Hopfen: Das grüne Gold der Hallertau zählt zu den Hanfgewächsen (Cannabaceae)
Roadbook für Bier-Genießer

Bayerns grünes Gold

Das berühmteste Hopfenanbaugebiet der Welt? Die Hallertau. Der beste Zeitpunkt, die Region kennenzulernen, ist zur Ernte Anfang September. Dann probiert man in urigen Biergärten frisches Grünhopfenbier, entdeckt kulinarisches Neuland und hat stets den Duft des Hopfens in der Nase

Genussreise nicht nur für Bierliebhaber

Eine gebückte Gestalt bewegt sich zwischen den Hopfenstangen. Immer wieder verschmilzt sie für einen Augenblick mit den Hügeln der Hallertau. Im Blau des Septemberabends erstrecken sich Hopfengärten bis zum Horizont. Aber hier, etwas westlich von Mainburg, ist die Hopfenernte bereits abgeschlossen. Die sieben Meter hohen Gerüste ragen kahl aus der Landschaft. Dann tritt die Gestalt auf den Feldweg.

Hans, stellt sich der alte Mann vor und zeigt auf einen Weiler in einer nahen Senke. Dort liege sein Hof und heute habe er seine fünf Hektar Hopfen abgeerntet. Jetzt müsse er nicht mehr täglich aufs Feld: „Vom Frühjahr bis zur Ernte will der Hopfen jeden Tag seinen Herrn sehen!“ Er wollte schon lange aufhören, erzählt er, aber der Hopfen sei sein Leben, und wenn, dann wolle er im Hopfengarten sterben. Im Westen färbt sich der Himmel zart rot, als Hans Richtung Weiler geht.

In der Scheune "entpflückt" Elisabeth Stiglmaier die Hopfenreben

In der Scheune "entpflückt" Elisabeth Stiglmaier die Hopfenreben

Hallertau aka Holledau

Die Hallertau, im Dialekt Holledau, ist das weltgrößte zusammenhängende Anbaugebiet für Hopfen und liegt etwa eine Autostunde nördlich von München. Aus der Region zwischen Landshut, Pfaffenhofen und Kehlheim stammen knapp 38 Prozent der weltweiten Hopfenproduktion.

Wow! 38 Prozent der weltweiten Hopfen-Produktion sind aus der Hallertau

Seit dem 8. Jahrhundert ist der Hopfenanbau dort belegt. Heute bewirtschaften immer weniger, aber immer größere Bauernhöfe die Hopfengärten. Aber noch immer prägen die „Darren“, turmartige Gebäude, in denen der Hopfen getrocknet wird, das Bild der Dörfer.

Gegenüber einer dieser Darren steht Hopfenbäuerin Elisabeth Stiglmaier im Blaumann inmitten würzig duftender Hopfenreben. Im Sekundentakt zieht sie von der Spitze des leuchtend grünen Pflanzenberges den Anfang einer Hopfenrebe und hängt sie in das Fördersystem der Hopfenpflückmaschine ein.

Diese zieht die Rebe unter die Scheunendecke, bis sie in sieben Meter Höhe baumelnd unter ohrenbetäubendem Lärm zur „Entpflückung“ in der Maschine verschwindet. Es rumpelt und ruckelt, Blätterstaub wirbelt auf. Ein Band befördert die abgelösten Hopfendolden quer über den Hof hoch hinauf in die Darre.

Elisabeth hängt die Reben ins Fördersystem

Bei der Ernte packen alle an

Während eine Person im Hopfengarten die Hopfenreben maschinell knapp über dem Boden abtrennt, die über ein Fördersystem auf einen Hänger geladen werden, arbeitet Elisabeth in der Scheune. Elisabeths Mann Franz und Sohn Andreas steuern den Trocknungsprozess, füllen anschließend brusthohe Säcke mit je 70 Kilogramm frischen Hopfendolden, vernähen, versiegeln und lagern sie ein.

 

 

Etwa drei Wochen dauere die Ernte, erzählt Elisabeth in einer schnellen Kaffeepause in der Laube hinter dem Hof. Täglich von 5.30 Uhr bis nach Sonnenuntergang arbeiten die Familie und drei Erntehelfer in dieser Zeit.

Tipp für Bier-Fans: Das Hopfenmuseum

„Ein Besuch des Hopfemuseums in Wolnzach wird zur Zeitreise durch die über 1000-jährige Geschichte der Hopfenkultur in der Hallertau”, so Hopfenbotschafterin Elisabeth Stiglmaier. Eines der Highlights: Die perfekt restaurierte Hopfenpflückmaschine aus den 1950er-Jahren, die damals größte und teuerste Agrarmaschine aller Zeiten.

