Blick vom Hofgarten auf Schloss Ehrenburg in Coburg
Royal angehaucht

Ein königliches Liebespaar, eine unterarmlange kulinarische Spezialität, eine der größten Burganlagen Deutschlands sowie ein beliebtes internationales Samba-Festival. Die ehemalige Residenzstadt Coburg überrascht mit Vielfalt auf kleinem Raum
Text und Fotos: Thomas Linkel

Lesezeit: 10 Minuten

Ein perfekter Tag in Coburg

Es duftet nach frischem Espresso, in den Auslagen warten knusprige Brezen, Vollkornbrötchen, mehrstöckige Torten, Petit Fours und Butterhörnchen auf die Kunden. Max Schubart füllt schwarz-braun schimmernden Rohkaffee in die Röstmaschine. Gegenüber tauchen erste Sonnenstrahlen die stuckverzierten Fassaden der herrschaftlichen Bürgerhäuser in Coburgs Mohrenstraße in weiches Licht. Am Ufer der Itz treffen Jogger auf Fliegenfischer. Es ist kurz vor acht Uhr und im „Café Schubart“ holen sich die ersten Kunden frische Brötchen

Hausfassaden in der Mohrenstraße in Coburg

Hoflieferant für die Herzöge

Auf den Punkt genau müsse man backen, patissieren und rösten. Dabei dürfe man nichts dem Zufall überlassen. „Genau so, wie man es von einem ehemaligen Hoflieferanten der Coburger Herzöge auch früher erwartet hätte“, sagt Max, der zusammen mit seinem Bruder Christian in fünfter Generation Rösterei, Konditorei und Café führt.

Auch Queen Victoria (1819–1901) wird vom Schubartʼschen Gebäck gegessen haben. Aber was hat die Queen mit Franken zu tun? Nun, die Regentin, die 63 Jahre die Geschicke des British Empire steuerte, logierte regelmäßig mit ihrem Gemahl Albert in dessen Heimatstadt Coburg.

Kaffeerösterei im Café Schubart

Victoria und Albert: Ein Traumpaar in Coburg

Victoria und Albert sind das royale Traumpaar des 19. Jahrhunderts. Dabei handelte es sich zunächst um eine arrangierte Hochzeit. Zwischen den beiden entwickelte sich aber bald tatsächlich eine Liebe. Albert entstammte dem adeligen Haus von Sachsen-Coburg und Gotha, das sich in seiner 600-jährigen Geschichte durch geschickte Heiratspolitik auszeichnete und Bande mit allen Herrscherhäusern Europas knüpfte. So wird der Coburger im Jahr 1840 mit Queen Victoria verheiratet.

„So schöne Beine hat der Albert“, soll Victoria gesagt haben

„So schöne Beine hat der Albert“, soll Victoria gesagt haben. Zu überprüfen ist das an seiner Statue auf dem Marktplatz, dem städtischen Herz Coburgs. Das Denkmal für ihren Gatten enthüllte Queen Victoria im Jahr 1865 persönlich. Immer wieder kam das königliche Paar nach Franken und verbrachte Zeit auf Schloss Rosenau, eine kurze Kutschfahrt von der Ehrenburg entfernt, dem eigentlichen Machtzentrum des Hauses Sachsen-Coburg.

Prinz-Albert-Denkmal in der Coburger Innenstadt

Bratwurst mit Kiefernzapfen-Aroma

Samstagmittag, Markttag auf dem Marktplatz. Während aus der Imbissbude eine feine Rauchfahne vor der prächtigen Spätrenaissancefassade des „Stadthaus“ aufsteigt und sich gegenüber in den Erkerfenstern des farbenprächtigen Rathauses die Sonne spiegelt, wird die Warteschlange immer länger.

Die Coburger Bratwurst wird traditionell über Kiefernzapfen, genannt „Kühla“, gebraten. Und sie ist unterarmlang. Die Vereinigung der Coburger Bratwurstbrater achtet auf Qualität und den rotierenden Einsatz ihrer Mitglieder auf dem Marktplatz.

Die Länge des Marschallstabs des heiligen Mauritius ist das offizielle Bratwurstmaß

Vom Rathausgiebel aus wacht die Statue des heiligen Mauritius über die Altstadt. Die Länge seines Marschallstabs gilt denen, die gern an oberfränkische Märchen glauben, als offizielles Bratwurstmaß: satte 31 Zentimeter. Mauritius, der innig geliebte „Coburger Mohr“, taucht als Schutzpatron fast überall in der Veste­stadt auf: nicht nur in Wappen oder an Häusern, sondern auch auf Kanaldeckeln und in Diskussionen über die Verwendung des Begriffs „Mohr“.

