Nadine und Hund Ralf genießen den grandiosen Ausblick in den Ammergauer Alpen
Bergwandern? Wau!

Unsere Reporterin erkundet mit ihrem Hund in Tagesetappen die Ammergauer Alpen. Eine Wanderung auf anspruchsvollen Wegen durch ein ruhiges Gebirge, das seine Wildheit bewahrt hat

Lesezeit: 13 Minuten

Bergwandern mit Hund in den Ammergauer Alpen

Vor mir stürzt das Wasser über eine 15 Meter hohe, erdige Felswand hinab. Grasbüschel klammern sich an den Felsen. Feiner Nebel legt sich erfrischend auf mein Gesicht – sehr angenehm so früh an einem sommerlichen Morgen um 7.30 Uhr. Der Kenzenwasserfall liegt hinter der „Kenzenhütte“ auf knapp 1.300 Metern.

Nur fünf Gehminuten sind es durch einen alten Wald mit knorrigen Bergahornbäumen zum Fall. Das Wasser rauscht weiter über moosige Felsblöcke, zwischen denen Sumpfdotterblumen gelb leuchten, und speist den Kenzenbach.

Gestern sind wir in Halblech, einem kleinen Ort im Ostallgäu, nur 15 Minuten mit dem Auto von Füssen und Schloss Neuschwanstein entfernt, zur Hütte aufgebrochen.

Nadine Regel mit Hund Ralfi beim Bergwandern in den Ammergauer Alpen

Unterwegs mit Hund

Gemeinsam mit meinem Hund Ralfi werde ich in den nächsten drei Tagen die Ammergauer Alpen durchqueren. Die Gebirgsgruppe gehört zu den Nördlichen Kalkalpen und erstreckt sich zwischen Bayern und Tirol. Das Gebirge besteht überwiegend aus Dolomit. Es wird von Lech, Loisach und Ammer begrenzt.

Mit 2.340 Metern ist der Daniel der höchste Gipfel, er liegt auf der Tiroler Seite, die etwa ein Drittel der Gesamtfläche umfasst. Ein großer Teil des Gebirges gehört zum 288 Quadratkilometer großen Naturschutzgebiet Ammergebirge, dem größten Naturschutzgebiet Bayerns.

Ralfi, mein fünfjähriger portugiesischer Jagdhund, begleitet mich auf dieser Wanderung. Seinetwegen gehe ich sie in Teilabschnitten an. Denn Hunde sind nur auf der „Kenzenhütte“ erlaubt. Eigentlich wollte ich die zweite Nacht auf der „Brunnenkopfhütte“ und die dritte Nacht im „August-Schuster-Haus“ verbringen, meine Hundebetreuung hat aber kurzfristig abgesagt.

So plane ich um und teile die Tour in Tagesetappen auf, mit nur einer Übernachtung. Ausgangspunkt meiner Touren ist Garmisch-Partenkirchen, wohin wir kürzlich gezogen sind.

Die Kenzenhütte in den Ammergauer Alpen auf 1.300 Meter Höhe hat sogar WLAN
Eine Suppentasse mit klarer Brühe und Kaspressknödel und eine Flasche selbstgemachte Limo

Wildes Gebirge mit königlicher Vergangenheit

Die dünn besiedelten Ammergauer Alpen sind wild im besten Sinne. Wild, weil der Wald wachsen darf, wie er will, weil kaum Seilbahnen hinaufführen, weil unterwegs nur wenige Hütten einladen, weil man trotz moderater Höhen anspruchsvoll unterwegs ist und weil hier bedrohte Arten eine Heimat haben.

Das konnte ich im Frühling mit eigenen Ohren erleben, als ich mit einer Rangerin als Freiwillige die Balzplätze von Birkhühnern erfasst habe. An diesem Tag hatten wir Glück, auch wenn wir nur das Gurgeln und Zischen einiger Hähne hörten, sie aber nicht sahen.

Das Gebiet um die „Kenzenhütte“ blickt auf eine königliche Vergangenheit zurück. Seit 1799 diente es der Hofjagd des bayerischen Königshauses. Heute liegt die „Kenzenhütte“ im Naturschutzgebiet Kenzen. Umgeben von Gipfeln wie Hochplatte, Kenzenkopf und Hasentalkopf.

Nach der kurzen Gesichtsdusche am Kenzenwasserfall brechen wir auf. Unser erstes Ziel ist die Große Klammspitze. Von dort wollen wir zur „Brunnenkopfhütte“ absteigen. Durch Wald geht es stetig bergan zum Kenzensattel. Am Sattel sehe ich bereits den langen Grat, der uns erwartet, und in der Ferne die Klammspitze.

