Herrlich historisch: Mit dem Rad von Passau nach Burghausen, entlang des Inn. Burgen, Schlösser und Ruinen, traumhafte Ausblicke und finstere Verließe
Radtour von Burghausen nach Passau: Burgen, Schlösser und Ruinen
Düster wird’s! Draußen über Passau strahlt an diesem heißen Augusttag heiter die Sommersonne, doch nur funzliges Tageslicht schafft es durch das grüne Butzenglas ins Innere des Raums. Kalt ist es außerdem. 15 Grad, mehr hat’s nicht zwischen den dicken, dunklen Mauern.
Schleichend, aber konsequent kriecht die frostig-fahle Grundstimmung ins Gemüt. Die Atmosphäre? Depri. Wie mag es sich hier in einer kalten Winternacht angefühlt haben? Und das ganze Leben lang hier drin, nicht nur wie wir gerade mal fünf Minuten. Welch dystopischer Albtraum!
Dieser Ort der Sinne ist der wohl eindrücklichste Raum im Museum der Passauer Veste Oberhaus. Wo man sieht und fühlt, wie die Menschen im Mittelalter wohnten, fernab jeglicher Burgromantik. Dass der Abort hinten im Eck keine authentische Geruchsnote verströmt, sei den Kuratoren der Ausstellung gern verziehen.
Der Besuch der Veste hoch über Passau ist das erste Highlight auf unserer mittelalterlichen Radtour durch Ostbayern, entlang des Inn von Burg zu Burg, von Passau nach Burghausen und mitten durch die Geschichte.
Die Veste Oberhaus blickt auf eine recht lange Geschichte zurück. Vor über 800 Jahren legte Passaus Fürstbischof die Burg als Residenz an. Heute ist die Veste eine der großen Attraktionen Passaus.
Wer sich beim Besuch Zeit nimmt, erfährt ganz genau, wie hier mit der kleinen Georgskapelle alles seinen Anfang nahm – in dem Kircherl mit seinen vielen Fresken und der imposanten Akustik, das noch immer Schauplatz kleiner Kammerkonzerte ist.
Und wie im Lauf der Jahrhunderte die Burg Stück für Stück zu einer gewaltigen Festung erweitert wurde und in der Renaissance große Fenster und wärmende Kachelöfen bekam. Dann war’s nicht mehr ganz so kalt und dunkel.
Energie tanken auf der Batterie
Die Batterie Linde ist eine einstige, von Wehrmauern umringte Geschützplattform am Ostende von Oberhaus. Von dort hatten die Kanoniere die heranrückende Feindschaft bestens im Visier. Heute ist die Batterie eine prachtvolle Aussichtsterrasse mit Blick auf Passaus Altstadt und den Zusammenfluss von Donau, Ilz und Inn. Und ein Ort, um die Akkus nach so viel Mittelalter-Schwermut wieder aufzuladen.
Wir schwingen uns auf die Räder und verlassen die Veste, die als eine der am besten erhaltenen Burganlagen in ganz Europa gilt – was man von unserem nächsten Etappenziel wahrlich nicht behaupten kann: der Burgruine Hals.
Hals, der Ortsteil in Passaus Norden, ist ein eigenes Dorf in der Stadt. Dort dreht die Ilz auf ihren letzten Kilometern als Bonus-Loop noch eine Extra-Schleife, als wolle sie die Mündung in die Donau ein wenig hinauszögern. In Hals lebte Franz Lehár einige Zeit und komponierte seine erste Operette, wie ein Schild an einer Hauswand verrät.
Aus dem Pott nach Passau: Der Guide in der Ruine
Matthias Koopmann erwartet uns am Marktplatz zu einer ganz besonderen Tour. Der 60-Jährige ist Archäologe und Kunsthistoriker, 1995 zog es ihn nach Passau. Dass er aus dem Ruhrpott stammt, hört man ihm auch nach einem halben Leben im niederbayerischen Exil noch deutlich an.
