Der Blicka auf Burghausen und die Burg wirkt märchenhaft
Burgzauber

Die längste Burg der Welt thront über farbenfrohen Bürgerhäusern. Sie steckt voller Geschichten und Geheimnisse. Eine Etage tiefer verzaubert die bildschöne Stadt an der Salzach ihre Besucher mit Kultur, Kulinarik und lässigem Flair. Text: Anja Keul, Fotos: Angelika Jakob

Lesezeit: 15 Minuten

Burghausen

Die meisten Besucher der Burg zu Burghausen gönnen den Rittern, Edelfräulein und Würdenträgern erst mal kaum einen Blick. Ihr Ziel ist die Panoramaterrasse ganz oben auf dem Palas, der einstigen Residenz der mächtigen niederbayerischen Herzöge.

Was für eine Aussicht! Links unter der Anlage schlängelt sich milchig grün die Salzach, die auch die Grenze zu Österreich bildet. Rechts leuchtet der Wöhrsee wie ein Smaragd, bewacht vom stämmigen Pulverturm. Und wenn man sich umdreht, erinnert die Skyline mehrerer Chemiefabriken am Horizont daran, wem das durch den Salzhandel reich gewordene Burghausen heute seinen Wohlstand verdankt.

Blick von der Burg auf Burghausen
Burgführerin Katrin Scheitz in historischem Gewand in Burghausen
Sommerlich gekleidete Dame geht zum Georgstor

Mit Wulsthaube durch die Burg

Im Leinengewand und mit einer mittelalterlichen Wulsthaube auf dem Kopf beginnt Stadtführerin Katrin Scheitz eine spannende Zeitreise durch die Burganlage. Fünf Vorhöfe bilden die Ouvertüre zur Hauptburg mit ihren hochklassigen Museen.

Von der Rentschreiberei, in der im Mittelalter die Einkünfte aus dem Salzhandel verwaltet wurden, geht es vorbei an den früheren Wohnstätten von Handwerkern und Hofbeamten, an der spätgotischen Hedwigskapelle, an Hexen- und Folterturm bis zum Eingang der Hauptburg mit der Torwartstube, von der aus der Zugang streng kontrolliert wurde. „Obwohl …“, schmunzelt Katrin, „vieles deutet auf einen Geheimweg hin, durch den sich manche Damen und Herren an den Wächtern vorbeischmuggeln konnten, eventuell verlief er sogar unter der Salzach hindurch!“

Nach rund einer Stunde im Palas angekommen, haben Katrin und ihre Gruppe gut einen Kilometer Fußmarsch durch die längste Burg der Welt hinter sich – so darf sich Burghausens mittelalterliche Festung seit dem Eintrag ins „Guinness-Buch der Rekorde“ seit 2009 auch offiziell nennen.

Blumenbeete, Rosenranken und blühende Stauden säumen den Spaziergang durch die Anlage hoch über der Stadt. Schöne, aber steile Wege führen direkt hinunter. Im Innenhof der Hauptburg wurden vor einigen Jahren rund um das alte Katzenkopfpflaster neue Wege aus abgeflachten Steinen angelegt, die auch mit Kinderwägen und Rollstühlen gut zu bewältigen sind.

Der Wöhrsee in Burghausen ist zu jeder Jahreszeit ein Highlight
Der Innenhof der Hauptburg

Fotomotive vom Feinsten

Burghausen ist viel mehr als nur Burg

Die längste Burg der Welt – das bringt natürlich internationales Renommee. Und so posieren perfekt gestylte Italienerinnen, fröhliche Sachsen in frisch erworbener Lederhose oder platinblonde Lettinnen mit dem allseits beliebten Strohhut auf dem Kopf vor der superben Kulisse.

Die Ausblicke auf die pastellbunten Häuser am Stadtplatz tief unten bieten reichlich Möglichkeiten für spektakuläre Fotos. Oder auf die 79 Meter hohe, zweifach geschnürte barocke Zwiebelkuppel der Pfarrkirche Sankt Jakob: Sie ist nur um wenige Meter höher als das Burgdach. Wo kommt man einer Kirchturmspitze sonst schon so nah?

