Kaltes Armbad in Ottobeuren, danach in die Basilika!
Roadbook

Gesundheit!

Wir reisten von Ottobeuren an den Chiemsee, um mit Kneipp die Heilkraft des Wassers und der Kräuter zu erleben. Dazu gibt es großes Landschafts-Kino, Kunst und ein entspanntes Finale am Bayerischen Meer. Eine Reportage von Thomas Linkel (Text und Fotos)

Lesezeit: 15 Minuten

„Vergesst mir die Seele nicht“ steht auf dem Sockel einer Bank im Kneipp-Aktiv-Park von Ottobeuren. Enten schnattern, Familien picknicken, zwei Frauen liegen im hohen Gras, Mauersegler kreisen: Sommerzeit in Bayerisch-Schwaben. Zum Wassertretbecken kommt ein Mönch, zieht seine Schuhe und Strümpfe aus, hebt die Kutte und beginnt, wie ein Storch durch das Becken zu staksen.

Eine Blaskapelle gibt später ein kostenloses Konzert vor der Kulisse der mächtigen spätbarocken Kloster-Basilika St. Alexander und Theodor. Sie gilt als eines der wichtigsten Werke des Barock in Europa und verdient mit ihren Kunstschätzen wie dem Chorgestühl und den feinen Stuckarbeiten allemal einen längeren Besuch.

 

 

Ottobeuren: Kneipp und Nagano

Die „Ottobeurer Konzerte“ in der Basilika oder im verschwenderisch ausgestatteten Kaisersaal locken jedes Jahr weltbekannte Musiker und Orchester wie die Wiener Symphoniker oder das Concertgebouworchester Amsterdam, Dirigenten wie Kent Nagano und Ensembles von Weltruf nach Ottobeuren.

Mir aber geht es um Sebastian Kneipp und sein Werk. Um 4.30 Uhr klingelt der Wecker. Auf geht es nach Bad Wörishofen. Dort treffe ich Steffi Scholz, die Urlaub auf dem Bauernhof mit Kneippschen Ideen verbindet. „Vorbeugen sollt ihr durch diese Kräuter, nicht das Übel erst groß werden lassen“, lehrte Pfarrer Kneipp. Steffi kennt so ziemlich jede Pflanze, jedes Kräutlein und weiß, wie man sie präventiv oder heilend einsetzt.

 

Ottobeuren: Über dem Marktplatz thront die Basilika St. Alexander und Theodor

Ottobeuren: Über dem Marktplatz thront die Basilika St. Alexander und Theodor

Gurkensuppe mit Pimpernell und Schafgarbe zum Frühstück

Es ist nicht klar, ob es Steffis freundlich-zurückhaltende Art ist oder die Bewegung an der frischen Luft zwischen tauglitzernden Wiesen und dem Läuten von Kuhschellen: Meine Laune steigt mit jedem Schritt, die Seele ist spätestens wach, als uns die ersten Sonnenstrahlen treffen.

Wir riechen, schmecken und ernten. Wir wollen ein Frühstück mit Zutaten aus dem Garten bereiten. Setzt man Kräuter gegen Beschwerden ein, dann sollte man sie sehr bewusst nutzen, erklärt Steffi: „Viel hilft nicht viel!“

Brombeere stärkt das Immun-System mit viel Calcium, Magnesium und Eisen

Deshalb wähle sie für ihre Bauernhofgäste sorgfältig ein Kraut aus, um das herum sie eine Kurwoche gestalte. Zurück auf dem Hof machen wir uns ans Zubereiten.

Bald sitzen wir am Brunnen hinter der Küche beim Frühstück. Im Korb dampft hausgemachtes Brot mit Tomaten und Zwiebeln, dazu gibt es eine erfrischende Gurkensuppe mit Pimpernell und Schafgarbe und Rote-Beete-Salat auf Wildkräuterbett.

 

 

Kneipp unplugged: Wassertreten im Bach

Von den fünf Elementen der Kneippschen Lehre – Wasser, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen und Balance –­ habe ich an diesem Morgen schon drei kennengelernt. Es ist erst 11 Uhr, als ich entlang eines Bachs durch die Fußgängerzone von Bad Wörishofen schlendere.

Ottobeuren, der Geburtsort von Sebastian Kneipp, liegt 30 Kilometer entfernt, den größten Teil seines Lebens verbrachte und praktizierte der Priester und Naturheilkundler in Bad Wörishofen. Noch zu seinen Lebzeiten profitierte das Dorf von ihm, später wurde es zum Zentrum für Kneipp-Therapien.

