Hotter than ever!

Zwischen Kurschatten, Floating und Workation. Ein Überblick über die Geschichte von Bayerns Heilbädern, ihren gesundheitlichen Nutzen und den Wandel der Zeit

Lesezeit: 16 Minuten

Heilbäder in Bayern: Alles, was man wissen muss

Dampf steigt auf über dem Außenbecken. 56 Grad warm ist das Schwefelwasser, das in Bad Füssing aus 1.000 Metern Tiefe sprudelt. In den Thermen hat es noch 33 bis 35 Grad, 39 Grad sind es im Hyperthermal-Bad.

Ein junger Mann hat im kühleren Schwimmerbecken ein paar Bahnen gezogen und genießt nun mit seinem vierjährigen Sohn das weltweit einzige Wellenbad mit Thermalwasser.

Zur selben Zeit entspannt seine Frau im angrenzenden Saunabereich, wo sie Wahl zwischen Finnischer Sauna, Römischem Schwitzbad, Osmanischem Hammam, Schwitzstube und Indischem Kristallblüten-Dampfbad hat. 

Die Familie hat drei Tage gebucht, als Auszeit vom Großstadtlärm. „Früher“, so der 38-Jährige, „wären wir nie auf die Idee gekommen, in ein Heilbad zu fahren. Das war doch was für Rentner." Er lacht. „Aber dann haben Freunde uns nach einem Entspannungs-Wochende erzählt, wie sich die Orte verändert haben."

Blick auf die verschiedenen Becken im Johannesbad Therme Kur- & GästeService Bad Füssing

Die Johannesbad-Therme zählt zu den größten Europas und bietet eine Menge „Attraktionen“: Thermal-Wellenbad, Salzwasser-Felsenlagune, XXL-Whirlpools, Gegenstrombäder, über 100 Meter langer Strömungskanal, Wasserfälle, ein 30 Meter langes Schwimmerbecken, acht Bewegungsbäder und fünf Saunen.

Bayerns Staatsbäder und Heilbäder, die einst vor allem königliche und adelige Kurgäste anzogen, haben sich in den letzten 20 Jahren mehrfach neu erfunden. Und sie ziehen nun eine Klientel an, die man dort früher kaum sah: junge Familien oder Paare um die 40, die mehr suchen als nur Erholung.

Heilende Quellen seit Römerzeiten

Die Geschichte der bayerischen Badekultur reicht zurück ins Römische Reich. Bereits die Römer nutzten heiße Quellen zur Erholung, auch nördlich der Alpen nutzten sie die Vorteile heilender Wässer. In Bad Gögging etwa legten römische Legionäre im ersten Jahrhundert nach Christus ein Militärbad an. Das schwefelhaltige Wasser half der Soldateska bei Gelenkbeschwerden nach langen Märschen. Eindrucksvolle Belege früher Wellness-Freuden sind auch die Thermenreste in Weißenburg und Kempten.

Danach geriet das Badewesen in Vergessenheit, bis im 15. Jahrhundert Mönche und Adelige die Heilquellen neu entdeckten. Die Benediktiner betrieben in Bad Adelholzen eine Badeanstalt, Kurfürsten ließen sich in Bad Kissingen kurieren. Doch erst im 19. Jahrhundert, mit dem Aufstieg der wissenschaftlichen Medizin, begann die Blütezeit der bayerischen Kurorte.

Kurhaus Bad Kissingen

König Ludwig I. von Bayern gilt als einer der großen Förderer. Er erkannte das wirtschaftliche und gesundheitspolitische Potenzial der Heilquellen und erhob 1841 Bad Kissingen zum ersten bayerischen Staatsbad.

Der Ort an der fränkischen Saale entwickelte sich rasch zum mondänen Treffpunkt der europäischen Aristokratie. Zar Alexander II. von Russland, Kaiserin Elisabeth von Österreich, Reichskanzler Otto von Bismarck: Alle kamen sie nach Kissingen, um zu trinken, zu baden, zu flanieren.

Zar Alexander II. von Russland, Kaiserin Elisabeth von Österreich, Reichskanzler Otto von Bismarck: Alle kamen sie nach Kissingen

Die Infrastruktur wuchs: Prachtvolle Kurhäuser entstanden, Parks wurden angelegt, Konzerthallen gebaut. In dieser Zeit, der Belle Époque, entstand auch der Begriff Kurschatten, eine euphemistische Umschreibung außerehelicher Affären. Das literarische Denkmal dafür ist Thomas Mann's „Der Zauberberg".

In Bad Reichenhall förderte man das weiße Gold aus den Solequellen. Die königliche Saline wurde zum Wirtschaftsmotor, das Gradierwerk zur Sehenswürdigkeit. Noch heute spazieren Besucher durch den feinen Solenebel atmen tief durch. Der Salzgehalt der Luft entspricht jener am Meer, und das mitten in Bayern.

