Oberjochpass: Zehn Spitzkehren und 106 Kurven auf 20 Kilometern
Roadbook

Alles im grünen Bereich

Das Allgäu steht für sattgrünen Weiden, sanft gewellte Hügel und kurvige Landsträßchen vor der grandiosen Silhouette der Alpen. Wir kurvten in einer Heckflosse von 1963 durch das Idyll zwischen Eglofs, Oberjoch-Pass und Balderschwang. Text und Fotos: Frank Heuer

Allgäus Kurven im Vintage-Daimler

Mittendrin im Allgäuer Niemandsland. Ein schmales Asphaltband zwischen Eglofs und Unterreute führt durch grüne Wiesen und vorbei an urigen, holzvertäfelten Bauernhöfen hinter knallig-bunter Geranienpracht. Dazu viel wiederkäuendes und grasendes Allgäuer Braunvieh, klein, robust und kräftig.

Wir rollen durch eine Kulturlandschaft, die auf ihre ureigene Art und Weise entschleunigt. Die Heckflosse gurgelt unterdessen beruhigend im unteren Drehzahlbereich vor sich hin, während wir das Alpenpanorama in uns aufsaugen.

 

Kühe, Weide, Gehöft und die blaue Heckflosse bei Missen-Wilhams

Allgäu-Setting in Perfektion: Kühe, Weiden, ein Gehöft und die blaue Heckflosse

Super hygge Hügel

Den Gletschern der Eiszeit und ihren Endmoränen verdankt das Allgäu die runden Hügel, die von Seen und Bachläufen garniert sind – und einem gewissen Karl Hirnbein die prägende Weidewirtschaft, die aus dem blauen das grüne Allgäu mit vielen Alpen und Käsereien machte. Zuvor verdienten die Allgäuer ihr hartes Brot durch den harten Flachsanbau, der immer weniger brachte.


Wer die Einsamkeit liebt, ist im Allgäu gut aufgehoben. „Lieber zurückgezogen als ganz vorn in der ersten Reihe“, so das Credo von Hotelier Josef Ellgass, bei dem wir uns einquartieren.

„Wenn sich in den Städten die Menschen drängen, bleibt es in Eglofs selbst im Hochsommer weitgehend ruhig und entspannt.“ Das architektonisch so schöne wie interessante Hotel hat den Sprung in die traditionell geprägte Moderne vollzogen.

 

Das grüne Allgäu war früher blau

Eglofs: Klein, aber fein

Nach der vorherigen Erkundung der belebten Wangener Altstadt mit ihren Fassaden, Türmen und Brunnen fühlen wir uns in Eglofs um zwei Meta-Ebenen hochgebeamt. Abstand zu wahren ist ziemlich einfach.

Wir genießen die letzten Sonnenstrahlen auf dem ruhigen Dorfplatz gemeinsam mit einer Handvoll Wanderern bei Allgäuer Bier. Dann folgen wir dem Ruf der zugehörigen Hofwirtschaft, wo wir mit zartem Zwiebelrostbraten vom genfrei gefütterten Rind und knackigen Salaten aus der bäuerlichen Nachbarschaft verwöhnt werden.

Nach der belebten Wangener Altstadt mit ihren Fassaden, Türmen und Brunnen fühlen wir uns in Eglofs um zwei Meta-Ebenen hochgebeamt. Und genügend Abstand zu wahren ist ziemlich einfach. Wir genießen die letzten Sonnenstrahlen auf dem ruhigen Dorfplatz gemeinsam mit einer Handvoll Wanderern bei Allgäuer Bier.

Dann folgen wir dem Ruf der Ellgass’schen Hofwirtschaft, wo wir mit zartem Zwiebelrostbraten vom genfrei gefütterten Rind und knackigen Salaten aus der bäuerlichen Nachbarschaft verwöhnt werden.

