Einige der
Ab ins kalte Wasser!

Seit 2019 treffen sich die Mitglieder der „Munich Hot Springs“ zum regelmäßigen Eisbad. Mal an der Isar, mal im Englischen Garten oder an Oberbayerns Seen. Unser Autor besuchte die Gruppe und wagte sich selbst erstmals in die eiskalte Isar

Lesezeit: 15 Minuten

Eisbaden in München mit den „Munich Hot Springs“: Ein Selbstversuch 

Ein Morgen im Münchner Februar. Kurz nach Sonnenaufgang an der Kiesbank beim Kabelsteg an der Isar, mitten in München. Meine Gedanken gehen zurück an einen herrlichen Spätsommerabend. Im September an gleicher Stelle bei Bier und Brotzeit und 23 Grad. Plus!

Damals zog ich am Abend irgendwann eine Jacke an, es fühlte sich frisch an. Jetzt hat die Luft knapp unter null, die Isar, laut Thermometer, 4,8 Grad. Und da stehe ich in Badehose. Jetzt soll ich rein ins Wasser. Aber warum nur?

Frostige Morgenstimmung an der Isar in München

Gestellt hatte ich mir die Frage oft. In der vergangenen schlaflosen Nacht. Morgens, als meine Frau beim Abschied süffisant schmunzelnd vor sich hin summte: „Pack die Badehose ein …“

Und auch, als ich mit Mütze, Handschuhen und dick eingepackt in meinen Daunenmantel über die Maximiliansbrücke radelte und Johnny Cash auf der atmosphärisch stimmigen Schwermuts-Playlist aus den Kopfhörern krächzte: „Ain’t no grave to hold my body down.“ Ob mich die Isar jemals wieder freigibt nach meinem allerersten Eisbad? Muss ich wirklich bei jedem Trend mitschwimmen?

Vor dem Eisbaden in der Isar messen zwei warm eingepackte Frauen die Wassertemperatur

Zehn Grad? Warmduscher!

Der Empfang ist warm. Mit dabei sind einige erfahrene Mitstreiter, ein halbes Dutzend Routiniers der „Munich Hot Springs“, einer Gruppe, die sich im Februar 2019 gründete. Mittlerweile gibt es auf der Facebook-Seite an die 1.500 Mitglieder, im WhatsApp-Chat tauschen sich über 700 Enthusiasten aus.

Dort verabreden sie sich gerade zwischen Oktober und März zum Bad am Flaucher, an der Reichenbachbrücke, am Deininger Weiher oder irgendwo in Oberbayern.

Die ganz Harten posten Bilder davon, wie sie am zugefrorenen Spitzingsee mit der Axt ein Loch freihacken, um reinhüpfen zu können

Die ganz Harten unter ihnen posten Bilder davon, wie sie am zugefrorenen Spitzingsee mit der Axt ein Loch freihacken, um reinhüpfen zu können. Und wer schreibt, dass er sich eben in den zehn Grad warmen Echinger See wagte, fängt sich den Kommentar „Warmduscher!“ ein, gefolgt von einem Zwinker-Smiley.

Am Teehaus hinter dem Haus der Kunst treffen sich sonntags um 11 Uhr Eisbadende zum Jour fixe. Unweit der Surferwelle an einem kleinen Seitenarm des Eisbachs, ohne tosende Strömung. Oft kommen dann bis zu achtzig Eisbadende zum frischen Frühschoppen, dann sieht man den Bach vor lauter Menschen nicht. Viele pflegen dabei ein eigenes Ritual und sitzen minutenlang vor dem Gang ins Wasser meditativ auf ihrer Matte. Mit tiefen Atemübungen, ganz bei sich.

Vom Atmen lese ich in den Wochen vor meinem Jungfernbad immer wieder. Von den unterschiedlichen Techniken, Bauch-, Brust-, Tiefen- oder die Wechselatmung, mal durchs rechte, mal durchs linke Nasenloch. Das Ziel ist bei allen Übungen das gleiche: entspannen, runterfahren, ins Gleichgewicht kommen, um gewappnet zu sein für den Kälteschock.

Autor Florian Kinast macht einen Gesundheits-Check vor dem Eisbaden
Vor dem Eisbaden macht unser Autor einen Gesundheitscheck bei der TU München

Warm-up fürs Eisbad

Wichtig, sagt Irina, Mitbegründerin der „Munich Hot Springs“, sei es, den Körper vor dem Debüt an die Temperatur zu gewöhnen. Mit einer kalten Dusche, vier Wochen lang jeden Tag mit leichten Steigerungen. Erst 15 Sekunden, dann 30, dann 45. In der letzten Woche eine Minute. Ein Warm-up fürs Eisbad.

