Unterarm-Tattoo: „Main. Silvaner. Rockt.“
Alleskönner im Höhenflug

Der Silvaner gilt als typisch fränkische Rebsorte. Er wurde lange – zu Unrecht – ein wenig belächelt. Nun macht er auch in Japan, den USA, in China und Skandinavien richtig Karriere. Und die Gentleman-Rebsorte verkörpert nebenher noch perfekt Frankens Mentalität. Von Wolfgang Hubert

Lesezeit: 10 Minuten

Silvaner rocks!

Wer wissen will, weshalb der Silvaner zu Franken gehört, kann nahezu jedes Weingut in der Region besuchen und dort Silvaner in verschiedensten Varianten verkosten. Dabei wird man rasch feststellen, die Franken lieben diese Rebsorte.

„Er verkörpert sehr gut die typische fränkische Mentalität“, weiß Rudolf May vom gleichnamigen Weingut in Retzstadt. „Er ist in sich ruhend, bodenständig, authentisch und nie aufdringlich.“ Überall sieht man heute Silvaner. Auf schroffen Steigungen, an sanften Hängen, auf rotem Sand oder dunklem Verwitterungsgestein.

Castell: Reise zum Ursprung des Silvaners

Nicht nur für weinhistorisch Interessierte lohnt die Reise an den Ursprungsort der Sorte. In Castell wurden am 6. April 1659 die ersten Silvanerreben in Deutschland gepflanzt. Natürlich gibt es keinen Wein mehr aus dieser Zeit. Im Fürstlich Castell’schen Domänenamt, wo die entsprechenden Urkunden aufbewahrt werden, führt man aber hin und wieder Verkostungen mit trockenen Silvanern aus den 1950er- und 1960er-Jahren durch. Sie überzeugen mit einer erstaunlichen Frische und vielfältigen Aromen.

Respekt für Silvaner: Renaissance der Frankenweine

Dabei war die Liebe zu dieser weißen Sorte längere Zeit bis auf wenige Ausnahmen sehr einseitig. Silvaner liebte die Weinbergsböden in Franken schon immer. Die Winzer dagegen behandelten ihn eher als Stiefkind, Hauptsache viel Ertrag und schnell verkauft. Bis vor knapp 30 Jahren die Wende kam. Damals waren die Lager voll, das Prestige der Frankenweine lag am Boden. Silvaner im typisch fränkischen Bocksbeutel wurden häufig für zwei, drei Mark in den Supermärkten verramscht.

Dann platzte der Knoten. Der Anstoß zur Wende kam von einigen engagierten Winzern, die Silvaner nur auf den besten Lagen gepflanzt hatten. Und sie behandelten die Rebsorte mit Respekt. „Der Silvaner braucht reduzierte Erträge, alte Rebanlagen und kreative Winzer“, fasst Manfred Rothe vom Weingut Rothe in Nordheim zusammen.

Silvaner aus Edelstahl, Beton und  Amphoren oder als Orange Wine

Und das wird belohnt. „Franken ist die einzige Weinbauregion in Deutschland, in der die VDP-Winzer sogar Große Gewächse aus Silvaner erzeugen“, weiß Andrea Wirsching vom Weingut Hans Wirsching in Iphofen. Dieses neue Denken setzte sich bald auf breiter Front durch. Dazu hat sich allmählich die Bandbreite der Silvaner-Stilistiken deutlich erweitert. Edelstahl, Beton, Spontanvergärung, großes Holzfass, Barrique, Orange-Weine oder Amphorenweine führen zu unterschiedlichen Weinstilen.

 

Auf einer Weltreise entdeckt er seine Leidenschaft für Silvaner

Vielfalt, die gefällt: Von knackig bis bodengeprägt

Es gibt, meint Frank Dietrich, Geschäftsführer und Vorsitzender des Vorstands beim Winzerkeller Sommerach, kaum eine andere Rebsorte, die es vermag, sich in derartig vielen Facetten von jung, knackig und fruchtbetont bis dicht, komplex und bodengeprägt zu präsentieren.

Auch Letzteres spielt eine gewichtige Rolle. „Der Silvaner spiegelt die Bodenart der fränkischen Triasformation mit Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper bestens wider“, weiß Horst Kolesch, Leiter des Weinguts Juliusspital in Würzburg, dem größten Silvaner-Weingut der Welt.

Keuper-Silvaner, Buntsandstein-Silvaner oder Muschelkalk-Silvaner?
Die Sorte zeigt einen eindeutig regionalen Charakter. Das macht sie für Franken besonders wertvoll. So wirken die Keuper-Silvaner würzig, pikant und haben eine herbale Note. Muschelkalk-Silvaner zeigen sich cremig, saftig und gelbfruchtig. Buntsandstein-Silvaner wirken meist schlank und weisen oft Aromen von Zitrusfrüchten auf.

