Zwei Männer beim Packrafting in Bayern auf dem Packrafting-Trail
Raften? Oder Trekken? Beides!

Packrafts sind beliebt. Die kleinen, robusten Boote sind superleicht zu steuern und zu tragen. Das ermöglicht tolle Kombis aus Paddeln und Wandern. Maßstäbe setzt der Packraft-Trail „Bavarian Alps“. Nach einigen besonders schönen Etappen auf Loisach, Isar, Kochel- und Walchensee sind wir begeistert!

Lesezeit: 15 Minuten

Packrafting in Bayern: Auf dem Packraft-Trail „Bavarian Alps“

An Marcos weißem Crafter-Kastenwagen geht der häufige Transport von Mensch und Material nicht spurlos vorbei. Hier Rost, dort Beulen und an der linken Hintertür ist ein C abgefallen. Nun prangt da das Wort „Rafter“. Passt ohnehin viel besser zum Besitzer. Schließlich ist Marco Looses große Leidenschaft das Raften: „Ich fühl’ mich im und auf dem Wasser pudelwohl“, was 2018 in der Gründung eines SUP-Verleihs sowie einer Wildwasser-Paddelschule gipfelte.

Packrafting-Guide Marco Loose in Oberbayern

Was genau ist ein Packraft?

In den vergangenen Jahren nahm er immer mehr Packrafts – kleine Einsitzer, die großes Vergnügen garantieren – ins Sortiment. „Dieser Bootstyp ist grad extrem gefragt, bietet er ja auch einige Vorteile gegenüber dem Kajak“, erklärt Marco, „allen voran das mit dreieinhalb Kilo geringe Gewicht und eine höhere Grundstabilität. Bis Wildwasserstufe drei gehen die Gefährte recht gnädig mit ihren Insassen um.“ Da fehlt zur höchsten Stufe nicht viel. Sechs bedeutet „experimentelles Fahren“.

„Das volle Programm? 137 Kilometer wandern und 80 Kilometer paddeln“

Mit den robusten Einsitzern kommen selbst Paddelnovizen schnell zurecht. Und weit. Wenn sie dem Rundtourenvorschlag von Marco und seiner Frau Katja Safronova folgen und die Strecken zwischen benachbarten Gewässern zu Fuß zurücklegen, sogar sehr weit.

Die beiden haben 2022 den Packraft-Trail „Bavarian Alps“ kreiert, der rund um ihre Basis in Wallgau Wildwasserperlen, klare Seen und aussichtsreiche Wanderwege kombiniert – bayernweit einmalig. Und im vollen Umfang ganz schön taff.

Für die insgesamt 137 Wander- und 80 Paddelkilometer seien zwölf Tage anzusetzen. „Meines Wissens nach hat das noch keiner gemacht“, meint Marco, „die ganze Tour ist nämlich recht anspruchsvoll. Da braucht man schon sehr gute Kondition.“

Aber warum nicht kleiner anfangen und Einzeletappen rauspicken? Zudem bieten die beiden „Schöpfer“ individuelle Mikroabenteuer an: Zwei- oder Drei-Tages-Touren inklusive Equipment, Einweisung und vielen Tipps von den Profis.

Packrafting Guide Marco Loose beim Aufpumpen
Ankunft mit dem Packraft am Kochelsee-Nordufer
Packraft-Neuling bekommt Haltungstipps vom Packrafting-Guide auf der Kiesbank bevor es los geht

Luftsack statt Elektropumpe

Unsere Tour startet auf der Loisach, an der Weichsbrücke bei Ohlstadt. Aus dem Rafter-Crafter werden Schwimmwesten, Helme, Wasserschuhe gereicht. Und Trockenanzüge, super eng, aber sie halten supertrocken.

