Szene aus
So ein Theater!

In Maßbach, einem kleinen fränkischen Ort fernab der großen Welt, gibt es seit den 1960ern das Theater Schloss Maßbach. Ein Haus, dessen Entstehungs- und Familiengeschichte literarischen Stoff für die Ewigkeit bietet. Wir sahen uns das Gesamtkunstwerk an. Text: Christiane Mühlfeld, Fotos: Bernhard Huber

Lesezeit: 12 Minuten

Besuch im Landestheater Maßbach

An diesem Frühlingstag kleidet sich das Land ringsum in Grün und Weiß. Die Luft ist lau und duftet nach Scheinakazien. Die Sonne wärmt von einem blauen Himmel und überhaupt legt der fränkische Lenz eine großartige Vorstellung hin.

Die Szenerie verlangt nach Applaus. Sie passt zu dem, was auf dem grünen Hügel von Maßbach passiert. Das Ensemble des berühmten Schlosstheaters steckt an diesem Tag knietief in den Endproben und wünscht sich vom nächsten Tag nur eines: eine großartige Premiere.

Theatersaal des Landestheater Maßbach

Voller Wärme und pittoresk

Macht man sich auf den Weg hinauf zum Schloss, kündet ein Banner den bevorstehenden Abend an. Ein Sommerstück, schwungvoll, voller Witz, Melancholie und Wärme, bestens geeignet, um später im Jahr bei stabilen Temperaturen auf der baumumrandeten Freilichtbühne aufgeführt zu werden. Eine Kulisse, so prächtig und pittoresk, dass das Herz eines jeden Besuchers einfach höherschlagen muss!

Die Schauspieler proben und spielen nicht nur unter einem Dach, sie wohnen dort auch gemeinsam

Von Anfang an war das so gedacht: Einen schönen Ort wollten sie haben, erzählt Anne Maar, die Leiterin des Theaters, über dessen Gründer, Lena Hutter und Oskar Ballhaus, deren Enkelin sie ist. Aber eben nicht nur schön, sondern auch weitläufig genug, um sowohl eine Bühne samt Zuschauerraum als auch Büros und Werkstätten wie Schneiderei, Requisite, Bühnenbildnerei und eine Küche darin unterzubringen.

Ganz im Vordergrund jedoch stand damals – so wie heute noch – ein außergewöhnlicher Gedanke: „Arbeiten aus dem Geiste der Gemeinschaft.“ Was das konkret bedeutet, erklärt Maar sogleich: Arbeit und Leben verlaufen nicht getrennt. Die Schauspieler proben und spielen nicht nur unter einem Dach, sie wohnen auch gemeinsam darunter. Teamarbeit, die so intensiv wie möglich ist, soll daraus resultieren. Ein Zusammenspiel auf der Bühne, dessen Intensität für den Zuschauer sicht- und spürbar ist.

Anne Maar, Leiterin des Fränkischen Landestheater Maßbach in Unterfranken
Schauspielerin Anna Schindlbeck

Von der Leidenschaft getrieben

Die Leidenschaft, mit der vor fast 80 Jahren dieses Konzept ins Leben gerufen wurde, ist nicht schwer zu erahnen. Zwei junge, das Theater liebende Menschen, ja vielleicht sogar Getriebene, die das ganz Besondere wollten und auch bereit waren, dafür zu kämpfen. Doch bis es schließlich so weit war und das Schloss in Maßbach zur endgültigen Heimat des Ensembles wurde, war es ein langer Weg.

Er begann 1946 im 60 Kilometer entfernten Coburg, wo die beiden aus Berlin stammenden jungen Mimen Lena Hutter und Oskar Ballhaus die erste Schauspielgruppe um sich scharten.

Zwei Jahre später übersiedelten alle ins Schloss nach Wetzhausen. In diesem trutzigen Schloss, mitten in einem weihergesäumten Idyll, gab es nicht nur zum ersten Mal Platz genug, um die Idee vom „Arbeiten in der Gemeinschaft“ zu verwirklichen.

Dort wurde auch Michael Ballhaus geboren, der in die künstlerischen Fußstapfen seiner hochtalentierten Eltern treten und als berühmter Kameramann in Hollywood Weltkarriere machen sollte.