„Ganz entscheidend“, erklärt Irina, „ist aber auch die Frage: Ist mein Körper geeignet dafür? Geht das ohne gesundheitliches Risiko? Deswegen sollte sich am besten jeder vor dem ersten Eisbad vom Arzt durchchecken lassen.“

Was aber bringt der beliebte Trend Eisbaden überhaupt? Martin Halle ist Professor am Institut für Präventive Sportmedizin und Sportkardiologie der TU München. Er sagt: „Eisbaden ist für den Körper eine absolute Stresssituation. Da herrscht Alarmstufe Rot.“ Warum sich dem dann also aussetzen? Weil dadurch die Zahl der weißen Blutkörperchen ansteige, sagt Halle, er spricht von einer „Armee von Leukozyten“, die losgeschickt wird, um etwa Bakterien und Viren im Körper zu bekämpfen.

Durch den Schockzustand werden Zellen aus Knochenmark und Milz freigesetzt, die Jagd auf Schädlinge machen. Immunzellen werden mobilisiert und verstärken den inneren Schutzschild. Und das berühmte braune Fett wird aktiviert, das anders als das weiße Fett Energie nicht einfach nur abspeichert. Braunes Fett reguliert den Energiehaushalt, erzeugt Wärme und verbrennt damit mehr Kalorien.

Drei Menschen beim Eisbaden in der Isar in München

Laufen und Baden – der ideale Mix

Halle legt Wert darauf, die Effekte des Eisbadens aus medizinischer Sicht differenziert einzuordnen. Etwa zweimal Eisbaden pro Woche und zweimal Joggen, das sei viel sinnvoller als vier Eisbäder ohne Laufeinheit. „Letztlich ist Eisbaden ja nur eine rein passive Tätigkeit“, sagt er.

Dass drei Minuten in fünf Grad kaltem Wasser absolut ausreichen, ergänzt er noch. Und dass 15 oder 30 Minuten nichts bringen außer dem Selbstoptimierungsgehabe für den Insta-Post und dem erhöhten Risiko für eine Unterkühlung samt folgender Erkältung.

Er sagt auch, dass das Herz-Kreislauf-System absolut intakt sein müsse. „Wenn ich bereits verengte Herzkranzarterien habe und sie sich durch den Kälteschock noch mehr zusammenziehen, besteht die Gefahr, dass sie komplett dichtmachen. Und das kann lebensbedrohlich werden.“ Deswegen erst der empfohlene Check beim Kardiologen.

Nach Blutdruck und EKG, nach Laufband, Lungenfunktion und Herz-Ultraschall gibt der Mediziner für ein Winterbad in der Isar nicht nur grünes Licht, sondern als Rat noch mit auf den Weg, niemals allein ins Wasser zu gehen. Um im Falle eines unerwarteten Zusammenbruchs jemanden an der Seite zu haben.

Eisbaderin Moni am Riemer See mit einem heißen Tee zum Aufwärmen
Eisbaderin Pina von den

„Saugut und wie neugeboren“

Auf der Suche nach Begleitern fürs Premieren-Bad meldet sich ein halbes Dutzend Mitglieder aus der Hot-Springs-Community. Die Moni zum Beispiel, der vor fünf Jahren beim Joggen immer wieder die Wahnsinnigen auffielen, die frühmorgens bei Minusgraden in den Riemer See sprangen.

„Erst war’s für mich total abwegig“, sagt sie, die bei BMW als Referentin für die betriebliche Altersvorsorge zuständig ist, „aber dann reizte mich die Idee immer mehr. Und so bin ich eines Sonntags am Teehaus dann eben auch rein in den Eisbach.“

Sechs Minuten habe sie es ausgehalten, sagt sie. „Und als ich rausging, hab ich nur einen großen Lachkrampf bekommen. Weil ich so begeistert war, dass ich es geschafft habe.“ Seitdem geht sie nun nicht nur im Sommer, sondern auch ab Herbst dreimal die Woche in den Riemer See, „saugut“ fühle sie sich hinterher, „der Körper ist voller Energie und wie neugeboren“.

Ähnlich geht es Stefan, einem IT-Fachmann, der sich Eisbaden auch lange nicht vorstellen konnte, der aber nun bei seinen zwei, drei Einheiten pro Woche jedes Mal Glücksgefühle verspürt, wie er sagt – bedingt durch die Ausschüttung von Glückshormonen wie Endorphin und Noradrenalin.