Apropos: Wo verstaut man denn Zelt, Schlafsack und Wechselklamotten für die drei Tage? „Im Kofferraum!“ Stirnrunzeln. „Na, in den Staufächern an den Seiten des Boots, mit wasserdichten Zippern verschließbar.“ Da muss zuerst alles rein, was man während der beim Paddeln auf dem Fluss nicht braucht. Sie zu öffnen ist im aufgeblasenen Zustand nicht möglich. Alles für unterwegs, von der Wasserflasche über Wertsachen bis zur Brotzeit, kommt in den Dry Bag, der auf den Bug geschnallt wird.

Aber erst das Boot aufpumpen, beginnend mit der Bodenplatte, an die noch ein Sitzkissen geschnallt wird, dann den Rest. Klar, mit einer Hub- oder gar Elektro-Pumpe ginge es schneller. Aber der Luftsack, mit dem die Luft „gefangen“ und dann im Rollverfahren in die Kammern gepresst wird, wiegt nicht so viel. Später beim Wandern sind wir froh um jedes Gramm weniger.

Packrafter an einer Kiesbank auf der Loisach zwischen Ohlstadt und Kochelsee
Mit Packrafting-Booten auf der Loisach zwischen Ohlstadt und Kochelsee

Und jetzt den Turbo zünden!

Wir stapfen zur nahen Kiesbank. Nächste Lektion: „Beim Start das Packraft immer mit der Nase Flussaufwärts.“ Ey, ey. Vom seichten Wasser aus steigen wir ein, schnallen die Knie in die Schlaufen und stoßen uns mit zwei Paddelstößen ins tiefere Wasser, Nase stromaufwärts. Schwupps, schon hat uns die zugegebenermaßen überschaubare Strömung erfasst.

Doch hier und da locken kleine Stromschnellen. Zeit für weitere Moves! Nun heißt es, das Doppelpaddel uferseitig steil einstechen und mit vier, fünf schnellen Schlägen rasch ins Kehrwasser gelangen. Marco nennt das „Turbo zünden“. Verschnarcht man das, ist die Chance auf einen strömungsfreien Boxenstopp passé und der Fluss nimmt einen schonungslos mit.

Packrafter auf der ruhigen Loisach zwischen Ohlstadt und Kochelsee

Einfach mal treiben lassen

Richtig viel können wir die Kehrwasserwenden gar nicht üben, die Loisach ist in diesem Teil eher gemütlich. Auch gut, genießen wir eben die herrliche Natur! Hier ins Wasser reichende Äste, dort ein Eisvogel, etwas weiter eine einsame Picknick-Brotzeitinsel. Zeit zum Sich Treiben-Lassen, Zeit zum Ratschen.

Wir erfahren, dass Marco ursprünglich aus Thüringen kommt und seine Kindheit an der Müritz verbracht hat. Und was war er nicht schon alles: Hotelfachmann, Mountainbike- Guide, Vertriebler in der Versicherungsbranche, viel im Außendienst. „Ich hab’ jetzt ein ganz anderes Leben als früher und genieße es vor allem wegen des vielen Draußenseins.“

„Ich hab’ jetzt ein ganz anderes Leben als früher und genieße es“

Dazu gehören auch wechselnde Wetter ergo Wasserstände. Mal ist zu wenig Wasser im Fluss, mal zu viel. Derzeit sind die Bedingungen recht passabel. Aber Moment, was soll das Grollen über dem Murnauer Moos? Offenbar ist ein Gewitter im Anmarsch. Also „Turbo zünden“!

So schaffen wir es bis zur Autobahnbrücke, unter der wir den Wolkenbruch trocken überstehen. In Nullkommanix wird es wieder herrlich sonnig. Und aufregend, denn hinter Großweil warten drei Sohlstufen, die es zu überwinden gilt.

Wir schauen uns das erste Hindernis vom Ufer aus an und dann fragt Marco, ob ich ihm durch die Felsen ins aufschäumende Wasser folgen oder lieber umtragen will. Ich ringe mit mir. Und dann geb’ ich mir einen Ruck und dem Boot einen Stoß. Das Wasser schäumt, der Puls rast. Doch als das dreifache Manöver unfallfrei gemeistert ist, fühle ich mich königlich.

