Die Iller offenbart ihr wahres Wesen dem, der sie auf dem SUP-Board erkundet. Das lieben auch die weit gereisten Pianisten Stephan Weh und Marcel Dorn. Wir paddelten mit ihnen fernab von Lärm und Hektik auf dem jadegrün schimmernden Fluss
Standup Paddling-Tour auf der Iller im Allgäu
Die Reise beginnt nicht in einem fernen Hafen, sondern ganz bodenständig vor Stephans Garage in Bad Grönenbach. Mit der Routine erfahrener Weltenbummler verstauen die Musiker Stephan Weh und Marcel Dorn die SUP-Boards auf dem Autodach.
Die kurze Fahrt zur Einstiegsstelle bei der Iller-Hängebrücke nahe Altusried gerät bereits zum Prolog der Stille: Schmale Asphaltbänder schlängeln sich durch Wälder und über sanfte, sattgrüne Hügel, stets mit dem Panorama der Allgäuer Gipfelkette als Kulisse.
Am Ufer empfängt uns der Hochsommer mit voller Kraft. 33 Grad, ein Himmel wie gemalt. Die Iller lockt: Sonnenanbeter genießen den Kiesstrand. Ein Junge springt kühn von der stählernen Hängebrücke. Dieser Ort strahlt eine wilde Freiheit aus!
Ein leiser Stoß genügt, und das Board gleitet zur Flussmitte – begleitet von sanftem Gurgeln und dem tiefen Gefühl, dass hier und jetzt ein ganz besonderes, bayerisches Abenteuer beginnt.
Die Antreibende, die zur Ruhe kam
Geschmeidig nehmen die Boards Fahrt auf durch den behutsamen Schub der Strömung. Sogleich umfängt uns die Fülle der Natur: dichtes Ufergrün, durchsetzt von leuchtend gelber Goldrute.
Auf der heutigen, 16 Kilometer langen Etappe zeigt sich der Fluss von seiner gezähmten Seite
Die Iller, deren lateinischer Name „Hilaria“ („die Fröhliche“/„Heitere“) im 8. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt wurde, entspringt im Süden bei Oberstdorf und speist sich aus Breitach, Stillach und Trettach. Der ursprüngliche, keltische Name „Elira“ bedeutet indes „die Antreibende“, was besser zum dynamischen, wilderen Verlauf der Iller südlich von Kempten passt.
Auf der heutigen, 16 Kilometer langen Etappe durch geschützte FFH-Zonen (Flora-Fauna Habitat) zeigt sich der Fluss von seiner gezähmten Seite. Die Staustufen, die wir umtragen müssen, machen ihn zu einem friedvollen, auch sehr familientauglichen Gewässer und SUP-Revier.
Marcel muss wegen Schulterproblemen leider passen. So folge ich mit Stephan dem rhythmischen Klang der Paddelschläge und der wohltuenden Stille. Beim Stand-up-Paddling erlebt man das Charisma der Iller intensiver als vom Ufer aus. Schmetterlinge und Libellen tanzen über dem Schilf, während hoch am Himmel Greifvögel majestätische Kreise ziehen. Entschleunigung pur, ein Eintauchen in den Moment.
Canyon mit Kehrtwende
Wenige hundert Meter nach dem Start beschert uns der Fluss ein veritables Naturspektakel. Am Durchbruch der Iller bei Kalden hat das Wasser über Jahrtausende einen Canyon durch die Molasseschichten gegraben. Das linke Ufer steigt steil als Prallwand an.
Die bis zu 60 Meter hohen, weißen Felsvorsprünge aus Kalkgestein sind bewachsen mit Moos und dichtem Schlucht- und Hangmischwald. Sie zwingen die Iller zu einer Richtungsänderung von nahezu 180 Grad.
Wir gleiten durch diese majestätische Aulandschaft: „Ich zeige dir jetzt meinen Lieblingsplatz“, schmunzelt Stephan, sichtlich in seinem Element. „Oft paddle ich vom Laufwasserkraftwerk Fluhmühle gegen den Strom hierher.“ Wir legen an einer idyllischen Kiesbank an, wo der klare Kaldener Tobelbach in die Iller mündet. Zeit für etwas Schatten und Kaffee aus der Thermoskanne.
