Nirgends in Bayern blieben so viele Streuobstwiesen und Feldhecken erhalten wie im Naturpark Haßberge nordwestlich von Bamberg. Die Vorfahren haben sie gepflanzt. Langsam wird klar, wie klug sie waren. Ein Besuch im heimlichen Paradies
Heimliches Paradies Naturpark Haßberge: Streuobstwiesen und Feldhecken
Zum Glück sitzt Bernd Andres nicht gern still. Am kleinen See zum Beispiel, in dem sich das romantisch zwischen Kastanien und Ulmen eingebettete Fachwerkhaus aus der Zeit um 1750 spiegelt, im Gastraum mit Stuck und Holzvertäfelung aus den 1920er-Jahren oder auf einer der Liegen unter den Obstbäumen. Aber nein.
„Ich arbeite lieber“, sagt der Mann in der Kochjacke und will eigentlich schon wieder aufspringen, in die Küche, zum Teich, zu den Fischbecken, überallhin, wo es etwas zu tun gibt.
Dass auf dem Gutshof Andres in Pettstadt im Naturpark Haßberge die Arbeit ausgeht, muss er nicht fürchten. Spätestens beim feinen und doch bodenständigen Essen wird klar, warum Bernd Andres so viel um die Ohren hat.
Bedingungslose Liebe zu den Rohstoffen
Was ihn als Küchenchef antreibt, ist die unbedingte Liebe zu seinen Rohstoffen, die fordert viel Zeit und Gefühl. „Wir machen alles selbst, fast wie Oma Lotte früher. Das Brot und den Kuchen bäckt meine Mutter noch im alten Holzofen“, sagt er auf dem Weg zu seiner Räucherkammer, „In meiner Kochlehre, die ich mit 16 angefangen habe, ging alles schneller.
Die Küchentechniken haben sich verändert, auch die Geschmäcker der Gäste. Natürlich übernehme ich manches Neue und probiere viel aus. Manche Rezepte ergeben sich daraus, was frisch auf dem Markt angeboten wird.“
Normalerweise ganz der nüchterne Unterfranke, lächelt Bernd Andres, als er die Schätze vorführt, die in seinem Räucherschrank dörren: Würste, Speck und Hälften vom Angusrind.
Nicht irgendein Rind war das. Sein Freund Rainer Schauer hat ihm die Rinderhälfte geliefert. Nur ein paar Kilometer entfernt auf dessen Hof durfte das Tier mit Muttermilch groß und stark werden, dann gab es Kräuter und würziges Gras zu fressen. Bei Sonne, Wind und Wetter rannte es über die Wiesen, schlief unter Bäumen und hing mit der Herde ab.
Orchideen dank der Angusrinder
„Die Angusrinder verursachen keine Trittschäden, weil sie nicht so schwer sind, gleichzeitig verhindern sie die Verbuschung, weil sie sogar stachelige Schlehenaustriebe fressen“, lobt Schauer seine Tiere. Liebevoll tätschelt er eine seiner Mutterkühe im Offenstall in Bramberg, die Bullen hat er zuvor auf eine Weide gebracht.
„Mit der Naturschutzbehörde stimme ich immer ab, welche Gelände sie der Reihe nach abfressen sollen. Durch den Wechsel haben wir sogar Kuhschellen und Orchideen auf den entstandenen Magerwiesen.“
Seine Kühe dürfen echten Bullenbesuch empfangen und ihre Kälber behalten. Geschlachtet werden sie erst, wenn sie vielfache Omas geworden sind. „So eine Oma-Kuh ist sehr fett. Eine Delikatesse!“, begeistert sich Rainer Schauer. Sein Blick ruht mit Wohlwollen auf einem selten gewordenen Idyll: Mutterkuh säugt Kalb.
„Man schmeckt es, wenn die Tiere artgerecht gehalten wurden“, bestätigt Andres, noch zärtlich seine Räucherware betrachtend, „Schweine, Ziegen und Enten hatten ein gutes Leben, als meine Eltern und Großeltern den Gutshof führten. Die Oma Lotte hat die Tiere selbst zerlegt und alles verwertet. Etwas wegzuwerfen, das wäre nicht infrage gekommen. Ihr Entenbraten war legendär.“
Der Slow-Food-Prüfer kommt per Rad
Ein ganz besonderer Stammgast auf dem Gutshof Andres ist Herr Sych von Slow Food Mainfranken Hohenlohe. Einmal im Jahr unternimmt er eine mehrstündige Fahrradtour von Würzburg aus, um zu prüfen, ob Andres mit regionalen Zutaten kocht, die alten Küchentechniken noch draufhat und Fleisch gefährdeter Nutztiere, alte Obstsorten und selten gewordene Gemüse verwendet.
Der Mann hat einen feinen Job: Bei Andres gibt es nichts zu meckern. Er erfüllt nicht nur wie schon sein Vater Georg alle Bedingungen, die nötig sind, um in dem Genussführer von Slow Food zu stehen, er kocht so göttlich, dass man die Liebe und den Respekt zu den Tieren und Pflanzen, die in seine Töpfe wandern, auch schmeckt.
„Er will immer gerne Bohnakern, das sind dicke Feuerbohnen mit Speck, Linsen aus der Rhön und Kuttelteller, wie es ihn früher an Kirchweih gab, auf der Karte sehen“, erklärt Andres die speziellen Wünsche des Prüfers. Nach einem der prämierten Schnäpse aus heimischem Obst, zum Beispiel von der Hutzelbirne, kann Herr Sych zufrieden ins Bett in der ehemaligen Remise fallen, seine Mission war erfolgreich wie immer.
