Bavarian Heavy Metal

Sepp Spiel lebt als Almbauer, Jäger und Gemeindearbeiter am Tegernsee. Und als Basstrompist der „Tegernseer Tanzlmusi“ spuckt er mit Vergnügen ganz große Töne. Wir begleiteten den Alleskönner durch seine Heimat

Lesezeit: 13 Minuten

Sepp Spiel und die „Tegernseer Tanzlmusi“

Vier Gewänder braucht Sepp Spiel für seine verschiedenen Rollen. Er füllt sie alle aus, mit Leib und Seele. Den Leib sieht man, der ist fest, wie man in Bayern freundlich sagt. Über die Seele kann man nur das Beste annehmen. Einen Schnauzbart hat er und grüne Augen, die strahlen, wie nach einem gelungenen, kindlichen Schabernack. Immer obendrauf: ein Hut. Unter dem Hut: wenig Haare.

Mehrere Lederhosen müssen sein! In die ist Sepp schließlich nahe von Weilheim im Weiler Kerschlach 1985 hineingeboren worden. In denen steht er im Leben und als Basstrompeter auf der Bühne.

Weit über das Tegernseer Tal hinaus kennt man die „Tegernseer Tanzlmusi“, ein Septett, das bayerische Blasmusik auf Festivals, in Bierzelten, auf Waldfesten, in Wirtschaften und auf privaten Veranstaltungen im gesamten Alpenraum spielt.

Der Sepp macht die Ansagen: „Der ist am lustigsten und schlagfertigsten von uns“, findet Thomas Eberl, Manager der Gruppe und eher der ruhige Typ am Flügelhorn.

Bei der Vorstellung der Band spricht Sepp auch über die Berufe der sieben Musiker, das Publikum schätzt es, dass die fetzigen Polkas und Oberkrainer von guten Freunden gespielt werden, die sich im echten Leben auskennen.

Die Tanzlmusiker? Alle maximal geerdet und einfach „total normal“

Hans Dießl am Flügelhorn hat dreißig Milchkühe, Tubaspieler Sepp Seestaller macht Kernbohrungen, Klaus Leitner an der Ziach züchtet Kälber, der Gitarrist Klaus Miller „brutzelt Autos und Grabkreuze zusammen“, wie Sepp sich ausdrückt. Dann gibt es noch einen Kämmerer, auch er Basstrompeter, und den Musiklehrer Thomas Eberl am zweiten Flügelhorn. Sich selbst stellt er als gelernten Landwirt und Gemeindearbeiter von Tegernsee vor.

Arbeitsalltag? Mit Bagger, Lkw, Vorschlaghammer und Zugschiff

In Gewand Nummer zwei, der orangefarbenen Arbeitskleidung, schiebt Sepp Schnee im Winter, fährt Bagger und Lkw, pflegt Wanderwege. Selten, aber umso schöner sind die Fahrten mit dem über 100 Jahre alten Zugschiff auf dem Tegernsee.

Eine bröckelnde Ufermauer soll begutachtet werden, also tuckert er mit dem 50 PS starken Altertum aus dem Bootsschuppen. Sonnenreflexe spielen auf tiefblauem Wasser, zusammen mit dem Kirchturm von St. Laurentius in Rottach-Egern, dem Wallberg und hellblauem Himmel fügt sich ein Idyll zusammen. So ein Anblick gehört einem nur sehr früh morgens alleine.

„Wir haben den Ruf als Lago di Bonzo wegen der vielen Reichen und Prominenten und den Porsche-Münchnern, die hier einfallen“, brummt Sepp Spiel leicht genervt, „hier am See leben aber auch jede Menge ganz normale Menschen, die mit richtiger Arbeit Geld verdienen müssen, die genauso wie ich schauen, wie sie ihre Familien ernähren. Über die spricht kein Mensch, dabei halten wir den Betrieb am Laufen.“

Privat-Gig für Mick Jagger? Nicht der Rede wert

Von der erwähnten Schickeria ist im „Gasthof zum Hagn“ in Kreuth nichts zu sehen. Dorthin radelt Sepp Spiel nach der Arbeit, mit seiner Basstrompete. Die Tanzlmusi ist diesmal als Quartett engagiert, um gemütliche Wirtshausmusik zu spielen.

„So etwas machen wir auch, wir drehen nicht durch, nur weil wir auf einem Festival ein paar Tausend jubelnde Leute zum Tanzen gebracht haben. Auch die Superreichen, die uns für ihre Gartenfeste holen, beeindrucken uns nicht.“ Dass die Tegernseer sogar im Hotelzimmer von Mick Jagger zu dessen 79. Geburtstag aufgespielt haben, erwähnt er gar nicht.

