Fischen früh am Morgen auf dem Chiemsee
Vitamin See

Die Chiemseefischerei Lex auf der Fraueninsel gibt es seit 1857. Tassilo und Florian Lex führen die Fischereitradition ihrer Familie in der sechsten Generation fort. Wir begleiteten die Zwillinge, ihren Vater und Großvater einen Tag lang vom Fang bis zum Verkauf Text: Ornella Rosaria Cosenza, Fotos: Klaus Fengler

Chiemsee-Fischerei Lex auf Frauenchiemsee 

Zehnmal. So oft wandert ein Fisch in der Chiemseefischerei Lex durch die Hände der Fischer, bevor er verkauft wird. Echte Handarbeit. Berufsleidenschaft. Die Fischerei der Familie Lex ist ein Traditions- und Familienbetrieb: Seit 1857 bewirtschaftet die Familie den Chiemsee, verarbeitet und verkauft Fisch von höchster Qualität.

Das Gelände auf der Fraueninsel, auf dem das Haus der Familie steht, gibt es seit 400 Jahren. Immer von Fischern bewohnt. Heute führen die Zwillinge Tassilo und Florian Lex, beide Anfang 30, gemeinsam mit ihrem Vater die Fischerei, in sechster Generation. „Ich sehe es als Privileg, diese Tradition fortführen zu können“, sagt Florian Lex.

Drei Generationen

„Der See ist unser Büro“

Die Fischerei ist ein Traditionsberuf, bei dem die Arbeit in den frühen Morgenstunden beginnt. Sehr früh. Es ist Juli, 4.30 Uhr. Fraueninsel, Nordufer. Alles schläft. Nur die Fischer beginnen mit ihrer Arbeit. Tassilo Lex und sein Vater legen gemeinsam ab, um die Fischernetze zu leeren.

Wie viele Renken heute wohl in die Netze gehen? Sie wissen es vorher nie genau. In der Ferne sind andere Fischerboote zu sehen. „Der See ist unser Büro. Und das Schöne ist: Jeder Tag hier ist anders“, sagt Tassilo.

Etwa 30 Minuten fahren Vater und Sohn raus auf den See. Am Horizont zeichnet sich ein orangefarbener Lichtstreifen ab. Thomas hält an einer Boje, das erste Fischernetz ist daran befestigt. „Auf den Kanistern steht eine Nummer, davon muss der andere Fischer dann Abstand halten. Sonst kann man seine Netze aber auslegen, wo man will“, erklärt Thomas.

Morgens, 4.30 Uhr: Fahrt auf den Chiemsee zu den Netzen
Morgenstimmung bei Tassilo und Thomas Lex beim Fischen auf dem Chiemsee

Nachhaltige und lokale Fischerei

Tassilo beginnt das Netz aus dem Wasser zu ziehen. Nach und nach kommen die silbrig schimmernden Chiemsee-Renken zum Vorschein. Er zieht sie behutsam aus den Netzen. Die Fische kommen in eine Kiste, wo sie immer wieder mit Eis bedeckt werden.

Nur Fische, die ein gewisses Alter und eine bestimmte Größe haben, gehen ins Netz. Damit die Fischerei nachhaltig bleibt. Entscheidend dafür: Die Maschenweite. „Die ist ganz genau festgelegt. Und zwar so, dass kleinere Fische durchschwimmen und die dickeren stecken bleiben“, sagt Tassilo.

Die Maschenweite des Netzes beträgt etwa 37 Millimeter. Je jünger die Fische, desto kleiner ist auch ihr Umfang. „Man will keine zu jungen Fische rausholen. Die sollen sich mindestens ein- oder zweimal fortgepflanzt haben. Würde man auch die jungen Fische rausziehen, ginge irgendwann der Bestand kaputt.“

„Würde man auch die jungen Fische rausziehen, ginge irgendwann der Bestand kaputt.“

Am Chiemsee gibt es sechzehn Berufsfischer. Sie alle müssen strenge Regeln einhalten, die sie gemeinsam im Rahmen der Fischereigenossenschaft des Chiemsees selbst festlegen – für eine nachhaltige Fischerei, die allen, der Natur und den Fischern, zugutekommt.

Für alle Fischer gilt: Die Schonzeiten, in denen die Fische ablaichen, müssen eingehalten werden. Bei der Renke ist das von etwa Oktober bis Januar der Fall. Keine Fische im Winter? „Wir fahren das ganze Jahr über raus, die verschiedenen Fischarten haben unterschiedliche Laichzeiten. Irgendwas kann man immer fangen“, sagt Thomas Lex. Im Winter werden vor allem Zander gefischt, mit Netzen, die größere Maschen haben.

Zusätzlich zur natürlichen Vermehrung der Fische setzen die Fischer selbst Fische ein. Dafür wird der Laich abgestreift und in eine Brutanstalt gebracht. „So kann in der Embryonalphase keiner das Ei fressen, überdecken oder fortspülen“, sagt Thomas Lex. Durch diesen Prozess werden pro Jahr zwischen 60 und 130 Millionen Renken eingesetzt.

Die frisch gefangene Chiemsee-Renke
Fischernetz in der Morgensonne

Weggegangen, um zurückzukehren

Das Morgenlicht setzt sich immer mehr durch, die Berge färben sich rosa und orange. „Der Wilde Kaiser wird immer zuerst angeleuchtet“, sagt Tassilo. Er schaut auf den See. Dann beginnt er zu erzählen. Von seinem Werdegang, der eigentlich ein Weg zurück nach Hause ist.