Frau mit Wanderrucksack am Kenzenwasserfall in den Ammergauer Alpen

Launisches Frühsommerwetter

Ich genieße die Stille. Vereinzelt begegnen wir anderen Wanderern. Der Frühsommer zeigt sich launisch. Am Himmel türmen sich dunkle Wolken auf. Für die Natur ist der Regen nach dem niederschlagsarmen Winter eine Wohltat. Trotzdem würde ich gerne trocken über den Grat kommen.

Als Wurzelweg windet sich der Pfad in Serpentinen nach oben, die Luft fühlt sich allmählich kühler an. Ich blicke zurück auf die teils schroffen, teils grünen Gipfel der Hochplatte-Tegelberg-Gruppe mit letzten Schneefeldern. Unter meinen Füßen liegt zwar kein Schnee mehr, doch immer wieder rutsche ich im Matsch leicht aus. Auf einer Hochalm entdecke ich eine Gruppe Gämsen. Die fünf Tiere blicken mich neugierig an.

Frau mit Hund am Gipfel der Klammspitze, im Hintergrund der Geiselstein, das Matterhorn der Ammergauer und der Forggensee

Anspruchsvolle Pfade

Der Grat beginnt. Er zieht sich über mehr als zwei Kilometer, zunächst über offenes Grasgelände. Nach Norden blicke ich auf eine hügelige, dicht bewaldete Landschaft und den Forggensee, der je nach Licht seine Farbintensität ändert. Weiter hinten erstreckt sich das Allgäu. Im Süden fällt eine steile Grasflanke in ein bewaldetes Seitental des Graswangtals ab. Auf dem mageren, hellbraunen Gras wachsen vereinzelt Schlüsselblumen und Enzian.

Schwindelfreiheit und Trittsicherheit sind hier unerlässlich

Der Pfad verläuft in einem leichten Auf und Ab und wird zunehmend schmaler. Im schrofigen Gelände setze ich jeden Schritt mit Bedacht und nehme zweimal die Hände zu Hilfe. Einige Passagen sind mit Stahlseilen gesichert. Schwindelfreiheit und Trittsicherheit sind hier unerlässlich.

Ralfi ist ein erfahrener Berghund, dem dieses Gelände nichts ausmacht. Das haben wir uns auf zahlreichen gemeinsamen Tages- und Mehrtagestouren erarbeitet. 2023 sind wir in fünfzig Tagen auf einer eigenen Route von München nach Verona gewandert. Diese Erfahrung hat uns zusätzlich zusammengeschweißt.

Blick auf den Verbindungsgrat zwischen Kenzensattel und großer Klammspitze

Wandern mit Hund erfordert viel Planung und Erfahrung, da die Bedürfnisse des Tiers stets berücksichtigt werden müssen. Sind die Wege für ihn geeignet? Wie viel Futter nehme ich mit? Trinkt er unterwegs genug? Was ist im Notfall zu tun? Wie gehe ich mit Wild- und Weidetieren um?

Hinzu kommt die Frage der Übernachtung. Nicht überall sind Hunde erlaubt, wie ich in den Ammergauer Alpen erneut erfahren habe. Das muss unbedingt im Vorfeld geklärt werden. Auch wenn Hunde auf Hütten erlaubt sind, müssen sie ausdrücklich angemeldet werden, da meist nur wenige Zimmer für Gäste mit Hund zur Verfügung stehen.

Als die dunklen Wolken aufbrechen, ergießt sich der Schauer auf einen Hang gegenüber. Dann zieht die Front zu uns herüber. Ich beschleunige meine Schritte, weil die wabernde Wand bedrohlich auf mich wirkt. Am Gipfel der Großen Klammspitze erwischt sie uns als Graupelschauer – im Juni, auf knapp unter 2.000 Metern!

Der Grat, über den ich gekommen bin, verschwindet in einer weißen Wand. Gut, dass ich zügig unterwegs war und das Wetter uns nicht im Absturzgelände erwischt hat.

Wanderin Nadine auf dem Kenzensattel in den Ammergauer Alpen

Die Wundergrotte von König Ludwig II.

Als sich der Sturm legt, beginne ich vorsichtig mit dem Abstieg. Der Weg ist bröselig. Teils wurde er durch Seile entschärft, bleibt aber trotzdem anspruchsvoll. Auf einem schmalen Pfad wandern wir zur „Brunnenkopfhütte“, die oberhalb von Schloss Linderhof liegt, einem der Refugien von König Ludwig II. und heute ein beliebter Ausflugsort.

Eine der Attraktionen im Schloss ist die Wundergrotte, eine künstliche Tropfsteinhöhle, in die seinerzeit nur Seine Majestät durfte. Sie war einer der ersten Räume in Europa, die vollständig elektrisch beleuchtet wurden. Dort steigen wir hinab, um mit dem Bus nach Hause zu fahren und am nächsten Morgen wieder in unsere Wanderung einzusteigen.