Auf seinen gut gebuchten „Stadtfuchs-Touren“ führt er Gäste durch die Passauer Geschichte wie nun zur Burg Hals – wenngleich es zunächst erstaunt, als er zu Beginn erklärt, die Ruinen-Tour dauere 150 Minuten. Zweieinhalb Stunden?
Was bitte, fragt man sich, gibt es über einen Haufen zugewachsener Steintrümmer so lange zu erzählen? Die Antwort: Sehr viel. Von der ungarischen Königin, die dort einmal residierte, bis zur Entführung des Bamberger Bischofs, den sie dort gefangen hielten.
Hals war die viertgrößte Burg in Niederbayern, erzählt Koopmann. Sie reichte entlang des schmalen Felssporns bis runter in den Ort. Ständig wechselten die Besitzer, bis sich dann die Wittelsbacher als Platzhirsche alles unter den Nagel rissen.
Eroberer mussten von unten, von der Ilz nacheinander acht Festungstore überwinden, um den Herrschaftssitz ganz oben zu erreichen. Kein Wunder, dass sich manche Eroberer hier die Zähne ausbissen oder es gar nicht erst versuchten. Wäre die Erstürmung der Burg eine Reality Game Show gewesen, hätte diese vermutlich Ultimate Castle Challenge geheißen.
Nach fast drei Stunden hoch droben im finsteren Verließ – mit einem Hauch von Sonnenlicht durch das kleine Loch in der Felsendecke – ist die Tour zu Ende. Das war einer der faszinierendsten Exkurse während unserer Radreise, weil Guide Koopmann sein Wissen zur Geschichte so anschaulich und eindrücklich vermittelte. Auch das ist die große Kunst eines Historikers.
Auf dem Rad geht es am zweiten Tag den Inn entlang nach Süden. Zunächst am Westufer des Grenzflusses, auf der bayerischen Seite, bis zum Kraftwerk Ingling, dem letzten der sechzehn Kraftwerke, die zwischen Kufstein und der Donaumündung den Fluss regulieren.
Vom Staudamm ein letzter Blick zurück, in der Ferne die Veste Oberhaus: Gut zu sehen ist der Zwiebelturm der Georgskapelle, der über die Burgmauer herausspitzt.
Ein bunter Mix der Kunstepochen
Das nächste Etappenziel der Radritter vom Inn: Schloss Neuburg, die Burg hoch über dem Fluss. Ein bemerkenswerter Bau mit bald 1.000 Jahren Geschichte und einem lustig-bunten Potpourri der unterschiedlichsten Baustile. Gotisch die Kapelle, Renaissance das Portal am Einlass zu den Schönen Sälen, im barocken Stil der Garten samt Pavillon und Muschelgrotte. Ein kleines Best-of.
Neuburg war auch für die Geschichte Europas ein wegweisender Ort. Das lag an Leopold I. Schon zweimal verwitwet hatte der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches noch immer keinen männlichen Nachkommen. Den aber brauchte es, um den Bestand der Habsburger-Dynastie zu sichern. Andere Fürsten im Reich scharrten schon freudig mit den Hufen, sahen sich und ihre Sippe bereits als die neuen Herrscher.
Dann aber heiratete der Poldi im Jahr 1676 Eleonore von Pfalz-Neuburg, die dadurch zur römisch-deutschen Kaiserin wurde. Und die beiden feierten auf dem Schloss von Neuburg am Inn eine pompöse Hochzeitsparty, samt Livemusik und Feuerwerk. Das Paar bekam zehn Kinder, darunter die späteren Kaiser Joseph I. und Karl VI. Und eine ihrer vierzehn Enkelinnen war Maria Theresia.
