Sauna mit Bergblick in der Enzianhütte bei Oberstdorf im Allgäu
Dem Himmel ganz nah

An der Bergkulisse rund um Bayerns südlichstes Tal können sich Naturästheten kaum sattsehen. Am Weg hinauf zum Rappensee warten mehrere Alpen mit Käseköstlichkeiten aus eigener Produktion. Der Gipfel der Genüsse jedoch ist die „Enzianhütte“, und das aus mehreren Gründen

Lesezeit: 15 Minuten

Wanderung zur „Enzianhütte“ bei Oberstdorf im Allgäu

Sauna, Whirlpool, Naturbadeteich – und das auf einer Berghütte? Wir sind skeptisch, aber Simone muss es ja wissen. Die sportliche Kollegin war schon öfter zu Gast und will uns diesen Tipp unbedingt zeigen. Zu Fuß, anders geht es gar nicht.

„Mit dem Auto oder der Bahn erreichbare Berghotels samt Wellnessbereich gibt es einige, aber Berghütten mit einem solchen Service sind extrem selten.“ Grund genug, sich selbst ein Bild davon zu machen, ob das Ganze eher in die Rubrik „genialer Genuss“ oder „extravaganter Unsinn“ fällt.

Blick von oben auf die Enzianhütte mit Whirlpool im Rappenalptal im Allgäu

Los geht es an der Fellhornbahn bei Oberstdorf, genauer gesagt eine Busstation weiter an der Endhaltestelle Alpe Eschbach. Von dort ist es nicht weit bis Einödsbach.

Dort, in der südlichsten ganzjährig bewohnten Siedlung der Republik, hört die Straße auf, fängt die ungezähmte Natur an. Man könnte im Gasthof auch übernachten und/oder einkehren, doch wir verweilen nur kurz auf der Terrasse, zum Fern-Sehen.

Dabei voll im Bild: das Allgäuer Hauptdreigestirn Trettachspitze – Mädelegabel – Hochfrottspitze. Da glaubt man Simone gern, wenn sie sagt: „Die Zacken sind stark, aber nur etwas für Geübte.“

Alles andere als gefährlich ist unser weiterer Weg zur 700 Meter höher gelegenen „Enzianhütte“. Abwechslungsreich schlängelt er sich über Almwiesen und durch teils lichtere, teils dichtere Waldstücke bis zur „Petersalpe“. Dort ist Zeit für eine Rast.

Zwei junge Frauen schauen aus dem Ausgabefenster der
Seit einigen Jahren gibt es auf der Petersalpe im Allgäu wieder selbst gemachten Käse

„Freundliche Selbstbedienung“ steht auf einem Holzschild, hinter der Theke stehen zwei lachende, junge Frauen, die heute die Pächter Wolfi und Verena Dallmeier vertreten. Selbst ohne Tischservice haben sie alle Hände voll zu tun. Jetzt kommt auch noch eine 15-köpfige Männergruppe an und ordert Schorle, Kuchen, Brotzeitbrettl.

Eine Frau erkundigt sich nach Käse-Nachschub – erst 2021 hat die Alpe nach 50 Jahren Pause die Herstellung wieder aufgenommen –, eine andere nach dem Mountainbikeweg. Doch wie andere Radler muss auch sie wieder etwas hinunter ins Rappenalptal, auf dessen Straße zwar kein Auto-, aber Radverkehr erlaubt ist.

Der ab jetzt steiler werdende Weg ist Wanderern vorbehalten. Angesichts der Wurzeln und gelegentlichen Tobel-Engstellen hilft auch kein Elektromotor. „Gut so“, meint ein Mann, „wenn jeder sein Terrain hat.“

Der Weg zur Enzianhütte im Rappenalptal ist aufgrund seiner Beschaffenheit Wanderern vorbehalten

Berauschende Aussichten

So erwarten uns nach rund eineinhalb Stunden auf der „Enzianhütte“ statt Räder vorm Haus Wanderstiefel im Regal sowie eine freundliche Bedienung, die uns den hausgemachten Zwetschgendatschi empfiehlt.