Und wir haben Glück: Der nächste Tag startet sonnig, als wir Richtung Oberammergau wandern. Der Weg führt uns durch naturbelassenen Bergwald, umgestürzte Baumriesen liegen kreuz und quer. Farne überwuchern den moosigen Boden.

Einmal mehr beglückwünsche ich mich zu meiner Idee, die Ammergauer Alpen zu durchqueren, und zu meiner Entscheidung, nach Garmisch zu ziehen. So eine Landschaft direkt vor der Haustür zu haben, das ist ein großes Privileg.

Eine Frau wandert durch einen wilden Wald beim Kenzenwasserfall in den Ammergauer Alpen

Lieblingspanorama und Einkehr mit Aussicht

Nach und nach öffnet sich der Blick auf mein liebstes Panorama: das Wettersteingebirge mit Zugspitze, Alpspitze und dem Jubiläumsgrat, den ich vor mehr als zehn Jahren überquerte. Davor erstreckt sich das weite Graswangtal. Tief unten schlängelt sich die Linder durch dunkle Wälder. Ihr breites Kiesbett leuchtet bis hier herauf.

Bratwurstduft reißt mich aus meinen Gedanken. Das „August-Schuster-Haus“, auf 1.564 Metern am Pürschling gelegen, kündigt sich an. Dort brutzelt es auf dem Grill. Judith Krabbath, die den Hüttenbetrieb mit 58 Übernachtungsplätzen im Jahr 2025 übernommen hat, sagt: „Am Wochenende gehen gut und gerne 500 Essen raus. Um ganz Hungrige zu besänftigen, biete ich auch Bratwürste und Grillfleisch in der Semmel an.“

Eine Frau genießt Kaffee und Kuchen auf der Kenzenhütte in den Ammergauer Alpen

Allerdings lohnt sich das Warten auf eine zünftige Mahlzeit aus der Hüttenküche definitiv. Von der Sonnenterrasse genießt man einen herrlichen Blick über das Graswangtal. „Ich hatte schon immer den Traum, mal eine Hütte zu übernehmen“, so Judith.

Unterstützt wird sie von der ganzen Familie, auch ihre zwei erwachsenen Söhne helfen regelmäßig mit. Besonders wichtig ist ihr, „Herz und Charme“ in die Hütte zu bringen. Neben den Grillnachmittagen plant sie für den Sommer Hüttenabende und Konzerte.

Nachdem ich gestärkt weiterziehe, wird mir klar, dass ich mich nun der Kolbensesselbahn nähere, die Besucher aus Oberammergau in die Berge bringt. Immer wieder kreuzen Wanderergruppen unseren Weg. Im Vergleich dazu war es die vergangenen Tage ruhig und abgeschieden.

Wanderer auf dem Verbindungsgrat zwischen Kenzensattel und Klammspitze in den Ammergauer Alpen

Moor, Wiesen und ein barockes Kloster

Der letzte Tag hält wieder alles bereit: Sonne, Niesel, Platzregen und drei Regenbögen. Von Oberammergau aus erreichen wir das Ettaler Weidmoos, eine weitläufige Moorlandschaft mit Feuchtwiesen.

Zwei Quellbäche durchziehen das Weidmoos. Einer fließt zur Ettaler Mühle und treibt dort noch immer ein Rad an. Das Wasser ist so klar, dass man den Grund sieht. Seltene Vogelarten wie das Schwarzkehlchen und der Neuntöter brüten im Weidmoss, bedrohte Schmetterlinge flattern über die Streuwiesen, und ein Steinadler schwebt in weiten Kreisen durch die Lüfte.

Frau beim Wandern auf dem Kenzensattel, im Hintergrund die große Klammspitze in den Ammergauer Alpen

Hinter der Ettaler Mühle folgt die Ernüchterung: Der Aufstieg zur Notkarspitze ist nach einem Murenabgang gesperrt. Kein Wunder nach den Regenfällen der vergangenen Woche.

Ich entscheide mich kurzfristig für die flache Route durch den Wald am Rand von Ettal. Immer wieder blitzt das Kloster Ettal zwischen den Bäumen hervor. Das Benediktinerkloster gibt es schon seit 1330 und ist ein beliebtes Ausflugsziel für Wanderer und Gläubige.

Schon von Weitem fällt die mächtige Kuppel der barocken Basilika ins Auge. Das kupfergedeckte Dach glänzt im Sonnenlicht. Schließlich öffnet sich das Loisachtal vor uns, unser neues Zuhause. Von hier führt uns der Weg zurück nach Garmisch. Auch wenn wir die Tour nicht am Stück gehen konnten, hat sie mir mein neues Heimatgebirge auf besondere Weise erschlossen.

Informationen zur Vorbereitung von Bergwanderungen

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