Genusswandern im Klausbachtal auf dem Salzalpensteig
O Sole mio

Aussichtsreich, abwechslungsreich, aufschlussreich: Der Salzalpensteig würzt jede Wanderer-Vita. Es locken großartige Ausblicke übers Berchtesgadener Land, durch das eine der schönsten Etappen des noch jungen bayerisch-österreichischen Fernwanderwegs führt. Text: Christian Haas, Fotos: Frank Heuer

Lesezeit: 15 Minuten

Genusswandern auf dem Salzalpensteig

Mit Höhenwegen ist das so eine Sache. Sie suggerieren ebene Strecken in erhabener Lage, ersparen einem aber wegen der Topografie nicht das eine oder andere Auf und Ab. Beim Soleleitungsweg zwischen den Berggasthöfen „Zipfhäusl“ und „Söldenköpfl“ hingegen ist horizontale Geradlinigkeit garantiert.

Auf der fünfeinhalb Kilometer langen Strecke oberhalb von Ramsau verlief bis 1927 die Salz-Pipeline. Und die durfte exakt um einen Grad geneigt sein. Andernfalls wäre das kostbare Gut, in Berchtesgaden losgeschickt, niemals in Bad Reichenhall angekommen. Dass die Trasse hier auf halber Hanghöhe verlief, zeigen gelegentlich im Boden erkennbare Reste der aus Fichten gebauten Deicheln. So nannte man die ausgehöhlten Stämme, durch die die „weiße Suppe“ schwappte. Dies erfährt man von einer Infotafel am Wegesrand. Oder von Ruth Güll-Barrett.

Die zertifizierte Gästeführerin erzählt noch mehr: „Salz und Holz waren seit jeher bestimmende Themen in der Region.“ Das Holz? „Das brauchte man, um das Wasser zu erhitzen. Schließlich mussten für ein Kilo Salz rund vier Liter Wasser verdampft werden.“ Die Folge: massive Rodungen. „Das kann man sich gar nicht vorstellen, wie die Landschaft hier ausgeschaut hat. Irgendwann gab es schlicht kein Brennholz mehr.“ Die Lösung: Sole, also salzhaltiges Wasser, wurde mit riesigen Pumpen und sanftem Gefälle Richtung Bad Reichenhall befördert, wohin die Saalach den Holznachschub aus dem Pinzgau lieferte.

Wanderung auf dem Soleleitungsweg zur
Deichel: Historische Soleleitung bis 1927

Omm-Momente am „Balkon des lieben Gottes“

Aus gutem Grund wird der sonnenverwöhnte Panoramaweg „Balkon des lieben Gottes“ genannt. Die Aussicht ist himmlisch! Gut, dass sich immer wieder Bänke finden, um in Ruhe den Blick über Ramsau – 2015 vom DAV als erstes Bergsteigerdorf Deutschlands ausgezeichnet – und das aufregend aufragende Bergensemble gegenüber schweifen zu lassen: auf den Hochkalter mit dem Blaueisgletscher, dem nördlichsten Gletscher der Alpen, sowie aufs Watzmann-Massiv mit der 2.713 Meter hohen Mittelspitze – einfach majestätisch. Und in das zwischen den beiden Alphabergen liegende, gewaltige Wimbach-Hochtal, durch das traditionell all jene zurückkehren, die die legendäre Watzmann-Überschreitung gemeistert haben.

Der Geselle, nach dem der auf der Soleleitungsweg-Seite thronende Berg Toter Mann benannt wurde, soll der Legende nach ein „Zuagroaster“ gewesen sein, der auf den damals noch namenlosen Berg gekraxelt und dort erfroren sei. In einer anderen Version spielen eine Dame, ein Nebenbuhler und eine Waffe eine Rolle. Weder die eine noch die andere Version dürfte dem lieben Gott gefallen …

Salzalpensteig: Blick auf den Watzmann

Sonnige Berggasthöfe, historische Denkmäler

Was Panorama-Wanderern gefällt: die kurzweilige Abfolge von Einkehrterrassen wie „Zipfhäusl“, „Gerstreit“ und „Söldenköpfl“. Bei Letzterem faltet Ruth die Landkarte auf und skizziert die Schlängelroute des Salzalpensteigs. „Auf achtzehn Etappen vom Chiemsee bis zum Dachstein führt der 2015 eröffnete Fernwanderweg geschichtsträchtige Wege zusammen und dabei auch durch ein Stück Bilderbuch-Oberbayern“, so die 63-Jährige.