Analog und unplugged

Im Juli beanspruchen viele Eidgenossen das Allgäu für sich. Es ist eine nahe gelegene und bezahlbare Sommerfrische. Entspannter ist es im goldenen September, wenn die Gästezahlen sinken und immer noch genügend Sonne vom wolkenlosen Himmel strahlt.

Wir rollen am folgenden Morgen sehr früh guter Dinge weiter nach Südosten, ohne Ziel, ohne Zeit. Die Fenster der 1960er-Limousine sind weit ge­öffnet, damit der von frisch gemähten Wiesen und ätherischem Nadelholz geprägte Wind ins Innere des Mercedes-Benz pusten kann.

Die Heckflosse, einst beliebtes Statussymbol der Unternehmerklasse, erweist sich nicht nur dank Vier-Gang-Lenkradschaltung als ein angenehmer Reisebegleiter. Zwar knirscht der Erste manchmal mit den Zähnen, dafür flutscht der Zweite wie Butter und der Dritte entpuppt sich als perfekter Allrounder für die Allgäuer Hügelketten. Und im Parkhaus rückwärts einparken ist dank der „Peilstege“ am Ende des Wagens kinderleicht.

 

 

Holzschindelfassade in Aach im Allgaeu

Schindelschick und 1960er-Blau

Kühles Bier und kühler See

Die ST 2006 bringt uns zur charmant verschlafenen Ortschaft Missen-Wilhams, wo wir die kleine Bierbrauerei Schäffler besuchen. Max Kuhn organisiert eine Tour durch die geheimnisvolle Welt aus kupfernen Gärtanks und eiskalten Lagerkellern.

„Die fehlerhaft abgefüllten Flaschen werden bei uns betriebsintern entsorgt, zum Feierabend“, grinst Max verschmitzt. Der Exportradius des beliebten Gebräus reicht nicht über das Allgäu hinaus. „Sonst könnten wir die Qualität nicht halten,“ so Max.

Was für ein Panorama!

Die Bergstätter Straße schraubt sich in die Höhe und mündet in eine der wohl schönsten Hochpanoramastraßen des Alpenvorlands. Vor unserer in Edelholz gefassten Windschutzscheibe huschen einsame Weiler vorbei. Börlas, Diepolz, Stoffels, Niedersonthofen. Unaufgeregte Dörfer, die außer den Ansässigen kaum einer kennt. Dazwischen einsam gelegene Gehöfte, die alle der unverschämt schöne Blick auf die Berge eint.

Glücksgefühl stellt sich bei Petersthal ein, wo zwischen grün bewaldeten Hügeln und Bergsilhouetten der Rottachsee wartet. Ein Sprung ins kühle Nass und die Nachmittagshitze lässt sich besser aushalten. Eine Klimaanlage war 1963 für die typischen Klienten der „Flosse“, Fabrikanten und Firmenchefs, kein Thema. Uns gefällt der senkrechte Walzentachometer, auch bekannt als Fieber-Thermometer-Tacho.

Oberjochpass: Zehn Spitzkehren und 106 Kurven auf 20 Kilometern

Ein Höhepunkt der Deutschen Alpenstraße ist der Oberjochpass: Zehn Spitzkehren, 106 Kurven auf 20 Kilometern

Jochpass: Bayerns Kurvenstar

Blick vom Tacho heißt es dann. Wir blicken über den Stern auf dem verchromten Kühlergrill hinweg auf die Landstraße in Richtung Oy. Von dort geht es auf der B 310 stets bergauf zu Deutschlands höchstgelegenem Bergdorf auf 1.136 Meter Höhe.

Oberjoch ist eine Ansammlung von Hotels, Sportgeschäften und Liftanlagen. Genusswanderer kehren am späten Nachmittag von Tagestouren zurück, bevölkern die Café-Terrassen. Wir versinken schnell wieder in den tiefen, blauen Ledersitzen unseres „Daimler“.

