Fichtelgebirgs-Romantik: Tagesanbruch bei der Burgruine Weißenstein
Woidness-Therapie

Auf Sebastian Kneipps Spuren von Bad Kötzting durch den Bayerischen Wald („Woid“) nach Bad Berneck und zu den Zauber-Bouldern im Fichtelgebirge. Nahezu mystische Landschaften, Paddelvergnügen, kulinarische Höhenflüge und heilende Quellen

Lesezeit: 15 Minuten

Bayerwald und Fichtelgebirge: Paddeln, Kneippen, Wandern

Nebelschwaden hängen über dem Regen, nur schemenhaft sind die Ufer zu sehen. Der Fluss fließt durch eine Landschaft, die nur aus feinen Grautönen besteht. Eine friedliche Stimmung umgibt uns, als wir noch vor Sonnenaufgang mit dem Kanu flussabwärts treiben. Der würzig-herbe Duft von feuchtem Holz liegt in der Luft, das Wasser gluckst, wenn die Paddel eintauchen.

Für die elf Flusskilometer im Bayerischen Wald haben wir den Vormittag eingeplant, Brotzeit und Sonnencreme eingepackt, die Schwimmwesten übergestreift. Ein Flussmanual zeigt uns seichte Stellen, Brücken oder kleine Stromschnellen an.

Bayerischer Wald: Paddeln auf dem Weißen Regen in

In den folgenden Stunden lassen wir uns von der leichten Strömung tragen, weichen Sandbänken aus und passieren Bachläufe, die in den Regen münden. Wir treiben an einem Storchenpaar vorbei, das seine ausgebreiteten Flügel in der Morgensonne wärmt. Flussabschnitte erinnern an Kanada, Alaska oder Skandinavien, so still und abgeschieden mäandert der Regen. Einiges zu paddeln gibt es trotzdem. Als wir mittags in Chamerau aussteigen, kündigt sich in Armen und Schultern bereits leichter Muskelkater an.

Perfekt erholt in Bad Kötzting

Am einfachsten wird man das Ziehen in den Muskeln in den Kneipp-Armbecken des Bad Kötztinger Kurparks los. In dem Areal unterhalb der Altstadt lässt sich Kraft tanken, egal, ob man nach dem Kneippen den Fußreflexzonen-Weg ausprobiert oder auf breiten Holzschaukeln liegend in die Sonne blinzelt.

Bevor wir uns auf den Weg Richtung Bad Berneck machen, stärken wir uns auf dem Wochenmarkt mit einem frischen Forellenfilet, versüßen den Abgang mit einem Affogato al caffè im „Eiscafé Valentino“ am Pfingstreiterbrunnen und wandern zur Wallfahrtskirche Weißenregen.

200 Kilometer durch den Bayerischen Wald bis zum Kneipp-Kurort Bad Berneck im Fichtelgebirge. Die Strecke sollte man nicht nonstop zurücklegen, dafür ist die Landschaft viel zu abwechslungsreich. Und in vielen Ecken leben Menschen, die Besonderes herstellen. Zum Beispiel der Besitzer der „Brennerei Schraml“ in Erbendorf, Deutschlands ältester Whiskydestillerie.

Rekord-Whisky aus Ostbayern

Gregor Schraml führt das hochprozentige Geschäft am Fuß des Naturparks Steinwald in der sechsten Generation. Fast 700 Whiskyfässer lagern unter dem böhmischen Gewölbe der alten Propstei. „Es war die Oberpfälzer Sturheit meines Vaters, der über Jahrzehnte Whisky und Gin destilliert hat, obwohl ihn alle einen verrückten Hund genannt haben“, erzählt Gregor, während er an der Brennblase die Temperatur kontrolliert.

Eine Ecke weiter füllen zwei Frauen Gregors neueste Entwicklung „Bairish Coffee“ ab. Die Mischung aus fünfjährigem Whisky und dem hauseigenen „Espresso Arabica Edel-Likör“ duftet nach Malz, Karamell und Vanille und schmeckt wie ein sehr weicher Whisky mit einem Schuss Kakao und Mocca. „Wer mir sagt, das geht nicht, der spornt mich erst richtig an. Und deshalb gibt es jetzt Bairish Coffee“, sagt Gregor mit einem Grinsen.

