Bei einer Winterwanderung mit Ranger-Begleitung im Allgäuer Naturpark Nagelfluhkette lernen Groß und Klein, wie lebendig der Bergwald im Schnee sein kann. Man muss nur aufmerksam genug lauschen und ganz genau hinsehen
Geführte Winterwanderung im Naturpark Nagelfluhkette
Gefrorener Schnee knirscht unter den Stiefeln, in der Februarsonne glitzern die Eiskristalle wie Diamanten auf den Berghängen. Eine Gruppe neugieriger Naturentdecker steht am Wanderparkplatz am Riedbergpass. Familien, Paare und Winterwanderer – alle sind gespannt auf das, was kommt: eine geführte Wanderung der besonderen Art.
Heute geht es nicht um Höhenmeter oder Gipfelsiege, sondern um die Spuren im Schnee. Schneehase, Fuchs, Birkhuhn. Wer war da im winterlichen Allgäuer Bergwald unterwegs?
Es geht ums harmonische Zusammenleben von Mensch und Tier
„Grüß euch! Schön, dass ihr da seid. Bei uns im Allgäu gilt: Ab einer Höhe von über 1.000 Metern duzen wir uns, das sollten wir heute auch tun“, begrüßt Rangerin Britta Löw, Biologin und Naturvermittlerin mit Herz und Verstand, die bunt gemischte Gruppe mit einem Lächeln.
Brittas Arbeitsplatz ist eindrucksvoll: der Naturpark Nagelfluhkette im Allgäu. Für das Alpinium in Obermaiselstein, dem staatlichen Kompetenzzentrum für Naturschutz, Umweltbildung und Naturerlebnis, ist sie im Einsatz.
Ihr Motto klingt so einfach wie kraftvoll: Erleben. Verstehen. Bewahren. Das Alpinium hat sich zum Ziel gesetzt, nicht nur den Erhalt der Flora und Fauna der Allgäuer Alpen zu fördern, sondern auch das harmonische Zusammenleben von Mensch und Natur.
Auf leisen Sohlen durchs Winterwunderland
Schon geht es los. Im schattigen Wald weht der Wind eisig. Aber in unsere dicken Winterjacken gehüllt, tauchen wir gemütlich und warm in die stille Winter-Welt aus Weiß und Weite ein. Über einen verschneiten Forstweg führt die Wanderung zur Mittelalpe. Etwa zwei Stunden sind wir unterwegs, mit offenen Augen und gespitzten Ohren.
Die „Allgäuer Big Five“? Das sind Murmeltier, Gams, Steinbock, Alpenschneehuhn und Steinadler
Im Sommer könne man mit etwas Glück die „Allgäuer Big Five“ sehen, erklärt Britta: Murmeltier, Gams, Steinbock, Alpenschneehuhn und Steinadler. Jetzt im Winter wird es ruhig im Gebirge. Nur wenige Tiere wie Schneehase, Fuchs und Birkhuhn verlassen ihre Unterschlüpfe, allerdings meist nur in der Dämmerung.
Die Chancen, tagsüber Tiere zu sichten, sind also nicht allzu groß. „Aber genau darum geht’s heute. Wir suchen nicht die Tiere, sondern ihre Spuren im Schnee“, so Britta. Die Chancen dazu sind aktuell gut. Seit Tagen hat es nicht mehr geschneit, die Mittagssonne weicht tagsüber die Altschneefelder auf und nächtlicher Frost konserviert sämtliche Pfoten- und Fußabdrücke.
Hoppler mit Doppler
Prompt folgt die erste Sichtung: ein kleinerer und ein größerer Doppelpunkt, der quer davorliegt. „Das ist ein Schneehase“, sagt die Rangerin. „Seine Fährte sieht man ziemlich häufig.“
Die größeren Abdrücke stammen von den Hinterpfoten, die beim Sprung nach vorn genau in die Abdrücke der Vorderpfoten platziert werden. „Mit seinen gespreizten Zehen sinkt der Hase, beinahe wie mit Schneeschuhen, kaum ein und spart Kräfte“, erklärt die Rangerin und ahmt die Bewegung gleichzeitig am Boden nach.
„Cool, wir haben auch Hasen zu Hause!“, ruft der zwölfjährige Moritz aus Leipzig, der mit seinen sechsjährigen Zwillingsschwestern Frida und Tilda den Erklärungen gebannt lauscht. Ihre Familie verbringt den Urlaub schon zum vierten Mal in Obermaiselstein, dieses Jahr erstmals im Winter.
Der Ausflug stand ganz oben auf der Wunschliste der Kinder. Voller Begeisterung toben sie nun über die weiten, sonnigen Schneeflächen und begeben sich auf Spurensuche.
Winterschläfer, Winterruher und Daueraktive
Britta erzählt von den Strategien der Tiere, mit Kälte und Schnee zurechtzukommen: So schläft das Murmeltier etwa tief und fest – ein halbes Jahr lang, ohne Nahrung, mit stark reduziertem Herzschlag und heruntergefahrenen Vitalfunktionen. Im Heubau tief unter der Erde hält es Winterschlaf.