„Aber erst einchecken, damit ihr eine Nummer bekommt.“ Auf die lässt sich alles verbuchen, auch der Kuchen. Angenehm, so muss man nur einmal seinen Geldbeutel (oder die Bankkarte) zücken, am Abend vor dem Schlafen.

So weit ist es noch lange nicht. Erst mal den Blick von der geräumigen Terrasse schweifen lassen. Hinter der modernen Hirschskulptur, offenbar meistfotografiertes Motiv der Hütte, lässt sich unser morgendlicher Startpunkt erahnen, in der Ferne der Grünten, Beiname „Wächter des Allgäus“.

In der anderen Richtung gibt sich die Kulisse deutlich alpiner. Wenn man die zur Materialseilbahn gehörenden Zugseile samt Pfosten wegdenkt, sieht man nur Natur, Gipfel und quasi keine Zivilisationsanzeichen.

Nächste Übung: die Wegführung zur „Mindelheimer Hütte“ an der Bergkette gegenüber dechiffrieren. Meist ist der Pfad gut zu verfolgen, doch in steileren Flanken ähnelt er einem Lückentext. Wo bitte soll es da langgehen?

Hirschskulptur aus Stahl an der Enzianhütte mit Blick in die umliegende Allgäuer Bergwelt
Wanderer unterwegs in den Allgäuer Bergen hoch über Deutschlands südlichstem Tal, dem Rappenlptal

Der Soundtrack zur Nachmittags-Meditation besteht aus Glockengebimmel der „Schumpen“, wie die Jungrinder im Allgäu heißen, und Gläserklirren der Tischnachbarn.

Nicht dass alle Bier trinken würden, aber wenn, stammt es aus der hauseigenen Brauerei. Schließlich ist Daniel Schwegler nicht nur seit 1993 als Hüttenwirt aktiv, sondern seit einiger Zeit auch als Brauer. Das Repertoire reicht von Hellem bis zu alkoholfreiem Weizen.

Dass Schwegler „Europas höchstgelegene Brauerei“ betreibt, sehen sie beim „Karwendel Bräu“ in Mittenwald (auf 2.244 Meter Höhe) und auf der Berghütte Lavarella in den Dolomiten (2.050 Meter Höhe) vermutlich anders, aber 1.804 Meter sichern auf jeden Fall einen Platz auf dem Siegerpodest. Wichtiger ist ja ohnehin, dass sein „Gipfelstürmerbier“ so gut ankommt. So gut, dass Daniel mit dem Gedanken spielt, in Oberstdorf eine Kneipe zu eröffnen, mit seinem Bier als Star.

Gipfelstürmerbier: Auf 1.804 Meter Höhe gibt es Weißbier für durstige Gäste
Whirlpool und Sauna mit Blick auf die Rappenseeköpfe im Rappenalptal bei Oberstdorf im Allgäu

Sitzen und schwitzen

Daniels Kneipe mag in Zukunft eine verlockende Option fürs Nachprogramm darstellen, doch den (idealerweise früh gebuchten) Schlafplatz auf der Hütte will man nicht so schnell hergeben. Daniel bestätigt: „Viele Gäste bleiben länger als eine Nacht.“ Und um deren Aufenthalt noch schöner zu gestalten, sorgten er und seine Partnerin für mehr Privatsphäre in den Matratzenlagern.

„Erst vor Kurzem haben wir alle 108 Lagerplätze in kleinere Einheiten mit verwinkelten Einzel- und Doppelkojen umstrukturiert“, erzählt Heike Ruppricht, als sie uns durch das 1937 von Daniels Großvater Max erbaute und vor einigen Jahren architektonisch harmonisch erweiterte Haus führt.

„Wir sind eben kein Hotel, sondern nach wie vor eine Hütte“

„Doch die meisten wünschen sich eigene Zimmer.“ Die gibt es auch, allerdings machen sie nur etwa ein Viertel der Schlafplätze aus. „Wir sind eben kein Hotel, sondern nach wie vor eine Hütte“, so Daniel.

Hausschuhregeln, überwiegend Stockbetten und urige Stuben unterstreichen das. Dann ist da noch der „höchstgelegene Wellnessbereich in den Oberstdorfer Bergen“, dessen Tür sich gegen einen Extraobolus öffnet. Dahinter: warme Duschen ohne Zeitbegrenzung, Zirben-Infrarot-Sauna, Handtuchstapel!