Frau im Hamam der Wohlfühl-Therme in Bad Griesbach
Therme Bad Aibling

Krise? Neuerfindung!

Ende des 20. Jahrhunderts brachen herausfordernde Zeiten an. Die Gesundheitsreformen der 1990er-Jahre schränkten die Kostenübernahme für klassische Kuren massiv ein, plötzlich blieben Gäste aus. Die Heilbäder standen vor der Wahl: Untergehen oder sich völlig neu ausrichten. Die Antwort hieß Wellness. Ein Begriff, der in Deutschland erst in den 2000er-Jahren populär wurde, rettete viele Heilbäder. Die Transformation verlief nicht überall gleich schnell.

Bad Füssing investierte früh in moderne Thermen. Das Johannesbad wurde erweitert, die Therme Eins erneuert. Statt karger Kachel-Charme gab es bunte Erlebnislandschaften mit Strömungskanälen, Sprudelliegen und Außenbecken unter freiem Himmel.

Bad Griesbach setzte auf eine Kombination aus Thermal- und Golfangeboten. Sechs Golfplätze locken heute sportliche Gäste an, die nach der Runde in 60 Grad heißem Wasser regenerieren. Ein Konzept, das aufgeht: Der Ort verzeichnet über zwei Millionen Übernachtungen jährlich und zieht zunehmend jüngere Besucher an.

Auch architektonisch wagten die Bäder Neues. Für Bad Aibling entwarf das Architekturbüro Behnisch Architekten eine Therme, die 2007 eröffnete wurde und mit ihrer geschwungenen Konstruktion internationale Preise gewann. Lichtdurchflutet, organisch geformt, eingebettet in einen Park als fröhlicher Gegenentwurf zu den funktionalen Bauten der Nachkriegszeit.

Obermain Therme in Bad Staffelstein

Und junge Familien?

Wer heute eines der bayerischen Heilbäder besucht, findet eine erstaunliche Vielfalt vor. Die klassischen Kuranwendungen existieren aus guten Gründen weiter: Fango-Packungen, Mooranwendungen, Massagen. Darüber hinaus haben sich Angebote etabliert, die vor 20 Jahren undenkbar gewesen wären.

Nach 45 Minuten Floating fühlen sich mancher wie nach einem ganzen Urlaubsta

In der „RupertusTherme“ in Bad Reichenhall etwa gibt es einen eigenen Bereich für Floating. In einem abgedunkelten Raum liegen Gäste in körperwarmem, mit Salz Wasser. Sie schweben schwerelos, kein Geräusch dringt von außen. Viele der Gäste seien zwischen 30 und 45, so die Thermen-Leitung. Sie kommen, um abzuschalten. Das Smartphone bleibt aus, der Kopf wird leer.

Nach 45 Minuten Floating fühlen sich mancher wie nach einem ganzen Urlaubstag. Alle Muskelgruppen, besonders die Nacken- und Rückenmuskulatur, entspannen sich beim Floating komplett, der Druck auf Bandscheiben und Gelenke verschwindet, die Wirbelsäule kann sich strecken.

Wasserdruck und der Auftrieb, der den Körper in einen Schwebezustand versetzt, wirken sich auch positiv auf Atmung, Blutzirkulation sowie Stoffwechsel aus. Eine besondere Wohltat für die Bronchien ist das Einatmen quellfrischen Thermal-Mineralwassers in 60 Grad warmen Inhalations-Dampfbädern.

Die besondere bayerische Kombination aus Wellness und Aktivprogramm zieht Familien an. Bad Tölzverbindet seine Jodschwefel-Therme mit einem umfangreichen Wanderangebot. Die Blombergbahn bringt Familien auf den Hausberg, im Winter lockt die Naturrodelbahn. Nach einem Tag in den Bergen taucht man abends im warmen Thermalwasser unter. Die Kinder plantschen im Erlebnisbecken, die Eltern genießen die Stille im Solebecken. Totale Entspannung.

Eine Frau lehnt mit geschlossenen Augen, entspannt an einem Baum im Heilwald, bei der Skulptur Roter Keil von Künstler Klaus Mumm

Achtsamkeit und Detox? Na klar!

In Bad Wörishofen, dem Heimatort von Sebastian Kneipp, werden Kurse in Waldbaden angeboten. Ein Waldpädagoge führt Gruppen durch den Kurpark, lässt sie bewusst atmen, Bäume umarmen, die Sinne schärfen. Was esoterisch klingt, basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen: Der Aufenthalt im Wald senkt nachweislich den Cortisolspiegel und stärkt das Immunsystem.