Die folgende Etappe führt durch ein Labyrinth stämmiger Tannen, Fichten und Bergahornbäume. Der Jochpass zählt 106 Kurven auf 6,4 Kilometern und gilt als kurvenreichste Straße Deutschlands - und ist einer der Höhepunkte der Deutschen Alpenstraße.

Geschmeidig gleiten wir auf der waghalsigen Bergrennstrecke 400 Höhenmeter nach Bad Hindelang hinab. Nicht ohne insgeheim den Ingenieuren aus Sindelfingen für die solide Bremskraft der betagten Heckflosse zu danken.

Schön geradeaus bei Balderschwang, der zweitkleinsten Gemeinde in Bayern

Schön geradeaus bei Balderschwang, der zweitkleinsten Gemeinde in Bayern

Da lang in Hindelang

Hindelangs historischer Ortskern drängt sich eng verschachtelt um seinen Kirchturm. Prinzregent Luitpold, ab Mitte des 19. Jahrhundert Jagdherr in diesem Städtchen, erbaute 1863 auf einer Anhöhe ein prächtiges Jugendstil-Palais, in dessen historischen Gemäuern heute ein Hotel mit prachtvollem Talblick residiert.

Die dezent mit Chrom glänzende Heckflosse passt perfekt zum Ambiente der königlichen Residenz. 1900 ernannte Luitpold, Nachfolger des im Starnberger See ertrunkenen Bayernkönigs Ludwig II., Hindelang zum heilklimatischen Bade- und Kurort.

Schön Kneippen lässt es sich im Naturbad „Prinze-Gumpe“. Frisches Berg­quellwasser sprudelt in ein von den Ortsbewohnern angelegtes Bergbad. Dazu kommen für Kneipp-Fans eine Wassertretanlage und ein Armbecken.

Die Allgäuer Tüftler haben dafür gesorgt, dass sich das Wasser des Teichs selbst reinigt. Ergänzend fließt Wasser aus dem Gebirgsbach dazu, das über die Bodensteinplatten von der Sonne erwärmt wird.

 

Eine Landstraße, die ihren Namen verdient

Eine Landstraße, die ihren Namen verdient

Auf zum Riedbergpass

In der Biosennerei Obere Mühle blicken wir Käsemeister Arturo Chiriboga am folgenden Morgen bei der Käseherstellung über die Schulter. Im Kessel wird gerade die eingedickte Milch mit der Harfe gebrochen, damit der sogenannte Käsebruch entsteht. Besonders schmackhaft finden wir den Dreimilchkäse aus Milch von Schaf, Ziege und Kuh.

Fürs spätere Picknick käsetechnisch bestens ausgestattet fahren wir über Sonthofen nach Ofterschwang. Fahrgenuss pur. Begleitet vom sonoren Schnurren des Sechszylinders erobern wir den Riedbergpass. Deutschlands höchste Passstraße schlängelt sich in weiten Schleifen auf 1.407 Meter hinauf. Das und die weitere Passage durch das Balderschwanger Hochtal sind die Höhepunkte des Tags.

Durchs Balderschwanger Hochtal

Dann erreichen wir Lindenberg. Die bayerische Stadt mit den meisten Sonnenstunden besticht durch ihre Lage auf einem Hochplateau. Gekrönt mit Fernblick und anmutigem Waldsee vereint das Städtchen alle Allgäuer Vorzüge in sich.

Nirgendwo sonst ist die gefühlte Dichte an Biosennereien größer als im Nachbarort Scheidegg. „Die Grundversorgung isch jedafalls g‘sichert“, so Verkäuferin Angelika Herrmann in der Dorfsennerei Böserscheidegg. Saftige Wiesenkräuter und würziges Heu bestimmen die Käsearomen. Gut, dass im großzügig bemessenen Kofferraum noch eine Kühltasche Käseglück Platz findet!

Infos und mehr Urlaubsideen fürs Allgäu

Infos zu den Etappen der Deutschen Alpenstraße

 

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