Zu Brotzeit, Kuchen und zu Hubert, dem Hausbrenner
Nach all der geballten Historie geht es wieder in den Sattel und weiter nach Süden, mit einigen Zwischenstopps zur wohlverdienten Stärkung. Zuerst bei der wunderbaren Dorfbäckerei der Familie Donaubauer in Vornbach. Deren herzhafte Brotzeitbrettl, feine Kuchen und Torten genießt man am besten im schattigen Garten des Cafés.
Flussaufwärts in Neuhaus der nächste Stopp im Hofladen von Gabi Hameldinger. In dritter Generation führt sie ihren Familienbetrieb, fünfzehn unterschiedliche Apfelsorten baut sie an, darunter Elstar und Braeburn, Topaz und Mairac.
Noch mal 20 Kilometer weiter, am Ortsrand von Bad Füssing kurze Pause bei Hubert und Tanja Rothbauer. Unter dem gewaltigen Kastanienbaum des „Voglbauer Hofs“, direkt neben den Streuobstwiesen, gibt es von Mittwoch bis Samstag kleine Schmankerl: Magentratzerl und Kuchen, dazu hausgemachten Most und auf Wunsch Höherprozentiges.
Hubert ist zertifizierter Edelbrandsommelier mit eigener Hausbrennerei. Dort entstehen Blutwurz, Zirbenschnaps und natürlich die Spezialitäten des Hauses, der „InnGin“ und der „WahnsInns Absinth“. Beide sind benannt nach dem Fluss, der gerade mal 200 Meter weiter vorbeifließt und an dem entlang nun die finale Schlussetappe ansteht.
Die wuchtige Burg über Burghausen ist das Ziel. Mit ihrer Ausdehnung von mehr als einem Kilometer vom „Guinness Buch der Rekorde“ zur offiziell längsten Burg der Welt gekürt.
Das 3-D-Ritterturnier auf der Videowall
Vom Radparkplatz am Nordeingang schreiten wir durch jeden einzelnen der fünf Vorhöfe – und treffen in der Hauptburg, dem Zentralbau am Südende der Anlage, auf Robin von Taeuffenbach.
Der Historiker ist als Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Stadtmuseums einer der prägenden Gestalter der Ausstellungen in den Burgmauern, vor allem zum Leben auf der Burg im Spätmittelalter.
Ob man selbst in Gewänder von damals schlüpft, alte Brettspiele ausprobiert oder sich mit Helm und echter Lanze in ein 3-D-Ritterturnier wagt und den Widersacher auf der Videowall vom Pferd stößt – dies ist ein Ort, an dem das Mittelalter auch für Kinder zum echten Erlebnis wird und der 2025 zu Recht mit dem Bayerischen Museumspreis prämiert wurde.
Auch dank von Taeuffenbachs Expertise. Weil er weiß, wie’s damals wirklich zuging. Schließlich beschäftigte sich der Historiker auch viel mit der falschen Darstellung des Mittelalters in Filmen und Serien.
Wie sich das romantische Mittelalterbild aus dem 19. Jahrhundert zuletzt in ein Klischee von Armut, Not und Dreck wandelte. So schrieb von Taueffenbach auch seine Master-Arbeit unter dem Titel „Schmutz, Elend und Gewalt“ über die „mediale Retrodystopie“ des Mittelalters.
Lange sprechen wir noch über Wahrheit und Fiktion in Serien wie „Game of Thrones“ oder „King & Conqueror“ auf BBC, bevor wir uns nach dem Abschied noch auf ein Bankerl setzen. Mit Blick auf die Burg und runter auf den Wöhrsee, den bei den Burghausern so beliebten Badesee.
Und zu all dem eben Gehörten kommt da in der herrlichen Abendsonne neben der Vorfreude auf den Sprung ins Wasser der Gedanke, dass an den pauschal vermitteln Stereotypen sicher vieles überzeichnet ist. Aber wenn man zurückdenkt an den Raum der Sinne, ganz am Anfang auf der Veste Oberhaus: Ein wenig ungemütlich war die Zeit dann ja wohl doch.