So richtig ins Staunen kommen wir draußen. Auf der Sonnenterrasse mit Liegestühlen und lockerer FKK-Policy wird bedient, ebenso im Whirlpool. Die Badenixen, die gerade zu der Männertruppe in die Sprudelfluten steigen, haben offenbar keine Berührungsängste.

Frau schwimmt im Naturbadesee nahe der Enzianhütte im Rappenalptal

Mut beweisen auch zwei Gäste im Naturbadeteich etwas oberhalb. Dort halten es die Eisbadeprofis schon seit einer Viertelstunde aus, und das bei höchstens zehn Grad Wassertemperatur.

Die meisten kommen nach einer japsenden Minischwimmrunde aber schnell wieder an Land und zum Aufwärmen in die finnische Outdoor-Sauna. Schwitzen bei 90 Grad Hitze und 180 Grad Panoramasicht, das ist herrlich.

Auch ein schöner Ausblick: Um sieben gibt es Essen. Das liefert den letzten Beweis, dass die „Enzianhütte“ in einer eigenen Liga spielt. Selbst wer nicht das fünfgängige Feinschmecker Menü ordert, traut Augen und Gaumen kaum.

Seesaibling auf Pfannengemüse, Vitello Tonnato, Tomahawk Steak, zudem mehrere Menüangebote: Die Karte strotzt vor Highlights. Daniel ist nicht nur gelernter Masseur, sondern auch gelernter Koch. Das schmeckt man!

Gourmetmenü auf der Enzianhütte bei Oberstdorf im Allgäu: Lachsfilet auf Rucola
Daniel Schweiger zaubert seinen Gästen der Enzianhütte ein mehrgängiges Menü auf die Teller

Sicher, ein preisgünstiges Bergsteigeressen wie auf DAV-Hütten üblich darf man nicht erwarten. Ebenso wenig strenge Bettruhe ab 22 Uhr. Passt die Stimmung, wird auch mal überzogen. So wie heute. Da wird geratscht, gelacht, geschnapselt. Klar, vorzugsweise Enzian. Alles im Rahmen, wobei wir mitkriegen, dass es durchaus Abende gibt, bei denen nicht „schon“ um Mitternacht das Licht aus- und die Musik abgedreht wird.

Die samstäglichen Küchenpartys, bei denen Live-Bands spielen und Gäste mit kleinen Essensportionen auch in die Küche dürfen, genießen Kultstatus, erst recht das Saisonfinale Mitte Oktober.

Frau genießt den fantastischen Panoramablick oberhalb des Rappenalptal im Allgäu
Blick auf den Großen Rappensee und den Hochrappenkopf im Allgäu

Essen und alles vergessen

Hüttenübernachtungen haben ja etliche schöne Facetten. Eine davon: Während andere noch unten im Tal weilen, ist man schon oben. Und noch ausgeruht beim Überschreiten der Zweitausendergrenze.

Die gerade über die Bergspitzen lugende Sonne gefällt indessen nicht nur uns, sondern auch den in der Ferne erspähten Gämsen sowie einigen Murmeltieren am Wegesrand. Scheu kennen sie keine, eines spielt regelrecht mit der Kamera.

„Nach Regenfällen“, meint Simone, „sieht man auch Alpensalamander.“ Dann hätten wir ja langsam die Big Five der Alpen beieinander, fehlen noch Steinböcke und Steinadler. „Die lassen sich hier auch des Öfteren blicken.“ Heute nicht.

Blick auf den Großen Rappensee, oberhalb liegt die „Rappenseehütte“

Was wir sehen, sind Seen. An dieser Stelle müssen wir die Stimme senken, damit nicht zu viele davon erfahren. Denn insbesondere der Rappensee ist einfach nur wow! Und auch hier muss man froh sein, dass weder Straße noch Biketrail oder Seilbahn hochführen.

So kommen nur Wanderer in den Genuss dieses natürlichen Infinity-Pools, in dem sich die Rappenköpfe samt Linkerskopf spiegeln. Gleich ums Eck liegt die „Rappenseehütte“, ein Raumwunder in Traumlage. Die über 270 Schlafplätze verteilen sich geschickt über mehrere in den Berg hineingebaute Etagen und dahinterliegende Gebäude.

