Kanufahren macht Spaß und wirkt entschleunigend. Unser eher wasserscheuer Reporter wollte das anfangs nicht wirklich wissen. Schließlich aber wagte Wolfgang Hubert auf der Fränkischen Saale doch den Selbstversuch
Kanufahren auf der Fränkischen Saale
„Mensch, wenn ihr schon für unsere Weinstory im Gebiet Frankens Saalestück unterwegs seid, dann macht doch gleich eine Reportage über eine Kajaktour mit“, meinte die Redaktion. Tolle Idee, fand Frank, der Fotograf.
Nun schaue ich gerne aufs Wasser, egal ob ruhiger Fluss oder stürmisches Meer. Und als Passagier an Deck fühle ich mich pudelwohl. Aber jegliche Art von Wassersport, die über gemütliches Schwimmen hinausgeht, überlasse ich gern anderen.
„Ach komm, das macht wirklich Spaß“, meinte Frank, der sich als Paddelfreak outete. Na gut! Statt Artikel über Wein- und Genusstouren zur Abwechslung mal einmal einen Beitrag über Wasser- und Genusstouren zu verfassen – weshalb eigentlich nicht? Danach schaue ich mir Videos übers Kajakfahren an und sehe dort, wie man nach dem Umkippen wieder ins Boot kommt. Das ist mir zu sportlich!
Dann doch lieber in ein Kanu, aber nicht alleine. Nach einem Hilferuf per Telefon erklärte sich Sophia vom Touristikbüro bereit, sozusagen als Hinterfrau mit ins Boot zu steigen. Bereut hat sie es angeblich nicht. Und ich muss rückblickend zugeben: Kanufahren macht Spaß.
Doch der Reihe nach. Ausgangspunkt unserer Tour ist Aura an der Saale, eine der kleinsten selbstständigen Gemeinden im Landkreis Bad Kissingen. Dort kann man nicht nur auf den Fluss schauen, sondern auch auf das schön und nachhaltig gestaltete, an warmen Tagen geöffnete Naturbad.
Biber als Spaßbremsen
Von unserem Bootsverleiher erfahren wir, dass im Februar 2024 das Landratsamt Bad Kissingen das Paddeln kurzfristig verboten hatte. Ursache dafür waren marode Bäume am Ufer, die ein akutes Sicherheitsrisiko darstellten.
Auslöser für die Schäden seien Klimastress und generelle Trockenheit, Pilzbefall und Fraßschäden durch Biber. Ein schwerer Schlag für die Branche, da bis dahin für Kanu- und Kajakfahrer die Fränkische Saale ein beliebtes Ausflugsziel darstellte.
Nachdem diejenigen Bäume, die umzufallen drohten, unter Berücksichtigung des Natur- und Artenschutzes entfernt wurden, hob die Behörde im März 2025 das Verbot wieder auf.
Allerdings, so heißt es ausdrücklich, sind Paddler weiterhin auf eigene Gefahr unterwegs, da Treibgut oder abbrechende Äste nicht ausgeschlossen werden könnten. Das hebt die Stimmung! Paddeln nur mit Sturzhelm und Schutzkleidung?
„Keine Sorge“, versichert Sophia, „auf der vor uns liegenden Strecke kann im Grunde nichts passieren.“ Schließlich hat sie erst vor ein paar Tagen dieselbe Tour zurückgelegt. Aber die Augen aufzuhalten schadet sicher nicht.
Meinen auch Freya und Isabell, zwei junge und sehr erfahrene Paddlerinnen, die mit uns flussabwärts nach Westheim paddeln. Quasi als Begleitschutz, falls ich Sportskanone ins Wasser plumpse und eine reißende Strömung mich am Schwimmen hindert.
Saale: Idealer Fluss für Anfänger
Wir ziehen zusammen zwei Kanus samt den Stechpaddeln und, für Frank, ein Kajak auf die Umsatzstelle nach dem Auraer Wehr. Nach einer kurzen Instruktion von Sophia weiß ich, wie man das Stechpaddel benutzt, und die Aufregung legt sich schon nach den ersten Metern deutlich. Sehr bald stellt sich heraus, dass der meist gemütlich dahinfließende Fluss auch kompletten Anfängern die Möglichkeit verschafft, das Kanufahren rundum zu genießen.
Wir rudern in der Flussmitte, da zum einen gelegentlich Äste ins Wasser hineinragen, zum anderen, um die Seerosen zu bewundern, die auf dem Streckenabschnitt bis Trimberg am rechten Ufer auf einigen Metern Breite ihre Pracht entfalten. Da wir nicht um Medaillen kämpfen, lassen wir uns Zeit und verzichten nicht auf diese Art von Entschleunigung.
Im Gegensatz zu einigen Meisen und sogar einem Eisvogel, die es deutlich eiliger haben. Nur zwei Enten sehen uns regungslos von einem gekappten Baumstamm aus zu, ebenso wie die Laokoon-Gruppe, bestehend aus einem ähnlich bizarr anmutenden Astgewirr direkt am Uferrand.
Kühl und ausgesprochen artenreich
Da die Saale zu diesem Zeitpunkt wenig Wasser führt, sieht man außerdem immer wieder beeindruckend üppige Wurzelgeflechte. Die Wurzeln am Ufer sind Unterstände für Fische, informiert mich Sophia, und die vielen Bäume entlang des Gewässers spenden Tieren wichtigen Schatten.
