Schwester Erentrud kümmert sich um einen der größten Klostergärten Deutschlands
„Schweigt der Mund, spricht das Herz“

Du willst einfach mal runterkommen, ruhig werden, den eigenen Wünschen, Träumen und Brüchen im Leben nachspüren? Dafür ist das Kloster Oberzell bei Würzburg ein guter Ort, wie unsere Reporterinnen als Auszeit-Gäste erfahren durften. Von Anja Keul, mit Fotos von Angelika Jakob

Lesezeit: 10 Minuten

Aus und Amen

Regina Postner hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass in ihrem Job viele Tränen fließen. Und auch daran, dass viele energisch-dynamische Selbstoptimierungspläne hinter den Mauern ihres Klosters in der Gemeinde Zell am Main ganz schnell verfliegen.

Etwa dann, wenn sie die neuen „Auszeit-Gäste“ auf einen Spaziergang schickt oder ihnen vorschlägt, einfach mal richtig auszuschlafen: „Die meisten kommen sehr angespannt zu uns und wollen gleich irgendwie anpacken, im Klostergarten mithelfen oder sonst etwas tun.

Dabei ist es so wichtig, erst einmal in Ruhe zu sich zu kommen und auch Regungen wie Wut oder Trauer zuzulassen. Erst wenn der Mund schweigt, spricht das Herz!“

Gespräche am Brunnen

Wenn das Herz spricht, hört Regina Postner gut zu. Auf Wunsch trifft sie sich mit jedem Auszeit-Gast einmal täglich zu einem Gespräch, gern am plätschernden Brunnen vor dem Haus Klara, dem klostereigenen Bildungshaus. Die resolut-engagierte, promovierte Theologin war 20 Jahre lang als Seelsorgerin tätig und sieht sich als Impulsgeberin. Sie stellt Fragen, liefert Anregungen, oft mit Bibel-Bezug.

Im Advent könnte sie etwa antippen: „Advent heißt ja warten. Worauf warte ich? Was kann ich nicht erwarten?“ Die Antworten mag jeder für sich in dem meditativen Ambiente des weitläufigen Klostergeländes suchen, in Phasen der Stille oder beim gemeinsamen Gebet.

Die Klosterkirche der Oberzeller Franziskanerinnen

Orientierung in der Krise

Seit Herbst 2018 bietet die Leiterin des Bildungshauses diese „Auszeit im Kloster“ an. Im Schnitt bleiben die Gäste fünf Tage, jeder Aufenthalt wird vorab per Telefon oder E-Mail individuell vereinbart, eine zusätzliche Spende für die Gespräche ist erbeten.

Normalerweise übernachten die Auszeit-Gäste in herrlich nostalgischen Zimmern mit eigenem Bad im Klostergebäude, während der Corona-Zeit sind sie zum Schutz der älteren Schwestern in den stilvoll-schlichten Räumen von Haus Klara untergebracht.

Die Pandemie brachte auch einen deutlichen Wechsel in der Gästestruktur: Waren vorher die Frauen mit zwei Dritteln in der Überzahl, so suchten in der Krise weitaus mehr Männer Inspiration und Orientierung im Kloster, sagt Regina Postner. Auch Studierende, die an ihrer Magister- oder Doktorarbeit sitzen, haben das stadtnahe, aber eben doch völlig in seinem eigenen Rhythmus lebende Kloster Oberzell für sich entdeckt.

Soziales Engagement jenseits des Klosters

Den Alltag der rund hundert Franziskanerinnen in Oberzell erklärt Schwester Rut, Mitglied der Ordensleitung und verantwortlich für den Mutterhauskonvent mit dreißig älteren Schwestern.

In der Tradition ihrer Gründerin Antonia Werr, die die Oberzeller Gemeinschaft im Jahr 1855 als Kongregation innerhalb der katholischen Kirche und der franziskanischen Ordensfamilie ins Leben rief, engagieren sich die Schwestern auf vielfältige Weise für benachteiligte Frauen und Mädchen.

Außerhalb des Klosters unterhält die Gemeinschaft soziale Einrichtungen wie das Antonia-Werr-Zentrum, ein großes, heilpädagogisch-therapeutisches Mädchenheim, sowie vielfältige Angebote für Frauen in Krisensituationen. „Für Menschen da zu sein, das ist unser Auftrag“, so Schwester Rut. Deshalb gehen die jüngeren Schwestern als Ärztin, Krankenschwester, Sozialpädagogin, Umweltingenieurin oder Erzieherin in Zivilkleidung ihrer Arbeit nach.