Granit sei Dank: Bayerns Highlands

Der Whisky sei Abbild der Gegend, meint Gregor und erzählt, dass das Getreide aus dem vier Kilometer entfernten „Sassenhof“ stammt, das Wasser aus dem Steinwald, dessen bewaldete Höhen knapp hinter Erbendorfs Stadtgrenze beginnen. „Wir sind die Highlands Bayerns, unser Dialekt ist schwer zu verstehen, wir sind kauzig und es gibt verdammt viel Stein.“ Darüber hinaus macht der Granit als perfekter Filter das Wasser so weich, dass es beim Händewaschen kaum zu spüren ist. Gute Voraussetzungen für die Produktion von Gin und Whisky, die immer wieder bei internationalen Wettbewerben Goldmedaillen abräumen.

Granitreich: Unterwegs im Felsenlabyrinth Luisenburg mit der Geopark-Rangerin Christine Roth

Gin aus "Holler"-Blüten

Ihren „Gin-Holla“ lässt Elisabeth Zintl in der „Brennerei Schraml“ fertigen. 500 Stauden Holunder hat sie bei Waldeck gepflanzt und verarbeitet davon Blüten und Beeren zu Marmeladen, Holler-Secco, Balsamico – und Gin. Ihre Familie stammt aus dem Dorf, das eine mächtige, frühmittelalterliche Burgruine überragt.

Ihren Traum eines nachhaltig geführten Refugiums für Ruhesuchende verwirklichte Elisabeth mit den „Hollerhöfen“, einer Ansammlung ehemals leer stehender und von ihr geschmackvoll renovierter Dorfhäuser zwischen Pferdekoppel, Kräutergarten und Dorfstraße.

Parkstein: Europas schönster Basaltkegel

Der Parkstein überragt die Landschaft zwischen Bad Berneck und Weiden. Bereits Alexander von Humboldt untersuchte den erloschenen Vulkan und nannte ihn den schönsten Basaltkegel Europas.

Von Weitem sieht der Parkstein wie eine aus dem Erdinneren gereckte Faust aus, steht man direkt davor, überwältigen die nahezu perfekt fünf- und sechseckig geformten und bis zu 38 Meter hohen Basaltsäulen den Betrachter geradezu.

Abgeerntete Getreidefelder, Feldgehölze und Karpfenteiche liegen zwischen dem Parkstein und dem „Leinerbauer“ im Weiler Oed. Kerstin, ihre Mutter Beate und Vater Johann Hösl sind seit vier Uhr in der Backstube, spätestens um sieben Uhr müssen Brote, Semmeln und Brezn fertig sein, damit es Johann, den die beiden Frauen scherzhaft ihren „Stift“ nennen, noch rechtzeitig auf den Markt schafft.

Hofbäckerei Leinerbauer: Johann Hösl macht Sauerteigbrot im Steinbackofen

Ehrliches Handwerk in der Hofbäckerei

Während vor dem Hof Rehe in der Dämmerung äsen, wird drinnen gebacken, gewürzt und geknetet. „Ich passe in keine Bluse mehr, ich habe Muskeln in der Backstube angesetzt“, erzählt Kerstin, während sie aus Vollkorn-Dinkelteig Semmeln formt. Nebenan holt Johann Brotlaibe aus dem Steinbackofen, klopft zur Probe darauf und nickt: „Wenn es so dumpf klingt, ist es fertig.“

Verkauft eure Backwaren doch auf einem Münchner Wochenmarkt, riet eine Bekannte, da verdient ihr viel mehr. Aber das interessiere sie nicht, erklärt Beate, als wir später bei Butterbrot und Kaffee auf der Veranda sitzen. „Wir sind mit unserem Leben zufrieden, wozu also der Stress, nur wegen mehr Geld?“

So lassen auch wir den Stress sein, besichtigen nicht wie geplant die Kontinentale Tiefenbohrung in Windischeschenbach,sondern radeln die Fichtelnaab entlang. Die mäandert zwischen Erbendorf und Brand in einem breiten Tal. Die Fichtelnaab fließt an Weiden vorbei, die sich Schafe und Rinder teilen, berührt Streuobstwiesen, auf denen Katzen jagen, trifft auf alte Mühlhäuser, deren dick bemooste Holzräder schon lange stillstehen. Dann wird uns die Sommersonne zu heiß und wir lassen uns zur Abkühlung zwischen grün schillernden Libellen im dunklen Flusswasser treiben.

