Im fränkischen Dietenhofen wird die Liebe noch in Hektar gemessen, der Sommer riecht nach Spezi und der Bus hält zweimal am Tag. Aus diesem Marktflecken kommt die Band Gankino Circus. Die vier Schulfreunde verschrauben fränkische Mundart, bulgarische Rhythmen und Klezmer zu einem Sound, der weder so richtig ins Bierzelt noch ins Konzerthaus passen will
Gankino Circus: Folkband aus dem fränkischen Dietenhofen
Das Akkordeon hebt zu einem ungewohnten Takt an, der irgendwo zwischen Sofia und Plovdiv aufgesammelt worden sein muss. Während die Klarinette Schleifen darum legt und das Schlagzeug zu treiben beginnt, geschieht das, worauf das Publikum eigentlich gewartet hat: Der Sänger setzt ein, er singt nicht slawisch, sondern mittelfränkisch. Wie ein Wassertropfen, der in heißes Fett fällt. So fühlt es sich an, wenn Gankino Circus eine Bühne betritt.
Vier Männer Anfang 40, alle mit jener leichten Verschmitztheit im Gesicht, die nur Leute haben, die etwas sehr Ernstes mit sehr viel Spaß betreiben. (Oder war es umgekehrt?) Maximilian Eder am Akkordeon, Simon Schorndanner an Klarinette, Mikrofon und Saxofon, Ralf Wieland an Gitarre und Mikrofon, Johannes Sens am Schlagzeug.
Den Bandnamen haben sie sich aus Bulgarien geliehen: Gankino Horo heißt ein Volkstanz im 11/16-Takt. An diesem Gehäkle aus Achteln und Sechzehnteln beißen sich westeuropäische Bands gewöhnlich die Zähne aus. Im Saal funktioniert es auch beim Publikum: Jeder wippt, klatscht, nickt irgendwie mit.
Gankino Circus, das ist im Kern eine Geschichte über vier Schulfreunde aus Dietenhofen, einem Marktflecken im Landkreis Ansbach, etwa eine halbe Autostunde westlich von Nürnberg.
Dort sind sie aufgewachsen, dort saßen sie zusammen in derselben Blaskapelle, mit Uniform, Sonntagsdienst und Kirchplatzeinsatz. Aus dieser Konstellation heraus zogen sie 2007 los, zunächst als Straßenmusiker: durch Frankreich, Ungarn, Bulgarien.
Sie kehrten zurück mit einem Notizbuch voller fremder Skalen. Und mit der Erkenntnis, dass das, was zu Hause als Kerwa-Musik den Rang einer leicht verstaubten Pflichtveranstaltung hatte, sich verblüffend gut mit Klezmer, mit Polka aus dem Donaubogen und finnischer Humppa vertrug.
Daraus entstand ein Sound, den die Plattenfirma „Beste! Unterhaltung“ seit 2010 in unregelmäßigen Abständen veröffentlicht: Debüt „Das Potpourri Des Herrn Baron Von Gunzenhausen“, danach „Zum Ersten Mal In Ihrer Stadt“, „Franconian Boogaloo“, „Die Letzten ihrer Art“, „Bei den Finnen“. Im September 2025 erschien das vorerst letzte Album, „Das Gegenteil von Rock'n'Roll“. Der Titel ist Programm und Augenzwinkern zugleich.
Wer Gankino Circus live erlebt, sieht eine Band, die das Etikett Volksmusik mit gelassener Geste auf die Bühne wirft. Mal klingt es nach Klezmer-Hochzeit, mal nach Django Reinhardt, mal nach Punkrock mit Akkordeon, dann wieder nach jenem Folk-Pop, der bei Element of Crime ebenso zu Hause sein könnte wie bei Olli Schulz.
Für das letzte Album hat die Band Akkordeon-Bässe, eine Soundästhetik aus den Achtzigerjahren und Refrains kombiniert, die ins Ohr gehen – im Mix mit gut sitzenden Pointen.
Wurzelarbeit und Weltläufigkeit
Produziert hat das Album der Bandgitarrist selbst, gemischt hat René Jesser, dessen Name auch unter Produktionen von Nina Chuba auftaucht. Eine kleine, fast nebensächliche Information, die zeigt: Die fränkischen Provinzkünstler operieren längst auf einem Niveau, das die alten Schubladen sprengt.
Es ist diese Mischung aus Wurzelarbeit und Weltläufigkeit, die ihnen Türen öffnet, die für Folkbands aus der mittelfränkischen Provinz normalerweise verschlossen bleiben. 2012 erhielten sie den „Eisernen Eversteiner“, einen europäischen Folkpreis. 2015 schickte sie das Goethe-Institut zur Weltausstellung nach Mailand, davor schon in die Ukraine, nach Sofia, nach Kasachstan und Kirgisistan. 2019 kamen der Weltmusikpreis Ruth des MDR und der Festivalpreis „Creole Bayern“ dazu.
Auf der Liste der bereisten Länder stehen mittlerweile Serbien, Armenien, Italien, die Schweiz, Finnland – eine Aufzählung, die nicht recht zusammengehen will mit dem Bild einer Truppe, deren Bandbus den Begriff „Heimat“ für einen Ort reserviert hat, an dem laut eigener Auskunft „der Bus nur zweimal am Tag hält“.
