Kleiner Junge in Skikleidung auf Skiern beim Zwergerl-Skikurs im Skigebiet Sudelfeld
Flieger und Gummibärchen

Skifahren ist kein Kinderspiel. Oder doch? In familiären Skigebieten wie dem Sudelfeld bei Bayrischzell lernen die Kleinsten im Zwergerl-Kurs, wie sie mit „Pizza“ und „Pommes“ die ersten Abfahrten meistern. Etwas Drama gehört natürlich auch dazu

Lesezeit: 15 Minuten

Kinder-Skikurs im Skigebiet Sudelfeld bei Bayerischzell

Der Bub will nicht Ski fahren. Er weint, er schreit, er wirft sich in den nassen Schnee. Gutes Zureden hilft nicht, auch kein Versprechen auf Gummibärchen als Belohnung. Seit 15 Minuten kämpfen seine Mutter, die Skilehrerin und irgendwie auch er selbst mit seiner Sturheit.

Eigentlich möchte der fünfjährige Nelion schon gern Ski fahren, aber eben nicht ohne seine Skistöcke. Und die hat ihm die junge Skilehrerin Lisa abgenommen. Die Kinder sollen sich beim Zwergerl-Kurs auf ihre Beine fokussieren, was am Anfang viel Konzentration kostet.

Skilehrerin mit kleinem Jungen beim Skikurs im Skigebiet Sudelfeld in Oberbayern

„Ich will aber mit Stöcken fahren! Ich weiß, wie das geht, ich hab‘s bei anderen gesehen“, ruft Nelion in Endlosschleife. Inzwischen sind die anderen Zwergerl aus dem Kurs schon in großen Bögen den Hang hinuntergerutscht.

Nelion schaut zu und beschließt nach langer Diskussion, dass Skifahren ohne Stöcke besser ist als gar kein Skifahren. Ein bisschen Drama gehört bei den ersten Skiversuchen der Kids wohl dazu.

Kleine Kinder beim Kinderskikurs fahren hinter der Skilehrerin den Kinderhang hinunter

Pommes und Pizza auf der Piste

Die Kursgruppe „Blau“ der Skischule Sudelfeld hatte sich um 10 Uhr am Wedellift getroffen. Der kurze Hang mit mäßiger Neigung ist ideal für erste Abfahrtsübungen, sobald die Skianfänger die Techniken „Pizza“ und „Pommes“ halbwegs beherrschen. Bei „Pommes“ bleiben die Ski parallel nebeneinander, um geradeaus zu fahren. Bei „Pizza“ stehen die Beinchen in der keilförmigen Pflugposition, um zu bremsen.

Gerade Bremsen und kontrolliertes Kurvenfahren erfordern viel Übung im relativ flachen Gelände. Für die „grünen“ Kurse der blutigen Anfänger nutzt die Skischule deshalb das Tannerfeld, einen präparierten Hang am Ortseingang von Bayrischzell.

„Mit der Fliegerübung zeigen wir den Kindern, dass der Außenski der Chef ist“

Auf einem 170 Meter langen Zauberteppich geht es gemütlich den Übungshang hinauf und dann ebenso langsam mit den Händen auf den Knien wieder bergab, bis der Stemmbogen sitzt. Den Winter-Erlebnispark Tannerfeld nutzen Besucher und Einheimische nicht nur für die ersten Skiversuche, sondern auch gern zum Rodeln und Snowtubing.

Die Ski- und Langlaufschulen mit Ausrüstungsverleih sowie der Bahnhof – bis München sind es eindreiviertel Stunden mit der Bahn – im Zentrum sind nur wenige Gehminuten entfernt. Unterkunft finden Urlauber in familiengeführten Pensionen, Ferienwohnungen und Hotels wie dem historischen „Klosterhof zur Post“ oder im „Das Bayrischzell Familotel“ mit Schwimmbad.