31 Zentimeter lange Coburger Bratwurst

Kräuterlikör und oberfränkische Rutscher

„Mit oder ohne Senf?“, fragt die Verkäuferin und bringt mich damit unweigerlich in kulinarische Schwierigkeiten. Wie isst man die nur? Ungeduldiger Blick. Also, mit Senf. Der Blick wird mitleidig. Aber bitte sehr. Also doch besser ohne? Die Verkäuferin bedient schon die nächsten Kunden, deshalb nur so viel: Senf braucht man nur, wenn die Wurst nicht schmeckt. Ach so. Aber mit Senf schmeckt sie mir auch.

Wer sich der Stadt eher vegetarisch nähern will, könnte sich auf dem Markt einen „Coburger Rutscher“ holen. Die Konsistenz dieses handgeschlagenen Kartoffelkloßes ist so weich, dass er auf dem Teller beinahe zerfließt und – nomen est omen – eben davonrutscht. Vielleicht bummelt man aber auch zwischen den Gemüse- und Obstständen, probiert einen Damason-Renette-Apfel oder eine fruchtige Sommerblutbirne, lässt sich hausgemachte Marmeladen reichen und kauft ein Stück Ofenbrot.

Oder man ersteht einen nach Geheimrezept hergestellten Kräuterlikör in der seit dem Jahr 1543 bestehenden Hof-Apotheke an einer Ecke des Marktplatzes, hinter deren Fassade sich nicht nur Kräuterboden und Kreuzgewölbe finden, sondern auch kunstvolle Innenhofarkaden aus dunklem Holz.

Frühstück mit Croissant, Orangensaft und Spiegeleiern im Café Schubart
Coburger Stadtwappen mit dem heiligen Mauritius
Coburger Schmätzchen

Schmätzchen mit Fassadenblick

Wer durch eine der schmalen Gassen der Altstadt das erste Mal den Coburger Marktplatz betritt, wird von der architektonischen Pracht und historischen Vielfalt überwältigt sein. Also erst einmal in ein Straßencafé setzen und entspannt Statuen und Giebelverzierungen, „Coburger Erker“ und Fachwerk sowie Rokoko-, Neogotik- und Renaissance-Fassaden bestaunen. Dazu am besten einen Espresso oder Cappuccino mit einem „Schmätzchen“ bestellen.

Dieses lebkuchenwürzige Honiggebäck soll einst auch Queen Victoria geschätzt haben, hört man beim ehemaligen Hoflieferanten Feyler in der Rosengasse. Im Sommer drücken sich Reisende aus der ganzen Welt die Nasen an den Auslagen mit Süßem platt, genauso wie die Touristen bei Schubarts auf dem Marktplatz, um das Wappen der Hoflieferanten im Schaufenster zu fotografieren.

ehemaliges Residenzschloss der Herzöge von Sachsen-Coburg

Fachwerk und Renaissance

Noch fotogener ist das mehrstöckige und auf einem Steinsockel ruhende Münzmeisterhaus in der Ketschengasse. Das 1444 erbaute Gebäude gilt als einer der ältesten Fachwerkbauten Deutschlands, mit von Witterung und Sonne dunkelbraun gebeizten Holzbalken. Doch Coburg setzt noch eins drauf: Um die Ecke liegt nicht nur ein Steinhaus aus dem 12. Jahrhundert, sondern auch die evangelische Kirche St. Moriz, in der schon der Ober-Reformator Martin Luther gepredigt hat.

Von den markant unterschiedlich hohen Türmen schallt Glockenläuten, als eine Hochzeitsgesellschaft vom Renaissance-Prachtbau des „Casimirianum“ zur Kirche eilt und im Hauptportal verschwindet. Steinstatuen wachen über den Eingang, Eva und Adam, nackt bis auf zwei Feigenblätter, halten ungewöhnlicherweise je einen Apfel in der Hand, dessen Umfang manchen Einheimischen als perfekte Kloßgröße gilt.

