Junge Gemüsegärtner bei Murnau wirtschaften erfolgreich ohne Pflug, Traktor, Kunstdünger und Pestizide. Aber dank ihrer „schwarzen Erde“ füllen sie die Teller mit Kartoffeln, Bohnen, Salaten und vielem mehr
Kapellgärten bei Murnau in Oberbayern: Regenerative Landwirtschaft
Der schwarze Schatz verbirgt sich unter grünem Vlies, ein lang gestreckter Haufen im Schatten von Bäumen, wenige Meter oberhalb der Jaudenmühle. Die Mühle östlich von Murnau bei Habach am Achgraben wurde schon vor 1.000 Jahren vom Chorherrenstift Habach gegründet.
Nach der Säkularisation ersteigerte sie 1822 ein Ignaz Freisl und brachte sie auf Vordermann: mit Land- und Forstwirtschaft sowie Sägewerk. Heute produziert die Jaudenmühle ökologisches (mit Bioland-, Naturland- und Demeter-Siegel) regionales und gentechnikfreies Tierfutter. Geleitet wird sie immer noch von einem Ignaz Freisl – in sechster Generation – zusammen mit seiner Frau Julia. Die beiden haben zwei kleine Töchter, Anna und Leni.
Ignaz, hoch aufgeschossen mit rotem Vollbart und roter Haartolle, die unternehmungslustig unter der grauen Schirmmütze hervorspringt, tritt zu dem Haufen. Er lupft ein Stück Vlies hoch und gräbt mit den Händen in die dunkle Masse, hält sie den neugierigen Zuschauern vors Gesicht.
Neben Reporter und Fotograf sind das Kirsty aus England, Ana aus Brasilien und David aus Irland – junge Leute, die als Volunteers ein paar Wochen auf der Jaudenmühle im sogenannten Pfaffenwinkel verbringen, dort leben und lernen.
Vom Amazonas zum Achgraben
In dem bröseligen schwarzen Zeug, das Ignaz herausgefischt hat, erkennt man deutlich Kohlestückchen. „Diese Erde ist menschengemachte Schwarzerde – ähnlich der Terra Preta, portugiesisch für ‚Schwarze Erde‘“, erklärt Ignaz. „Forscher entdeckten sie Ende des 19. Jahrhunderts erstmals am Amazonas.“
Die Forscher staunten nicht schlecht. Die Erde unterschied sich auffällig vom hellen, wenig fruchtbaren Boden des tropischen Urwalds. Auch fanden sie heraus, dass im Amazonasbecken seit Jahrtausenden Millionen Menschen und indianische Hochkulturen existierten, bis kurz nach Ankunft der europäischen Eroberer. So viele Menschen hätte der karge Urwaldboden gar nicht ernähren können. War die Schwarze Erde des Rätsels Lösung?
Ab den 1980er-Jahren wurde Terra Preta weltweit bekannt und genauer untersucht. Man erkannte, dass die Erde außerordentlich fruchtbar ist und einen Humusgehalt von 15 Prozent aufweist. Gute bayerische Ackerböden haben Pi mal Daumen etwa die Hälfte. Und: Terra Preta ist von Menschen gemacht! In der Erde steckten Reste von Holzkohle, Knochen, Fischgräten.
„In einer Handvoll dieser fruchtbaren Erde leben mehr Mikroorganismen als Menschen auf der Erde“
Die einstigen Bewohner hatten organische Abfälle mit Holzkohle, die beim Kochen oder Verbrennen des Komposts entstand, im Boden vergraben. Unter Luftabschluss wurden die Abfälle fermentiert und vererdet. Zweite Überraschung: Die Terra-Preta-Böden haben ihre Fruchtbarkeit bis heute erhalten.
Ignaz macht seine Schwarze Erde selbst. Schließlich hat er zwei Pferde für Rücke-Arbeiten im Wald und für den Acker, die wertvollen Mist liefern. Den vermengt er zu etwa einem Zehntel mit Pflanzenkohle, dazu kommt Gesteinsmehl. „Man muss die Pflanzenkohle mit organischem Material etwa ein halbes Jahr lang ‚aufladen‘, damit Terra Preta entsteht.“
Lebendiger Boden und CO2-Senke
Was ist der Clou an der schwarzen Mischung? „Die Kohle speichert die Nährstoffe dauerhaft wie ein Schwamm, die Pflanzen können sich bedienen, wenn sie die Nährstoffe benötigen“, erklärt Ignaz.