Kleiner Juge in Skikleidung fährt auf dem Zauberteppich im SNUKI Kinderland des Skigebiet Sudelfeld den Kinderhang hinauf
Vier Kinder bei der Abfahrt hinter dem Skilehrer beim Kinderskikurs im Skigebiet Sudelfeld

Dorfidyll statt Pistenrummel

Familien-Skiurlaub abseits vom Massenbetrieb? In Bayrischzell, wo Besucher sofort „per Du“ begrüßt werden, ist das kein Problem. Im Gegensatz zu den großen Skiresorts reiht sich im 1.700 Einwohner zählenden Örtchen kein klobiger Hotelkasten an den anderen. Und abends ertönen keine Après-Ski-Beats durch die Straßen.

Der Ort hat seinen typisch oberbayerischen Dorfcharakter bewahrt: mit Lüftlmalerei und Blumenschmuck an den Höfen im Schatten des markanten, 1.838 Meter hohen Wendelsteins.

Der aussichtsreiche Hausberg von Bayrischzell ist wegen der Aufstiegsmöglichkeiten mit der Seilbahn von der Südseite und mit der historischen Zahnradbahn von der Nordseite ein beliebtes Ziel von Familien. Bei ausreichender Schneelage ziehen auch Skitourengeher ihre Spuren in die Hänge.

Eine Skilehrerin macht mit einem Jungen beim Skikurs die Fliegerübung

Fliegerübung und Gummibärchen

Wegen anhaltenden Tauwetters in den Voralpen sind die Hänge um Bayrischzell braun. Aber kein Problem: Dann fährt sich Nelion vor dem Kursbeginn eben rund 300 Höhenmeter oberhalb von Bayrischzell im beschneiten Skiparadies Sudelfeld ein. Im SNUKI-Kinderland nahe der Talstation der Waldkopfbahn können die Kleinen ohne Kurs gegen eine Eintrittsgebühr durch bunte Tore mit Hexen, Zwergen und Schneemännern kurven.

Die Neigung ist genau richtig: Die Ski bleiben in Bewegung, aber die Kids kommen auch ohne perfekte Bremstechnik zum Stehen. Nach dem Warmfahren und einem zweistündigen Privatkurs ging es für Nelion am nächsten Tag mit den anderen Zwergerln im „Blauen Kurs“ am Wedellift weiter.

Kinder-Skikurs im SNUKI Kinderland im Skigebiet Sudelfeld in Oberbayern
Kleiner Junge durchfahrt eine Fahne auf einem Skihang im Skigebiet Sudelfeld

Unter Anleitung von Skilehrerin Lisa Marie Becker legen sich die Kinder mit seitlich ausgestreckten Armen in die Kurve und „fliegen“ im schweren Frühjahrsschnee den Hang hinunter. „Mit der Fliegerübung wollen wir den Kindern vermitteln, dass der Außenski der Chef ist, weil man damit das Gewicht auf den äußeren Ski bringt“, sagt Lisa. „Wir machen Übungen, die den Kindern Spaß machen und ihnen auf spielerische Weise die Technik beibringen.“

Für die junge Frau aus Hausham am Schliersee ist es der dritte Winter als Skilehrerin. Neben ihrer Ausbildung zur Hauswirtschafterin jobbt sie im Sommer als Bedienung auf Wald- und Seefesten in der Region. Gegenüber ihren kleinen Kursteilnehmern ist sie stets liebevoll zugewandt, auch wenn mal einer bockt.

„Skifahren soll in erster Linie Spaß machen! Und ich mag es, den Kindern meine Freude am Skifahren weiterzugeben“, erzählt sie. Und wie hält man die Kids motiviert? „Die Übungen abwechseln – und mit Gummibärchen!“, sagt sie lachend.

Eine Skilehrerin erklärt kleinen Kindern beim Skikurs die Nutzung eines Schleppliftes

Schlepplift-Slalom und Einkehrschwung

Bevor sich die Zwergerl zum ersten Mal am Schlepplift anstellen, erklären Lisa und ihr Kollege Jakob Singer in einer Trockenübung mit dem Liftbügel die Regeln: Wie halte ich mich gut fest? Und was tue ich, wenn ich rausfalle?

Während sich die Stürze bei der Abfahrt in Grenzen halten, purzeln die Kleinen am oberen, steilen Abschnitt der Lifttrasse bei jeder Fahrt wie die Kegel aus dem Schlepplift – und bleiben mit verknoteten Beinen im Schnee liegen.

