenhausen und Töging in Franken. Unter Berücksichtigung der zulässigen Ein- und Ausstiegsstellen können die Paddler die Etappen nach Lust und Laune selbst einteilen.

Die Altmühl ist der ideale Familienfluss für ein entspanntes Sommerabenteuer

Egal, ob nur ein paar Stunden auf dem Fluss oder eine fünftägige Tour mit Campingnächten am Ufer: Die Altmühl ist der ideale Familienfluss für ein entspanntes Sommerabenteuer. Am schönsten ist eine Bootstour von Mai bis in den Frühherbst, im Hochsommer lohnt sich ein vorheriger Blick auf den Wasserstand.

Unter der Woche gleitet man beinahe allein durchs Flussidyll, während am Wochenende deutlich mehr los ist. Wer nicht nur auf dem Wasser aktiv sein will, radelt noch auf dem 166 Kilometer langen Altmühltal-Radweg ohne große Steigungen von Gunzenhausen bis Kelheim.

Oder er betrachtet bei einer Wanderung auf dem Altmühltal-Panoramaweg die wildromantischen fränkischen Fluss- und Felslandschaften von oben: Der insgesamt 200 Kilometer lange Panoramaweg zählt als einer der „Top Trails of Germany“ zu den besten Wanderwegen des Landes.

Mutter uns Sohn stärken sich im Kanu mit Brezen für die Weiterfahrt auf der Altmühl
Mutter und Sohn im Kanu auf der Altmühl zwischen Treuchtlingen und Pappenheim

Paddeln nach Pappenheim

Doch wir bleiben erst einmal auf dem Wasser. Auf halber Strecke der heutigen Etappe müssen wir das Kanu zum ersten Mal an einer Bootstreppe aus dem Fluss hieven, um ein Wehr zu umgehen. Die Mägen knurren, also spazieren wir in die Altstadt von Pappenheim, über der die gleichnamige mittelalterliche Burg thront.

Nach einem Snack fühlt sich der Nachwuchspaddler stark genug, um vorbei an historischen Fachwerkhäusern zur Burg Pappenheim hinaufzumarschieren. Eine Steinbrücke führt über den Burggraben zur Hauptburg mit einem beflaggten Bergfried, den Nelion schon aus der Ferne bewundert hatte.

Mutter und Sohn blicken vom Bergfried der Burg Pappenheim auf den Luftkurort Pappenheim

Über eine steile Holztreppe steigen wir den Turm hinauf und blicken von oben auf den Luftkurort an einer malerischen Flussschleife. Im Historischen Museum erfahren wir die Geschichte des Grafen zu Pappenheim und wie er zu seiner Rolle in Schillers Drama „Wallensteins Tod“ kam.

Neben dem Diorama, das die Schlacht von Lützen im Dreißigjährigen Krieg nachstellt, begeistert sich Nelion vor allem für den 50 Meter tiefen Brunnen in der Brunnenstube. Den Zweck von Streckbank, Daumenschraube und Schandmaske in der gruseligen Folterkammer muss der Bub nicht so genau wissen …

Mutter und Sohn besuchen die Burg Pappenheim im Altmühltal
Kind steht vor einem Diorama der Schlacht bei Lützen im Historischen Museum Pappenheim

Biber, Ringelnatter, Inselcamp

Zurück ins Boot. Der nächste Abschnitt zieht sich etwas. Der Fluss gleicht eher einem See, und das Vorankommen mit dem Stechpaddel ist mühsam. In Zimmern heben wir das Boot mit der tatkräftigen Hilfe anderer Paddler wieder aus dem Wasser und tragen es ein Stück über die Wiese zu einem Seitenarm, um ein Wehr zu umgehen.

Auf dem letzten Drittel bis Solnhofen säumen jede Menge abgenagter Baumstümpfe das Ufer, doch die Biber lassen sich tagsüber nur selten blicken. Dafür schlängelt sich eine Ringelnatter flink an unserem Kanu vorbei.

Nach fünf Stunden reiner Paddelzeit machen wir am Inselcamp der Aktivmühle in Solnhofen fest. Direkt neben dem Inselcamp versorgen wir beim „Mühlenwirt“ die müden Körper mit neuer Energie, ganz fränkisch: Es gibt deftiges Schäufele mit Sauerkraut und Knödeln.

Das Insel Camp in Solnhofen bietet Gästen großzügige Rundzelte mit richtigen Betten

Campen auf der Insel

Das Inselcamp der Aktivmühle ist ein echter Natur-Campingplatz auf einer kleinen Flussinsel. Auf der Zeltwiese mit Spielplatz, mehreren Feuerstellen und einem überdachten Grillplatz genießen Bootswanderer und besonders Kinder jede Menge Bewegungsfreiraum. Autos und Camper-Vans müssen draußen bleiben.

An den drei Ein- und Ausstiegsstellen für die Kanus lässt es sich außerdem wunderbar plantschen. Statt im eigenen Zelt verbringen wir drei Nächte im komfortablen Glamping-Zelt: ein 2,50 Meter hohes Rundzelt mit festem Boden, Betten, Teppich und Solarbeleuchtung.

Mutter und Sohn im Familienzelt mit richtigen Betten vom Insel Camp in Solnhofen
Beleuchtete Zelte auf dem Campingplatz Insel Camp der Aktivmühle in Solnhofen

Zur Aktivmühle gehört auch ein Kanuzentrum. Wer dort ein Boot ausleiht, bekommt detaillierte Infos zu den einzelnen Flussabschnitten und eine Bootskarte an die Hand. Im Jahr 2024 übernahm Katrin Streicher den Betrieb. Ihre Familie bringt viel Erfahrung als Reiseveranstalter für Familien in Europa mit.