Doch Burghausen ist viel mehr als nur Burg. Unten in der Altstadt lässt es sich entlang kleiner, inhabergeführter Läden entspannt bummeln. Einer der ältesten ist die Dirndlmanufaktur Stephan Barbarino,1824 in einem stattlichen Stadthaus als Kolonialwarenladen gegründet. Die schwere Holztheke, an der Julia Barbarino ihre Kundinnen berät, stammt noch aus dieser Zeit. In den Hinterzimmern arbeiten Schneiderinnen, die teils seit Jahrzehnten im Betrieb sind und von der Schürze bis zur Bluse alles vor Ort anfertigen, was zu den schlicht-schönen Barbarino-Dirndln gehört.

Burggeist und Waldrapp

Ein paar Schritte weiter beginnt Burghausens Vorzeigesträßchen In den Grüben. In den charmanten, teils etwas windschief aneinanderlehnenden Häusern waren einst Werkstätten untergebracht. Heute steht das gesamte Ensemble unter Denkmalschutz. Auf Hausnummer 145 hat Jochen Kuntz sein Brennstüberl „Geistreich“ eingerichtet und brennt – in Ermangelung eines echten Gespenstes auf der weltlängsten Burg – hier unter anderem den „Burghauser Burggeist“ aus Äpfeln, Birnen, Zwetschgen und Erdbeeren.

Brenerei Geistreich in Burghausen
Hausfassaden in der Burghausener Altstadt

Auf Nummer 126 verkauft Andrea Dietzinger Antiquitäten und bunten Trödel. Im Schaufenster der Nummer 161 sind nicht nur Kunst und Schmuck aus Glas zu sehen, sondern auch reichlich schräge Vögel: schwarz, struppig, mit einem langen, gebogenen Schnabel und einem Federschopf am Hals. Glaskünstler Oliver Habel ist eigentlich studierter Zoologe und kümmert sich mit Leidenschaft um das EU-Projekt zur Wiederansiedlung des Waldrapps, eines in Mitteleuropa fast ausgestorbenen Zugvogels.

Mit etwas Glück kann man die kuriosen Vögel etwa von April bis August auf der Wehrmauer nahe dem Pulverturm sehen, unterhalb davon liegt ihre streng geschützte Brutkolonie. In Habels Laden sind die Waldrappe auf Postkarten und aus Glas geformt präsent.

Der Waldrapp gehört zu den Schreitvögeln und Burghausen setzt sich für dessen Wiedereinsiedlung ein
Der Waldrapp ist ein etwa gänsegroßer Ibis

Jazzwoche mit Großkalibern

Ich mag den Klang im Keller sehr, selbst hinten hört man ausgezeichnet

Hinter der Hausnummer 193, dem ziegelroten Mautnerschloss (das einst als Zollamt für den Salzhandel diente), verbirgt sich das Epizentrum der Burghauser Jazztradition. Der Jazzclub im Keller ist legendär, die seit 1970 alljährlich im März abgehaltene Internationale Jazzwoche ebenso.

„Ich mag den Klang im Keller sehr, selbst ganz hinten hört man ausgezeichnet“, sagt Saxofonist Wolfgang Hanninger, der in den späten 90ern an einem der sommerlichen Jazzkurse in Burghausen teilnahm und heute selbst dort unterrichtet.

Musiker Wolfgang Hanninger am Tenor Saxophon

Burghausens jazzige Street of Fame

Gleich vor dem Eingang des Mautnerschlosses erinnern zwei in den Boden eingelassene Bronzeplatten an die Anfänge des Jazz in Burghausen. Eine, noch ganz neu und blitzblank, ist Joe Viera gewidmet, dem Mitgründer des Festivals. Die andere trägt den Namen Ella Fitzgerald, die Mitte der 70er-Jahre ebenso in der 18.000-Einwohner-Stadt auftrat wie Oscar Peterson und Count Basie.

Seit 1999 ehrt die Street of Fame (In den Grüben) mit 42 Bronzeplatten die internationalen Jazzgrößen, die sich in Burghausen schon die Ehre gaben. Beim interaktiven Jazz-Spaziergang erfährt man viele Anekdoten über die Stars (von der spontanen Jam-Session mit örtlichen Schuhplattlern bis zum Endlos-Konzert, um dem Jetlag ein Schnippchen zu schlagen) und hört viel gute Musik. Los geht’s an der GPS-Stele am Stadtplatz.