Je näher wir dem Kochelsee kommen, desto schwächer wird die Strömung. Auch der Wind flaut ab, dafür trumpft die Szenerie auf. Linkerhand das sich weitende Moor, vor uns aufragende Berge und der glatte See samt Klosterkulisse.

Doch hoppla, plötzlich frischt der Wind wieder auf, genau aus der Richtung, in die wir wollen. Unser Plan: schnell in die Windabdeckung unter der XXL-Felswand kommen. Was auch gelingt!

Packrafter auf der Loisach, im Hintergrund der Herzogstand
Sandbank im Zufluss der Loisach in den Kochelsee von oben

Raft in den Sack, Wanderstiefel an

Was wir nicht sehen, nur spüren: Die Wassermengen, die durch mächtige überirdische Rohre aus dem rund 200 Meter höher gelegenen Walchensee in den Kochelsee schießen, sorgen nicht nur für Strom an Land, sondern auch für leichte Strömung unter Wasser. Gegen deren Widerstand landen wir endlich am Zielstrand zu Füßen des Kesselbergs.

Das Raft schrumpft im Handumdrehen auf das Packmaß eines Zweipersonenzelts und wird problemlos im geräumigen, wasserfesten Riesenrucksack verstaut, samt Zelt und Schlafsack. Wir ziehen angesichts des angekündigten Starkregens ein Hotelbett vor und verschieben das Campingabenteuer.

Wanderer mit Packraftrucksack vor den Kesselbachfällen auf dem Weg zum Walchensee

Packsack auf dem Rücken, Paddel in der Hand laufen wir vormittags auf dem alten Jakobsweg bergauf. Ein schöner Waldweg, doch die Stars sind die über Nacht ordentlich angeschwollenen Kesselbachfälle. „Das Schöne bei unserem Packraft-Trail“, findet Marco, „ist nicht nur die Abwechslung zwischen Sitzen und Laufen, Arm- und Beinbelastung. Es geht auch immer ums Wasser, selbst beim Wandern.“

Am Walchensee geht es wieder rein in den Trockenanzug, rein in die aufgepumpten Packrafts und vorbei an Bootsverleihern und See-Cafés, bei denen auch ein paar Beschriftungsbuchstaben abgefallen sind. Die sechs Paddelkilometer zum „Camping Walchensee“ sind schnell absolviert. Es bliebe gar Zeit, den Herzogstand hochzugondeln. Aber warum Aktionismus? Wir entscheiden uns für Renkensemmeln und Relaxmodus.

Packrafting-Tour auf dem Walchensee
Blick von oben auf zwei Packrafter auf dem kristallklaren Walchensee

Rein, raus, rauf, runter

Die Boote bleiben aufgepumpt, tags darauf stechen wir wieder in (den) See, um am Südufer erneut anzulanden, alles zusammenzupacken und nach Vorderriß im traumhaft schönen Isartal zu wandern. Marco sagt: „Wir haben in der Region so viele echte Bretter, das ist einfach unglaublich. Andere wären froh, wenn sie nur eines hätten.“ „Bretter?“ „Highlights eben und daher viele Optionen für den weiteren Streckenverlauf.“

Die Hardcore-Variante wäre Wildwasserpaddeln auf dem Rißbach. O-Ton Marco: „Der hat bis Stufe vier, da ist Alarm!“ Für Bergfexe böte sich die knackige Bergtour rauf zum Karwendelhaus und über die Birkkarspitze zum Isarursprung an. Die Original-Packraft-Trail-Version ginge an der Isar entlang, durch „Bayerisch Kanada“ 20 Wanderkilometer über Krün bis zum „Natur-Campingpark Isarhorn“.

