Sinnstifterorte laden ein, dem Wesentlichen auf die Spur zu kommen. In Stille oder mit Musik, in der Natur oder hinter ehrwürdigen Mauern. Wir waren im ältesten Kloster Bayerns und im Diözesanmuseum Dimu auf dem Freisinger Domberg zu Besuch
Sinnstifterorte, was ist das?
Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts? Was mache ich hier eigentlich? Antworten auf die ganz großen Themen gibt es nicht, aber für die vergleichsweise kleine Frage, die ihn umtrieb, hat Pater Geißinger früh eine Lösung gefunden. „Ich fragte mich, was ich mit meinem Leben anfangen sollte", sagt der freundliche ältere Herr mit dem Strohhut und dem aufmerksamen, teilnehmenden Blick.
Der Pater steht mit Harke und Eimer im Kräutergarten der Klosteranlage Benediktbeuern. „Bei den Salesianern, die ich schon als Schüler kennengelernt habe, fühlte ich mich aufgehoben, alles hat gepasst: Ich wollte pädagogisch arbeiten und mit der Zeit Gott näherkommen. Also habe ich mich mit 21 Jahren als Novize bei den Salesianern in Benediktbeuern aufnehmen lassen."
Nach dem höheren Sinn des großen Ganzen suchten Benediktinermönche in dem Weiler am Fuß der 1.800 Meter hohen Benediktenwand seit etwa dem Jahr 740. Getrieben von Forscherdrang und Wissensdurst entwickelten die frommen Männer das Kloster im Laufe der Jahrhunderte zu einem der bedeutendsten kulturellen und wissenschaftlichen Zentren in Bayern.
1803 war Schluss, das Kloster wurde im Zuge der Säkularisation enteignet. Erst ab 1930 setzten Salesianer die Hingabe an das Göttliche in Benediktbeuern fort.
Das Leben der Brüder ist der Jugendarbeit gewidmet, diese steht in der Tradition des heiligen Don Bosco an erster Stelle. Bildung, Seelsorge, Wissenschaft und Begegnung bilden weitere Schwerpunkte. Die Ordensbrüder folgen weniger strengen Regeln als die Benediktiner. Geblieben sind die universell gültigen benediktinischen Grundgedanken, neu interpretiert auf dem Benediktusweg, der rund um das Kloster durch die Natur führt.
Während man neben Bächen, Blumenwiesen, Tümpeln und durch das renaturierte Moor spaziert, sinniert man über die spirituellen Impulse, die auf zwölf Stelen entlang des zweieinhalb Kilometer langen Rundweges niedergeschrieben sind. „Manche Menschen, die zu uns kommen, wollen Abstand vom Getriebe der Welt und nehmen einige der Gedanken entlang des Naturpfades mit", hofft Pater Geißinger.
Der Kräutergarten ist die zehnte Etappe des abwechslungsreichen Weges, die Stele heißt „Heilung der Kranken" und erzählt von Hildegard von Bingen, die im zwölften Jahrhundert die „Grünkraft" der Natur pries. Mit Grünkraft meinte sie Energie für Körper, Geist und Seele.
Der labyrinthisch angelegte Garten ist Pater Geißingers Lieblingsplatz. „In der christlichen Mystik des Mittelalters führt der Weg durch einen Irrgarten in konzentrischen Kreisen unweigerlich in die Mitte zu einem Brunnen oder Wasserbecken. Wasser gilt als Symbol des Lebens und der Gegenwart Gottes", erklärt der Pater die symmetrische Anlage.
Er ist sich nicht zu schade, auf dem Boden zu knien und Unkraut zu jäten. Gartenarbeit habe etwas Kontemplatives, sie erde ihn. Doch eigentlich geht es ihm darum, mit Besuchern in Kontakt zu kommen.
„Es ist so leicht, mit fremden Menschen zu sprechen, solange es nur um Pflanzen geht. Als Erstes werde ich oft gefragt, ob ich hier der Gärtner bin", sagt er lächelnd. „Das ist schön, wir kommen dann ganz schnell zu der Verantwortung der Menschen, die Schöpfung zu bewahren. Und auf die Kraft, die sie uns gibt."
Wer tiefer in Themen wie Philosophie, Glauben und Kontemplation eintauchen möchte, nimmt die spirituellen Möglichkeiten wahr, die das Kloster bietet: Teilnahme an gemeinsamen Gottesdiensten, Gesprächs- und Beichtangebote, persönliche Auszeiten.
Andere interessieren sich für die barocke Klosteranlage. Gegen Bier oder Braten unter dem Kreuzgewölbe des historischen Meierhofes oder im Biergarten hat eigentlich niemand etwas, am Ende treffen sich dort alle Interessen. Dem Klosterbräustüberl haben die Brüder die Stele Nummer neun zugeteilt: Gastfreundschaft.
„Die Stimmung im Kloster ist so offen und herzlich", bringt Lisa Giesen die Gastlichkeit der Salesianer auf den Punkt. Die 20-Jährige hat sich für den Bundesfreiwilligendienst bei den Salesianern entschieden. „Ich arbeite gerne in der Werkstatt, am liebsten aber bin ich draußen: Mit Schulkindern machen wir Fledermausführungen, eine Tümpelsafari, einen Ausflug ins Moor. Und dann ist da noch Robert Rainer, unser Betreuer. Der inspiriert uns alle."
Als ob sie ihn gerufen hätte, kommt er mit dem Fahrrad und drei Meter langen Pfosten daher. Beim Gespräch nimmt er das schwere Holz nicht von der Schulter, lacht und gestikuliert. Was hat ihn zu den Brüdern gebracht? „Meine Mutter hat mich reingebetet", behauptet er.