Schlossbrauerei Au: Brautradition seit 1590

Brauereidirektor Michael Beck Freiherr von Peccoz führt die Schlossbrauerei Au, die jährlich 50.000 Hektoliter Bier herstellt, in der sechsten Generation. 2018 hat er an einen chinesischen Investor verkauft, der auch den größten Teil des Exports abnimmt. „Der Hallertauer Hopfen ist die Seele unseres Bieres“, sagt Beck, während er unter dem Porträt seines Urgroßvaters, dessen Aussehen an Bismarck erinnert, ein Grünhopfenbier einschenkt.

Grünhopfenbier: Bierspezialität zur Erntezeit

Nur zur Hopfenernte wird dieses Bier gebraut. Fürs Grünhopfenbier werden die ungedarrten, frisch gezupften Hopfendolden in die Sudpfannen geworfen. Ergebnis ist ein unfiltriertes, deutlich hopfiges, sehr erfrischendes, ja fast prickelndes Bier. „Bierbrauen habe ich inhaliert, seit ich denken kann“, erklärt Beck, „dazu braucht es nicht nur technisches Können, sondern auch Leidenschaft. Am Ende entscheidet die Qualität des Bieres, also, zum Wohl!“

Das Deutsche Hopfenmuseum in Wolnzach

Das Deutsche Hopfenmuseum in Wolnzach

Craft-Bier nach dem Reinheitsgebot

Olfaktorisch außergewöhnlich ist der Spätsommer in der Region. Wer durch die Dörfer reist, ist umgeben von Hopfenaroma. Je näher man den Zupfmaschinen in den Scheunen kommt, desto stärker wird der zitronig-würzige Geruch. „Hopfen duftet sehr intensiv. Als wir neulich unser Grünhopfenbier ansetzten, war die ganze Brauerei eine Hopfenwolke“, sagt Braumeister Andreas Weber und bittet in einen unscheinbaren Flachbau im Industriegebiet von Wolnzach, in die „Urban Chestnut Brewing Company“.

Craft-Bier mitten in Bayern? „Wir arbeiten nach dem Reinheitsgebot und verstehen unter Craft-Bier handwerklich hergestelltes Bier. Wir holen unseren Biergeschmack nur von Hopfen und Malz und nicht von zusätzlich zugeführten Aromastoffen“, erklärt Andreas Weber.

Von St. Louis nach Mühldorf

Urban Chestnut wurde vom Mühldorfer Braumeister Florian Kuplent als Start-up-Brauerei in St. Louis, USA, gegründet. Weil er Hopfen aus der Wolnzacher Region bezieht, griff er im Jahr 2015 zu, als die Brauerei zum Verkauf stand.

„Sauschwanzl“ heißt die Zapfvorrichtung am Biertank

„Wir produzieren lediglich 5.000 Hektoliter und beliefern nur Wolnzach und den nächsten Umkreis“, sagt Andreas Weber. Damit seien sie ausgelastet und das sei auch die Idee von Urban Chestnut. Darum gebe es auch kein aromatisiertes Bier, sondern unfiltrierte, typisch bayerische Spezialitäten. Wer hier Bier ausschenke, der müsse Qualität liefern und den regionalen Geschmack treffen.

Okay, eine Ausnahme: Pale Ale

Ein Zugeständnis an neuere Biersorten machen sie nur beim „Zuagroast“, einem eher bitteren Pale Ale, das relativ stark gehopft ist. Trotzdem probieren sie gern aus, lagern schon mal Bier mehrere Monate in einem ehemaligen Fass der bayerischen Whisky-Destillerie Slyrs oder testen unterschiedliche Hopfensorten.

„Die meisten wollen ein Helles“, sagt Andreas Weber, „aber Helles heißt ja nicht, dass das nach nix schmeckt, deshalb verwenden wir auch dabei deutlich mehr Hopfen als üblich und nötig.“ Dann dreht Andreas am „Sauschwanzl“, einer Zapfvorrichtung am Biertank, und ein golden schimmerndes Helles rinnt ins Glas.

Entspannt schwitzen in der Kelosauna in der Kaiser-Therme Bad Abbach

Entspannt schwitzen in der Kelosauna in der Kaiser-Therme Bad Abbach

Entspannung auf Finnisch in Bad Abbach

Um einiges dunkler ist die Flüssigkeit, in die sich Erholungssuchende in das Naturmoorheilbad in Bad Abbachs „Kaiser-Therme“ gleiten lassen. Die organischen Wirkstoffe und die Besonderheit von Moor, gespeicherte Wärme langsam abzugeben, sorgen für langanhaltende Muskelentspannung.