Musiker Wolfgang Hanninger mit Tenor Saxophon vor dem Mautner Schlösschen

Mit der Plätte auf der Salzach

Am Stadtplatz schlägt das Herz von Burghausen. Man trifft sich an den Tischen vor dem Hotel „Post“ oder auf der versteckt zur Salzach gelegenen Terrasse des erst 2021 eröffneten Restaurants „Strizzi“, das mediterran-levantinische Küche serviert. Am Stadtplatz starten auch die Busse nach Tittmoning, wo die „Plättenfahrt“ beginnt. Auf den flachen Booten wurde im Mittelalter das „Weiße Gold“ von Hallein bei Salzburg über Burghausen teilweise bis zum Schwarzen Meer verschifft.

Heute steuert Georg, der Schiffer, den mit fünfzig Urlaubern besetzten Kahn zur Saison fast täglich die Salzach entlang. Bei den öffentlichen Fahrten jeden Sonntag findet manchmal auch die fünfköpfige Band „Die Brasshüpfer“ oder eine andere Musikgruppe Platz an Bord und sorgt mit Dixie und Swing für Stimmung.

Rund eineinhalb Stunden gleitet die Plätte mit nur 30 Zentimeter Tiefgang mit der Strömung der Salzach dahin, vorbei an Kloster Raitenhaslach, dem bedeutendsten Ausflugsziel in der Umgebung von Burghausen. Selbst wer nur den schönen Klosterbiergarten besuchen möchte, sollte der üppig im Übergang vom Spätbarock zum Rokoko ausgeschmückten Klosterkirche einen Besuch abstatten.

Dort liegt auch die polnische Königstochter Hedwig begraben, die viele Jahre auf der Burg zu Burghausen lebte und deren Hochzeit mit dem niederbayerischen Herzog Georg dem Reichen den Anlass der berühmten „Landshuter Hochzeit“ bildete.

Das Burghauser Burgfest mit Lagerleben, mittelalterlicher Musik und vielen Attraktionen in der zweiten Juliwoche jeden Jahres muss den Vergleich mit dem bekannten niederbayerischen Spektakel übrigens nicht scheuen.

Das Restaurant Strizzi in Burghausen bietet orientalische Küche
Auf der Salzach kann man bei einer Plättenfahrt der Jaszzband Basshuepfer lauschen

Omm an der Salzach und SUP auf dem Wöhrsee

Die Plättenfahrt macht Lust darauf, das Ufer der Salzach auf eigene Faust zu erkunden. Das tut man am besten auf der österreichischen Seite. Ein schmaler Pfad entlang von Buchenwäldern und Farnen führt zum Inn-Salzach-Durchbruch.

Je nach Wasserstand bilden sich hier kleine, grauweiße Sandstrände. Dohlen, Fledermäuse und Uhus leben in den Steilhängen kurz vor der Mündung der Salzach in den Inn. Ein wildromantischer Platz, gerade richtig, um mit Blick auf die leise vor sich hin gurgelnde Salzach die Erlebnisse Revue passieren zu lassen.

Bleibt noch der Wöhrsee, dieses Juwel von einem Badesee unterhalb der Burg. Lang, schmal und ruhig, eignet er sich besonders für gemütliche SUP-Paddeltouren, zum Schwimmen ist er oft schon im Juni angenehm warm. Die ausgedehnten Liegewiesen des bereits 1934 eröffneten, nostalgischen Strandbads unter alten Bäumen laden zum Relaxen ein, hier wird es eigentlich nie zu voll.

Am Salachdurchbruch kann man Yoga machen
Julia Barbarino präsentiert Ihre Tracht

Eintauchen ins Mittelalter

Am Nachmittag vielleicht noch mal hoch zur Burg und ins Mittelalter eintauchen? Im Staatlichen Burgmuseum im Palas künden teilweise äußerst monumentale Werke von Ritterschlachten und höfischem Leben. Im interaktiv konzipierten Stadtmuseum kann man mit eigener Körperkraft den Materialtransport im „Hamsterrad“ ausprobieren oder beim digitalen Ritterturnier versuchen, den Gegner vom Pferd zu stoßen – ein Spaß auch für Kinder!

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