Probenabende? Nach 19 Jahren nicht mehr nötig

Der Tourneekalender ist bis in den Spätherbst dicht. Mindestens an den Wochenenden sitzen die sieben Freunde im Tourbus. „Es geht total lustig zu, wir haben keine Diva. Ständig ziehen wir uns gegenseitig auf. Wir wissen aber, wen wir nicht so tratzen dürfen“, erzählt Sepp Spiel.

„Proben müssen wir schon lange nicht mehr, wir sind seit 2006 aufeinander eingespielt. Damals wollten wir einfach nur miteinander Musik machen. Dass unsere Band so abgeht, hat uns selber überrascht. Der Spaß ist geblieben, sonst wäre alles sinnlos.“

Den ganzen August hat Sepp Spiel Urlaub. Auch die Band setzt zwei Wochen aus. „Insgesamt haben wir siebzehn Kinder“, rechnet er stolz den Nachwuchs der Band zusammen. „Die wollen ihre Väter auch mal ein paar Tage am Stück für sich haben.“

Sepps Sommerglück? Die winzige Almhütte ohne Strom

Endlich kann er Gewand Nummer drei und vier überstreifen: Stallkittel und Försterjacke. Mit Vroni, seiner Frau, und den Töchtern Sophie, Genoveva und Leni zieht er auf die „Mangl Hütte“, eine winzige Alm im Schwarztenngebiet. Strom gibt es nicht, Internet schon gar nicht, sogar zum Telefonieren muss er ins Tal fahren. Aber der Wald ist ganz nah.

Mit 19 hat er den Jagdschein gemacht. Opa, Vater, Bruder – alle Männer der Familie sind Jäger. Der Schwiegervater besitzt drei Hektar Bergwald, den Sepp bewirtschaftet. Ab und zu Wild zu entnehmen gehört auch dazu. „Ich jage gern, aber nur, wenn es sinnvoll ist“, sagt er. Er streift durch den ehemaligen Nutzwald, zeigt Lichtungen, auf denen junge Bäumchen nachwachsen.

„Ich versuche, Licht reinzubringen, um natürlichen Anflug zu erhalten. Es braucht Zeit, bis die alte Monokultur verschwunden ist“, sagt er. „Ich hole nur Brennholz raus, Profit interessiert mich nicht. Geld ist nur Papier, der Wald hingegen ist wichtig für künftige Generationen.“

Prioritäten? Erst die Kühe, dann der Morgenkaffee

Die reinste Erholung sei es, im Morgengrauen die siebzehn Kühe aus dem Wald und von der Weide in den Stall zu holen, wo sie den Tag verbringen. Draußen gingen ihnen Fliegen und Sonne auf die Nerven, meint Sepp. Erst wenn die letzte bockige Kuh im Stall ist, hat er Zeit, den Ofen zu schüren, um Kaffee zu kochen.

„Es dauert so lange, bis ich meinen ersten Kaffee trinken kann“, schränkt er das Paradiesgefühl etwas ein, das ihn schon beim Anblick der an den Waldrand geduckten Holzhütte warm durchrieselt.

„Wir suchen Pilze, spielen, wandern, ich repariere Zäune, hacke Holz, miste den Stall aus, schau nach den Kälbern auf der Weide. Abends um 21 Uhr gehen wir alle ins Bett, wir haben nur eine gemeinsame Schlafkammer. Nach der Kissenschlacht beten wir mit den Kindern. Religion nehme ich ernst, die gehört dazu und gibt uns Halt.“

Der Kindheits-Traum? Eine Posaune

In der Stube erzählt Sepp, wie alles begann. „Bauer und Musikant wollte ich sein, Posaune spielen. Immer schon. Der Papa hat mir ein Tenorhorn gekauft, weil es das billigste Blasinstrument war, das es in dem Laden gab. Hauptsache Blasinstrument!

Das passte zur Volksmusik, die wir zu Hause gehört haben. Etwas anderes kannte ich gar nicht, bis ich acht oder neun Jahre alt war. Den Hof hat der älteste Bruder übernommen, so will es die Tradition. Aber die Gemeindearbeit mache ich gern, weil sie so vielseitig ist, und meine Ausbildung als Landwirt kann ich dabei gut brauchen.“

Es sei nicht schlimm gewesen mit dem Tenorhorn, meint er rückblickend, aber seine drei Töchter durften sich ihre Instrumente selbst aussuchen: Harfe, Geige und Steirische. „Ich habe mir die Posaune dann später selber gekauft, aber bei der Wirtshausmusik war die unpraktisch, man stößt mit dem Auszug leicht die Gläser um.“

Trompete war ihm zu schrill, er sei einfach der Basstyp, der für den breiten, kräftigen Sound sorgt, erst recht, wenn zwei der tiefen Hörner zusammenspielen. Was sich bei der Tegernseer Tanzlmusi zufällig ergeben hat, weil zwei der Freunde halt Basstrompete konnten und man miteinander etwas machen wollte. Dies hat einen Trend losgetreten und ist inzwischen der letzte Schrei.