Bauern-Sturheit tut der Umwelt gut
Küche und Brennerei des Gutshofes entsprachen dem Slow-Food-Gedanken schon lange, bevor dieser sich in einem Verein materialisiert hatte. Naturschutz war für Andres Senior selbstverständlich. Er spielte nicht mit beim Fällen der Streuobstgärten in den 1960er-Jahren, auch die Feldhecken ließ er stehen.
Symbol für den Eigensinn des Vaters ist ein riesiger Birnbaum, der sich mitten auf einem Acker dem Rationalisierungsdruck der modernen Landwirtschaft widersetzen durfte.
Nirgends in Bayern gab es so viele sture Bauern wie hier in den Haßbergen. Wohl deshalb blieben die meisten Streuobstwiesen und Feldhecken stehen.
Seltene Schmetterlinge, Insekten, Schlingnattern, Uhus, Schwarzstörche und Wildkatzen bevölkern unzählige kleine und größere Biotope in der unterfränkischen Mittelgebirgslandschaft. Feuchtwiesen und Trockenrasen wechseln sich ab, zwischen den Wäldern leuchten offene Wiesentäler.
Rangerin Katja: Zwischen Grand Canyon und den Haßbergen
Dies ist das Reich von Katja Winter, war es immer schon. In den Hecken und an Bächen hat sie als Kind gespielt, Feuersalamander beobachtet und Frösche. Dann zog es sie in die weite Welt, an den Grand Canyon etwa. Sie studierte Umweltwissenschaften in den USA und Weihenstephan.
Jetzt betreut sie als Parkrangerin den 800 Quadratkilometer großen Naturpark Haßberge. „Leider meist vom Büro aus“, bedauert Katja, „Führungen und Außentermine sind ein Lichtblick.“
Sie steht auf einem Feldweg, auf einer Streuobstwiese blöken Schafe, aus einem Weißdorngestrüpp tönt es „Gjä gjä gjä“. „Das ist ein Wendehals“, sagt sie, „ich bin so erleichtert, wenn ich ihn höre.
Er stand schon ganz oben auf der Roten Liste, jetzt erholt sich die Population. Er nistet in den Baumhöhlen der alten, knorrigen Obstbäume. Hier findet er Ameisen, Blattläuse und Raupen.“
Schafe als Landschaftspfleger
Mit dem Schäfer hatte sie eine Änderung am Weideplan zu besprechen. Die Schafe müssen bald weiterziehen, sonst setzen sie zu viel Dung ab, der den Wildblumen schadet, die brauchen magere Böden.
„Im Pelz und in den Ausscheidungen transportieren die Tiere Samen von einer Weide zur nächsten und sorgen für Artenvielfalt, sie arbeiten quasi als Samentaxen und Rasenmäher: Fressen, koten, weiterziehen – das ist ihr Job als Landschaftspfleger.“
„Die 585 Arten Wildbienen sind für das Ökosystem genauso wichtig wie die größeren Honigbienen“
Katjas Lieblingsplatz ist eine hoch gelegene Wiese. Noch ist alles eintönig grün, aber was sich hier an bunten Blüten entfalten wird, weiß die Rangerin genau. „Das wird ein Blumenfest: Salbei, Margeriten, Nelken, Glockenblumen, Wiesen-Schwertlilie, Flockenblumen, Enziane. Rot, Blau, Gelb, Weiß, Rosa – alle Farben leuchten hier“, schwärmt sie und entdeckt einige lila blühende Pflanzen.
„Das breitblättrige Knabenkraut ist schon da, eine Orchideenart.“ Ein winziges Insekt schwirrt davon. „Eine Wildbiene!“, freut sie sich, „Die 585 Arten Wildbienen sind für das Ökosystem genauso wichtig wie die größeren Honigbienen. Die Hälfte davon ist stark gefährdet.“
5.000 Honigbienen pro Einwohner summen durch die Haßberg-Dörfer Kirchlauter, Neubrunn und Pettstadt, zwanzig Imker kümmern sich um sie. Mathias Adrian ist einer von ihnen. Dreißig Völker betreut er im Bienenhaus neben dem Vereinsheim der Imker – Bestlage im Streuobstgarten Kirchlauter.
Streuobstwiesen: Pollenorgien für Bienen
Hier gibt es das ganze Frühjahr hindurch Pollen zu sammeln. Die vielen Äpfel, Birnen, Zwetschgen und Kirschen blühen nämlich nacheinander, und die Wiesenblumen im Unterwuchs werden erst gemäht, wenn sie verblüht sind. „Eigentlich hab ich mich mehr für Disko interessiert als für so ein gediegenes Hobby!
Doch jetzt leite ich die Ausbildungen der Hobbyimker“, wundert sich Mathias über seine Verwandlung zum Naturfreund. „Imker sind nicht mehr die Opas von früher, 500 meist junge Leute haben in den letzten zehn Jahren die Ausbildung zum Imker abgeschlossen. Sie alle pflanzen mehr Blumen und Sträucher in ihren Gärten, viele schaffen sich wirklich eigene Völker an.“
Das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ von 2019 habe viel bewirkt für die Artenvielfalt, meint der Hobbyimker. Auch bei den Landwirten beobachtet Mathias Adrian mehr Rücksichtnahme. Gemäht wird erst am späten Nachmittag, wenn keine Bienen mehr unterwegs sind. Manche legen Blühstreifen an, einige verzichten darauf, ihre Felder zu spritzen. Irgendwie auch ein Blühstreifen am Horizont!