Der Einsatzbereich des Silvaners wird durch neue und gelegentlich traditionelle Winzerkunst mit Amphoren-Einsatz immer vielfältiger. Das macht ihn auch zum idealen Essensbegleiter. Er eignet sich, je nach Ausbau, genauso für einen Grillabend im lauen Sommer wie für ein winterliches Schmorgericht.

Er verstärkt den Geschmack der Speisen, umspielt deren Aromen und drängt sich nie unangenehm in den Vordergrund. Die moderate Säure und die mineralische Struktur sind gut ausbalanciert, ergänzen sich zu einem trinkanimierenden und doch nachhaltigen Mundgefühl.

Der 250 Meter lange Weinkeller mit den Eichenholzfässern
Die erdigen Hände auf dem Etikett symbolisieren Handarbeit

Der perfekte Begleiter – selbst für skandinavische Küche

Silvaner sind ideale Speisenbegleiter zu allen Erdfrüchten, insbesondere Spargel. Sie passen perfekt zu allen anderen Gemüsearten sowie hellen Fleisch-, aber auch Fischgerichten.

„Viele Skandinavier fahren nach Franken, weil sie im Silvaner den perfekten Wein etwa für ihre skandinavischen Fischgerichte finden. Die skandinavische Küche und der Silvaner sind ein echtes Match“, berichtet Melanie Stumpf-Kröger vom Weingut Bickel-Stumpf in Frickenhausen. Dazu kann sich der Silvaner ebenso präsenten Aromen und scharfen Gerichten anpassen.

"Wenn es den Silvaner nicht gäbe, dann müssten wir ihn erfinden“

 

„Er ist ein Alleskönner mit Spannung und Eleganz, vom trockenen Gutswein bis zu edelsüßen Varianten. Er reicht von grüner Aromatik bis hin zum burgundischen Typ und hat ein famoses Alterungspotenzial“, schwärmt Robert Haller, Weingutsdirektor beim Bürgerspital Weingut in Würzburg. „Wenn es ihn nicht gäbe, müssten wir ihn erfinden.“

Die Stärke des Silvaners ist, davon ist Annemarie Sauer vom Weingut Rainer Sauer in Escherndorf überzeugt, eben die Spannbreite – von Weinen für jeden Tag bis hin zum lagerfähigen Premiumwein. Er ist sehr bekömmlich durch seine geringe Säure, zeigt aber trotzdem viel Lebendigkeit.

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Der dezente, ruhige Gentleman unter den Rebsorten

Kein Wunder, dass die Sorte zu ungewöhnlichen Gedanken anregt. „Ich würde Silvaner als meinen Best Buddy bezeichnen. Einen, auf den Verlass ist, bei dem man weiß, woran man ist, und der einen nicht im Stich lässt. So eine Art Gentleman, ruhig, dezent, mit großem Nachklang und Reizen“, schwärmt Christine Pröstler vom gleichnamigen Weingut in Retzbach.

Seit 2020 ist die qualitativ herausragende Sorte in Franken auch flächenmäßig die Nummer eins, mit einem Anteil von 25 Prozent der Rebfläche oder rund 1.500 Hektar. Kein Wunder, dass der Silvaner als Signaturrebe für die Fränkische Weinbauregion gilt und die Frankenwein-Frankenland GmbH mit dem neuen Slogan „Franken ist die Silvanerheimat seit 1659“ wirbt.

Make Silvaner great again!

„Diese Botschaft ist angekommen. Die Nachfrage, auch international, steigt eindeutig“, beobachtet Horst Sauer vom gleichnamigen Weingut in Escherndorf, der vom Gutswein bis zur Trockenbeerenauslese alle Facetten der Sorte ausbaut.

Die Weine der Silvaner-Spezialisten werden mittlerweile unter anderem in die Niederlande, nach Belgien, Tschechien, Dänemark, Schweden, Norwegen, Österreich, England, Lettland, in den Vatikan, nach China, Taiwan und Japan, in die USA und sogar bis nach Guatemala exportiert.

Mit Silvaner gelingt der Kraftschluss zwischen der fränkischen Tourismusregion, einer heute weltweit hochanerkannten autochthonen Rebsorte und einer hohen Genusskultur mit starker Verwurzelung in der Region.

„Keine Sorge vor der Zukunft!“, meint Josef Engelhart, Weinbautechniker am Institut für Weinbau und Oenologie (IWO) der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau.

„Die Klimaerwärmung tut dem Silvaner in Franken sehr gut, die Anbaufläche konnte dadurch ausgedehnt werden in kühlere Lagen und in den warmen Lagen wachsen im Moment die besten Silvaner aller Zeiten.“ Gute Voraussetzungen also für die erste und einzige Signaturrebe Frankens, deren Vielfalt man am besten vor Ort kennenlernen kann.

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