Einige Tiere produzieren eine Art körpereigenes Frostschutzmittel, um nicht zu erfrieren
Das sei die perfekte Strategie gegen Kälte und Futterknappheit. Amphibien und Reptilien verfallen in die Winterstarre. Einige von ihnen produzieren eine Art körpereigenes Frostschutzmittel, um nicht zu gefrieren. Wieder andere, wie Bären oder Eichhörnchen, halten Winterruhe.
Letztere schlafen über einen längeren Zeitraum, unterbrochen von kurzen Wachphasen, in denen sie ihr Lager lüften oder eine Nuss knabbern.
Und dann gibt es noch diejenigen, die einfach durchhalten, also Gams, Steinbock und Rotwild. Letzteres wird hier im Allgäu in eingezäunten Wildruhezonen zusammengeführt und von Wildhütern mit Heu, Futterrüben, Silage oder Äpfeln gefüttert.
„Zögen Hirsche und Rehe frei laufend durch den Schnee, würden sie zu viel Energie verlieren. Auf ihrer Nahrungssuche würden sie zudem durch Rindenfraß den Jungwald schädigen“, erklärt die Rangerin. Als Winterwanderer sollte man um die auch „Wintergatter“ genannten Rotwild-Schutzzonen aus Rücksicht auf die Tiere unbedingt einen großen Bogen machen.
Springen, Schnüren, Traben
Ein Stück weiter entdecken wir eine andere Fährte: kleine, runde Abdrücke, die in perfekter Linie nebeneinander liegen. „Das war ein Fuchs“, sagt Britta. Er bewegt sich im „geschnürten Trab“. Dabei treten die Hinterpfoten exakt in die Spuren der Vorderpfoten, was energiesparend und effizient ist.
Spurenlesen ist wie Detektivarbeit: Wer genau hinschaut, erfährt mehr, als man denkt. „Für den Fall, dass wir mal wirklich keine einzige Spur finden sollten, habe ich Tierspuren-Stempel mitgebracht“, sagt Britta lachend. „Die helfen aber auch, Pfotenabdrücke vor Ort klar unterscheiden und definieren zu können.“
Ein Krächzen lenkt unsere Aufmerksamkeit in eine nahe Baumgruppe. Britta zückt ihr Fernglas. „Ein Tannenhäher!“ Der unscheinbare Rabenvogel mit dem gesprenkelten Gefieder hat eine wichtige Aufgabe: Er ist der Gärtner des Waldes. Von Spätsommer bis Herbst sammelt er die Samen von Zirbe und Tanne und versteckt sie als Nahrungsdepots überall im Waldboden.Viele davon vergisst er wieder und sorgt so für den Fortbestand des Bergwaldes.
Alpinium: Bildung, Erlebnis, Begeisterung
Was Britta an diesem Vormittag erzählt, ist mehr als nur Biologieunterricht. Man spürt ihre Begeisterung für gelebten Naturschutz und für ein achtsames Miteinander. Genau dafür steht das Alpinium in Obermaiselstein: Es bietet kostenlose Führungen, Beobachtungsstationen, ein Rangermobil, Workshops und Mitmachangebote für Groß und Klein.
Kinder wie Moritz, Frida und Tilda sind mit dabei. „Ich will wissen, ob es Birkhühner wirklich gibt!“, ruft Frida. Britta nickt: „Oh ja. Aber sie sind scheu. Und sie graben sich in den Schnee ein, um sich vor der Kälte zu schützen.“ Nur frühmorgens und während der Abenddämmerung verlässt das vom Aussterben bedrohte Birkhuhn seine wärmende „Biwakhöhle“, um Nahrung zu finden.
Der Winter erzählt, wir Zweibeiner müssen nur zuhören
Nach zwei Stunden ist die „Mittelalpe“ erreicht. Die bewirtschaftete Hütte thront auf einem sonnigen Hügel, und der Schnee auf der Terrasse ist fast vollständig geschmolzen. Zeit für eine kleine Pause und die Beantwortung letzter Fragen. Was passiert mit den Spuren, wenn es taut? Wie unterscheiden sich Hirsch und Reh? Warum rutschen Gams und Steinbock nie aus? Britta beantwortet alle Fragen mit Geduld, Humor und jeder Menge Wissen.
Fazit am Ende der Tour: Die Nagelfluhkette ist nicht nur ein Ort für schöne Ausblicke, sondern ein lebendiger, atmender Lebensraum. Wer dort mit offenen Sinnen unterwegs ist, sieht mehr als nur Berge, Schnee und Bäume. Der Winter erzählt seine Geschichten – mit jedem Abdruck, jedem Laut, jeder Bewegung im Gebüsch.
„Ich will später auch mal Rangerin werden“, flüstert Tilda, fast ein bisschen ehrfürchtig. Britta lacht. „Dann bringst du den Leuten die Natur so bei, wie sie ist: leise, wild und wunderbar.“