Lindauer Marionettenoper: Patrick und Bernhard Leismüller
Kunst am seidenen Faden

Bernhard Leismüller lädt in Lindau zur Marionettenoper und lässt die Puppen tanzen. Selbst gemacht und virtuos gespielt bekommen Carmen, Tamino und Papageno, der Barbier von Sevilla und 500 andere Figuren tobenden Applaus. Text: Angelika Jakob, Fotos: Angelika Jakob und Christian Flemming

Lesezeit: 10 Minuten

Lindauer Marionettenoper

Bärtige Schlapphuträuber und aufgerüschte Prinzessinnen, ein Sultan in einem Schlafrock aus Brokat, der Bauer als gemütliches Schlitzohr mit Wanst, Bösewichter, die böse aussehen – wo gibt es das noch? In Lindau! Die klassische Marionettenoper von Bernhard Leismüller hat etwas wunderbar Altmodisches, ist opulent und schämt sich kein bisschen für Klischees. Im Gegenteil.

Kleine, hölzerne Menschen, viel ausdrucksvoller als echte und nicht von lästiger Schwerkraft behindert, schweben und hüpfen durch Kulissen wie Puppenstuben. Sie erzählen Geschichten von Rettung und Verrat, Liebe und Kummer, Intrige und Anstand. Am Ende siegt das Gute. Immer. Kinder und Erwachsene schwelgen dabei ein, zwei Stunden in einer überschaubaren, märchenhaften Welt.

Von Mozart verzaubert

Ein, zwei Stunden? Dem kleinen Bernhard Leismüller aus Reichertshofen bei Bad Tölz genügt das nicht. In jeder freien Minute hängt er in der Tölzer Marionettenbühne ab, heute noch eine der traditionsreichsten Spielstätten. Der Bauernbub, der gern Schuhplattler tanzt und Volksmusik hört, hat sich von einer Opernaufführung verzaubern lassen. „Zum elften Geburtstag schenkten mir meine Eltern eine Karte für die Mozart-Oper ,Die Entführung aus dem Serail‘. Von da an war es um mich geschehen,“ erzählt Leismüller, inzwischen Mitte 40.

Lindauer Marionettenoper: Osmin und Blonde

Beharrlichkeit siegt

Sein Leben für die Marionetten könnte man als Märchen auf die Bühne bringen. Hingerissen von Arien und Ouvertüren, Theaterluft und der kleinen, heilen Welt der Puppen lässt sich der Elfjährige vom Ensemble in Bad Tölz nicht abweisen, bis er endlich mitspielen darf.

„Ein Helfer war ausgefallen, ich durfte einspringen und beim ‚Räuber Bim‘ Requisiten über die Bühne ziehen, ein Auto zum Beispiel. Ich habe nicht mal geatmet vor Aufregung“, erinnert sich Leismüller. „Mit 13 habe ich meine erste Marionette gebaut, in einem Kurs an der Volkshochschule.“ Der Urgroßvater war Holzbildhauer, der Großvater ein handwerkliches Allroundtalent. Nähen lernte Bernhard bei der Mutter, sie konnte einfach alles.

Puppenbauer Bernhard Leismüller in seiner Werkstatt

Er will nur spielen!

„Ich wollte immer nur spielen, bin dann aber Florist geworden, die Tölzer waren ja eine Laienbühne, da konnte ich kein Geld verdienen“, so Leismüller. Aber er will doch Puppentheater machen! Opern aufführen!

Also schreibt er ein Konzept für eine Marionettenbühne und schickt es an ein paar hübsche Kleinstädte in Bayern. Lindau lädt ihn ein. Im Kulturamt sitzt ein Opernfan, der stellt dem 21 Jahre jungen Leismüller die ehemalige Kapelle im Stadttheater zur Verfügung.

Leismüller ist Regisseur, Puppenbauer, Bühnenbildner und Puppen-spieler

Die folgenden zwei Jahre werden wahnsinnig aufregend: halbtags Blumenladen, die übrige Zeit Puppen und Kulissen bauen, Mitspieler suchen und ausbilden, Verhandlungen führen. Mit 23 ist er am Ziel: Er eröffnet das Theater – kein Zufall! – mit der „Entführung aus dem Serail“.

Seitdem ist Leismüller Impresario, Regisseur, Puppenbauer, Schneider, Bühnenbildner, Puppenspieler – kurz: Er ist die Marionettenoper. Ehemann Patrick kümmert sich um die Werbung. Er macht die dreijährige Ausbildung zum Puppenspieler, als die beiden sich kennenlernen.

Drama im Guckkasten

„Welcher Wechsel herrscht in meiner Seele“ und „Traurigkeit ward mir zum Lose“, dazu Dur-Moll-Wechsel und Anklänge an türkische Musik, hach, eine entführte Prinzessin, ein im Herzen doch irgendwie guter Sultan – all das spielt sich in der von einem bombastischen roten Samtvorhang umrahmten Bühne ab.