Das Fischen begleitet ihn schon, seit er denken kann, doch musste er vorher weg von der Fraueninsel, vom Chiemsee, um in der Distanz zu merken: Da fehlt etwas. „Ich bin nach München und habe angefangen, Elektrotechnik und Bauingenieurswesen zu studieren. Aber ich habe gemerkt, dass das nicht das ist, was ich mein Leben lang machen möchte.“

Unglücklich sei er nach Hause gefahren. Sein Vater schlug ihm vor, die Ausbildung zum Fischwirt zu machen. „Vielleicht macht es dir ja doch Spaß“, soll er zu Tassilo damals gesagt haben. Der Vater hatte recht. „Mit 25 Jahren habe ich zum ersten Mal so richtig gemerkt, dass es in einem Familienbetrieb ganz cool ist, habe meine Ausbildung und dann den Meister gemacht.“

Tassilo und Florian sind Zwillinge, doch für Florian war von Anfang an klar: Fischwirt soll es sein. Direkt nach der Schule absolviert er seine Lehre und arbeitet im Familienbetrieb mit. „Mir ist das wichtig, weil sonst das Handwerk ausstirbt. Das Wissen wird weitergegeben. Es wäre schade, wenn das alles verloren geht“, sagt er.

Während sein Vater und sein Bruder gerade, es ist zwischen 7 und 8 Uhr morgens, mit fünf Kisten Renken an Land zurückkehren, räuchert Florian bereits die Fische vom Vortag, die über Nacht eingesalzen wurden. Gold-knusprig kommen sie aus dem heißen Ofen.

Tassilo und sein Vater Thomas auf dem Fischerboot am Morgen

Drei Generationen, eine Leidenschaft

Dass seine Enkel das Handwerk mit der gleichen Leidenschaft ausüben wie er selbst, das macht den Großvater, Holmer Lex, glücklich: „Mein Urgroßvater war der erste Lex-Fischer. Und jetzt meine Enkel zu sehen, die den Familienbetrieb weiter erhalten, das ist das Nonplusultra“, sagt der 93-Jährige.

Zu Zeiten von Großvater Lex waren manche Dinge ganz anders. „Früher musste man mit dem Fischerboot noch Rudern, es gab kein Echolot. Da musste man sich die Stellen am See merken“, so Tassilo.

Und auch Social Media gab es damals noch nicht. Auf Instagram teilen Tassilo und Florian regelmäßig Eindrücke aus dem Fischer-Alltag – beeindruckende Bilder. Vor allem junge Menschen folgen ihnen dort, auch potenzielle Kundschaft. Heute vermarktet die Familie den Fisch auch online und beliefert Restaurants in der Umgebung. Besonders Florian bemüht sich um neue Vermarktungsstrategien. Vom Fang bis zum Verkauf wird aber noch alles selbst gemacht.

Florian Lex trägt die noch warmen Renken
Fischverarbeitung

Vom See auf die Hand

Auf dem Gelände des Hauses von Familie Lex findet in einem kleineren Häuschen die Verarbeitung der Fische statt. Ausnehmen, entschuppen, filetieren, räuchern. Teamwork. Opa Lex juckt es noch in den Fingern, er packt mit an. So werkeln die vier in weißen Schürzen vor sich hin: drei Generationen, Fisch für Fisch, silberne Schuppen an den Händen, viel weitergegebene Expertise und, eh klar, die gleiche Leidenschaft für das Fischerhandwerk.

Mittags wird der Fisch im kleinen Laden verkauft. Beliebt sind die frischen Renken-Semmeln: Ein frisch geräuchertes Renken-Filet mit Sahnemeerrettich und Pfeffer oder das Renken-Filet, gebeizt nach Matjesart, mit Crème fraîche und Zwiebeln. Vom See auf die Hand, sozusagen. Frischer geht’s nicht.

Ladenverkauf Chiemseefischerei Lex
Drei Generationen, eine Leidenschaft

... von Familie Lex

Fraueninsel
Ein Klassiker, an dem man sich nicht sattsehen kann. Die Insel ist ein geschichtsträchtiger Ort, seit 3500 Jahren ist sie bewohnt. Eines der ältesten Gebäude in Bayern ist hier zu Hause: Die Karolingische Torhalle stammt aus dem 8. Jahrhundert.
chiemsee-alpenland.de

Eggstätt-Hemhofer Seenplatte
Es lohnt sich, die Umgegbung um den Chiemsee zu besuchen. Die Eggstätt-Hemhofer Seenplatte nordwestlich des Chiemsees ist ruhig und idyllisch. Man erkundet sie am besten mit dem Fahrrad.

chiemsee-alpenland.de

Kajakfahren und Stand-up-Paddling auf dem See sind Aktivitäten, die auch Tassilo und Florian gerne betreiben, wenn sie mal Freizeit haben. Geheimtipp: Abstecher auf die kleine Krautinsel.

Herreninsel
Wer es ruhig mag, dem rät Familie Lex zum Rundgang auf der Herreninsel. Man kann einmal komplett herumspazieren, und wer Glück hat, sieht sogar Rehe.

tourismus.prien.de

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