„Die anderen zwei Etappen im Berchtes-gadener Land sind auch sehr schön“

Nicht nur sie findet, dass die 18,5 Kilometer von Ramsau nach Schönau am Königssee zu den schönsten und abwechslungsreichsten Etappen gehören … und mit rund 1.150 Metern bergauf auch zu den sportlicheren. „Wobei“, fügt sie schmunzelnd an, „die anderen zwei Etappen im Berchtesgadener Land auch sehr schön sind.“

Dort finden sich, wie überall entlang des 233 Kilometer langen, wandersiegelzertifizierten Premiumwegs teils jahrtausendealte Spuren des „Weißen Goldes“, etwa Deutschlands ältestes noch aktives Salzbergwerk in Berchtesgaden (inklusive Schaubergwerk) und die Alte Saline Bad Reichenhall, die zu Bayerns bedeutendsten Industriedenkmälern zählt.

Salzalpensteig zwischen Grünsteinhütte und Königssee

Dass der Salzalpensteig mehr kann als Spazierweg, merken wir, als es weitergeht: erst ordentlich bergab nach Engedey und dann – Augen auf, um den Weg-Logos mit den drei grünen Spitzen durch den Hof einer Autolackiererei zu folgen – auf der anderen Talseite wieder hinauf. Bis zum Parkplatz Hammerstiel kein Ding, danach fordert einen der Grünstein heraus. Auf Forststraßen und/oder Waldpfaden beträgt die Durchschnittssteigung 19 Prozent.

Mehr als einmal wünschen wir uns den Soleleitungsweg zurück. Und einen Pulsmesser. Den bräuchte es, um die dortige, durch Infotafeln unterstützte Herz-Kreislauf-Teststrecke korrekt zu absolvieren.

Die Aussicht auf Kaiserschmarrn auf der „Grünsteinhütte“ treibt uns an. Der 1.304 Meter hohe Gipfel habe mehr zu bieten, so die Kellnerin. Und tatsächlich: freie Sicht auf Jenner mit der 2019 neu erbauten Bergbahn, den Hohen Göll und den Kehlstein samt historischem Kehlsteinhaus. Ein Stück Königssee erblicken wir auch. Mehr davon sehen wir am Ende des Steigs hinunter nach Schönau, aber eigentlich erst als wir direkt am Seeufer stehen …

Königliche Echokammer

Würden wir tags drauf dem Salzalpensteig weiter folgen, ginge es nach Berchtesgaden und ins salzburgerische Bad Dürrnberg bei Hallein. Doch es gibt spontan Tickets für eine vormittägliche Königssee-Bootsfahrt – da heißt es zuschlagen! Abgesehen davon, dass SUP-Boards, Schlauboote und Kajaks nicht erlaubt sind und die Fjordkulisse keinerlei Uferwege zulässt, wirkt der Zauber des smaragdgrün schimmernden, acht Kilometer langen Königssee entweder von einem geliehenen Ruderboot aus oder – noch besser – an Bord eines der leisen Flachboote.

SUP-Boards, Schlauboote und Kajaks sind auf dem Königssee nicht erlaubt

Nach der Seereise verlassen wir das Boot beim idyllisch auf einer Landzunge gelegenen St. Bartholomä, dort geht es direkt in den Biergarten mit exzellentem Räucherfisch. Sehenswert ist der neben der rot betürmten Wallfahrtskapelle die zu Fuß erreichbare Eiskapelle, ein domartiges, selbst im Sommer nicht tauendes Eisgewölbe. Absoluter Star aber: die mächtige Kulisse der Watzmann-Ostwand. Die mit 1.800 Metern längste durchgehende Felswand der Ostalpen gehört zum Imposantesten, was Oberbayern zu bieten hat.

