Füssen im Allgäu: Stadt am Lech
Kann alles!

Füssen, das liebenswerte Städtchen am grünen Lech, verströmt mit pastellfarbenen Bürgerhäusern ein fast südländisches Flair. In der Umgebung warten tolle Badeseen, die Allgäuer Berge und weltberühmte Königsschlösser. Text: Anja Keul, Fotos: Tobias Gerber


Lesezeit: 10 Minuten

Füssen: Sehens- und Erlebenswertes

Klingeling! Von Weitem hört man es bimmeln, ein Kind ruft begeistert: „Eis!“ Schon zuckelt Beppo Montuori mit seiner nostalgischen Eiskutsche ums Eck und parkt auf dem Kopfsteinpflaster direkt gegenüber dem Kloster St. Mang.

Das ist der perfekte Standort: Im Hintergrund erhebt sich der alles überragende Uhrturm am Hohen Schloss, in der Gegenrichtung geht’s hinunter zum Lech und von dort auf den Kalvarienberg.

Gestärkt mit Joghurt-Himbeer-Eis aus Bio-Heumilch steigt es sich schnell auf den Aussichtspunkt. Eine knappe halbe Stunde den Kreuzweg bergan, und schon liegt einem Füssen, vom hellgrün leuchtenden Lech umschmeichelt, zu Füßen.

Oben fällt auf, wie markant das Hohe Schloss über dem mittelalterlichen Gassengewirr thront. Von einem Bergsporn aus schaut die Anlage auf die zartblau, rosa oder hellgelb getünchten gotischen Häusergiebel ebenso herab wie auf die zahlreichen Kirchenbauten aus dem Barock und der Rokoko-Zeit (St. Ulrich).

Eisverkäufer Giuseppe Montuori in Füssen

Schummelei im Hohen Schloss

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts vollendet, zählt die frühere Residenz der Augsburger Fürstbischöfe zu den bedeutendsten Profanbauten der deutschen Spätgotik, auch wenn hier eine grandiose Schummelei im Spiel ist: Die dekorativen Erker, all die Fensterrahmen und Eckquader im Innenhof des Hohen Schlosses sind nicht echt – aber eine perfekte Selfie-Kulisse, vor allem am Abend, wenn die 500 Jahre alten, meisterlichen Illusionsmalereien besonders plastisch wirken.

Auch sonst möchte man in der 16.000-Einwohner-Stadt ständig die Kamera zücken. Rosen ranken über Fenster und Türen, von der restaurierten alten Stadtmauer reicht der Blick weit ins Grüne, romantische Plätze wie der Kappenzipfel mit einer besonders schön bemalten Hausfassade, einem Brunnen und Bänken erfreuen das Auge.

Das Hohe Schloss: Ehemalige Residenz der Augsburger Fürstbischöfe in Füssen

Modernes Heimatgefühl

Mit ihren pastellfarbenen Häusern und den schmiedeeisernen Schildern ist die Franziskanergasse besonders hübsch, vor allem dann, wenn Mitglieder des Trachtenvereins „D’Neuschwanstoaner Stamm Füssen“ das historische Bürgergewand und die Allgäuer Gebirgstrachtvorführen.

Im Jahr 1900 gegründet, ist der Trachtenverein der älteste im Allgäu und dank des Engagements von Richard Hartmann und den mehr als 200 Vereinsmitgliedern quicklebendig. Der Schriftführer und Erste Sprecher des Haupt­vorstands hat viel in den alten Quellen recherchiert, auf Dachböden und in Kellern nach Hauben, Tüchern und alten Fotografien gesucht. Ein modernes Heimatgefühl liegt Hartmann erkennbar am Herzen.

Im Allgäuer „Heimatwerk“ im Zentrum der Altstadt finden Vorträge und Kurse über Dialekt, Tanz und Musik statt, auch die aufwendige Trachtenstickerei lässt sich erlernen. Die Federn aus weißem Adlerflaum, die viele Trachtenhüte zieren, sind der ganze Stolz der Neuschwanstoaner: „Die sind 60 bis 80 Jahre alt und stammen aus Familienbesitz. Heute bekommt man keine mehr“, so Hartmann, der als Eventmanager für klassische Musik arbeitet.

Mitglieder des

Königsschlösser vor der Stadt

D’Neuschwanstoaner? Der Name bezieht sich auf das berühmte Königsschloss Neuschwanstein, auch wenn viele Füssener ein wenig die Augen rollen, wenn der Name fällt. Ein bisschen ungerecht finden sie es, dass der steingewordene Traum des „Märchenkönigs“ Ludwig II. vor den Toren der Stadt so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, gefolgt vom Schloss Hohenschwangau, in dem Ludwig seine Kindheit und Jugend verbrachte. Beide Schlösser können nur auf relativ kurzen Führungen besichtigt werden.

Alle Zeit der Welt hat man hingegen im Museum der Stadt Füssen. Es ist im Süd- und Westflügel des ehemaligen Benediktinerklosters St. Mang untergebracht. Highlights sind der Kaisersaal, mit dem die fast 1.000 Jahre alte Abtei Größe demonstrieren wollte, und die ovale Bibliothek mit ihrem Deckengemälde. Einzigartig ist die Ausstellung zur Rolle von Füssen als Stadt der Lauten- und Geigenbauer.

1562 wurde in der Stadt die erste Lautenmacherzunft Europas gegründet, später brachten Füssener Instrumentenbauer die Kunst bis nach Wien, Prag, Oberitalien und Frankreich.