Der Naturpark Steinwald und die Burgruine Weißenstein aus der Vogelperspektive

Mystische Stimmung im Felsenlabyrinth

Als wir uns am nächsten Tag mit der Geopark-Rangerin Christine Roth am „Felsenlabyrinth Luisenburg“ treffen, regnet es aus dunklen, tief hängenden Wolken. „Dann werden wir die Einzigen sein“, sagt sie. Ist ja auch kein Wunder, es ist ja erst fünf Uhr morgens!

Wir wandern einen schmalen Weg bergauf. Von Tannen und Fichten tropft es unablässig. Unter den Buchen hat sich rot-gelbes Laub gesammelt, an ihren Stämmen wächst Moos bis auf Kniehöhe. Die Äste der Vogelbeerbäume tragen feste, orangefarbene Beeren. Hinter einer Fichte, von deren Zweigen ganze Netze Bartflechten hängen, erhebt sich aus dem Dunkel des Waldes ein gewaltiger Granitfelsen.

25, vielleicht sogar 35 Meter hoch ist er und überragt die meisten Bäume, seine Oberfläche ist überzogen von weiß-grauen Flechten und Moosen. Allerdings sieht der Steinkoloss nicht aus wie ein einzelner Fels, sondern wie viele, von Riesen aufeinandergeschichtete, abgerundete Felsen. Oder wie aufgeschichtete Wollsäcke, erklärt Christine, einer besondere Verwitterungsform von Gesteinen.

Luisenburg: Fels-Orgien im Wald

Diese spezielle Form der Verwitterung hat zu einem Felsenmeer im Wald geführt, das wir in den nächsten Stunden durchwandern. Wir quetschen uns zwischen Granitblöcken hindurch und genießen, vor dem Regen gut geschützt unter einem überhängenden Wollsackfelsen, unsere Semmeln vom „Leinerbauer“. Am Ende der Wolfsschlucht funkelt uns Leuchtmoos giftig-grün an, der Napoleonshut trägt seinen Namen zu Recht, und die Teufelstreppe zwingt uns in einem Steintunnel auf die Knie.

Die Gesteinsformationen der Luisenburg sind so ungewöhnlich, dass ab 1788 damit begonnen wurde, die spektakuläre Natur durch Brücken und Treppen zu einem begehbaren Landschaftsgarten auszubauen. Kaiser, Königinnen, Goethe und Humboldt waren genauso fasziniert wie heute jährlich Zehntausende Besucher. Und deshalb hat Christine recht: Je schlechter das Wetter ist, desto leerer und mystischer ist es im Felsenlabyrinth – und desto mehr lohnt sich ein Besuch.

Die Geopark-Rangerin Christine Roth zeigt die Granitriesen und Prachtboulder in der Luisenburg

„Soulfood“: Kulinarische Raffinesse

Michael Laus setzt mit der Pinzette den letzten gerösteten Brotchip neben die in Apfelsaft eingelegte Kohlrabischeibe. Dann träufelt er Apfel-Verbene-Sud um den gebeizten Lachs. Ein Sternelokal in einer Kleinstadt, von sehr viel ländlichem Raum umgeben – der perfekte Ort, um sich persönlich und kulinarisch zu entfalten.

Christine Heß und Michael Laus verwirklichen das seit einigen Jahren in Auerbach. Ihr frei kombinierbares Menü ändern sie alle sechs Wochen. Sie seien glücklich, wenn sie regelmäßig Neues ausprobieren können. Aber wie komponiert man ein Gericht?