Die Stille nach dem Weltruhm
Stephan und Marcel begannen im Corona-Jahr 2020 mit dem Stehpaddeln. „Wir waren lahmgelegt, die Aufträge brachen weg. Wir hatten plötzlich Zeit“, erinnert sich Stephan. „Eines Tages sah ich beim Spaziergang in den Illerauen wie eine Fata Morgana einen Typen auf einem Brett auf dem Wasser, da hat es bei mir Klick gemacht.“ Stehpaddeln sei für ihn die perfekte Antithese zum Alltag, ein meditatives Dahingleiten, bei dem die Landschaft wie in einem Kinofilm vorbeizieht.
Die nächste Paddelstunde reden wir über Destinationen, die wir beide schon bereist haben: Transnistrien, Fakarava, La Digue, China, Neukaledonien, Bora-Bora, Melanesien, Arktis und das von der Außenwelt abgeschottete Turkmenistan haben beim weitgereisten Stephan die tiefsten Spuren hinterlassen. Immerhin war das Piano-Duo schon in über 150 Ländern der Welt unterwegs.
Nach Umrundung einer sichelförmigen Insel weitet sich der Fluss. Der zunehmende Gegenwind bremst uns auf der Fahrt zur Fluhmühle mit ihrem Stauwehr. Dank Stephans ausgeklügelter Tragetechnik meistern wir die Umtragung beider Boards in einem einzigen, effizienten Durchgang.
Amazonas im Unterallgäu
Nach dem Wiedereinstieg verschafft die meterhohe Staustufe neuen Schub. Kurz nach der Unterquerung der Bad Grönenbacher Brücke wartet der nächste Höhepunkt. Wieder weiße Steilwände, wenn auch kleiner als zuvor, dazu eine üppig blühende Ufervegetation.
Die Illerschleife ist ein Vogelparadies. Und auf kleinen Inseln aus Treibholz leben Biber
Der Weiler Au, eine Handvoll alter Bauernhöfe, liegt verborgen in der Nähe. Nach einer scharfen Biegung, deren Ufer dicht mit Schilf bewachsen sind, öffnet sich die Iller zu einer weiten Wasserfläche. Pardon, aber das hier ist der Amazonas des Unterallgäus. Und wir sind ganz allein unterwegs in diesem Vogelparadies.
Das Gebiet an der Illerschleife bei Legau ist als Landschaftsschutzgebiet und EU-Vogelschutzgebiet ausgewiesen, Teile sind Naturwaldreservat. Es ist eine Arche Noah für seltene Arten: Eisvogel, Grauspecht, Blaukehlchen und der majestätische Fischadler finden hier Zuflucht.
Auf kleinen Inseln aus Treibholz hausen Biber. Wohin man blickt, rege Betriebsamkeit. Ein Schwanenpaar gleitet mit seinen fünf bräunlich gefiederten Sprösslingen vorbei. Um die Ruhe dieses Refugiums nicht zu stören, bleiben wir achtsam in der Flussmitte und navigieren vorsichtig über den schlammigen Untergrund.
Musik gegen Drinks
Kennengelernt haben sich die beiden Pianisten bei einer Bundeswehrübung im Schützengraben. Später folgten erste Auftritte in Memminger Bars, Musik gegen Drinks. „Da es immer nur ein Klavier gab, spielten wir vierhändig, das kam brutal gut an“, sagt Marcel zwinkernd.
Es folgten gehobene Hotels im Allgäu, in der Schweiz, in Südtirol. Stets als angekündigter Act, nie als Untermalungsmusik. Heute liegen 94 Kreuzfahrten, Auftritte für Deutsche Botschaften weltweit und Konzerte für den Flügelhersteller Blüthner in Ländern wie China, Iran und Indonesien hinter ihnen. Im Dezember 2026 feiern sie ihr 30-jähriges Pianotainment- Bühnenjubiläum mit einem Konzert in Kempten.