Tradition im Geigenbau

Den umgekehrten Weg ging Pierre Chaubert. Der Schweizer ließ sich nach seiner Meisterprüfung als Geigenbauer in Füssen nieder und belebte damit die Tradition nach 150 Jahren neu. Mittlerweile arbeitet auch sein Sohn Eric in der lichtdurchfluteten Werkstatt im Dachgeschoss über der historischen Markthalle.

Schon einige Stradivaris und Guar­neris haben Vater und Sohn restauriert, neue Geigen entstehen in 200 bis 250 Arbeitsstunden. Mit zum Teil gerade mal daumennagelgroßen Hobeln formt Eric Chaubert das Tonholz für den perfekten Klang. Die exakten Rezepturen für den Öllack sind Geheimsache. Doch im Museum gibt es einen Überblick über gängige Zutaten wie Safran, Wurzeln und Erdpigmente.

Traditionelles Handwerk: Geigenbau in Füssen
Geigenbauer Eric Chaubert in seiner Geigenbauwerkstadt

Zwei Etagen tiefer kauft man in der Markthalle im spätgotischen ehemaligen Kornhaus Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch oder lässt sich von den umliegenden Ständen einen Imbiss zusammenstellen. Der wird am langen Holztisch verzehrt. Kuchen und Strudel gibt’s auch.

Traditionalisten bevorzugen für Süßes jedoch das „Kurcafé“ im „Hotel Schlosskrone“. Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts schätzten die königlichen Hoheiten aus Hohenschwangau diese Konditorei.

Sissi-Torte oder Wandern?

„Die „Sissi-Torte“ ist jede Sünde wert“

Zu Ehren der österreichischen Kaiserin Sissi wurde damals eine mit reichlich Rum getränkte Schokoladentrüffeltorte kreiert. Ob die auf ihre Figur bedachte Kaiserin sie je verzehrte, ist nicht überliefert. Trotzdem bäckt sie Konditormeister Marcus Kleiner Tag für Tag nach dem über Generationen weitergegebenen Rezept. Mit Herzen und Sissi-Konterfei verziert, ist die „Sissi-Torte“ jede Sünde wert.

Rund um Füssen gibt es genügend Gelegenheit, um die angefutterten Kalorien wieder abzutrainieren. Die Wander- und Radwege sind bestens ausgeschildert, auf der Website von Füssen detailliert beschrieben und als GPS-Track verfügbar.

Das Walderlebniszentrum Ziegelwies kombiniert Bewegung mit inte­ressant aufbereiteten Informationen zu Bergwald, Artenvielfalt und dem Auwald am Lech-Ufer: Erlen, Pappeln und Weiden verhindern mit ihrem Wurzelwerk ein Abschwemmen des Bodens, wenn der Gebirgsfluss über die Ufer tritt.

Baumkronenpfad des Walderlebniszentrum Ziegelwies bei Füssen

Wipfelpfad nach Österreich

Hoch über dem Wald spazieren die Besucher auf dem bis zu 21 Meter hohen Baumwipfelpfad. Der bequeme Holzbohlenweg führt auf rund 500 Metern über die Grenze hinweg nach Österreich. Schritt für Schritt erschließt sich das Bergpanorama vom Aggen­stein in Österreich bis zum 1.720 Meter hohen, schroffen Tegelberg.

Dort hinauf geht’s mit der Tegelbergbahn, die seit Pfingsten 2021 die rund 1.000 Meter Höhenunterschied mit neuen Glaskabinen überbrückt. Eine ganze Reihe von Wanderwegen erschließt die Bergwelt. Wer möchte, steigt nur ein paar Schritte von der Bergstation ab und macht Brotzeit im bewirtschafteten „Tegelberghaus“, der urigen Holzhütte, die Ludwig II. jeden Sommer besuchte. Zu Fuß sind es auf dem „Schutzengelweg“ von der Talsta­tion der Tegelbergbahn bis hier hoch zweieinhalb Stunden.

Mit der Seilbahn auf den Tegelberg bei Füssen

Allgäu-Riviera? Der Hopfensee!

Damit wären wir wieder bei den Königsschlössern. Der Blick auf Neuschwanstein und Hohenschwangau bei der Auffahrt mit der Tegelbergbahn ist beeindruckend. Eine vollkommen andere Perspektive auf die Monumentalbauten ergibt sich während einer Schiffsrundfahrt auf dem Forggensee. Danach eine kleine Badepause? Auf dem Weg zum Festspielhaus bieten sich einige kiesige Einstiege an, um eine Runde im See zu schwimmen.

Mit insgesamt zehn Badeseen in der näheren Umgebung hält Füssen für Badefans viele Möglichkeiten bereit, von den Naturbädern in Faulenbach über den ländlichen Badestrand am Weißensee bis zur „Allgäu-Riviera“ am Hopfensee. Dort kann man auf der Lounge-Terrasse des „Seehaus“ bei Food und Drinks den Sonnenuntergang genießen.

Verliebt in Füssen

Zum Abschied von Füssen muss es noch mal ein Eis sein. Eiscafés gibt es zur Genüge, etwa in der autofreien Reichenstraße mit ihren vielen Straßencafés. Vielleicht zuckelt ja auch Beppo mit sechs Stundenkilometern daher und platziert sich an einer der schönsten Stellen in der Altstadt, er kennt da so einige ...

Seit 2010 lebt der gelernte Gelatiere aus dem Westerwald in Füssen: „Wir haben uns im Urlaub in die Stadt verliebt und beschlossen, hierherzuziehen.“ Das mit dem Verlieben passiert sicher anderen Besuchern auch. Darauf eine Kugel Mango-Sorbet!

Fußgängerzone im Stadtzentrum Füssens, mit Blick auf das Hohe Schloss
Blick auf das Renaissance Schloss Höchstädt

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