Der Aufenthalt im Wald senkt nachweislich den Cortisolspiegel und stärkt das Immunsystem.

Der Heilwald von Bad Wörishofen ist Deutschlands erster Therapiewald nach medizinischen Standards: Auf ausgewiesenen Pfaden werden gezielt Atemübungen, Barfußgehen und Waldmeditation angeleitet. Wissenschaftlich begleitet, senkt der Aufenthalt nachweislich Stresshormone. Dieses Konzept verbindet Kneipps Naturheilkunde mit moderner Waldtherapie aus Japan.

Auch das Thema Digital Detox spielt eine Rolle. Hotels in den Kurorten bieten Pakete an, bei denen Gäste ihr Smartphone für die Dauer des Aufenthalts abgeben. Stattdessen gibt es Bücher, Brettspiele, geführte Meditationen. „Anfangs dachten wir, das würde niemand buchen", erzählt ein Hotelmanager aus Bad Griesbach. „Aber die Nachfrage ist enorm. Vor allem Paare mit Kindern schätzen es, mal miteinander zu reden, ohne dass ständig ein Handy vibriert."

Für Familien mit Kleinkindern haben viele Bäder spezielle Bereiche geschaffen. Die Limes-Therme in Bad Gögging verfügt über ein separates Familienbecken mit niedrigerer Wassertemperatur. Kinder planschen, während die Eltern abwechselnd die Saunalandschaft nutzen. In Bad Füssing gibt es sogar einen Baby-Spa-Bereich, in dem Säuglinge ab drei Monaten in warmem Wasser sanft bewegt werden. Eine Hebamme leitet die Kurse, Eltern lernen Grifftechniken für zu Hause.

Gruppen-Heilwassertasting
Floating im Salzwasser

Zwischen Tradition und Innovation

Die Balance zwischen historischem Erbe und modernen Ansprüchen zu halten, ist eine ständige Herausforderung. So macht man in Bad Kissingen in einem Arkadenbau aus dem 19. Jahrhundert Trinkkuren und entspannt abends in der modernen KissSalis Therme mit zehn Innen- und Außenpools sowie Sole-Intensivbecken.

Vielerorts wurde die historische Bausubstanz bewahrt und behutsam modernisiert. In Bad Kissingen wurde der Wandelhalle, einem prächtigen Säulenbau von 1911, neues Leben eingehaucht. Heute finden dort Konzerte, Lesungen und Yoga-Kurse statt. Die Akustik ist grandios, die Atmosphäre einzigartig.

Gleichzeitig investieren die Bäder in zukunftsweisende Technologien. In Bad Reichenhall wird das  Therapiezentrum für Atemwegserkrankungen ausgebaut. Mit modernster Diagnostik werden Asthma- und COPD-Patienten behandelt. Doch auch gesunde Gäste profitieren: Präventionskurse vermitteln Atemtechniken und zeigen, wie man die positiven Effekte der Soleinhalation nutzt.

Viele sehen eine „Renaissance der Prävention“, die Generation zwischen 30 und 50 wolle nicht warten, bis der Körper Probleme macht. Stichwort Longevity. Sie möchte aktiv vorsorgen, Stress abbauen, bevor er chronisch wird. Heilbäder mit ihren natürlichen Heilmitteln seien dafür ideal.

Ein neuer Leuchtturm des Gesundheitstourismus ist die neue Therme in Oberstdorf. „Oberstdorf setzt auf Gesundheit als Ganzjahresstrategie und hochwertigen Qualitätstourismus - das ist ein starkes Beispiel für mutige Investitionen“, so Heilbäder-Präsident Peter Berek.

Parallel legen Bayerns Heilbäder und Kurorte Schwerpunkte auf Prävention, Resilienz und Longevity, auf wissenschaftsbasierten Naturheilverfahren, Waldgesundheit sowie auf neuen Workation-Modellen, die Arbeiten und gesundheitsorientierte Auszeiten verbinden. „Wir entwickeln uns weiter, innovativer, präventionsstärker und digitaler, und bauen gleichzeitig auf unsere gewachsenen Stärken“, so Berek.

Heilwasser im Bayerischen Staatsbad Bad Bocklet

Nachhaltigkeit als Qualitätsmerkmal

Ein Thema, das für die Zielgruppe zwischen 30 und 50 zunehmend entscheidend ist: Nachhaltigkeit. Die bayerischen Heilbäder haben einen natürlichen Vorteil. Thermalwasser ist eine regenerative Ressource. In Bad Füssing etwa fördert man jährlich 4,5 Millionen Kubikmeter Wasser, es wird ohne zusätzlichen Energieeinsatz genutzt.