Da ist Susa, die Sängerin aus dem Chor der Staatsoper, für die das Eisbaden fast schon zu einer Sucht wurde. Christine, die als frühere Turniertänzerin und Deutsche Meisterin heute eine Haidhauser Tanzschule für Swing-Dance leitet und drei- bis viermal pro Woche ins Wasser springt.

Und Pina, die Ökotrophologin, die im Außendienst für ein Genetik-Labor unterwegs ist und im Winter jeden zweiten Tag eisbadet, im Fluss oder See. Von einer „Droge für den Körper, frei von Nebenwirkungen“ spricht sie an jenem Tag auf der Kiesbank am Kabelsteg.

Mehrere Personen beim Eisbaden in der Isar in München am Kabelsteg

Anfängern hilft Zuspruch – und ein Zitat von Karl Valentin

Meine eigene Anspannung weicht vor dem Debütanten-Bad plötzlich Gleichmut und Gelassenheit. Dank der Schilderungen der alten Hasen, dank ihres guten Zuspruchs. Aber auch dank eines Zitats von Karl Valentin, das mir in diesem Moment durch den Kopf spukt: „Ich freu mich, wenn’s regnet. Weil wenn ich mich nicht freu, dann regnet’s auch.“ Ich kann’s ja eh nicht mehr ändern. Positiv rein ins Verderben!

Die Atmung wird ruhig, ich konzentriere mich auf tiefes und gleichmäßiges Ein- und Ausschnaufen, dann gehe ich mit der Gruppe ins Wasser. Der erste Eindruck: Es ist zum Aushalten. Ja, es ist saukalt, aber irgendwie auch saucool.

Kein Eskapismus-Reflex, keine Fluchtfantasien. Keine Panik. Klar, ein reines Vergnügen ist’s nicht, und nach den drei Minuten reicht’s dann auch wieder. Doch draußen auf der Kiesbank kommt beim Abtrocknen und Anziehen ein Hauch von Enthusiasmus, es überstanden zu haben. Und beim ersten Schluck Tee aus der Thermoskanne auch das erwähnte Glücksgefühl.

Eine Gruppe beim Eisbaden im Riemer See in München

Eiskaltes Vergnügen

Schon nach wenigen Minuten steht für mich fest: Ich werde zum Wiederholungstäter. Ich verabrede mich fürs nächste Bad, diesmal am See im Riemer Park, der an jenem Tag mit knapp sieben Grad schon fast subtropisch anmutet.

Dann am Flaucher, später auf Höhe der Weideinsel nahe der Wittelsbacher Brücke. Immer wieder stellt sich nach dem Baden der gleiche Effekt ein: ein gutes Gefühl mit sich selbst. Und ich verstehe langsam, was Susa meinte, als sie vom Suchtpotenzial sprach.

Einzig die Folgen für den Rest des Tages sind nach bisher ausschließlich morgendlichen Badefreuden schwer abzuschätzen. Manchmal ziehen sich Wachheit und Frische bis zum Abend durch. Manchmal macht sich gegen Mittag eine wohlige Müdigkeit breit, die einen herrlich tiefen Zwei-Stunden-Schlaf unumgänglich macht. Zwingend viel vornehmen sollte man sich nicht mehr. Oder man badet abends.

Eine Frau mit Wintermütze beim Eisbaden im Riemer See in München

Positive Effekte auch für die Psyche

In den Wochen nach der ersten Recherche-Anfrage im WhatsApp-Chat meldet sich noch ein weiteres Mitglied von den „Hot Springs“. Er möchte anonym bleiben und erzählt dann von seinen jahrelangen Depressionen, von der Dunkelheit und Antriebslosigkeit, die ihn umgab.

Das Eisbaden am Morgen helfe ihm, um zumindest während des Tages wieder einige Stunden arbeiten zu können. Längst gibt es viele Studien, die auch die Auswirkungen des Eisbadens auf die Psyche untersuchten und die bestätigen, dass die aktivierten Hormone psychische Probleme zwar nicht komplett heilen, aber zumindest temporär lindern.

Ob körperlich, seelisch oder im Zusammenspiel von beiden: Eisbaden ist nicht das Wundermittel gegen alles. Es ist ein kleines Puzzlestück zu einem guten und gesunden Lebensstil. Man sollte damit nicht völlig übertreiben. Aber wer aus medizinischer Sicht fit und geeignet ist und wer sich darauf einlassen mag, dem kann’s sehr gut tun.

Im nächsten Winter komme ich wieder. Ich pack schon mal die Badehose ein.

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