Die Sonne brennt. Ich könnte mich an einem der Armbadebecken abkühlen, aber meine erste Kneipp-Erfahrung will ich in Ruhe machen. Etwas außerhalb, am Kneipp-Waldweg, kremple ich die Hosen hoch und steige in den Wörthbach. Angenehme Fußmassage durch die kleinen Kiesel im Bachbett, eine erfreuliche Abkühlung.

Kaltenbrunn, Schelmenheide und Motzabach

Etwas später stehe ich an der Kneipp-Anlage Kaltenbrunn. Laut Kneipp soll man entweder wassertreten oder armbaden, also sind diesmal die Arme dran. Ich tauche sie unter, das Wasser ist sehr kalt. Nach einer halben Minute spüre ich in den Armen dumpfen Druck. Rausziehen, starkes Prickeln, tolle Erfrischung, Wow-Effekt!
 

Kaltes Armbad: Rausziehen, starkes Prickeln, tolle Erfrischung, Wow-Effekt!

Später probiere ich die Kneipp-Anlagen Schelmenheide und Motzabach aus. Zum Sonnenaufgang am nächsten Morgen trete ich Wasser, neugierig beäugt von einer Herde Rinder, in der Satzger Quelle bei Markt Rettenbach.

Superwach fahre ich über die Hügel und durch die Dörfer Bayerisch-Schwabens. Dörfer, in denen Straßen „Im Teich“ oder „Am Obstgarten“ heißen und wo es auch so aussieht. Ein Fuchs verschwindet mit großen Sprüngen im Mais. Unter Fenstern und von Balkonen hängen ganze Geranienplantagen. Landwirte mit Strohhüten sitzen auf Traktoren und wenden Heu…

Bad Wörishofen: Wassertreten im Wörthbach

Bad Wörishofen: Wassertreten im Wörthbach

Vom Kaffeesack zum Kleid

„Wir nennen es Upcycling. Für unsere Marke ‚Wertstoff-Couture‘ schneidern wir Mäntel, Kleider und Taschen aus alten Kaffeesäcken, jedes Stück ein nachhaltiges Unikat“, erklärt Susanne Doebel, die mit Esther Schulte das Landsberger Label gegründet hat.

Ihre Schneiderwerkstatt an der Alten Bergstraße in Landsberg, wo Susanne auch ihr Bed & Breakfast „Zweite Heimat“ führt, ist angefüllt mit Kaffeesäcken aus der ganzen Welt. Deren Design hat eine spezielle, oft sehr farbenfrohe Ästhetik.

Susanne und Esther kombinieren dazu Details wie Bordüren und schneidern Innenfutter, zum Beispiel aus altem japanischen Kimonostoff. Die Einzelstücke sind absolute Hingucker. „Sobald ich in einem unserer Mäntel ausgehe, werde ich angesprochen“, berichtet Susanne.

Landsberg: Rokoko zum Affogato al caffè

Ein echter Hingucker ist auch die Altstadt von Landsberg, egal, ob im „Hexenviertel“ mit seinen Holzhochlauben oder rund um die Stadtpfarrkirche. Die meisten Häuser in der Altstadt sind renoviert. Straßencafés und Restaurants in den Kopfsteinpflaster-Gassen und am Ufer des Lech, dessen Wasser gischtend über ein breites Wehr stürzt, verströmen Laissez-faire.

Vor der „Chocolaterie Dillinger“ am Landsberger Hauptplatz genieße ich zu hausgemachter Eisschokolade die Rokoko-Stuckfassade des Rathauses und das bunte Fassadenensemble rechts und links des Schmalzturms. Herkomer-Museum und „Mutterturm“ müssen warten, dem spätgotischen „Bayertor“ bleibt nur ein schneller Blick beim Vorbeifahren. Ich muss weiter nach Aschau, nicht weit vom Chiemsee.

 

 

Marktplatz von Landsberg am Lech: Affogato al caffè vor traumhafter Altstadtkulisse

Marktplatz von Landsberg am Lech: Affogato al caffè vor traumhafter Altstadtkulisse

Susanne Döbel macht aus Kaffeesäcken schicke Kleider

Susanne Döbel macht aus Kaffeesäcken schicke Kleider

Messerkunst auf höchstem Niveau

Je näher ich dem kleinen Ort Aschau komme, desto prägnanter werden die Berge. Zwischen Schloss Hohenaschau und der Kampenwand mit ihrem gezackten Gipfelgrat schmieden zwei Männer exquisite Messer aus Damaszenerstahl.