Das „Fränkische Theater“ entstand und gedieh. Bald schon fand sich dort regelmäßig ein begeistertes Publikum ein. Die künstlerische Leistung überzeugte zwei Jahre später die Zuständigen des Bayerischen Kultusministeriums, sodass das Theater von nun an als subventionswürdig galt. In aller Unermüdlichkeit ging es schließlich weiter: Man gastierte an immer neuen Spielorten und gewann auf diese Weise ein stetig größer werdendes Publikum, bis man 1960 im Schloss von Maßbach die schöne und vor allem finale Heimat fand, nach der man so lange gesucht hatte.

Blick hinter die Theaterkulissen

Mit Entschlossenheit und Liebe

Was sich heute so einfach liest, als hätte damals ein Rädchen mühelos ins andere gegriffen, muss in Wirklichkeit ein unbändiger Aufwand an Kraft, Willen, Durchhaltevermögen, Entschlossenheit und sehr viel Liebe gewesen sein. Gepaart mit einem unerschütterlichen Glauben an das, was man tat.

Dieser Geist ist bis heute spürbar. Das Emsige, das ineinander Verzahnte, die vielsagende Vertrautheit miteinander – sie begegnet einem überall, egal, wohin Anne Maar einen treppauf, treppab mit langen Schritten führt. Sei es zwischen den Angestellten in den Werkstätten, unter den Schauspielern in der Garderobe oder während der Generalprobe im Bühnenraum.

Während der obligatorischen Zigarettenpausen auf der sonnengewärmten Terrasse ist die Stimmung trotz Generalprobe und bevorstehender Premiere entspannt und heiter. Ohnehin spürt man unter den Schauspielern mehr kribbelnde Vorfreude als Nervosität oder Lampenfieber. Vielmehr steht deutlich eines im Raum: Sie wollen raus, endlich spielen, endlich zeigen, wofür sie über Wochen keine Mühen gescheut und unablässig geprobt haben.

Bühnenbauplan

Premierenstimmung

Als es am nächsten Abend so weit ist, hat sich der großartige Frühling zwar davongestohlen, stattdessen strömt der Regen, doch scheint das keinen wirklich zu stören. Während in der Garderobe zwischen ein paar Atemübungen für den perfekten Sitz der Kostüme gesorgt wird, rauschen die Besucher durchs Foyer und genehmigen sich im Gewölbe des Pausenraums das erste Glas Sekt.

Gelächter ertönt, interessierte Blicke ins Programmheft folgen, Gesprächsfetzen treiben durch die Luft. Dann das letzte Läuten, Lampen, die im Stakkato verlöschen, das Scharren von Füßen, Kleidergeraschel, ein leises Knarzen eines Zuschauerstuhls hier, ein verstohlenes Hüsteln dort, dann endlich Stille. Auf der Bühne erstrahlen die Scheinwerfer, winzige Staubpartikel flirren im Lichtstrahl – ein rasanter Theaterabend beginnt.

Blaue Stunde beim Fränkischen Landestheater Maßbach

Ein Theater und eine ganze Welt

Zweieinhalb Stunden später anhaltender Applaus, leuchtende Gesichter auf der Bühne, eine Verbeugung löst die nächste ab. Und noch ein bisschen später: Premierenfeier. Anne Maar hält mit erhobenem Sektglas eine Rede. Sie lobt das Können des Ensembles und die Mitwirkung aller von der Kasse bis zur Theaterküche … und vergisst dabei wirklich nicht einen Einzigen. Nur ihr eigenes Tagwerk erwähnt sie mit keinem Wort. Wieso auch? War da was? Doch nur Business as usual …

Sie hat Probenpläne geschrieben, die Dame und den Herren von der Presse bespaßt, mit Regisseuren korrespondiert, sich den Kopf über weitere Subventionsmittel zerbrochen (trotz der regelmäßig hohen Zuschauerzahlen trägt sich das Theater nicht komplett).

Sie hat sich Gedanken zu kommenden Produktionen gemacht und die monumentale Verantwortung für ihre 45 Mitarbeiter getragen. Kurz: Alles so, wie es seit 2003 ist, als sie nach dem Tod ihrer Großmutter die alleinige Leitung des Hauses übernahm. Dazu führt sie Regie und schreibt erfolgreich Kinderbücher.

So wird es weitergehen. Stillstand gibt es nicht in diesem Haus, das viel zu geben hat, glänzen will, strahlen kann, aber auch viel für sich erwartet. Anne Maar weiß das. Und will sie vielleicht auch manchmal seufzen, so ist am Ende doch immer eines ganz gewiss: Ihr gehört ein Theater. Und damit eine ganze Welt! Wer kann das schon von sich sagen?

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