Fakt ist: Wer von hier aus auf den Watzmann-Gipfel hinaufwill, braucht viel Erfahrung und noch mehr Kondition. Da drei Gondelbauversuche gescheitert sind, bleibt der Berg – auch auf der leichteren Route über das „Watzmannhaus“ im Norden – Könnern vorbehalten. Ruth findet das gut: „Aus heutiger Sicht ist es ein Glück, dass es mit einer Bahn nie geklappt hat. So bleibt die Erhabenheit.“

Wasserfälle der Wimbachklamm bei Ramsau
Wanderparadies Wildbachklamm: Eine 200 Meter lange Wildwasserschlucht im Berchtesgadener Land

Coole Brückenkonstruktion

In der an der Watzmann-Westseite gelegenen Wimbachklamm donnert es: Dort tritt das Wasser des Wildbachs mit Getöse an die Oberfläche und stürzt in Wasserfällen in die Felsschlucht. Die erlebt man auf einem kurzen, aber intensiven Stück hautnah, dank kühner Brücken und Stege, die über das gurgelnde Wasser führen. Herrlich, diese natürliche Air-Condition, die die Lufttemperatur locker um fünf Grad senkt und die Luftfeuchtigkeit im Gegenzug enorm steigert!

An Baden ist nicht zu denken, dazu eignet sich der Hintersee. Wobei nicht stundenlanges Plantschen eingeplant werden sollte. Wir sprechen von 16 Grad Maximaltemperatur. Nach einem schweißtreibenden Wandertag garantiert das aber die perfekte Erfrischung!

Brotzeit mit Aussicht auf das Bergpanorama nahe Ramsau

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Durchs Klausbachtal
14 km, 4 Stunden, mittel

Das von einer großartigen Bergkulisse umrahmte Klausbachtal, eines der Kerntäler des Nationalparks Berchtesgaden, lässt sich wunderbar durchwandern. Zuerst geht es sanft über Weideflächen und durch lichten Mischwald, später steiler durch dichte Nadelwälder bergauf. Höhepunkte: eine Hängebrücke und die denkmalgeschützte „Bindalm“. Der regelmäßig verkehrende Almerlebnisbus chauffiert die Wanderer zurück zum Hintersee.
berchtesgaden.de

Malerwinkel-Rundweg
4 km, 1,5 Stunden, leicht

Als Malerwinkel werden Orte bezeichnet, die vor allem bei den Künstlern der Romantik wegen ihrer idyllischen Landschaft beliebt waren. Entsprechend oft wurde der Königssee auf Leinwänden verewigt. Der bevorzugte Standort lässt sich vom Parkplatz leicht erwandern. Erst zur Seelände, dann an den Bootshütten und dem „Café Malerwinkel“ vorbei, bis der Aussichtspunkt mit Blick auf die Wallfahrtskirche St. Bartholomä erreicht ist. Der Rundweg führt dann in zwei weiten Kehren zu einem zweiten Aussichtspunkt.
koenigssee.de

Ramsauer Schattseitweg
15,5 km, 5,5 Stunden, mittel

Vom Ortszentrum von Ramsau führt der Rundweg zu den „Gletscherquellen“. Die durch Schmelzwasser des Blaueisgletschers am Hochkalter gespeisten Quellen treten an dieser Stelle 1.500 Meter unterhalb des Gletschers zutage. Das nächste Highlight sind die wilden Wasser der Marxenklamm, wo sich die Ramsauer Ache besonders tief in den Untergrund eingeschnitten hat. Im Zauberwald wartet ein interessanter Naturlehrpfad, der über Brücken und Stege bis zum Ufer des Hintersees führt. Nach dessen Umrundung geht es auf dem Schattseitweg zur Wimbachbrücke und von dort zurück zum Ausgangspunkt.
berchtesgaden.de

 

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