Dietenhofen liegt dort, wo Bayern aufhört, sich für Bayern zu halten, und Franken anfängt
Dass dieser Ort, Dietenhofen, von den Bandmitgliedern in Pressetexten halb spöttisch Dietenhofen Rock City genannt wird, sagt einiges über das Verhältnis, das Gankino Circus zu ihrer Herkunft pflegt. Es ist kein Heimatkitsch, eher ein nüchterner, mit lakonischem Lächeln erzählter Befund.
Die Liebe werde hier noch in Hektar gemessen, schreiben sie selbst über ihren Marktflecken, der Sommer rieche nach Spezi. Wer schon einmal mit einem Linienbus durch die fränkische Hügellandschaft zwischen Heilsbronn und Markt Erlbach gefahren ist, wird wissen, dass das keine Übertreibung ist. Dietenhofen liegt dort, wo Bayern aufhört, sich für Bayern zu halten, und Franken anfängt.
Leise, unsentimental, mit einem Hang zur trockenen Schadenfreude. Das touristische Bild vom weiß-blauen Idyll mit Föhnwolken und Dirndl endet weit südlich davon. Hier herrscht ein anderes Land. Halb verschlafenes Dorf, halb romantischer Landstrich, halb ungemähter Vorgarten, halb stille Schönheit hinter dem Bauhof. Genau diese Doppelbelichtung ist das eigentliche Material, aus dem Gankino Circus seine Lieder schreibt.
Du warst schön und ich war dicht
Das Stück „Rudi's“ ist so etwas wie das Herz dieser Beobachtungen. Es ist eine Erinnerung an die Dorfkneipe als Sehnsuchtsort einer Generation, mit Dartautomat, Zigarettenqualm und Bob Marley aus dem Radio. „Du warst schön und ich war dicht, singen sie, und in dieser Zeile steckt das ganze Programm: keine Verklärung, kein Spott, sondern jene mitleidige Zärtlichkeit, mit der man auf das eigene jüngere Ich zurückschaut, das in einer Kneipe mit Holzpaneelen lehnte und glaubte, dass es ewig so weitergehen würde.
Es ist genau dieser Ton, den die Band schon mit dem Albumtitel „Irrsinn & Idyll“ angeschlagen hatte und der seither zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Die Provinz nicht als Folie für Häme, sondern als Lupe.
Der Abend pendelt zwischen Konzert, Theater und Kabarett
Auf der Bühne übersetzt sich diese Haltung in einen Abend, der zwischen Konzert, Theater und Kabarett pendelt. Sie erzählen zwischen den Songs, als säße man in einer Eckkneipe, in der einer sich gerade beim dritten Bier in Form geredet hat und die kleinen, schiefen Beobachtungen des Landlebens vorträgt.
Die Art, wie Wieland die Gitarre hält, ist eine Drohung. Schorndanner steht am Saxofon, halb diensteifrig, halb zerstreut, eine Rolle, die er vermutlich seit der Schulzeit kultiviert. Eder bedient das Akkordeon mit der Ernsthaftigkeit eines Mannes, der weiß, worum es geht im Leben. Sens hält das Ganze rhythmisch zusammen, halb Teil der Band, halb amüsierter Beobachter.
Der fränkische Kabarettist Matthias Egersdörfer, mit dem die Band seit 2017 immer wieder kooperiert, hat sich einmal an seine erste Begegnung mit Gankino Circus erinnert: „Als ich Gankino Circus zum ersten Mal gehört habe, hatte ich Tränen in den Augen.“ Es ist nicht ganz klar, ob vor Lachen oder vor Rührung. Vermutlich beides.
Dietenhofen, der kreative Nukleus
Mittlerweile leben die vier Musiker verstreut zwischen Stuttgart und Dresden. Wer sich aus einem mittelfränkischen Dorf hinausarbeitet, landet selten wieder im selben Dorf, schon gar nicht zu viert. Ihren kreativen Nukleus, sagen sie, sehen sie aber nach wie vor in Dietenhofen. Vielleicht kann das auch nur so funktionieren, wenn man den Ort regelmäßig wieder verlässt.
Ihre Traumspielstätte, haben sie gegenüber dem Musikportal laut.de einmal erklärt, sei ein Kreuzfahrtschiff. Ein Ort, an dem niemand mehr weghören könne. Auch dieser Satz hat den charakteristischen Doppelboden: Drohung und Versprechen in einer Pointe.
Nicht ganz Bierzelt, nicht nur Kunst, nicht nur Kabarett
Was bei Gankino Circus nie passiert, sind die zwei großen Versuchungen, denen man im Genre Volksmusik leicht erliegt. Sie verklären die Provinz nicht zur Festspielwiese, und sie verachten sie nicht. Sie schauen sie an, und sie hören ihr zu.
Während sie das tun, lassen sie das Akkordeon einen krummen bulgarischen Takt einleiten, den sie so lange umrunden, bis darüber ein Refrain auf Mittelfränkisch erklingt, der irgendwie alles über das Leben in einem Marktflecken zwischen Heilsbronn und Markt Erlbach sagt.
Im Saal stampft ein Schuh auf den Holzboden, jemand pfeift, ein anderer ruft etwas Unverständliches dazwischen. Die Band lässt den Schluss noch eine Sekunde länger stehen, als nötig wäre: nicht ganz Bierzelt, nicht nur Kunst, nicht nur Kabarett. Etwas dazwischen. Wie Dietenhofen halt. Und es funktioniert weit über die Marktgemeindegrenze hinaus.