Murmeltier schaut sich neugierig um im Rappenalptal im Allgäu

Ansonsten ist die größte der 321 deutschen Alpenvereinshütten aber, und das soll keine Wertung sein, das glatte Gegenteil zur „Enzianhütte“. Eben eine Alpenvereinshütte, die eher Bergpuristen, Wandercracks (der hier weiterziehende Heilbronner Höhenweg ist ein fantastischer, aber auch anspruchsvoller Fernwanderweg), Kurzzeitgäste und solche mit kleinerem Budget anzieht.

Es ist Zeit für den Rückweg, nur welchen? Über die „Schwarze Hütte“ und den breiten Weg aus dem Rappenalptal hinaus? Wir entscheiden uns für Plan B: noch mal an der „Enzianhütte“ vorbei und über den Steig hinunter zur „Sennalpe Breitengehren“, die Herbert Babel betreibt und die wie die „Petersalpe“ und andere zur Stiftung Allgäuer Hochalpen gehört.

Wanderer auf dem steilen und felsigen Wandersteig zwischen Enzianhütte und Rappensee

Deren oberste Ziele sind der Kultur- und Naturschutz im „Prinzregentbogen“, wie die Region bis zur Landesgrenze aufgrund der Jagdtätigkeit des Prinzregenten Luitpold bis zum heutigen Tag genannt wird.

Über den Stiftungsgründer Manfred Kurrle hören wir allerorts nur Gutes. Was wir auch hören: Grummeln. Unser Magen? Kaum. Ein drohendes Gewitter? Das würde Herbert ja nicht stören, wohl aber die seiner Meinung nach viel zu häufig viel zu schlechten Vorhersagen in den einschlägigen Apps. „Die halten die Leut‘ ab.“

Einkehroption mit eigener Käseerzeugung: Die „Sennalpe Breitengehren“ im Allgäu
Deftige Raclette Pfanne in der Sennalpe Breitengehren im Allgäu

Heute ist wenig los. Vorteil: So kommen wir zügig in den Genuss der beliebten Raclettepfanne, deren Käse – natürlich – vor Ort hergestellt wird. Als es erneut grummelt, ist auch klar, dass der Wetterbericht mal stimmt. Herbert wertet unsere Sorgenfalten richtig und erspart uns mit seiner Autofahrt die letzten Wanderkilometer nach Oberstdorf.

Schade, dass Daniels Kneipe noch nicht eröffnet ist. Die wäre jetzt, wo es wie aus Eimern schüttet, der krönende Abschluss einer genialen Genusstour.

Mehr Wandergenuss im Allgäu

Frau erfrischt sich im Wasserbecken bei den Buchenegger Wasserfällen im Allgäu

Luftig oder wild?

Genusswandern, das sich gewaschen hat: Unterwegs auf den Premiumwegen „Luftiger Grat“ und „Wildes Wasser“ im Allgäuer Naturpark Nagelfluhkette

Weiterlesen
Wandertour im Allgäu mit Daniel Bensmann

Unter die Haut

Eine Bergtour mit dem Allgäuer Hautmaler, Tätowierer und Jäger Daniel Bensmann hinauf zu Hirschberg und Spieser bei Bad Hindelang

Weiterlesen
Kilian Stückler bei der Wandertour auf das Imberger Horn

Gipfelglück²

Wir wandern mit Braumeister Kilian Stückler durch die Allgäuer Berge aufs Imberger Horn. Zum Abschluss gibt's in Sonthofen Craft-Beer und Craft-Food

Weiterlesen
Pilgern im Allgäu: Pilgerführer Ambros Höring mit seiner Gruppe auf dem Jakobsweg bei Scheidegg

Unterwegs zum Ich

Pilgern ist Urlaub für die Seele. Für Einsteiger bieten sich Teilstrecken des Jakobswegs an, etwa die von München nach Lindau

Weiterlesen

Post aus Bayern

Hol dir aktuelle Tipps zu Reportagen, Reiseberichten und Events aus erster Hand!