Das Mundstück? Entscheidet über den Ton

Alle lieben die Klangfülle der Hörner als Melodieführer, und doppelt hört es sich noch besser an, irgendwie zwischen Posaune und Tenorhorn. „Das bläst dich um! Doch die sind schon zach zu spielen, haben aber mehr Klangfülle“, schwärmt Sepp. „Das Mundstück ist entscheidend, jeder Musiker braucht ein anderes.“

„Das Mundstück ist entscheidend, jeder Musiker braucht ein anderes“

Ziemlich weit fiel ihm das Gesicht runter, als er vor dem Auftritt auf einem Festival seinen Instrumentenkoffer öffnete. Das Mundstück war weg. Jemand hatte es geklaut. Ein übler Streich oder Sabotage?

Sepp Spiel konnte sich eines leihen. „Meines hat eine weite Öffnung, man braucht mehr Lungen volumen, aber der Sound ist voller. Ich musste mit einem engeren Mundstück spielen, was komisch war“, erinnert er sich. „Die Tiefe vom Mundstück macht einen schönen, vollen Ton, aber man muss es derblasen.“

Schon lange sollte er sich ein Reservemundstück besorgen, Instrumentenbauer Hans Krinner in Gaißach hat vielleicht Ersatz. „Die Kartoffel! Schauen wir vorbei“, ruft Sepp Spiel aus, anscheinend ist Kartoffel ein Kosename für einen der ihren. Hans Krinner gehört zum Klub, er hat selbst Trompete, Tuba und Tenorhorn gespielt und weiß, worauf es ankommt.

Krinners Geniestreich? Ovales Flügelhorn

Aber auch klassische Musiker kaufen bei Krinner, er hat interessante Neuerungen entwickelt. Zum Beispiel eine ovale Form für das Flügelhorn, die die Spieltechnik verbessert. „Eine von zehn Erfindungen klappt, Profimusiker testen meine Neuerungen so lange, bis sie von dem Ergebnis überzeugt sind“, sagt Hans Krinner, der schon früh in einer improvisierten Werkstatt an Verbesserungen getüftelt hat. Mittlerweile beschäftigt er zehn Mitarbeiter.

Im Showroom der Firma spielt Sepp eine der kompakten Krinnerschen Basstrompeten an. „Ich habe einfach den dritten Zug nach oben verlegt, so verteilt sich das Gewicht besser zum Körper hin“, beschreibt Hans Krinner seine Erfindung. „Was wiegt die überhaupt? Was für ein Gewicht stemme ich denn da immer?“, will Sepp wissen. „Eins Komma sieben Kilo sind es schon“, gibt Hans Krinner zu.

„Zu leicht darf es nicht sein, sonst klingt es zu hell. Deine ist schwerer. Willst du mal sehen, aus wie vielen Teilen deine Tröte besteht?“

Das Wichtigste? Die Leute sollen a Gaudi haben!

Krinner führt zu seinem Arbeitsplatz in der Werkstatt. „Dieses Puzzle muss perfekt zusammenstimmen“, sagt er, „plus die Legierung, das Material, ach, tausend Sachen.“ Sepp staunt und nimmt ein paar Mundstücke zum Ausprobieren mit.

Tausend Sachen gäbe es auch beim Spielen zu beachten, aber darüber musste er noch nie nachdenken, er ist Vollblutmusiker, ganz wie er es sich gewünscht hatte. Läuft einfach. Spielen, Spaß haben mit den Freunden.

„Schlimme Sachen gibt es auf der Welt genug“, sagt er, „wir wollen, dass die Leute a Gaudi haben. Wir bringen die größten Langweiler zum Lachen, immer schön lustig.“

Wenn Sepp mit den Haferlschuhen fest auf der Bühne steht, die Augen schmal macht, um gegen das Scheinwerferlicht zu blinzeln und die Leute tanzen zu sehen, wenn der Duft von Bratwürsten und Bier in der Luft liegt und ihm der fette Sound der Bläser um die Ohren braust, dann geht der Bauernbub aus Kerschlach in seiner Hauptrolle auf.

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