Man muss kein Messer-Aficionado sein, um vom Handwerk in der von Hitze flirrenden Schmiede „Messer Werk“ von Luca Distler und Florian Pichler begeistert zu sein. Jedes Stück sei genau auf die Bedürfnisse abgestimmt, die vor allem Fischer, Jäger oder Köche vorgeben. Lucas und Florians Messer verbinden größte Biegsamkeit mit höchster Härte.

 

 

Edle Messer aus Damaszener Stahl schmieden Luca Distler (rechts) und Florian Pichler

Edle Messer aus Damaszener Stahl schmieden Luca Distler (rechts) und Florian Pichler

Echt scharf! Damaszener Stahl made in Aschau

Florian holt aus: „Damaszenerstahl entsteht durch die Verschweißung verschiedener Stahle. Diese werden erhitzt, gefaltet, geschmiedet. Und wir wiederholen diese Vorgänge pro Messer bis zu 360 Mal. Das ist aber nur ein kleiner Teil unserer gesamten Arbeit. Viel länger dauert es, den Rohling zu fräsen und zu feilen und ihm am Ende den Feinschliff zu geben, inklusive Griffkonstruktion aus Mooreiche oder Ebenholz.“ Das erklärt auch die Preise von mehreren Tausend Euro.

 Rosa-Mystika-Kapelle bei Schalchen

Rosa-Mystika-Kapelle bei Schalchen

 

Chiemsee: Endlich wieder kneippen

Den nächsten Tag starte ich in Prien am Chiemsee mit einer Runde Wassertreten im Kurpark „Eichental“. Danach gibt es eine Granola-Bowl im „Café Nova“ hinter der Fußgängerzone. Gestärkt verlasse ich den Kneipp-Kurort und radle über die Hügel rund um den See.

In der Urschallinger Kirche sind wunderschöne romanische Fresken zu bewundern. Nebenan im Wirtshaus „Mesnerstubn“ sitzen Gäste unter einem von Rosen und Geranien umrankten Holzbalkon. Am Ortsrand säumen Apfel- und Birnbäume den Feldweg nach Mailing, der ein Stück des Jakobswegs ist. Weiter im Süden ballen sich Wolken über den Chiemgauer Alpen, Donner rollt über Kuhweiden und Pferdekoppeln.

Zuflucht vor dem Gewitter finde ich unter dem Dach der „Schlosswirtschaft Wildenwart“ in Frasdorf. Wo sich sonst Hungrige gebratenes Forellenfilet und knusprigen Krustenbraten schmecken lassen, bin ich der einzige Gast. Aber die Luft ist lau. Das Dach und die mächtigen Kastanien halten den meisten Regen ab. Entspannter kann ein Abend im Biergarten nicht sein.

 

Sonnenuntergang in Gstadt: Zeit für eine meditative Schwimmrunde

Sonnenuntergang in Gstadt: Zeit für eine meditative Schwimmrunde

Echt cool, Herr Kneipp!

Wie lautet die zeitgemäße "Übersetzung" von Kneipps Empfehlungen? Morgens eiskalt duschen, dann Joggen oder Powerwalk an der frischen Luft, zum Lunch „Clean Eating“ mit Gemüse oder ein Kräuter-Smoothie und abends nochmals eine kalte Dusche.

Die Fraueninsel mit dem charakteristischen Turm der Abteikirche

Die Fraueninsel mit dem charakteristischen Turm der Abteikirche

Herreninsel oder Fraueninsel?

Im Dämmer des nächsten Morgens liegt der Chiemsee wie eine stahlblaue Scheibe zwischen Bergen und Hügellandschaft. Dann schiebt sich die Sonne über den Horizont, gießt gelb-orangene Farbe in das östliche Ende des Chiemsees, bis sie die vertäuten Segeljollen am Gstader Steg erreicht. Auf den Holzbohlen des Stegs beginnt eine Frau mit Yogaübungen. Ich atme die Morgenluft und bin endlich die Ruhe selbst.

Den Besuch von Herrenchiemsee mit seiner Versailles-Kopie hebe ich mir für den nächsten Besuch auf. Dann sehe ich mir auch die Fraueninsel mit dem 782 gegründeten Kloster Frauenwörth, den Fischräuchereien und Töpferläden, der Karolinger Torhalle und den beiden über 1.000 Jahre alten Linden genauer an.

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