„Auch speichert die Pflanzenkohle ein Vielfaches ihres Eigengewichts an Wasser, das ist gut für Trockenzeiten. Und die Schwarze Erde ist so locker, dass der Boden gut belüftet wird und sich Regenwürmer pudelwohl fühlen.
Terra Preta fördert den Humus-Aufbau. Kurz: Terra Preta macht den Boden lebendiger!“ Ignaz hält ein Stückchen Pflanzenkohle hoch: „Was glaubt ihr, wie viel Quadratmeter Oberfläche so ein kleiner Brocken hat?“ Die Zuschauer rätseln: Zwei, drei, zehn?
„Über 300 Quadratmeter sind es, die ein Gramm Pflanzenkohle aufweist“, verrät Ignaz. Verblüffte Gesichter angesichts der unglaublichen Zahl. Der kleine Brocken bietet so viel Raum, damit sich Mikroorganismen und Nährstoffe anlagern können.
Fürs Klima positiv: Pflanzenkohle bindet langfristig einen Großteil des Kohlenstoffs, der vorher von der Pflanze als CO2 aufgenommen wurde. „Wenn die Pflanze oder das Holz verbrennen oder verrotten würden, würde das Klimagas in die Luft entweichen“, so Ignaz.
Gemüse für die Familie für ein ganzes Jahr auf nur 1.700 Quadratmetern!
Gut 200 Meter den Hang hinauf haben die Freisls den Gemüsegarten der Oma reaktiviert. „So sieht gesunder Boden aus, wie braunes Popcorn – beste Qualität, voll Leben und Organik“, freut sich Ignaz und greift in die humusreiche Erde.
Locker bröseln die Erdkrümel durch die Finger. Dank der guten Erde reichen rund 1.700 Quadratmeter Garten aus, um die Familie ein Jahr lang mit Gemüse zu versorgen. Ohne Kunstdünger.
Was man nicht sofort verbraucht, wird gelagert oder eingemacht. Der Selbstversorgergarten hat so ziemlich alles im Angebot: Kartoffeln, Blumenkohl, Erbsen, Pastinaken, Zwiebeln und vieles mehr.
In einer Handvoll fruchtbarer Erde leben mehr Mikroorganismen als Menschen auf der Erde. Durch Kunstdünger verkümmert der Boden, infolgedessen auch die darauf gewonnenen Lebensmittel, was der Gesundheit schadet. Am besten also Industriegemüse vermeiden – am gesündesten seien natürliche, frisch geerntete Nahrungsmittel.
Kapellgarten „Schaufel & Gabel“
Wendet man sich von der Jaudenmühle nach Westen, passiert Julias üppigen Permakultur Garten und überquert den Achgraben, betritt man den Kapellgarten der Solidarischen Landwirtschaft „Schaufel & Gabel“ – das grüne Paradies der Brüder Johann Christian und Anselm Hannemann. Die jungen Gemüse-Idealisten mit herzlicher Freundlichkeit teilen die Agrar-Philosophie der Familie Freisl.
Man sieht in ihren langen, schmalen Beeten Grünzeug in vielen Formen und Farben: tiefgrüne Schwarzkohlblätter, Zucchini mit riesigen Blättern und gelben Blüten, Auberginen mit zartvioletten Blüten.
Die Brüder bearbeiten ihre Beete flach, fräsen nur etwa zwei Zentimeter tief. Als natürlichen Dünger verwenden sie Pflanzen- oder Schafwollpellets und selbst gemachten Kompost.
„Wir bauen 45 Gemüsesorten auf 1.500 Quadratmetern an“, so Anselm. „Damit versorgen wir während der Saison 60 bis 70 Haushalte.“ Die beiden betreiben ihren Gemüseanbau im Nebenerwerb.
Kunden buchen für ein Kalenderjahr. Es gibt von Mai bis Oktober, was gerade reif ist. Mittwochmorgen wird geerntet, am Nachmittag können Kunden ihre Jahres-Abokiste abholen oder wie am Markt einkaufen.
Familie Freisl und die Hannemanns geben ihr Wissen gern an Interessierte weiter. Als „Forum Kapellgärten“ – in beiden Gärten steht eine Kapelle – bieten sie Kurse an zu Humus Aufbau, Bodenbiologie, Terra Preta, Regenerativer Landwirtschaft, Selbstversorgung, Arbeitspferden, Kräuterkunde, naturgemäßem Waldbau, Obstbaumschnitt und nachhaltigem Leben im bayerischen Oberland. Einiges Know-how davon wurde schon vor Jahrtausenden erworben – von Gärtnerkollegen am fernen Amazonas.