Zwei Packrafter an der Isar im Oberen Isartal

Wir entscheiden uns für eine individuelle, vierte Variante: per Bus nach Scharnitz, denn wir sind angefixt vom Wildwasserpaddeln. Wir wollen auf die wilde Isar, Stufe zwei wartet! Wobei die Situation sich ganz anders darstellt als gestern.

In Zahlen: Bei Scharnitz fließen nun in der Sekunde 17 Kubik statt sieben am Vortag. „Dadurch wird es einerseits schwieriger, weil der Fluss schneller und kraftvoller ist“, erklärt Marco, „andererseits auch einfacher, aufgrund weniger, weil überfluteter Hindernisse, Strudel und Walzen.“

Auf jeden Fall bekommen wir eine Extralektion: nicht auf herausstehende Steine draufhalten, weil es sonst schnell instabil wird. „Vor allem frühzeitig die Nase in die Innenkurven steuern, voll sliden und paddeln, als wäre der Leibhaftige hinter euch her.“

Klappt ganz gut. Was nicht klappt, ist eines meiner Kehrwassermanöver, bei dem ich falsch einsteche, instabil werde und wie in Zeitlupe umkippe. Zum Glück komme ich schnell aus den Schlaufen und im Wasser auf die Beine. Peinlich, aber halb so schlimm. Schnell wieder ins Boot.

Stromschnellen der Isar mit Bergspitzen und Wäldern im Hintergrund
Autor Christian Haas im Raft auf der Isar nahe Mittenwald in Bayern

Nach einer rasanten Fahrt, bei der wir vor lauter Kurvenkonzentration gar nicht richtig auf die grandiose Landschaft zwischen Karwendel und Wettersteingebirge achten können, kommt kurz vor Mittenwald das Finale: eine Doppelstufe der Klasse drei. Das will vorher begutachtet werden – ohne Boot.

Links und rechts große Steinblöcke, in der Mitte die Flusszunge, an deren Spitze sich eindrücklich Wellenberge auftürmen. „Ganz grade einfahren, dann beherzt paddeln und ganz schnell zur Seite“, empfiehlt Marco. Klingt easy, aber wir haben Bammel. Zumal man aus der Bootsperspektive die „Einfahrt“ nicht halb so gut sieht.

Doch ich finde die Ideallinie, hebe kurz ab und lande im gischtigen Wasser. Das mit dem Einstechen klappt nicht so. Ich schaufele eher Luft als Wasser, kriege grad so die Kurve ans Ufer, bevor mich die Strömung in die nächste, definitiv zu schwierige Sektion ziehen würde.

Marco steht schon mit dem Rettungsseil parat, braucht es aber nicht. „Das mit dem Paddeln üben wir noch mal …“, meint er und ist vermutlich heilfroh, dass ich nicht erneut gekentert bin. So oder so war das ein Erlebnis der Extraklasse.

Hätten wir noch ein paar Tage mehr Zeit, könnten wir die Buckelwiesen um Schloss Elmau erleben, die Partnachklamm, den wilden Oberlauf der Loisach, die wunderschönen Ammer-Quellen und den Staffelsee mit seinen sieben Inseln. Auf einer der Inseln, Buchau, könnte man gar zelten, bevor sich tags darauf der Kreis in Ohlstadt wieder schließen würde.

Karte vom Packrafting-Trail

Packraft-Trail „Bavarian Alps“

Der Trail kann in Abhängigkeit von Schneeverhältnissen und Pegelständen zwischen Mai und September begangen und bepaddelt werden. Insgesamt warten 137 Wander- und 80 Paddel-Kilometer. Start- und Zielpunkte der Etappen sind selbst wählbar und stets in ÖPNV-Nähe. So kann man jederzeit auch Etappen „überspringen“.

Marco Loose bietet 2- und 3-Tage-Touren an inklusive Einweisung, Wegweiser und GPX-Daten aufs Smartphone sowie Equipment (Packraft, Weste, Paddel, Neopren, Helm und ein spezieller, wasserdichter Rucksack).

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