Das Angebot der Aktivmühle soll nun um naturnahe und naturpädagogische Aktivitäten erweitert werden. „Wir möchten vor allem Menschen mit Kindern, Individualisten, Naturliebhaber und Ruhesuchende ansprechen.

Die Leute sollen sich wohlfühlen, und wir wollen sie ermutigen, auch länger zu bleiben, zum Beispiel in den Glamping-Zelten“, sagt sie und fügt schmunzelnd hinzu: „Wir möchten den Platz beleben, aber keinen Ballermann an der Altmühl.“ Seit Sommer 2025 gibt es daher ein einwöchiges Insel-Urlaubsprogramm für Familien mit einem erlebnisreichen Aktivprogramm von Kanufahren bis Yoga.

Kanuverleih und Einstieg zur Altmühl an der Aktivmühle in Solnhofen

Krokodile, Haie und Hammermeißel

Ein lautes Froschkonzert wiegt uns abends im Zelt in den Schlaf. Am nächsten Morgen werden wir vom Vogelgezwitscher wach und frühstücken mit Blick aufs Wasser. „Vielleicht finde ich beim Steineklopfen einen Delfin! Die leben doch auch im Meer“, ruft Nelion aufgeregt. Unser Vormittagsprogramm steht ganz im Zeichen der Fossilien.

Der Naturpark Altmühltal ist als Fossilienregion weltberühmt. In drei Steinbrüchen können Hobbyforscher den Solnhofener Plattenkalk bearbeiten und mit etwas Glück versteinerte Meereslebewesen finden. Die erste Station unserer Tour in die Welt der Fossilien ist das Museum Solnhofen.

Von außen unscheinbar, birgt es wahre Schätze: Neben Originalexemplaren des Archaeopteryx bewundern wir hier versteinerte Schildkröten, Krokodile, Haie und andere Fische aus der späten Jurazeit – einer Epoche, in der die Region eine tropische Insel- und Lagunenlandschaft im Jura-Meer bildete.

Spannende Fossiliensuche im Solnhofer Plattenkalk mit Fossilienpräparator Klaus Satzinger

Dort begegnen wir auch Klaus Satzinger, der zehn Jahre lang als Hackstockmeister den Solnhofener Plattenkalk per Hand abbaute – das hochwertige Baumaterial wird bis heute beispielsweise für Bodenbeläge verwendet. Den Knochenjob hat er inzwischen hinter sich gelassen, seine Leidenschaft für Fossilien brennt ungebrochen weiter.

Mit ihm und seiner Lebensgefährtin Claudia fahren wir zum Hobby-Steinbruch Solnhofen, einem von geschichteten Felswänden flankierten Kessel, in dem der Plattenkalk abgetragen wird.

Mit Handschuhen, Hammer und Meißel sowie einem Eimer bewaffnet, machen wir uns unter Anleitung von Klaus an die Arbeit. Schicht für Schicht klopfen wir vorsichtig die hellen Platten vom Boden ab, in der Hoffnung, dass sich darunter etwas verbirgt.

Mutter und Sohn bestaunen Fossilien im Solnhofer Museum im Altmühltal

„Das sind Sedimentschichten, zwischen denen sich immer wieder dünne Algenmatten gebildet haben“, erklärt Klaus. „Ohne diese Trennschichten könnte man den Stein heute kaum spalten.

Es wären dann eher massive Blöcke statt Platten. Man geht davon aus, dass sich in diesen Matten auch tote Tiere verfingen, absanken und von neuen Sedimentschichten bedeckt wurden. Deshalb liegen die Fossilien so flach im Stein.“

Inzwischen ist es Mittag, wir haben noch keinen Delfin für Nelion gefunden, und der Steinbruch heizt sich immer mehr auf. Höchste Zeit, wieder aufs Wasser zu kommen.

Kanu auf der Altmühl darüber thronen die „Zwölf Apostel“, eine Felsformation im Altmühltal

Und Action!

Zurück in Solnhofen setzen wir das Kanu in die Altmühl und paddeln in den landschaftlich spektakulärsten Abschnitt des Flusses. Links über dem Wasser thronen die „Zwölf Apostel“, eine Gruppe hell leuchtender Dolomitfelsen, die wie aneinandergereihte Zinnen den bewaldeten Hang flankieren.

Drei Flussschleifen weiter erwartet uns bei Hammermühle die erste Bootsrutsche. Bevor wir uns trauen, über die Stromschnellen hinunterzusausen, schauen wir uns erst mal an, wie das die anderen Kanuten machen.

Dann fühlen sich Mama und Sohn sicher genug, um es selbst auszuprobieren: Kanu gerade nach vorne richten, Paddel hoch und einfach laufen lassen! Nelion jubelt vor Aufregung. Kaum zu glauben, dass die Altmühl doch noch etwas Action zu bieten hat.

Mutter und Sohn meistern im Kanu die Bootsrutsche bei Hammelburg

Bei Hagenacker flitzen wir über eine zweite Bootsrutsche eine Etage nach unten. Nach insgesamt 13,5 Flusskilometern und dreieinhalb Stunden reiner Paddelzeit steigen wir in Dollnstein spätnachmittags aus dem Kanu und geben es ab.

Mit dem Bummelzug fahren wir wieder zurück nach Solnhofen. Das Abenteuer begann langsam und endete schnell. Das Altmühltal hat uns gezeigt: Abenteuerurlaub geht auch in Slow Motion.

Post aus Bayern

Hol dir aktuelle Tipps zu Reportagen, Reiseberichten und Events aus erster Hand!