Die Morizkriche ist die älteste Kirche in Coburg

Herrschaftliche Kulisse für Insta

Es scheint in Coburg viel geheiratet zu werden, an diesem Samstag jedenfalls posieren gleich mehrere Frischvermählte für Fotos auf dem Platz vor Schloss Ehrenburg in der warmen Nachmittagssonne. Im Hintergrund lassen Kinder Seifenblasen im Schlosshof steigen und schießen Paare Insta-taugliche Bilder.

„Wäre ich nicht, was ich bin, hätte ich hier mein wirkliches Zuhause“, wird Queen Victoria zitiert. Dass sie sich in Coburg sehr wohl gefühlt hat, ist einleuchtend. Einerseits war alles weniger aufgeregt als in London. Und andererseits musste sie auf keine Annehmlichkeit verzichten. Auf ihren Wunsch hin wurde in Schloss Ehrenburg eines der ersten Wasserklosetts Kontinentaleuropas eingebaut und ein handbetriebener Aufzug für die alternde Monarchin errichtet. In den opulent mit Mahagonimöbeln ausgestatteten Räumen war sie von Bildern holländischer und flämischer Künstler umgeben, die Ausstattung des Thronsaals orientiert sich am Tuilerienpalast Kaiser Napoleons I. und die neugotische Sandsteinfassade ähnelt der von Westminster Palace.

Heute nutzen die Coburger die repräsentative Kulisse der Ehrenburg und die Weite des Schlossplatzes, um sich beim Gourmetfest an gedeckte Tische zu setzen und beim jährlich stattfindenden größten Samba-Festival außerhalb Brasiliens ausgiebig zu südamerikanischen Rhythmen zu feiern.

Blick vom Hofgarten auf die Altstadt Coburg
Sonnenuntergang am Hofgarten Coburg

Picknickplatz mit Stadtblick

Was wäre eine Residenzstadt ohne repräsentativen Garten? Schließlich mussten Herzöge auch mal Feierabend machen, sich mit Geliebten in verschwiegenen Ecken treffen, ausreiten oder unter Eichen picknicken. Deshalb wurde in direkter Nachbarschaft zum Schlossplatz ab 1682 gebuddelt, gepflanzt und die Anlage von Sichtachsen gestartet.

Heutzutage erstreckt sich der Hofgarten von der Stadt bis hinauf zur Veste Coburg auf rund 30 Hektar. Ausreichend Platz, um zu joggen, im Winter zu rodeln oder den Tag auf einer Decke ausklingen zu lassen – Coburg-Blick inklusive. Die Rasenflächen mit ausladenden Bäumen sind perfekt für einen guten Schluck zum Sonnenuntergang oder für eine Yogaeinheit, während die Sonne, bevor sie hinter der Altstadt langsam untergeht, ihre letzten Strahlen auf den Park wirft.

Veste Coburg: Eine der größten Burganlagen in Deutschland

Luther, Hedwig und der Teufel

Die Reichsacht ist schon über Martin Luther verhängt, als er im Jahr 1530 mit seiner Entourage auf der Veste Coburg für ein halbes Jahr Zuflucht findet. Luther ist in dieser Zeit ziemlich produktiv, vor allem übersetzt er alttestamentarische Texte und verfasst Bekenntnis- und Streitschriften. Einerseits nennt er die um 1200 von den Staufern erbaute Burg „überaus reizend“, andererseits aber nerven ihn laut einer Überlieferung die ständig krächzenden Dohlen. Wie soll man denn da die Reformation vorantreiben?

Wer sich für Luther interessiert, findet in der Veste zwei Lucas-Cranach-Porträts von ihm und seiner Frau, Hunderte Originalschriften und Lutherbibeln, die von ihm bewohnten holzgetäfelten Zimmer und seinen „Hedwigsbecher“, ein Prachtstück fatimidischer Handwerkskunst. Unter den Augen der heiligen Hedwig soll sich in dem Glas, das vermutlich als Beute von Kreuzrittern nach Mitteleuropa gelangte, Wasser in Wein verwandelt haben. Weniger heilig war ein Tintenfleck von Luthers Feder, der von seinem Kampf mit dem Teufel stammen soll, aber leider im 17. Jahrhundert verblasste.

Den Kindern, die zwischen Pechnasen und Türmen, Wehrgängen und Innenhöfen Burgfräulein und Ritter spielen, ist das egal, den Dohlen, die noch immer krächzend die Veste Coburg umkreisen, auch.  

Die Veste Coburg wird auch Fränkische Krone

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