Die Fränkische Saale bietet vielen Tieren unter Artenschutz einen Lebensraum
Die Fränkische Saale mit ihrem kühlen, sauerstoffreichen Wasser ist einer der artenreichsten Flüsse Unterfrankens und bietet vielen Tieren und Pflanzen, die teils unter Artenschutz stehen, einen geeigneten Lebensraum.
Der rund 140 Kilometer lange Fluss liegt im Naturpark und Biosphärenreservat Rhön, entspringt im Grabfeld nahe von Bad Königshofen und mündet bei Gemünden in den Main. So weit paddeln wir aber nicht. Unsere nächste Station ist die Ein- und Ausstiegsstelle bei Trimberg.
Kurz zuvor hat man auf der linken Seite einen eindrucksvollen Blick auf die aus dem 12. Jahrhundert stammende Trimburg, eine romantische Ruine von imposantem Ausmaß mit zum Teil modernen Dächern aus Stahl und Glas. Was die Idylle keineswegs stört, wovon man sich bei einem Abstecher überzeugen kann.
An manchen Tagen kann man vor Ort auch fränkische Weine und Snacks kaufen und im Garten der Anlage oder während eines Rundgangs mit herrlichem Ausblick genießen. Mit der Trimburg im Rücken führt ein nur 1,9 Kilometer langer Streckenabschnitt unter der Bahnlinie hindurch bis kurz vor Elfershausen. Dort befindet sich die Ausstiegsstelle auf der rechten Flussseite.
Wieder einsteigen kann man aus Gründen des Laichschutzes erst nach rund 200 Metern Fußweg. Wer keine Eile hat, macht Rast am neuen, parkähnlichen Naherholungsort mit einem naturnahen See, vielen Bäumen und Grün, einem kleinen Sandstrand, Sonnensegel und Sitzgelegenheiten.
Tragen statt Paddeln
Auf der Weiterfahrt nach Westheim ist es erst mal mit der Ruhe vorbei. Wenige Hundert Meter nach dem Start hört man den Verkehr auf der A7, die bei Kilometer 41 die Saale kreuzt. Da hilft nur Kopfhörer aufsetzen... und durch.
Diese Paddeletappe ist ein bisschen sportlicher, da vor der Ausstiegsstelle in Westheim in kurzem Abstand die nicht befahrbaren Wehre von Langendorf und Westheim folgen und die Kanus wieder getragen werden müssen. Wer mag, gönnt sich auf der Westheimer Saaleinsel ein Bad.
Wir beenden für heute unsere Tour und fahren nach Hammelburg, der ältesten Weinstadt Frankens. Beim Weingut Ruppert führt uns Stefan Ruppert durch seinen Weinkeller unter der ehemaligen Stadtmauer. Ein Glas Silvaner gehört natürlich als Abschluss dazu.
Seit 1938 wird auf dem Gut Wein in Flaschen abgefüllt, und die Enkel Stefan und Matthias haben den Betrieb von einst fünf auf über 13 Hektar Rebflächen erweitert, ebenso die Weinvielfalt.
Landgang im Weinkeller
Neben anderen üblichen Sorten wie Riesling, Weißer Burgunder, Bacchus, Spätburgunder oder der typisch fränkischen roten Sorte Domina setzen die Brüder auch auf internationale Sorten wie etwa Merlot, Chardonnay oder Sauvignon Blanc – das Ergebnis von Aufenthalten beispielsweise in Australien und Neuseeland.
Neben dem Silvaner ist Sauvignon Blanc die Lieblingssorte des Winzers. Diesen verkosten wir in drei Varianten mit ihm auf dem nahe gelegenen Baderturm, einem der drei erhaltenen Türme der alten Stadtmauer, von wo sich tolle Ausblicke auf die Hammelburger Altstadt ergeben.
Da uns am nächsten Tag Regen überrascht, überspringen wir die Etappe von Hammelburg nach Diebach und setzen uns erst dann in die Boote. Auf den ersten beiden Kilometern entdecken wir einen gewaltigen Fischkopf auf einem Baum und ein Krokodil im Wasser – beides täuschend echt von der Natur aus Holz geformt.
Immer wieder ducken wir uns, um dicht über dem Wasser hängenden Ästen auszuweichen, bevor wir an der Neumühle links aussteigen. Leider gegenüber dem gleichnamigen Restaurant und Hotel mit großer Liegewiese, das einen sehr guten Ruf genießt. Hier ist es wieder laut, allerdings nur wegen der sehr starken Strömung am Wehr.
Vorbei an einer Miniinsel, die voll von bleichem Treibholz ist, das sich hier während des letzten Hochwassers zu einer grotesk anmutenden Halde aufgetürmt hat, und wieder erstaunlichen, meterlangen Wurzelgeflechten am Ufer paddeln wir noch 2,5 Kilometer nach Morlesau.
Dort genießen wir im Biergarten des Gasthofs „Nöth“, was Karolin und ihr portugiesischer Mann Emmanuel in ihrem „Tuga Street Food Truck“ servieren: fränkische und portugiesische Weine und Gerichte.
Wirklich schade, dass die Kanutour vorbei ist. Meine anfänglichen Widerstände und Bedenken haben sich in Wohlgefallen aufgelöst. Ich werde sicher kein Wassersport-Nerd, aber Touren von Bad Kissingen nach Aura oder Morlesau bis Gemünden stehen auf meiner To-do-Liste.
Die Aussicht, bald wieder an reizvoll wechselnden und schützenswerten Landschaften mit Wiesenauen und Auwäldern mehr oder weniger langsam vorbeizupaddeln, ist einfach zu verlockend.