„Wir konzentrieren uns auf bestehende Musikstücke, aber lieben die Interpretation“, so Stephan. „Wir verwandeln Beethovens ‚Für Elise‘ in einen Bossa Nova und berühren damit unser Publikum. Aber auch Nirvana hat Platz in unserem Programm.“ Notenblätter? Überflüssig, alles im Kopf gespeichert.
An der Iller-Staustufe Legau wartet Marcel auf uns und blickt sehnsüchtig auf das Wasser. Zu gern wäre er mitgepaddelt. Der in moderner Stahlarchitektur errichtete Iller-Erlebnissteg mit Aussichtsturm bietet aus zwanzig Metern Höhe einen tollen Blick auf den ausladenden Strand und die Staustufe. Besonders sehenswert ist die Fischaufstiegshilfe, die sich akkurat und naturnah in die Landschaft schmiegt.
Die Zeit drängt, das letzte Teilstück nach Illerbeuren legen wir mit dem Auto zurück. Doch am Ziel können wir es uns nicht verkneifen: „Pianotainment“ paddelt als Duo unter der markanten, historischen Eisenbahnbrücke hindurch, bevor wir den Schweiß des Tages mit einem erfrischenden Bad in der kalten Iller „deatomisieren“.
Kultur, Schlösser und Kräuterboschen
Dass es sich zwischen Kempten, Illerbeuren und Bad Grönenbach gut leben lässt, beweisen nicht nur die zahlreichen Schlösser. Schloss Kronburg, seit 1619 in Familienbesitz, ist ein Juwel.
Baroness Carolin von Vequel-Westernach führt uns durch das Schlossmuseum. Im cremefarbenen Hemdblusenkleid, passend zum Ambiente, präsentiert sie Original-Mobiliar von Biedermeier bis Barock aus 400 Jahren Geschichte.
Ein Cembalo aus dem 16. Jahrhundert nutzen Marcel und Stephan zu einer vierhändigen Kostprobe im Bühnenoutfit. An der Wand hängt ein Gemälde von Josef Madlener. Es zeigt die Illerauen mit weidenden Schafen und Blick auf Schloss Kronburg. Der seinerzeit verkannte Memminger Maler inspirierte mit seinem Werk „Der Berggeist“ J. R. R. Tolkien zur Figur des Gandalfs in „Herr der Ringe“.
Es ist der Tag vor Mariä Himmelfahrt, Höhepunkt des Sommers. Im Schwäbischen Freilichtmuseum Illerbeuren werden da immer „Kräuterboschen“ gebunden. Das Ritual verlangt eine „magische“ Zahl von mindestens sieben Zutaten.
Die Frauen haben Tische in den Schatten eines Baumes gerückt. Eine Pflanze erkenne ich sofort: die Goldrute, die uns am Flussufer begegnet ist. Unverzichtbar ist die Rose als Symbol für Maria im Zentrum des Boschens.
Das Museumsdorf, in dem Stephan einst seine Hochzeit feierte, ist ein Konglomerat aus liebevoll wiederaufgebauten historischen Bauernhöfen, die das ländliche Leben vergangener Jahrhunderte veranschaulichen. Authentisch und belebt, auch durch die Tiere, die dort leben.
Der junge Koch Alexander Härle führt im Museumsgasthaus „Gromerhof “ Regie. Wer könnte seinem Schwäbischen Zwiebelrostbraten auf Allgäuer Käsespätzle mit geschmälzten Zwiebeln widerstehen? Nach der Paddeltour haben wir uns diese bayerische Gaumenfreude verdient.
„Noch etwas, worauf man sich für eine Iller-SUPTour besonders vorbereiten sollte?“, will ich wissen „Oh ja. Der Iller-Killer-Thriller“, scherzt Marcel in Anlehnung an den Allgäuer Kommissar Kluftinger. „Es gibt noch keinen Inhalt, aber irgendwann schreibe ich den.“
Dann klingelt das Telefon. Die Reederei Cunard ist dran. Ob Marcel und Stephan am Sonntag auf der „Queen Mary 2“ musikalisch einspringen können? Einmal New York und zurück. Die Welt ruft, doch das Herz bleibt in den Allgäuer Auen. Und ein wenig auch an der Iller.