Das Publikum hat vergessen, dass es nur Holzköpfe sind, die da leiden und weinen. Wieder wird die Mozart-Oper gegeben, die ihn schon als Elfjährigen verzaubert hat. Die musikalische Aufnahme ist aus den 80er-Jahren. Leismüller wählt gerne ältere Einspielungen aus, die haben ihren eigenen Charme und kosten keine Gema-Gebühren.

Bis zu 14 Spieler im Einsatz

Bis zu vierzehn Spieler und Spielerinnen (davon vier hauptberuflich) stehen auf der Brücke über der Bühne und lassen die Puppen tanzen oder warten an den Seiten darauf, den Marionetten vor ihren Auftritten Requisiten abzunehmen oder neue an ihnen zu befestigen: der Dienerin eine Suppenschüssel, dem Entführer einen Säbel, dem Retter einen Umhang.

Die größte Angst jedes Puppenspielers? Dass sich die feinen Fäden verheddern

Cool bleiben, immer cool bleiben

An hölzernen Spielkreuzen mit jeweils mindestens einem Dutzend Fäden hängen die Schicksale im Palast des Sultans. Nach vorn gebeugt, mit ausgestreckten Armen bewegen die Spieler mittels der Spielkreuze Köpfe, Hände, Beine der Menschlein auf der Bühne, sie müssen bedenken, dass ihre Bewegungen durch die etwa zwei Meter langen Nylonfäden mit Verzögerung weitergegeben werden. Damit die Prinzessin also nicht zu spät in die Arme ihres Geliebten sinkt, muss oben auf der Brücke präzises Timing herrschen.

Die größte Angst jedes Puppenspielers? Das Verheddern der Fäden. „Passiert immer wieder“, so Leismüller, „man darf dann unter keinen Umständen in Panik verfallen. Die Szene solle man so gut wie möglich zu Ende spielen. Die Zuschauer wissen ja nicht, wie es richtig sein soll, dann hebt die Figur halt nicht den Arm oder sie hinkt, je nachdem, welche Schnüre sich verwirrt haben.“

Lindauer Marionettenoper: Puppenlager

Die fünffache Carmen

Gut 450 Charaktere hängen, den jeweiligen Stücken des Repertoires zugeordnet, im Arbeitsraum hinter der Bühne, alle von Leismüller gebaut und eingekleidet. Für manche Rollen werden mehrere Puppen benötigt, denn Umziehen geht natürlich nicht, schon wegen der Fäden. Carmen ist am aufwendigsten, sie tritt in fünf verschiedenen Kostümen auf.

Das Festgewand hat Leismüller besonders viel Spaß gemacht, er hat Miniaturkastagnetten gebastelt, der Rock hängt an eigenen Fäden, damit er beim Tanzen schön hochfliegen kann.

„Unser Schnitzer überzeichnet die Figuren, die Köpfe und die Augen sind proportional größer als der Körper. Auch in der letzten Reihe sollen die Zuschauer noch gut erkennen, wer gerade agiert“, erklärt der Theatermacher die bunte Truppe.

Patrick, Bernhard und die übrigen Spieler und Helfer suchen die Darsteller für das Serail zusammen: den Edelmann, die Zofe in weißer Schürze, den dummen Haremswächter, den Sultan und Konstanze im rosa Rüschenkleid. In Lindau spaziert kein Sänger in moderner Straßenkleidung auf die Bühne, auch die Möbel in der Kulisse entsprechen dem Zeitgeschmack.

Lindauer Marionettenoper: Puppenspieler
Lindauer Marionettenoper: Die Entführug aus dem Serail

Die auf der Brücke sieht man nicht

Erster Aufzug: Es ist stockdunkel und still auf der Spielerbrücke, vier Hände tanzen im Scheinwerferlicht. Sie bewegen den spanischen Edelmann und den Haremswächter. Die Zuschauer lauschen Tenor und Bass, bald werden sie vergessen haben, dass auf der Brücke Menschen stehen, die die Darsteller lenken.

Spätestens, wenn Konstanze im zweiten Aufzug ihre Arie singt, wird sich Leismüller auf der Brücke an die Faszination erinnern, die ihn als Kind an dieser Stelle gepackt hat.

„Traurigkeit ward mir zum Lose, weil ich dir entrissen bin, gleich der wurmzernagten Rose … welkt mein banges Leben hin …“, hebt sie verzweifelt ihre Arme, läuft auf und ab, schlägt die Hände vors Gesicht. Man könnte meinen, die Arie käme aus ihrem Mund. Die Illusion ist perfekt.

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