Vom Barock-Kloster zur Fabrik und zurück

Seine Blütezeit hatte das schon 1128 nahe vom Main als Männerkloster gegründete Ensemble im 18. Jahrhundert, als Würzburgs Meister-Architekt Balthasar Neumann den barocken Neubau schuf. Nachdem 1803 alle bayerischen Klöster im Zuge der Säkularisierung aufgelöst wurden, diente die Kirche als Lagerhalle einer Fabrik, andere Gebäude mussten als Produktionsstätten herhalten.

Zur Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert gelang es der Gemeinschaft, das Kloster in Zell am Main zurückzukaufen und mit erheblichem Aufwand „wieder in einen spirituellen Ort zu verwandeln“, so Schwester Rut. Wobei wie schon zu Antonia Werrs Zeiten frauenspezifische Themen eine große Rolle spielen: Dr. Katharina Ganz, die von den Schwestern gewählte Generaloberin, setzt sich aktiv für die Gleichberechtigung von Frauen in der katholischen Kirche und die Zulassung zum Weiheamt ein.

Entspannen an der Orgel

Untereinander gehen die Schwestern liebevoll und mit viel gegenseitigem Respekt um. Hier ist jede nicht nur ein „Rädchen im Getriebe“, sondern voll und ganz als Individuum gesehen und übernimmt bis ins hohe Alter gerne Aufgaben, soweit es eben geht. Die über 80-jährige Schwester Linhildis beispielsweise kümmert sich mit großer Freude um den Blumenschmuck im barocken Refektorium, dem Speisesaal der Schwestern.

Außer beim Essen sehen sich die Schwestern dreimal täglich zu den Gebetszeiten, den Horen. Die Auszeit-Gäste dürfen gern daran teilnehmen und erleben diese spirituellen Höhepunkte des Klosteralltags etwa bei der Vesper – dem Abendgebet – oder bei der Eucharistiefeier in der wunderschön restaurierten Klosterkirche.

Wenn sie Zeit hat, sitzt die junge Schwester Juliana, die in einer Würzburger Gemeinschaftsunterkunft für AsylbewerberInnen arbeitet, an der Orgel der Klosterkirche St. Michael.

Schmucker Speisesaal: Das barocke Refektorium

Klostergarten und Jakobsweg

Am Abend beten einige Schwestern gern in der Stille des Klostergartens. Dieses duftende Refugium mit seinen zahllosen Heilpflanzen und dem großen Kräutergarten ist auch ein Lieblingsplatz der Gäste, die dort ein wenig Gartenarbeit verrichten.

Ein Spruch auf einer Schiefertafel nahe einer majestätischen Königskerze motiviert sie vielleicht besonders, die Kloster-Auszeit gut zu nutzen: „Tue deiner Seele Gutes, damit sie Lust hat, in dir zu leben!“

Um dem Körper Gutes zu tun, bietet sich ebenfalls reichlich Gelegenheit: Das nur wenige Kilometer von Zell am Main entfernte Würzburg ist Schnittpunkt des fränkisch-schwäbischen mit dem unterfränkischen Jakobsweg. In der alten Bischofsstadt sollten Auszeit-Gäste natürlich auch unbedingt die Residenz besuchen, Balthasar Neumanns monumentales Hauptwerk. In der Stille des Klosters Oberzell werden sie dann viele Details von Meisterhand wiedererkennen.

Die Orgel-Front wurde um 1714 von Johann Hoffmann gebaut

... in fränkischen Klöstern

Kloster Schwarzenberg
In der ländlichen Idylle des südlichen Steigerwalds bietet das Bildungshaus der Franziskaner-Minoriten ein breit gestreutes Programm von rund 200 Kursen und Seminaren im Jahr an, vom gemeinsamen Fasten über Lebenskundliches bis hin zu Kreativ-Angeboten.

Montanahaus Bamberg
Auf dem Stephansberg, einem der sieben Hügel Bambergs am Rande der Altstadt, kann man bei den Dillinger Franziskanerinnen Tage der Ruhe und Besinnung verbringen, auf Wunsch mit persönlicher Begleitung.

Abtei Münsterschwarzach
Imposant über fränkischem Weinland thronend bildet die Abtei der Missionsbenediktiner mit rund hundert Brüdern den Rahmen für geistliche Kursangebote, Lebensorientierung und Exerzitien, auch die Mitarbeit in den Klosterbetrieben ist möglich.

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