Der Zoiglstern am Giebel bedeutet, dass die Zoiglstube geöffnet ist
Zoigl? Nicht normal!

Wirt Reinhard Fütterer trägt dazu bei, dass die 600 Jahre alte Tradition des Kommunbrauens lebendig bleibt. Das untergärige Zoigl-Bier der Hausbrauer ist immer für eine Überraschung gut – und alles andere als gewöhnlich

Zoigl-Wirt Reinhard Fütterer

Die Zoigl-Stube im „Schafferhof“ in Windischeschenbach ist bis auf den letzten Platz belegt. Zufrieden streift der Blick von Wirt Reinhard Fütterer durch die urige Gaststube. Rund 160 Gäste von jung bis alt lachen, prosten sich zu und unterhalten sich angeregt. „Dein Zoigl ist wieder klasse geworden“, lobt ein Gast. Reinhard Fütterer strahlt. Ein schöneres Kompliment gibt es für ihn nicht.

Traditionsbier mit exklusivem Braurecht

Ein Zoigl ist ein untergäriges, unfiltriertes und nicht pasteurisiertes Bier. Es wird seit rund 600 Jahren traditionell im sogenannten Kommunbrauhaus hergestellt. Das ist ein von den Gemeinden eingerichtetes Brauhaus, das meist aus dem 14. bis 16. Jahrhundert stammt.

Stand früher im nördlichen Bayern in 75 Gemeinden so ein Kommunbrauhaus, pflegen heute nur noch fünf Gemeinden die Tradition des gemeinschaftlichen Brauens: Eslarn, Falkenberg, Mitterteich, Neuhaus und Windischeschenbach.

Seit 1415 besitzt der Schafferhof in Windischeschenbach das Zoiglbraurecht

Reinhard Fütterer ist nicht nur Zoigl-Wirt, sondern auch Zoigl-Brauer. Das ist ein ganz besonderer Titel. Nur wer das Braurecht besitzt, darf das Traditionsbier im Kommunbrauhaus brauen. Das Braurecht wiederum ist bedingt an ein Grundstück gekoppelt. Reinhard Fütterer erhielt es, als er 1999 den Schafferhof übernahm, dessen Grund das Braurecht bereits seit 1415 besitzt.

Zoigl: Nicht nur Bier, sondern Emotion

Vor sechs Wochen braute Reinhard Fütterer im Kommunbrauhaus ein Zoigl, dessen Qualität er nun testen will. Er steht in dem schummrigen Keller des „Schafferhof“, in der Hand ein Glas. Vorsichtig zapft er das Zoigl-Bier aus dem 1.000-Liter-Tank. Er ist angespannt, ein Zoigl schmeckt niemals gleich. Wenn es nicht gelungen ist, hat er rund 24 Stunden umsonst gearbeitet.

Reinhard Fütterer betrachtet das bernsteinfarbene Zoigl und hebt das Glas unter die Nase. Er riecht und stellt fest: Es ist gut. Er führt das Glas an seine Lippen und kostet die ersten Tropfen. Der Zoigl-Brauer ist erleichtert: Es schmeckt! „Es hat eine schöne, hopfige Note, das mag ich“, erklärt er.

Nur wer das Braurecht besitzt, darf Zoiglbier in einem Kommunbrauhaus brauen

Zoigl: Immaterielles Kulturerbe Bayerns

Einmal im Monat wird der hauptberufliche Kaminkehrer zum Zoigl-Wirt. „Ich mache das, weil es Spaß macht“, erzählt er. Viel Geld verdiene er damit nicht. Doch er kann sich nicht vorstellen, das jemals aufzugeben. Für ihn ist das Zoigl mehr als nur ein Bier, „es ist eine Emotion“, sagt er.

Außer dem Geschmack überzeugt ihn das Erlebnis dahinter. „Wer Zoigl richtig fühlen und erleben will, muss in eine Zoigl-Stube gehen. Dort herrscht eine einzigartige Stimmung“, sagt Reinhard Fütterer begeistert, „es gibt keine Standesunterschiede mehr, Altersunterschiede spielen keine Rolle und jeder spricht mit jedem.“ Die Tradition des Zoigl liegt Fütterer sehr am Herzen.

Im März 2018 erhielt die Zoigl-Kultur die Auszeichnung „Immaterielles Kulturerbe Bayern“. „Das Zoigl ist für das nördliche Bayern ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal“, erzählt Reinhard Fütterer.

Der Zoiglstern besteht aus zwei ineinandergeschobenen gleichseitigen Dreiecken

Achtet auf sechszackige Zoigl-Sterne

Einmal im Monat öffnet Reinhard Fütterer seine Zoigl-Stube für ein verlängertes Wochenende und schenkt frisch gezapftes Zoigl-Bier aus dem Lagertank aus. Welche Zoigl-Stube gerade offen ist, finden Interessierte im Zoigl-Kalender. Zudem zeigt der Zoigl-Stern, das sechszackige Zunftzeichen der Brauer, welcher Wirt geöffnet hat. Der Stern hängt am Giebel der Häuser.

Blick auf Burg Falkenberg an der Waldnaab im Naturpark Steinwald

... von Reinhard

Wanderung nach Falkenberg
Ich empfehle meinen Gästen, von Neuhaus nach Falkenberg zu wandern. Das ist eine rund zweieinhalbstündige Wanderung, teilweise durch den Wald und am kleinen Flüsschen Tirschenreuther Waldnaab entlang. Dieser Weg ist herrlich, ich genieße dort die Natur und die Ruhe. Nach ungefähr eineinhalb Stunden passiert ihr die Blockhütte. Sie hat jeden Tag außer montags von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Dort könnt ihr euch stärken. In Falkenberg habt ihr dann die Wahl zwischen zwei Zoigl-Stuben: dem „Zoigl Kramer Wolf“ und dem „Schwoazhansl Zoigl“.
zoigl-kramer-wolf.de | schwoazhansl-zoigl.de

„Waldhaus im Steinwald“
Das ist ein kleiner Geheimtipp. Fast niemand kennt das urige Steinhaus. Es hat im Winter nur am Samstag, Sonntag und Feiertag geöffnet, im Sommer auch am Freitag. Die Lage ist wunderschön: mitten im Wald. Innen ist es sehr gemütlich eingerichtet. Und das Beste: Auch dort gibt es Zoigl! waldhaus-steinwald.de

Reinhard über Zoigl-Stuben

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