Wem ein Bad im „schwarzen Gold“ nicht reicht, der hat noch die Wahl zwischen Bio-Apfel-, Bergkiefer- und Kräutersauna. Klassischer geht es in der finnischen Kelosauna zu. Hier schwitzt man bei 85° Celsius hinter Panoramafenstern mit Blick ins Grüne.

Hallertauer Hopfenzupfermahl

Vermutlich hätten die Hopfenzupfer in früheren Zeiten einiges dafür gegeben, nach der Ernte ihre müden Glieder in Bad Abbach zu kurieren, schließlich gab es bis in die 1950er-Jahre kaum Erntemaschinen. Aber wenn das „letzte Fahrtl“, die letzte Fuhre Hopfen, getrocknet und verpackt war, gab es zumindest das traditionelle Hallertauer Hopfenzupfermahl: Nudelsuppe, Krustenschweinsbraten mit Biersoße und Kartoffel-Endivien-Salat.

Koch Stefan Spitzer setzt Hopfen als Gewürz bei seinen Slow-Food-Gerichten ein

Koch Stefan Spitzer setzt Hopfen als Gewürz bei seinen Slow-Food-Gerichten ein

Slow Food mit Hopfen-Note

Nicht ganz so deftig, aber umso raffinierter setzt Chef Stefan Spitzer im Dorf Osterwaal Hopfen als Gewürz bei seinen Slow-Food-Gerichten ein. Immer auf der Karte steht das Hopfenzupferbrot aus knusprigem Kartoffelteig, das einen herb-bitteren Hopfen-Geschmack hat. Es ist eigentlich ein gewöhnlicher Donnerstagmittag, aber in der Küche des „Gasthaus Spitzer“ ist viel los. Es wird gebrutzelt, geschnippelt, gedünstet. Küchenhilfen holen Gemüse aus dem Kühlraum, der Sous-Chef schmeckt eine Soße ab, weiter hinten fertigt der Patissier einen Teller Zwetschgenknödel mit Mohneis und Malz.

In diesem kulinarischen Dampfkessel steht Stefan Spitzer und begutachtet eine Lieferung frischen Brokkoli. „Wenn das Team mit Freude arbeitet und es reibungslos läuft, dann liebe ich die Küchenarbeit.“ Spitzer hat für die Marriott-Gruppe viele Jahre im Ausland gearbeitet. Irgendwann schien es ihm Zeit heimzukehren.

Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Gitti übernahm er das Gasthaus seiner Eltern. Sie modernisierten und bauten so an, dass die Gäste nun durch Panoramafenster auf das etwas unterhalb liegende Dorf Osterwaal blicken können.

Hopfen wächst im April und Mai bis zu 30 Zentimeter pro Tag

Hopfen wächst im April und Mai bis zu 30 Zentimeter pro Tag

Der grasige Duft der Heimat

„Hopfenduft ist pure Heimat für mich“, sagt Stefan und schmort Schwarzwurzeln mit weißem Portwein, Limonensaft, Zitronengras und Ingwer an. Parallel vermengt er eine Messerspitze Hopfenpulver mit Panade und brät ein Stück Kalbsrücken. Mit Hopfen zu arbeiten erfordere Fingerspitzengefühl, weil er so bitter sei, erklärt er. Sie hätten mehrere Versuche gebraucht, bis ihr Hopfenkrokant genießbar wurde, und es spiele auch eine Rolle, ob man getrocknete Hopfendolden oder Pellets verarbeite. Denn der Hopfengeschmack sei so wie die Hallertauer: bodenständig und ehrlich. Und zusätzlich mit einem positiven Kick.

 

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Heilkraft des Hopfens

Wer glaubt, Hopfen entfalte nur im Bier seine wohltuende Wirkung, der irrt. Das Grüne Gold hilft nicht nur beim Entgiften. Experten aus der Hallertau haben alte Hausrezepte wiederentdeckt und daraus wirkungsvolle Wellness-Anwendungen wie Massagen, Bäder und Packungen entwickelt. Die Inhaltsstoffe der grünen Dolde haben einen anregenden Effekt, fördern die Schönheit und sorgen für innere Ausgeglichenheit. Konkret beruhigen sie bei nervöser Erregung, bei Schlafstörungen und leichter Depression, wirken bei Frauen hormonaktivierend und stimulierend, bei Männern leicht triebdämpfend. Hopfen hilft uns, loszulassen, steigert die Stimmung und sorgt für soziale Offenheit.

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