Lisa und Jakob sind bei der Abfahrt nicht nur damit beschäftigt, ihre Gruppe zusammenzuhalten, sondern müssen auch noch die Kinder neben der Lifttrasse wieder auf die Ski stellen. Geduld gehört zu den wichtigsten Qualifikationen eines Skilehrers.

Nach drei Stunden geht es endlich zum verdienten Einkehrschwung in die „Schindlberger Alm“ neben der Piste. Die Kinder sitzen mit müden Gesichtern auf den Holzbänken und warten auf das gemeinschaftliche Essen, das für die Kurse vergünstigt angeboten wird. Nach einer großen Portion Chicken Nuggets mit Pommes fällt dem jüngsten, vier Jahre alten Skischüler der Kopf auf den Tisch.

Mutter und Sohn beim Mittagessen auf der „Walleralm“ im Skigebiet Sudelfeld in Oberbayern

„Für die Kinder, die gestern noch am Tannerfeld mit dem Zauberteppich gefahren sind, ist der Übergang zum steileren Hang mit dem Schlepplift schon hart“, sagt Lisa verständnisvoll. „Die größeren Kinder schaffen das meist gut, aber die Kleinen tun sich da nicht leicht. Dazu kommt der schwere Schnee.“

Grundsätzlich können schon Kinder ab drei Jahren am Kurs teilnehmen, sagt sie, „aber sie sollten schon selbstständig und groß genug sein, um sich selbst anziehen und auf den Ski aufrichten zu können“. Wenn ein Kind gar nicht mehr will, werden selbstverständlich die Eltern angerufen, um es abzuholen. Nach dem Mittagessen hält Nelion noch eine Stunde durch, dann ist auch bei ihm die Luft raus.

Mutter und Sohn auf dem Sessellift im Skigebiet Sudelfeld in Oberbayern

Skiparadies für Familien

Für eine Runde mit Mama durchs Skigebiet hat Nelion aber noch ausreichend Kraft. Das Skiparadies Sudelfeld bietet mit 31 Kilometern Abfahrten jeder Schwierigkeit und 14 Liften die idealen Bedingungen für Familien mit kleinen Kindern, denn es ist vergleichsweise übersichtlich, preiswert und ruhig.

Das Highlight für Nelion nach dem Kurs: der Achter-Sessellift mit Kindersicherung und Sitzheizung. Nun darf er auch endlich seine Stöcke benutzen. Auf einem Ziehweg zum Sessellift nimmt er zum ersten Mal mehr Geschwindigkeit auf. „Mama, das macht so viel Spaß!“, jubelt er. Nach einer kurzen Einkehr in der „Speckalm“ mit Blick auf den Wendelstein geht es auf einer roten Piste zurück zum Wedellift.

Konzentriert, ohne sich von den anderen Skifahrern ablenken zu lassen, zieht Nelion seine Bögen. Darauf, zum ersten Mal einen steilen Hang selbstständig gemeistert zu haben, ist nicht nur er, sondern auch seine Mutter mächtig stolz.

Kleiner Junge mit bunter Skibrille und Helm im Skigebiet Sudelfeld in Oberbayern

Bloß nicht überfordern!

Bei der Rückgabe der Skiausrüstung gibt Marius Kornder den Eltern noch ein paar Tipps mit auf den Weg. Der Touristiker und Skilehrer hat im Winter 2023 die Skischule Sudelfeld in Bayrischzell übernommen. Schon mit 15 Jahren jobbte er als Skilehrer am Sudelfeld und machte später seine Leidenschaft zum Beruf. „Ganz wichtig: Das Kind nach dem Kurs nicht über-, sondern lieber unterfordern“, betont er.