In Bad Griesbach versorgt eine Geothermieanlage Hotels und Thermalbäder mit Wärme. Auch bei der Mobilität denken die Orte um. Bad Reichenhall hat ein E-Bike-Verleihsystem aufgebaut, das mit Thermalstrom betrieben wird. Gäste können kostenlos Fahrräder leihen und die Region erkunden.

Medical Wellness: Die neue Brücke

Ein Thema, das in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat, ist Medical Wellness. Dahinter verbirgt sich die Verbindung von medizinischer Kompetenz und Wellness-Angeboten. Statt einer ärztlich verordneten Kur buchen Gäste freiwillig Pakete, die Check-ups, Ernährungsberatung und therapeutische Anwendungen kombinieren.

In Bad Bocklet, dem kleinen Staatsbad im fränkischen Saaletal, hat man sich darauf spezialisiert. Viele der Gäste seien erst Mitte 40, beruflich stark eingespannt, haben erste Wehwehchen – Rückenschmerzen, Schlafstörungen und erhöhten Blutdruck. Sie wollten wissen, wo sie stehen, und suchen nach Wegen, ihren Lebensstil zu ändern, heißt es.

Das Angebot umfasst einen umfassenden Gesundheitscheck, individuelle Trainingsempfehlungen, Stressmanagement-Kurse. Die natürlichen werden gezielt eingesetzt. Diese Kombination aus Medizin, Natur und Entspannung wirkt nachhaltig: Studien zeigen, dass drei Viertel der Gäste auch Monate nach dem Aufenthalt gesündere Gewohnheiten beibehalten.

Außenpool der Rottal Terme
Salzgrotte in der Rottal-Terme Bad Birnbach

Workation im Kurpark

Ein Trend, der durch die Corona-Pandemie beschleunigt wurde: Workation, die Verbindung von Arbeit und Urlaub. Viele Berufstätige können heute ortsunabhängig arbeiten. Warum also nicht das Home-Office ins Heilbad verlegen?

Bad Kissingen hat darauf reagiert und bietet spezielle Workation-Pakete an. Hotels stellen Schreibtische mit Monitoren und schnellem WLAN bereit. Vormittags wird gearbeitet, nachmittags geht es in die Therme oder zum Sport.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Man entkommt der eigenen Wohnung, hat dennoch alle Annehmlichkeiten eines Kurortes. Konzentriertes Arbeiten in ruhiger Umgebung, gefolgt von echter Erholung. Für junge Eltern mit schulpflichtigen Kindern ist das Modell besonders attraktiv: Man verlängert ein Wochenende um ein paar Arbeitstage und hat trotzdem gemeinsame Familienzeit.

Geheimtipps abseits der Klassiker

Neben großen oder bekannten Staatsbädern und Heilbädern wie Bad Kissingen, Bad Reichenhall, Bad Füssing oder Bad Griesbach gibt es in Bayern 43 weitere Kurorte und Heilbäder wie Bad Abbach an der Donau mit seinen schwefelhaltigen Thermalquellen oder Bad Kohlgrub im Voralpenland mit seinem Moorheilbad. Bad Adelholzen, versteckt in einem Seitental des Chiemgaus, hat ein besonders mineralienreiches Wasser.

Ein noch stärkerer Fokus auf Zukunftsthemen wie Resilienz, Longevity und hochwertige Präventionsangebote gehören zu den Schwerpunkten der 70 Kur- und Heilbäder sowie Kurbetriebe, die im Bayerischen Heilbäderverband organisiert sind. Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bayerischen Landtag, Bernhard Seidenath, bringt es auf den Punkt: „Unsere Heilbäder sind eine Bank für die Gesundheit. Sie sind eine starke Säule für den Freistaat Bayern.“

Kirchham Therme

Wann ist ein Heilbad ein Heilbad?

Natürliche Heilmittel: Nachgewiesene Thermal-, Mineral- oder Heilquellen oder Heilmoore, Heilpeloide, Heilgase mit wissenschaftlich anerkannter Heilwirkung

Qualität der Heilmittel: Regelmäßige chemische und medizinische Überprüfung, ausreichende Ergiebigkeit für therapeutische Nutzung und gleichbleibende Qualität

Medizinische Infrastruktur: Kurärzte vor Ort, Therapieeinrichtungen und Heilmittel-Anwendungen unter fachlicher Aufsicht

Kurortspezifische Einrichtungen: Kurverwaltung, Kurparks und Grünanlagen, Ruhezonen

Klima und Umwelt: Reine Luft, geringe Lärmbelastung und Verkehrsberuhigung in Kurgebieten

Rechtliche Anerkennung: Staatliche Prädikatisierung durch Landesbehörden, Erfüllung der Begriffsbestimmungen im Kurortegesetz und regelmäßige Überprüfung alle 10 Jahre

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