„Wir können im Kopf anrichten“, erklärt Michael. „Wir kennen die verschiedenen Geschmacksrichtungen und essen im Kopf. Lässt dich auch schlank bleiben.“ Dann karamellisiert er ein Seeteufelfilet mit Honig, für Tisch drei im Restaurant „Soulfood“.

Kneippen schützt Herz und Kreislauf, vor Rücken-schmerzen und Allergien

Kneippen in Bad Berneck

Die Lokale auf dem Marktplatz von Bad Berneck sind gut besucht. Unter Fachwerk sitzen Wanderer, Mountainbiker und Kurgäste. Fahrräder lehnen am Brunnen vor dem alten Rathaus, an der Eisdiele hat sich eine Warteschlange gebildet.

Vom unteren Ende des Marktplatzes ist der Bergfried des Alten Schlosses, einer mittelalterlichen Burgruine oberhalb der kleinen Altstadt, gut zu sehen.

Das steile Tal, in dessen Grund der Kneipp-Kurort liegt, hat die Ölschnitz gegraben. Sie fließt an den Kneipp-Anlagen im Kurpark und den gründerzeitlichen Kolonnaden vorbei. Wir finden weiter unten im Ort ein Metallgestell zum Wassertreten direkt in den kühlen Fluten. Eine schmale Treppe hinunter ... und schon spülen wir die Müdigkeit aus den Beinen.

Der Bayern-Botschafter und Sternekoch Michael Laus in der Küche seines Restaurants

Als es Abend wird, wandern wir über einen steilen Waldpfad zum „Sonnentempel“, einem Pavillon hoch über der Stadt. Für einige Minuten streifen die letzten Sonnenstrahlen das Alte Schloss, dann gehen die Lichter von Bad Berneck an. Eine laue Brise lässt Blätter wispern, die Vögel schlafen schon. Über den Dingen sein und Kraft tanken, dafür ist dieser Platz wie gemacht.

Waibelhof: Frische Kräutertees sind Teil der Kneippkur

Wie wirkt Kneipp denn?

Die nachweislich erfolgreiche und wissenschaftlich bestätigte Wirkungsweise der klassischen Kneipp-Therapie beruht auf dem Zusammenspiel der fünf Elemente Wasser, Ernährung, Bewegung, Kräuter und innere Ordnung. Davor schützt die Kneipp-Therapie: Herz- und Kreislaufbeschwerden, Rheuma, Rückenschmerzen, Allergien. Und sie stärkt ein schwaches Immunsystem.

Das Wasser vermittelt Temperaturreize. So werden Reaktionen der Blutgefäße, des Stoffwechsels und der Muskulatur bewirkt. Dadurch verbessert sich die Durchblutung, der Körper wird entschlackt und entspannt. Zu dieser Anwendungsform gehören Güsse, Bäder, Waschungen, Wickel und Packungen. Wiederholte Anwendungen dieser Art bewirken einen Trainingseffekt, der den Körper abhärtet. Die Infektanfälligkeit wird vermindert und das allgemeine Wohlbefinden verbessert.

Kaltes Armbad nach Kneipp: Fördert die Durchblutung des Herzmuskels und erfrischt

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Hinweis: Kanutouren auf dem Regen

Aktuell gilt ein Verbot gewerblicher Kanutouren auf dem Regen. Das Landratsamt hat ein Naturschutzgutachten in Auftrag gegeben, das klären soll, ob und wie stark das gewerbliche Kanufahren Flora und Fauna des Flusses schädigt.

Folgende Flüsse empfehlen wir als Alternativen für Kanufahrer: Die Rott gilt als Bayerns Amazonas. Auf der Waldnaab sind auch Mehrtagestouren über 100 Kilometern möglich. Der Wildfluss Ilz darf außerhalb von Mai und Juni befahren werden. Touren auf dem Kößlarner Bach starten in den Innauen, von dort paddelt ihr drei Stunden durch den Dschungel von Klein-Kanada.

Bayerischer Wald: Kleine Pause während der Kanutour am Weißen Regen nahe Bad Kötzting

31 Millionen Kubikmeter

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