„Viel Übung und der Spaß am Fahren stehen im Vordergrund. Also nicht zu schnell zu steil werden. Und man sollte nicht bei jeder Kurve eine Aufgabe mitgeben, sondern die Kinder einfach mal machen lassen – aus Fehlern lernt man am besten.“

Von zu viel Kontrolle der Eltern hält er nichts. „Wenn man das Kind zwischen die Beine oder an die Leine nimmt, dann kann es sich einfach fallen lassen, denn Mama und Papa machen das schon“, erklärt er. „Aber wenn sie selbstständig auf den Skiern stehen, müssen sie die Koordination der Beine und der Ski lernen.“

Skilehrer Marius Kornder in Skikleidung im Skigebiet Sudelfeld
Sessellift im Skigebiet Sudelfeld bei Bayrischzell in Oberbayern

Von der Piste zur Skitour

Als Ausgleich zu den vielen Stunden auf der Piste geht Marius gerne auf Skitour. Die Region bietet dafür einige Optionen wie etwa im Rotwandgebiet, wo zahlreiche Touren von leicht bis konditionell anspruchsvoll möglich sind, darunter Klassiker wie die „Rotwandreibn“. „Die Auerspitz ist noch ein kleines Geheimziel, das noch nicht so oft besucht wird“, verrät Marius.

Der Sudelfeldkopf im schneesicheren Skigebiet ist dagegen ein viel begangenes Ziel für eine Pistenskitour. Auch Nelions Mama kann es kaum erwarten, mit ihrem Sohn das erste Mal auf Skitour zu gehen. Bis es so weit ist, stehen noch viele Pistenkilometer bevor – und zahllose Gummibärchen.

Mehr Tipps für den Winter in Bayern

Einige der

Ab ins kalte Wasser!

Unser Autor sprach bei einem Selbstversuch mit anderen Eiskalt-Badern der „Munich Hot Springs“ und wagte sich erstmals selbst in die eiskalte Isar

Weiterlesen
Rangerin Britta Löw zeigt, dass der Naturpark Nagelfluhkette auch im Winter lebendig ist

Auf die Spur gekommen

Was lief denn da? Wie lebendig ist der Wald im Winter? Fährtenkunde und Spurensuche mit Rangern im Allgäuer Naturpark Nagelfluhkette

Weiterlesen
Ein Mann und eine Frau beim Eisbaden in Eistonnen auf der Zugspitze mit Blick in die Alpen

Gipfel der Entspannung

Ein intensiver Tag auf der Zugspitze mit Yoga, Meditation, Atemübungen – und einem wirklich coolen Eisbad auf 2.600 Meter Höhe

Weiterlesen
Holzrücken mit Pferden: Fahrt mit dem traditionellen Pferdeschlitten

Holzrücken

Wie holt man geschlagenes Holz aus dem Wald, ohne den wichtigen Waldboden zu beschädigen? Die Antwort: mit Pferden!

Weiterlesen
Pistenbully bei der Pistenpräparierung im Skigebiet Brauneck

Pistenhelden

Jede Winternacht präpariert Sepp Brandhofer sieben Stunden lang mit seinem Hightech-Pistenbully die Abfahrten am Brauneck. Wir fuhren mit ihm mit ...

Weiterlesen
Armin Kling: Gemeinsam mit Kursteilnehmern wärmt sich der Skilehrer auf bevor es auf die Piste geht

Bayerns längste Pisten

Auf nach Bayern, Skifahrer! Je länger die Abfahrt, desto länger der Spaß. Die acht längsten Skipisten in Ost- und Oberbayern, Franken und im Allgäu

Weiterlesen
Armin Kling: Der Skilehrer zeigt seinen Schülern die richtige Technik für das Pflugfahren

8 Familienskigebiete in Bayern

Winterspaß für Familien! Von Kinder-Skikursen über blaue, breite Pisten bis zur Hütteneinkehr. Acht Tipps für besonders familientaugliche Skigebiete

Weiterlesen
Voglebeobachter im Hintersteiner Tal bei Bad Hindelang im Allgäu

Luft-Hoheit

Wo ist er, der König der Berge? Mit Rangerin Britta und Vogelschützerin Tanja auf den Spuren des Steinadlers durch die verschneiten Allgäuer Hochalpen

Weiterlesen
Vier Menschen mit Wintermützen im Wasser beim Eisbaden im Wöhrsee Burghausen

Frostprobe

Schwimmen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt? Nichts für Warmduscher! Reporterin Astrid Därr im Selbstversuch mit einer Eisschwimm-Weltmeisterin

Weiterlesen

Post aus Bayern

Hol dir aktuelle Tipps zu Reportagen, Reiseberichten und Events aus erster Hand!