„Außerdem wollte ich als Kind unbedingt in den Himmel kommen. Die Anlage ist schön, wir engagieren uns im Naturschutz, und jeder hier bringt sein Talent ein. Mit dem Einsatz von Don Bosco für benachteiligte Jugendliche freundete ich mich sofort an: Ich bin zwar schon 58, habe aber meinen guten Draht zu Jugendlichen nicht verloren, im Gegenteil."
Pater Geißinger hatte es nicht ganz so leicht, sich endgültig für das Ordensleben zu entscheiden. Erst nach zehn Jahren legte er die ewige Profess ab. Auf dem Weg zur sechsten Stele des Benediktuswegs berichtet er, dass er immer wieder zweifelte.
„Sinn fand ich immer in der Arbeit bei den Salesianern. Doch erst nach vielen Jahren wusste ich, dass ich dafür berufen bin", erzählt er. „Deshalb verbringe ich gerne Zeit dort am Kreuz mit der Bank, die Betrachtung auf der Stele geht genau darum: Jeder Mensch ist ein von Gott Gerufener. Wir müssen genau hinhören."
Hinhören ist auch die Essenz der Jugendarbeit der Salesianer, wie sie Pater Geißinger beschreibt. „Wenn wir eine Gruppe Jugendliche dort haben, erkennen wir, ob eines der Kinder Probleme hat, gemobbt wird oder aus anderen Gründen nicht mitkommt", sagt er.
„Jeder Mensch hat Talente, manchmal erkennt man sie nicht gleich. Diese Jugendlichen unterstützen wir mit passenden Angeboten, das reicht vom Gespräch bis zum Wildwasserrafting, Klettern oder Malen. Sie blühen auf, gewinnen Selbstvertrauen. Das kann der Anfang davon sein, sich im Leben zurechtzufinden."
Von dem Standort am Kreuz öffnet sich der Blick auf die Benediktenwand, davor leuchten die beiden barocken Türme der Klosterkirche. Manchmal nimmt Pater Geißinger eine Exerzitiengruppe mit dorthin, es sei ein guter Platz zum Beten und den Weg zu Gott zu suchen.
Von den Tagesbesuchern erwartet niemand so große Dinge, am wenigsten wahrscheinlich sie selbst. Doch die Grundhaltung, die der Text auf der Stele anregt, ist für jede und jeden machbar: Höre zu. Schenke deinen Mitmenschen Gehör.
DiMU Freising: Kunst für den Geist
Das Diözesanmuseum Freising hat sich mit seiner Wiedereröffnung Anfang Oktober 2022 neu positioniert, nach neun Jahren Schließung und vier Jahren Bauzeit. Nun präsentiert der Bau auf dem Freisinger Domberg nicht nur eine beeindruckende Sammlung kirchlicher Kunst, sondern auch als Ort, an dem Kunst, Glaube und Gegenwartsfragen mit einander verschmelzen. Bei der Sanierung galt das architektonische Kredo „geöffnete Wände“, der Bau öffnet sich mithin dem Licht, der Stadt und den Menschen.
Das DIMU ist eines von Europas großen religionsgeschichtlichen Museen, mit rund 50.000 Objekten. Die Sammlung umfasst kirchliche Kunst aus fast zwei Jahrtausenden, mit Schwerpunkten in der spätmittelalterlichen Kunst Altbayerns, Schwabens und des Alpenraums sowie im süddeutschen Barock und Rokoko.
Seit April 2025 zeigt das Museum einen Bestand von 2.927 Objekten zur frühchristlichen und byzantinischen Kunst- und Kulturgeschichte aus der Sammlung Christian Schmidt. Damit verschiebt sich der Fokus von regionaler Kirchenkunst zu den Ursprüngen christlicher Bild- und Liturgiekultur.
Parallel setzt das Museum mit zeitgenössischer Kunst Akzente. Für Furore sorgte und sorgt James Turrells permanente Lichtinstallation „A Chapel for Luke“ in der ehemaligen Hauskapelle des Knabenseminars. Das Werk bezieht sich auf das Freisinger Lukasbild, die bedeutendste byzantinische Ikone der Sammlung. Dieses allerding stammt nicht vom Evangelisten Lukas, sondern ist eine byzantinische Marienikone, die seit 1440 im Freisinger Domschatz bezeugt und verehrt wird.
Das Museum versteht das Schaffen des US-amerikanischen Lichtgestalters als Auseinandersetzung mit den Erscheinungsformen von natürlichem und künstlichem Licht sowie mit den Grenzbereichen menschlicher Wahrnehmung: Die Kapelle wird selbst zum Wahrnehmungsinstrument, Licht wird zu Material, Raum und Erfahrung zugleich. Der Mensch verliert die Fähigkeit, räumliche Grenzen zu erkennen.
Die spirituelle Bedeutung des Museums liegt im Spiel mit Grundfragen nach dem „Woher und Wohin“, nach Sinn, Ziel und Orientierung.
Abgerundet wird das sinnstiftende Kulturerlebnis durch Kiki Smiths „Mary’s Mantle“, eine 2023 gesegnete begehbare Kapellenskulptur, die der Schutzmantelmadonna gewidmet ist. Und wieder ist es dem DIMU gelungen, religiöse Kunst in eine Sprache zu übertragen, die auch Menschen außerhalb kirchlicher oder religiöser Prägung und Bindung erreicht und für diese christliche Antworten auf zentrale Lebensfragen annehmbar und verstehbar macht.